Die Alternativen der Identitären

Identitäre Bewegung Unter einem neuen Schlagwort versuchen nationalistische Aktivisten, Boden zu gewinnen
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Nicht ganz leicht haben es die deutschen Superkonservativen, für welche die CDU/CSU ein neomarxistischer Zirkel ist und die FAZ ein linkes Wurstblatt. Da sie andererseits nicht mit der NPD verwechselt werden wollen, mit den Freien Kameraden erst recht nicht, suchen sie immer wieder nach ihrer Identität. Traditionell werden diese sich intellektuell gebenden Reaktionäre als Neue Rechte bezeichnet. Da dieser Begriff nun aber schon seit Jahrzehnten kursiert, so neu also nicht ist, und die Akteure mit dem vom Marxisten Antonio Gramsci entlehnten Ziel der kulturellen Hegemonie im vorpolitischen Raum seitdem keinen Schritt voran gekommen sind, muss ein neues Etikett her. So wurden erst vor kurzem die Alternativen Rechten geboren. Worin ihre Alternative besteht, wird nicht sonderlich genau erklärt. Aber wie agiert werden soll, ist klar: Die Alternative Rechte setzt auf kreative Nonkonformisten, die sich durch Eigeninitiative auszeichnen. Zusammen mit ihnen trägt die Alternative Rechte dazu bei, daß in den nächsten Jahren viele alternativ-​rechte Jugend– und Kulturprojekte entstehen: Szene-​Cafés, Internetradios, Autorenfilmkollektive, Bands, denen es gelingt, unser Lebensgefühl einzufangen; vielleicht kleine Schmieden für die richtige Bild– und Symbolsprache.

Kaum wurde der neue Begriff – die Neuen Rechten ganz alternativ erneuernd – in die nationale Welt gesetzt, da kam es ganz anders. Plötzlich tauchten die Identitären auf. Schaut man bei Wikipedia nach, was identitär denn bedeutet, wird schnell klar, dass diese Vorstellung einer direkten Demokratie mit Sicherheit nicht gemeint ist. Schon deshalb nicht, weil ihr Begründer Rousseau zu den Erzfeinden gehören muss, geht es doch den Alternativen Rechten um eine Generalrevision der modernen Zivilisation mit ihren Ideen von 1789. Da helfen auch keine eingestreuten Bekenntnisse zu einer Basisdemokratie.

Verfolgt man Berichte der Identitären im Internet, werden Aktionen gezeigt, bei denen drei bis fünf Aktivisten einen Flashmob veranstalten, eine Rede zum Volkstrauertag (für deutsche Opfer ausländischer Krimineller) halten oder ein Graffito mit ihrem Zeichen, dem griechischen Buchstaben Lambda im Kreis, an eine Wand malen. Das muss wohl eine richtige Massenbewegung sein. Entsprechend pathetisch heißt es auf ihrer Homepage, äh Heimatseite: WIR sind die Generation, die für einen falschen Blick, weil sie jemandem eine Zigarette verweigert oder einfach nur weil sie deutsch ist , getötet wird.Wir sind die Bewegung, deren Generation doppelt bestraft ist: Verurteilt, in ein Sozialsystem einzuzahlen, das durch Zuwanderung so instabil wird, dass für uns und unsere Kinder nichts mehr übrig bleibt. [Interpunktion entspricht dem Original] Gut, dass ich etwas älter bin. Sonst müsste ich als deutscher Nichtraucher schon paar Mal tot sein, weil ich nie jemandem eine Zigarette gebe. Doch weshalb ist es dann so schlimm, dass für „uns und unsere Kinder“ nichts bleibt, wenn doch sowieso alle Falschblicker vorher erschlagen werden?

