Wozu der Klimbim?

Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ist der natürliche Kanzlerkandidat der SPD. Finden er und Helmut Schmidt. Der Rest des Landes wird das auch noch einsehen, mit der Zeit. Eine Glosse

Peer Steinbrück ist der natürliche Kanzlerkandidat der SPD. Und das schon lange, eigentlich schon, seitdem Steinbrück denken kann. Peer Steinbrück hat nur ein Problem: So wie er sieht das bisher kaum jemand. Es sind eben nicht viele in diesem Land von so glasklarem Verstand wie er, und leider noch weniger in der Politik, mit einer einzigen Ausnahme natürlich: Das ist sein Schachpartner Helmut Schmidt.

Für Steinbrück ist das kein neues Problem. Im Gegenteil: es ist sein altes Leid. Er hat reichlich erfahren müssen, dass andere nicht so schnell erkennen wollen, was auf der Hand liegt. Früher hätte der Mann deswegen gern mal die Kavallerie losgeschickt. Bei der K-Frage ist das selbstverständlich keine Option. Eine zu sensible Sache. Auch ein klares Worte, sonst sein Metier, dieses „Ja, ich will“ ist nicht angebracht. Die Sache ist die: Die Deutschen müssen immer selbst drauf kommen, wer zum Kanzler bestimmt ist.

Und das kann dauern, weiß Steinbrück aus trauriger Erfahrung. Also gewährt er uns Bedenkzeit. Die rund zwei Jahre, die es noch hin sind bis zur Bundestagswahl, sollten reichen, denkt sich der Kandidat. Bis dahin sollte doch jedem ein Licht aufgegangen sein, auch den Letzten, den Sozialdemokraten.

Genauso ist es. Als unbeteiligter Beobachter möchte man der Sozialdemokratie am liebsten selbst die Kavallerie in die Parteizentrale schicken, mit einem Herold an der Spitze, der eine so laute Fanfare aus seiner Trompete stößt, dass nicht nur dem steinernen Willy Brandt die Ohren wackeln. Sondern auch die Genossen wieder zu sich finden und sich fragen: Was brauchen wir noch eine Mitgliederbefragung? Oder eine Urwahl? Oder wie der Klimbim sonst genannt wird? Wir sind schließlich die Sozial- und nicht die Basisdemokratie.

Die Kavallerie wird nicht kommen. Es wäre nicht im Sinn des Kandidaten. Denn in Wahrheit hat sich die K-Frage in der bundesdeutschen Geschichte selten gestellt. Sie ist vielmehr ein Ritual. Dazu gehört, dass der Kandidat so lange gefragt werden muss, bis es auf ihn hinausläuft. Der wahre Kandidat ist am Ende der, der den Zeitpunkt seiner Antwort selbst bestimmen darf. Das weiß niemand besser – als Peer Steinbrück.

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12:05 25.10.2011
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

Ausgabe 39/2020

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