Digitale Weltsprache

Zukunftslabor Beim „Think Tank Utopia“ in Tel Aviv wurden Lösungen für die großen Fragen der Zukunft gesucht
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Digitale Weltsprache
Bild: Uri Aviv

Wie sieht der Nationalstaat in zwanzig Jahren aus? Wird menschliche Arbeit entbehrlich, wenn immer mehr Arbeitskräfte durch Roboter ersetzt werden? Und wie wollen wir unsere Zukunft generell gestaltet sehen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Teilnehmer der ersten Auflage des „Think Tank Utopia“.

Der Begegnungsort der „Utopia“-Konferenz, der Google Campus im 34. Stockwerk des Electra Towers, hatte dabei durchaus Symbolcharakter, und das nicht nur auf Grund der panoramahaften Aussicht: Denn obwohl Google seine Headquarters in Mountain View in Kalifornien bezieht, öffnete der Internetkonzern am 7. September seine Pforten in Tel Aviv, der High Tech-Metropole des Nahen Osten. Das zeigt: Die „digital natives“ sind global vernetzt und dezentral aktiv – die spannendsten Entwicklungen der Digitalbranche werden mittlerweile auch fernab des Silicon Valleys besprochen.

Unter den gut 60 Teilnehmern der Konferenz fanden sich nicht nur Hacker, Start Up-Gründer und High Tech-Experten, sondern auch Umwelt- und Frauenrechtsaktivisten, Berufsphilosophen und Hobbyethiker, Romanautoren und Journalisten, Next Gen-Ärzte und Digitalkünstler. Der Reichtum an verschiedenen Berufsgruppen garantierte eine Vielfalt an verschiedenen Meinungen.

Maßgeblich inspiriert wurde die Konferenz vom Science Fiction-Genre, zumindest was die Namensgebung betrifft. Sowohl die zehn Redner als auch die Teilnehmer sollten sich nämlich mit der Frage „Was wäre wenn?“ beschäftigen. In den zehn Stunden schreckten sie nicht davor zurück, über den Tellerrand hinaus zu schauen und sich in Vorträgen, Arbeitsgruppen und offenen Diskussionen mit alternativen Lebensentwürfen, bevorstehenden Problemen und neuen Gesellschaftsmodellen auseinanderzusetzen – auch wenn diese jetzt wohlmöglich noch utopisch erscheinen.

Der Mensch ist ersetzlich

Beispiele gefällig? Was schier unglaublich klingt und die Menschheit vor eine große Herausforderung stellen wird: In 20 Jahren werden 47% der heute vergebenen Arbeitsplätze durch Roboter ersetzt werden. So sieht es zumindest eine Studie der Oxford Martin School voraus.

Wenn man also nicht gerade als Pfarrer oder Hebamme arbeitet, so referierte Johannes Kleske, Gründer der digitalen Beratungsagentur „Third Wave“ aus Berlin, wird man früher oder später Gefahr laufen, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Und das nicht an einen ambitionierten Hochschulabsolventen, sondern an eine Maschine, die mit künstlicher Intelligenz gesegnet ist.

Die Branche, die als erstes von dieser Entwicklung betroffen sein könnte: Personen- und Warenbeförderung. Schon jetzt gibt es erste Testmodelle von Fahrzeugen, die selbstständig fahren. Und in wenigen Jahren könnten Taxi- und Fernfahrer gänzlich obsolet werden. An Hand dieser Berufe wird schnell klar, warum diese Entwicklung durchaus problematisch zu sehen ist: Wie reagieren diese Maschinen, wenn ein Verkehrsunfall unausweichlich wird? Bremsen sie, um das Leben des Passagiers zu retten, wenn das gleichzeitig bedeutet, dass mehrere Personen in anderen Fahrzeugen ums Leben kommen? Sind Menschenleben zählbar und somit gegeneinander aufzuwiegen? Moralische Bewertungskriterien besitzen die Fahrzeuge der Zukunft jedenfalls nicht.

Patriotismus nicht von heute

Ein weiteres Thema, das für Gesprächsstoff sorgte, war die Zukunft des Nationalstaates und seiner territorialen Beschaffenheit. Grenzen, da waren sich die Diskussionsteilnehmer einig, seien etwas Willkürliches, eine Hinterlassenschaft von Kolonialherren; und Patriotismus ein Konzept, das nicht mehr zeitgemäß erscheint. In einer globalisierten und digitalisierten Welt sei es unmöglich, sich durch eine Nationalität zu definieren, schließlich sei man allerhand verschiedenen Einflüssen ausgesetzt: der Popkultur aus den USA, Animes aus Japan oder Terrorbotschaften des Islamischen Staates.

Ob an Stelle klassischer Nationalstaaten wohlmöglich „corporate states“ – also beispielsweise ein Google-Staat – treten könnten? Diese Frage warf Geraldine de Bastion, Kuratorin und Moderatorin der alljährlich in Berlin stattfindenden Digitalmesse re:publica, auf. Die Antwort lautet: Nein. Großkonzerne wie Google oder Facebook arbeiten gewinnorientiert. Um staatliche Belange, wie das Erheben von Steuern, Festsetzen von Mindestlöhnen oder gesetzliche Krankenversicherungen, wollen sie sich nicht kümmern. Dafür nutzen sie eben Staaten als Rohbauskelette, die ihnen gesellschaftliche Pflichten abnehmen – die aber im Zweifelsfall auszuhöhlen sind, zum Beispiel bei Datenschutz- oder Steuerfragen. Für potentielle Bürger böten die Großkonzerne jedoch auf Grund des Mangels an kulturellen Codes – wie etwa Nationalspeisen oder Feiertagen – ohnehin nicht genügend Identifikationsfläche.

