Wer hat Angst vorm Kalten Hund?

Der Koch In den Kitas ist ein Kuchenkrieg entbrannt. Selbstgebackenes ist unerwünscht oder wird gleich ganz verboten. Ein kulinarisches Pegida
Jörn Kabisch | Ausgabe 43/2015 15

Zu Kindergartenzeiten war mir eine einfache Wurstsemmel manchmal auch lieber als ein selbst gebackener Kuchen. Ich mochte einfach nichts Süßes. Und fand matschige Himbeeren zum Brechen. Oder viel zu weiche Schattenmorellen, die sich in Stracciatella-Schnitten versteckten. Aber das war eine einfache kindliche Abneigung. Sie ist nichts gegen heute. Dem Kuchen in der Kita ist der Krieg erklärt worden.

Es begann in Sachsen, ganz genau in Leipzig, und in immer mehr Kommunen ist nun die Debatte entbrannt. Man muss nur durch Lokalzeitungen blättern. Die Kita-Leitung empfiehlt, Kindern, etwa an Geburtstagen, keinen selbst gebackenen Kuchen mehr mitzugeben. Oder verbietet DIY-Gebäck gleich ganz. Wegen der allgemeinen Aufregung hat die Stadt Leipzig ihren Mehlspeisen-Erlass zwar wieder zurückgenommen, aber es hilft nichts. Die Sache ist in der Welt.

An der Geschichte sind zwei Dinge interessant. Es scheint inzwischen also üblich zu sein, dass Eltern ihre Kleinen mit Selbstgebackenem ausstatten. Sonst würde Kuchen ja nicht als Problem in der kindlichen Unterbringungsstelle wahrgenommen werden. Es muss ihn geben, eventuell sogar zuhauf. Eigentlich eine gute Nachricht. Doch offenbar macht sich dieser Brauch so unkontrolliert breit, dass Regulierung nötig scheint. Das wäre der zweite interessante Aspekt. Denn warum sollte das Kita-Management die Kuchenflut einzudämmen versuchen, wenn sie nicht zu konkreten Problemen führte? Etwa weil kleine Kinder wegen zu matschiger Himbeeren das Spucken anfangen. Schlimmer: weil sie mit verdorbenem Magen oder mit Salmonellenvergiftung Tage oder Wochen den süßen Genuss auskurieren müssen. Und es ist natürlich bedauerlich, wenn sie dadurch nicht mehr ihrem bestimmungsgemäßen Bildungsangebot zugeführt werden können.

All das geht einem im Kopf herum, wenn man liest, Eltern mögen ihre Sprösslinge bitte doch lieber und am besten nur noch mit eingeschweißten, hygienisch sicheren Backwaren aus dem Supermarkt in den Kindergarten schicken. Allein: Von konkreten Fällen hat man in den vorigen Jahren nichts gehört. Gefährliche Lebensmittel: Das waren 2012 die verdorbenen Erdbeeren, die der Schulkantinenanbieter Sodexo billig in China besorgt. Sie sorgten für einen wellenhaften Brechdurchfall in Ostdeutschland. Ein Jahr zuvor hatte der EHEC-Erreger derart Panik verbreitet, dass in Deutschland zeitweise der Verzehr von rohem Gemüse eingestellt wurde. Aber dass der Kalte Hund von Leos Mutter oder die Weihnachtsplätzchen von Tante Berta krank gemacht hätten? Niemand kann dafür ein Beispiel nennen. Dem Anti-Kuchen-Lager reicht es, von Risiken zu raunen. Neben Salmonellen werden Allergien, Gluten-Unverträglichkeiten oder religiöse Ess-Verbote ins Feld geführt. Was für ein Unsinn! Als wenn der Hefezopf in Deutschland noch verbreitet mit Schweineschmalz gebacken würde.

Ich finde leider keinen anderen Vergleich: Das ist kulinarische Pegida. Also völlig überzogene Hygiene-Vorstellungen, die Kultur- und Geschmacksbildung vernichten. Was ich damit sagen will: Jedes Kind hat ein Recht darauf, zu kotzen, wenn ihm der Kalte Hund von Leos Mutter den Magen umdreht. Aber wenn Kindern und später Erwachsenen am Ende nur noch schmeckt, was aus verschweißtem Cellophan herausgenommen wurde? Ich möchte mir das nicht vorstellen.

Jörn Kabisch schreibt als Der Koch für den Freitag regelmäßig über Küchen- und Esskultur

06:00 24.10.2015
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

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