Wer stutzt die Koteletten?

KOMMENTAR Die FDP, Hessen und der Wolfgang

Vergessen wir nicht: Wolfgang Gerhardt war schon vor seinem Ausflug nach Hessen ein angeschlagener Parteivorsitzender. Die vorgezogenen Ankündigungen, wieder zu kandidieren, sind in den vergangenen Jahren Legion geworden. Mit Rainer Brüderle als Stellvertreter steht schon längst ein Nachfolger bereit. Die Regierungskrise in Hessen gefiel Gerhardt gut, um sich über seinen Heimatverband - immerhin seine Hausmacht - als Parteichef und die FDP als "Rechtsstaatspartei" wieder zu profilieren. Doch "Koteletten"-Wolfgang hatte die Rechnung ohne die schwarzgelbe Häkeltante Ruth Wagner gemacht. Jetzt verrenkt sich sein Generalsekretär Westerwelle, aus der Abstimmungsniederlage einen Sieg zu machen. Umgekehrt hätte sich die FDP also gleich einen neuen Parteivorsitzenden suchen können. Jetzt muss sie noch ein wenig warten.

Dabei ist die Abstimmung in Rotenburg vom vergangenen Wochenende nur eine logische Folge der Ära Gerhardt. Kein FDP-Vorsitzender hat Partei und Fraktion so autoritär auf Koalitionslinie mit der CDU getrimmt wie er im finalen Stadium der Regierung Kohl. Angefangen hat Gerhardt damit einmal in Hessen. Gewiefte Koalitionstechniker wie Scheel, Genscher und Lambsdorff - lassen wir Bangemann aus den Augen - waren einmal. Sie vermieden es gekonnt, die FDP in den Geruch von Nibelungentreue kommen zu lassen, wucherten statt dessen mit der Rolle des Züngleins an der Waage und ließen die Partei auch dann und wann mal von der Leine. Mit Gerhardt war das alles vorbei, aus dem Zünglein wurde der Wurmfortsatz, und fortan vertraute die FDP mehr auf Leihstimmen als auf eigene Kandidaten. Die hessischen Liberalen müssen sich gehörig die Augen gerieben haben, als Gerhardt jetzt riet, sich selbst von der Mutterbrust zu reißen. Statt des gewohnten Partei-Prokuristen mit seinen Knäckebrot-Sätzen trat ein umschmeicheln der mahnender Oheim auf - eine Rolle, die Gerhardt niemand mehr abnahm.

Für den Parteivorsitzenden nun das Handtuch werfen, auf diese Gefälligkeit, wird man vorerst vergeblich warten. Möllemann, Kubicki, Brüderle haben zuletzt nur so verhalten wie möglich sekundiert, um nicht der Illoyalität geziehen zu werden. Gerhardt wirklich den Rücken gestärkt hat aber keiner. Offene Machtkämpfe vor der Wahl in NRW, die so manche Ängste weckt, wollten sie vermeiden. Doch damit wurde Gerhardt in Hessen erst recht zum Einzelkämpfertum verdammt. Sie werden den Mann, der nicht rechtzeitig den Sessel räumen konnte, nun erst recht durchfallen lassen. Guido Westerwelle wird es schon wieder als ein Paradebeispiel innerparteilichen Stils erscheinen lassen, wenn sie Gerhardt die Koteletten ganz gestutzt haben.

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

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