Weihnachten ohne Fleisch?

Ernährung Ein Fest ohne Tier auf dem Teller ist dieses Jahr alles andere als undenkbar
Die Geflügelabteilung im Berliner Kaufhaus Galeries Lafayette
Die Geflügelabteilung im Berliner Kaufhaus Galeries Lafayette

Foto: Bonn-Sequenz/Imago Images

Die Friedrichstraße in Berlin. Was sagt Ihnen die? Klar, Fußgängerzone. Dass der Autoverkehr im September von der Flaniermeile verbannt wurde, schaffte es deutschlandweit in die Nachrichten. Es ist ein Symbol dafür, dass die Hauptstadt auch dem Blech den Kampf ansagt. Ich finde eine andere Nachricht – das liegt natürlich an meiner kulinarischen Sicht auf viele Dinge des Lebens – spektakulärer. An dieser Friedrichstraße liegen auch die Galeries Lafayette, eine Filiale des berühmten Pariser Kaufhauses. Und die hat eben – Achtung! – ihre Fleisch- und Wursttheke geschlossen. Warum das bemerkenswert ist? Die Lebensmittelabteilung im Untergeschoss ist ein Aushängeschild französischer Esskultur.

Mehrmals in der Woche wird das Kaufhaus aus Frankreich beliefert, die Käsetheke ist exzellent, die Weinabteilung ist nach Regionen geordnet, im Frischeregal gibt es halb gesalzene Butter, beurre demi-sel, und zwar gleich mehrere Marken.

Französische Esskultur, das ist aber besonders: Fleisch. Und wie, das spiegelte sich auch im Lafayette. Fuhr man mit der Rolltreppe ins Untergeschoss, traf man als Erstes auf die Auslagen der Charcuterie. Zehn Meter mit Patés, Rillettes und Terrinen, mit Saucissons und Boudin blanc und noir. Frankreich ist zwar für seine Vielfalt an Käse bekannt, die Vielfalt an Wurstwaren steht dem aber in nichts nach. Und daneben in der Boucherie: Geflügel, Würste, beste Stücke von Kalb- und Rindfleisch, nach französischer Metzgerart geteilt. Als die Galeries Lafayette im Jahr 1996 öffneten, war ich aber besonders fasziniert von einem riesigen Automaten, der auf Wunsch steak haché fabrizierte.

Ich merke, wie geprägt ich bin vom staunenden, kindlichen Blick auf überbordende Lebensmittelauslagen in altehrwürdigen Kaufhäusern, mit aufgerissenen Mäulern von hässlichen Seeteufeln, dicken Hummern oder einem ganzen Spanferkel mit Äpfeln zwischen den Hauern – vor allem in der Weihnachtszeit. Le temps perdû, wie die Franzosen sagen.

Notzeiten machen sich auch immer an bestimmten Gerichten fest. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt das zum Beispiel für den Steckrüben-Eintopf. Was auf dem Teller wird wohl einmal an Corona erinnern, fragte ich mich neulich. Meine intuitive Antwort war: Gulasch, überhaupt Schmorgerichte. So viele Restaurants, vor allem der gehobenen Küche, bieten sie zum Mitnehmen an. Sie lassen sich einwecken und ins Regal stellen. Und auch zu Hause sind solche Gerichte nach einem Großeinkauf leicht auf Vorrat zu kochen. Doch dann habe ich eine aktuelle Umfrage im Auftrag des Bundesernährungsministeriums zum Ernährungsverhalten der Deutschen gelesen.

Der Fleischverbrauch sinkt hierzulande zwar seit Jahren, aber minimal. Es ist eigentlich nur ein leicht schrumpfendes Plateau, so wie aktuell die Corona-Inzidenzkurve. 2020 ist eine Ausnahme. Wie selten zuvor haben Menschen in Deutschland auf Fleischprodukte verzichtet. Nicht ein oder zwei, fast zehn Prozent Minus!

Nun steht Weihnachten an. Ob Gans, Roastbeef, Lammkeule: Das Fest war ohne Fleisch bisher nicht zu denken. Und nicht nur der große Braten, zu den Festtagen gehört für viele ein Gang an die Spezialitätentheke, um Lachs und Kaviar auf dem Tisch zu haben, teuren Schinken, Pastete, Entenbrust, vielleicht noch einmal, ein letztes Mal, Entenstopfleber. Für mich war es immer ein Fest, nur die Auslage im Lafayette zu bestaunen, wo all das in der Adventszeit aufgetürmt lag. Jetzt liegen Pasteten und Entenkeulen eingeschweißt in einem fernen Kühlregal. Sind fleischlose Weihnachten überhaupt denkbar? 2020 ist jedenfalls für mich das erste Jahr, in dem dieser Gedanke nicht absolut irre wirkt.

Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell
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