Flüchtlingsstrom und grenzenlose Welt

Ein rührender Vortrag, der an diesem Tag den meisten Beifall erntete, kam von Katharina Dermühl. Sie stellte ihr Projekt „first contact“ vor: eine Initiative, die Flüchtlingen bei ihrer Erstankunft auf der griechischen Insel Samos Internetzugang bereitstellt und mit den wichtigsten Informationen versorgt.

Deutlich wurde: Internet ist heute zu einer Art modernem Grund- und Menschenrecht geworden – und es kommt nicht von ungefähr, dass viele Refugees Smartphones mit auf ihre Flucht nehmen. Die Mobiltelefone sind oft nicht nur der einzige Weg, überlebenswichtige Informationen zu beziehen, sondern werden von den Flüchtlingen gebraucht, um mit Familienangehörigen und Freunden in Kontakt zu bleiben. Deshalb werden bei Ankunft nicht nur Essens- und Kleiderspenden sowie Hygieneartikel und Trinkwasser benötigt – sondern auch Ressourcen gebraucht, um einen Internetzugang bereitzustellen.

Was die Flüchtlingskrise betrifft, herrschte zum ersten Mal so etwas wie eine größere Uneinigkeit an den Tischen, weil hier offenkundig idealistische Visionäre auf vernunftgesteuerte Realisten stießen. Einig war man sich, dass der Massenzustrom aus Bürgerkriegsländern das Potential habe, zum dringlichsten Problem der westlichen Welt im 21. Jahrhundert zu werden. Europas Pflicht sei es zu helfen. In welchem Umfang dies aber geschehen, und wie man Flüchtlinge auf einzelne Staaten verteilen sollte, diesbezüglich gingen die Meinungen der Diskussionsteilnehmer auseinander. Während die eine Hälfte für weltweit offene Grenzen und bedingungslose Einreisefreiheit plädierte, mahnte die andere vor Gefahren des Terrorismus, der Schutzfunktion von Grenzen (beispielsweise bei ausbrechenden Epidemien) und der Möglichkeit, mit Hilfe von Grenzkontrollen Zuströme besser kontrollieren respektive regulieren zu können.

Die neue lingua franca

So sehr die technologische Betrachtung von politischen Themen hilfreich war, um zeitgenössische Phänomene zu beleuchten, so sehr erschöpfte sich ihr Latein, wenn man auf Ideen zu sprechen kam, die der „digital native“ ja eigentlich unterstützen will, deren Umsetzung in Wirklichkeit aber Probleme verursacht.

Stellvertretend dafür stand die Diskussion um Angebote aus der „share economy“, dieses Marktzweigs also, von dem eine möglichst große Menge an Menschen profitieren soll, indem ihre Angebote und Dienstleistungen fair geteilt werden. Gerade die beliebtesten Initiativen, die Personenbeförderungsagentur „UBER“ und die Vermittlungsbörse für Untermieten „Airbnb“, zeigen: In der Theorie klingt der kollaborative Konsum ganz hervorragend, in der Praxis sind diese Dienste jedoch bis in die Spitzen durchökonomisiert. Sie orientierten sich am Profit – und positionieren sich unverhohlen als Konkurrenz für bereits bestehende Gewerbezweige, wie etwa Taxiunternehmen oder Hotelketten. Glück wird eben nicht durch die Größe des eigenen Kühlschranks definiert, wie der Unternehmer Yanki Margalit feststellte, sondern durch die Größe des eigenen Kühlschranks in Relation zu der Kühlschrankgröße des Nachbarn.

Wie man dieser gewinnorientierten Herangehensweise und einer asymmetrischen Unternehmensstruktur – Airbnb weiß alles über die eigenen Dienstleister, während diese fast gar nichts über ihren Arbeitgeber wissen – in Zukunft begegnen könnte, darauf wussten die Konferenzteilnehmer keine Antwort. Aber vielleicht müssen Think Tanks wie „Utopia“ auch keine Patentlösungen anbieten. Wenn sich Menschen aus verschiedensten Teilen der Welt treffen, Herausforderungen identifizieren, sich darüber austauschen und zumindest das Bewusstsein für das Vorhandensein von zukünftigen Problem schaffen, wäre bereits ein großer Schritt in Richtung besserer Zukunft getan. Jedenfalls erbrachte der „Utopia Think Tank“ den Beweis, dass Menschen Hindernisse überwinden müssen, die unabhängig ihres Heimatlandes existieren. Im Dialog miteinander entwickeln sie Ideen, in einer universellen Sprache werden diese ausformuliert. Um es in den Worten des Moderators Uri Aviv zu sagen: „Emoji is the new Esperanto.“

Utopia Think Tank
7. September
Google Campus
Yigal Alon 98, Tel Aviv
http://utopiafestival.evolero.com
Redner:
Yanki Margalit (Aladdin Knowledge Systems, SpaceIL), Karine Nahon (University of Washington, Interdisciplinary Center Herzliya), Geraldine de Bastion (re:publica, Digitale Gesellschaft e.V.), Guy-Philippe Goldstein (Journalist für u.a. Haaretz und Le Monde, Autor „Babel Minute Zero“), Luiza Prado (Universität der Künste, Berlin), Johannes Kleske (Third Wave, Berlin), Sandra Mamitzsch (re:publica, Digitale Gesellschaft e.V.), Tehila Altschuler (Israel Democracy Institute), Katharina Dermühl („first contact“, Startup-Boat), Eden Kupermitz (Tel Aviv University)

14:55 21.09.2015
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Geschrieben von

jkaron

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