Wie schmeckte Ihre erste Avocado?

Koch oder Gärtner Der Koch sollte als Kind die Avocado mit verbundenen Augen probieren. Seitdem war sie ihm lange verhasst. Wie hat er sein Trauma überwunden?

Nur dieses birnenförmige Ding mit der schwarzgrünen pickligen Schale – das machte dem Kind doch Angst, und das kam so:

Die Erzieherinnen hatten sich für diesen Tag kurz vor den Sommerferien etwas Besonderes ausgedacht. „Wir probieren Obst und Gemüse. Ihr bekommt die Augen verbunden, wir füttern Euch, und Ihr sagt, was Ihr in den Mund geschoben bekommen habt. Das wird ein großer Spaß“, sagte Marlies und lachte, weil sie mit ihrem Lachen – warm und herzlich wie es war – fast immer bekam, was sie wollte. Ein paar der Kinder schauten zwar betreten, aber tatsächlich: Fast die ganze Schar von Vierjährigen lachte mit. Nur der kleine J. sah aus, als hallte ihm ein teuflisches Lachen in den Ohren. Er fand das alles gar nicht lustig.

Der kleine J. kannte dieses Spiel nämlich schon. Es hieß „Wenigstens-eine-Gabel-kannst-du-doch-probieren“, und der kleine J. hatte es daheim oft spielen müssen. Er fand, nicht ganz ohne Erfolg. Denn was er an Obst und Gemüse aß, beschränkte sich nach wie vor auf drei Sachen: Bananen, Kartoffeln und Gurken, letztere nur, wenn aus ihnen ein Salat mit süßem Joghurt-Dressing gemacht worden war. Er war da strikt.

Die Banane war schon weg

Der kleine J. machte sich an eine Risikoabwägung. Der Tisch bog sich unter Vitaminen. Salate und Lauch lagen da, einige Kräuter, Möhren, Erbsen, Fenchel, auch Gurken, Äpfel, Kirschen, Orangen, Grapefruits und alle möglichen Beeren. Die Auswahl, fand der kleine J., reichte locker für zwei Probierdurchgänge. Das war nicht so gut. Auf der anderen Seite: Die meisten Sachen hatte er schon mal probieren müssen, sie hatten zwar nicht geschmeckt, aber richtig, richtig schlecht war ihm davon auch nicht geworden. Nur dieses birnenförmige Ding – außen schon so schwarz, und innen an den Rändern bräunlich – das sah allerdings sehr ekelhaft aus. Vielleicht sogar faul? Aber der kleine J. fand, das Risiko konnte er eingehen. Schließlich lagen auch einige Bananen auf dem Tisch. Er hoffte nur, dass sie innen nicht angematscht waren ...

Die Banane bekam sein bester Freund zum Probieren. Und auch die anderen Kinder, der kleine J. hatte viele vorgelassen, waren nicht wirklich vor Probleme gestellt worden. Die kleine Lisa hatte sogar gesagt: „Mmh, eine Apfelsine.“ Aber sie war die einzige gewesen, die gezeigt hatte, dass ihr das Spiel Spaß machte. Sie würde das noch zu spüren bekommen. Nun wurde es ernst: Der kleine J. bekam die Augen verbunden, und da die Banane schon weg war, wurde er nun doch etwas unsicher, ob er nicht doch ein wenig zu mutig geworden war. Und was, wenn er dieses schwarzgrüne Ding – wie hatte Marlies noch gesagt: Avocado – probieren musste? Der kleine J. verdrängte den Gedanken. Denn Marlies sagte, schon etwas bemüht lachend: „Nun aber Mund auf, junger Mann.“

Und obwohl der kleine J. die Lippen nur ein ganz kleines bisschen öffnete, schoss sofort ein Löffel zwischen seine Zähne, mit etwas ganz Weichem, Breiigem, das sich allein mit dem Gaumen zerdrücken ließ. Wie vorverdaut. Das hatte der kleine J. noch nie gegessen. War das am Ende doch ...? Der kleine J. schob sich die Binde vom Gesicht, öffnete die Augen und sah vor sich die lachende Marlies, in der einen Hand den Löffel, in der anderen die halbe Avocado. „Was machst du denn für einen Mund?“ fragte sie noch, dann erstarb ihr Lachen. Denn dem kleinen J. war richtig, richtig schlecht geworden.

Aus Versehen Guacemole

Über dreißig Jahre ist das nun her, doch dem etwas größer gewordenen J. blieb dieses Erlebnis lange im Kopf, als sei es gestern gewesen. Zwei Jahrzehnte rührte er keine Avocado an. Wenn er nur eine sah, erinnerte er sich an Marlies, ihr ersterbendes Lachen und musste sich schütteln.

Wie er das Trauma überwunden hat? Er weiß es nicht. Er glaubt, aus Versehen einmal Guacamole gegessen zu haben. Ganz lecker. Als er merkte, da war Avocado drin, hat er probiert, diesen Dip selbst zu machen – und beim ersten Mal Küchenhandschuhe genommen und doppelt so viel Zitrone und Knoblauch als im Rezept vorgeschlagen. Das war nicht so gut.

Langsam hat er sich an die Avocado gewöhnt, er isst ja inzwischen jedes Gemüse. Und probiert ständig Neues. Die Avocado genießt er aber nur in Maßen, auf jeden Fall aber an einem bestimmten Tag im Jahr. Denn der 26. Juli, das weiß er, war der Tag seiner ersten Avocado.

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

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