Ernst beiseite. Die Generation der Identitären, die wegen des demografischen Wandels und der hohen Mordrate durch Immigranten aus geschätzten 20 bis 30 Personen besteht, fühlt sich in ihrer Argumentationskette selbst nicht so ganz wohl, wollen sie doch wie schon die Alternativen Rechten nicht die Nazikeule, jenes scheinbar verfassungsrechtlich verankerte Instrument der Gleichschaltung, abbekommen. Darum heißt es: 100% Identität, 0% Rassismus. Das passt nun aber wieder einigen Altneualternativrechten nicht so richtig. Kein Rassismus? Och, wie schade! Da muss sich doch ein Ausweg finden. Wo ein patriotischer Wille ist, ist ein Weg. So stellt dann auch Carsten Rupert schnell klar: Das Entscheidende in der nahen Zukunft wird sein, den eigenen Leuten genauso wie dem 08/15-Bürger klar zu machen, dass Rassismus ein antiweißer Kampfbegriff ist. Alles klar, Medienberichte über Rassismus von nichtweißer Seite, etwa über Mugabes Regime in Simbabwe, gibt es einfach nicht. Der Rassismusbegriff wurde von Feinden der weißen Rasse erfunden. Doch selbst diese Weißwäsche passt nicht allen. So schreibt Mike F. in einem Kommentar zum Artikel: Rassist? So what!!

Mit den Identitären scheint es trotz dieser Mäkelei voran zu gehen. Anstoß gab die Aktion „Tanz die Reconquista!” österreichischer Genossen, in Wien. Der Titel macht klar, dass die Hauptstoßrichtung gegen die muslimische Fremdherrschaft in Mitteleuropa gerichtet ist. Warum sie aber dann im Untertitel von einer Hardbass Mass-Attack sprechen, also von einer in den schwarzen Ghettos Nordamerikas entwickelten Kulturpraxis, bleibt unklar. Das soll möglicherweise ihren Antirassismus dokumentieren. Jedenfalls wurden durch diesen harten Bass einige deutsche Rechte munter. Nun merkten sie, dass es in Frankreich nicht nur den Front National gibt, sondern seit nunmehr zehn Jahren auch einen Bloc idetitaire. Da dieser im südfranzösischen Orange, wo auch im Herbst noch angenehmes Klima herrscht, gerade eine Tagung abhielt, reisten Götz Kubitschek und Martin Lichtmesz schnell hin. Kubitschek ist Chef des von ihm selbst gegründeten Instituts für Staatspolitik und Herausgeber der straff rechten Zeitschrift „Sezession“ im thüringischen Schnellroda. Lichtmesz ist einer seiner regelmäßigen Schreiber, in Kreuzberg lebender Österreicher. Nun werden die französischern Identitären wohl wenig auf deutsch referiert haben, und ob die Französischkenntnisse der beiden deutschtümlichen Dienstreisenden ausreichten, da nachhaltig Erkenntnisse und Kontakte einzusammeln, wird sich erst noch zeigen.

Trotzdem schreitet die deutsche Identitäre Bewegung in Riesenschritten weiter. Am 1. Dezember trafen sich 50 Aktivisten (inklusive Gästen aus anderen Ländern) zu einem Koordinierungstreffen. In der Mitteilung dazu heißt es: Die Organisation klappte, dank der Pünktlichkeit aller Teilnehmer hervorragend und ganz ohne Störungen und Zwischenfällen konnten wir uns dem Grund widmen, für den wir zusammen gekommen waren: der Organisation und Einigung der identitären Kräfte in Deutschland. Wenn ich das lese, würde ich den Vordenkern empfehlen, erst einmal einen Integrationskurs zum Erlernen der deutschen Sprache zu absolvieren. In diesem Moment laufen im ganzen Land fieberhaften Vorbereitungen und Vernetzungen für kommende Aktionen. Ich bin gespannt. Hoffentlich verfange ich mich nicht im Netz von Fieberhaften, Reconquistadoren und Hardbassisten. Könnte hard werden. Ich frag mich nur besorgt, was denn nun aus dem Haus der Alternativen Rechten wird. Ein Asylbewerberheim? Oder nur ein richtig geiler Szene-Club, wie im Bauplan angestrebt? Wo sogar Südtiroler und Franzosen rein dürfen, sofern sie sich identitär verhalten?

16:37 04.12.2012
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Geschrieben von

jens kassner

Subjektives zu Politik, Kultur und anderen schönen Dingen
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