Sympathie für Bekloppte

Compact Eine Probelektüre von Jürgen Elsässers Journal für Verschwörungstheoretiker
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Ich habe es getan. Ich habe mir das Magazin für Souveränität für 4,95 Stück europäisches Geld gekauft. Compact nennt es sich im Haupttitel. Herausgeber Jürgen Elsässer hatte ich erstmals zur Kenntniss genommen, als ich 2003 für kurze Zeit Abonnent der junge Welt war, für die er damals schrieb. Schon zu dieser Zeit fiel mir unangenehm auf, dass er wie auch andere Autoren der Zeitung nach dem Motto handelte: Feinde unseres Feindes sind unser Freund. So wurde schlimmen Diktatoren applaudiert, wenn sie sich nur energisch gegen die USA aussprachen.

Dass Elsässer heute im deutschsprachigen Raum als Hauptpropagandist von Verschwörungstheorien gilt, ist bekannt. Zu Veranstaltungen von Compakt wie im Frühling dieses Jahres am Rande Leipzigs lädt er sich Gestalten wie Thilo Sarrazin oder Eva Herrmann ein.

Um nicht über etwas zu urteilen, was ich nur aus Darstellungen Dritter kenne, habe ich nun eben die Dezemberausgabe seiner Zeitschrift erworben und gelesen. Hooligans heißt das Titelthema des Heftes. Anlass sind natürlich die HoGeSa-Demos, vor allem die in Köln, wo Tausende Hools angeblich gegen radikale Islamisten demonstrierten, in Wirklichkeit aber gegen Ausländer generell. In drei seitenlangen Artikeln wird sehr viel Sympathie für die Hooligans geäußert, auch sehr viel Abscheu gegenüber der Hetze “der Medien” gegen diese. Das Schema kenne ich von diversen Internetplattformen des rechten Randes. Medien sind die anderen, sie selbst gehören gar nicht dazu. Obwohl ich mir Compact in der Bahnhofsbuchhandlung ohne Probleme gekauft habe. Dort liegen auch die Preußische Allgemeine Zeitung oder Der Schlesier aus, man wird vom Kassierer nicht mal schief angeguckt, wenn man das kauft. Doch über die Gefährdung der Presse- und Meinungsfreiheit zu jammern ist festes Ritual aller Randständigen.

Zur Sympathiefeier für die Hools in Compact gehört der Beitrag von Melanie Dittmer Ich war dabei! Sie war offensichtlich nicht nur in Köln dabei, sondern gehört zur Szene fest dazu: Fakt ist übrigens, Hools und Hoolmädchen sind ganz normale Typen wie du und ich. Einspruch, Frau Dittmer, ich gehöre nicht zu diesen ganz normalen Typen. Außerdem verbitte ich mir das ungefragte Duzen. Zu ihrem Hauptanliegen wie auch dem der anderen Autoren gehört es, nachzuweisen, dass Hooligans keinesfalls Rechte sind. Auch Muslime habe man auf der Demo gesehen. Und ein obskurer „linker Patriot“ wird als Beweis für die weltanschauliche Offenheit des Anliegens präsentiert.

Außer einem geschichtlichen Abriss zur Hooligan-Bewegung gibt es noch ein ausführliches Interview mit drei heutigen Insidern. Da sagt unter anderem Carsten aus Mannheim, Mitinitiator der HoGeSa-Demo, zu den Regeln der Hooligans: Der Konsens ist: Wir wollen alle am Montag wieder zur Arbeit gehen, mit ´nem blauen Auge vielleicht, aber ohne Brüche und schweren Verletzungen. So viel Sorge um das Bruttosozialprodukt hätte ich den harten Jungs und Mädels gar nicht zugetraut, wirklich.

Nach derart viel Einfühlung in die zarte Seele der bescheuerten Vollpfosten kommt dann noch ein Artikel, der so ganz dazu passt, wie man sich ein Journal von Verschwörungstheoretikern eben vorstellt. Marc Dassen klärt den Leser darüber auf, dass diese „Volkssport-Enthusiasten“ gleichermaßen wie ihre Gegenspieler, die Salafisten also, nur Bauern auf dem Schachbrett sind. Beide Bewegungen wurden von Staatsorganen, vornehmlich amerikanischen, erfunden und aufgebaut und werden nun gegeneinander ausgespielt, um von wirklichen Problemen abzulenken. Der Islamismus – die Sau, welche seit 9/11 durch das globale Dorf getrieben wird – ist eine gesteuerte Opposition, ist Teil des westlichen Terrormanagements. Und weiter: Man wird den Verdacht nicht los, dass die Figuren auf beiden Seiten des Schachbrettes, Hools wie Muslime, von ein und derselben Hand geführt werden. Zwar ist seine folgende Behauptung, dass die Politik von der Wirtschaft gesteuert wird, schwer zu widerlegen. Doch Dassens traditionsbewusst auf den Weltgendarm USA fokussierte Sicht ist angesichts der Hilflosigkeit der Obama-Administration gegenüber Konkurrenten wie vor allem China einfach lächerlich. Wir sind als deutsche Bürger unfreiwillige Teilnehmer eines großangelegten Feldversuches, eines Sozialexperimentes, eines politischen Hütchenspiels. Die Betonung, dass wir deutschen Bürger die Opfer einer amerikanischen Wirtschaftsmafia sind, passt Nationalisten aller Abstufung gut ins Konzept. Es ist schon mehr als ein Jahrzehnt her, als Michael Hardt und Antoni Negri mit Empire die These aufstellten, dass es keine lokal zu fixierende Wirtschaftsmacht mehr gibt, sondern sie aus einem weltweiten Gespinst besteht. Bei allen Schwächen dieses Buches ist diese Annahme doch viel glaubwürdiger als die Fantasie, dass die Weltpolitik einschließlich einer Bekloppten-Demo in Köln aus Hinterzimmern der Wall Street inszeniert wird.

Der gleiche Marc Dassen schreibt außerhalb des Hooligan- Schwerpunktes im Heft noch einen Artikel über Flüchtlinge und Profiteure am Beispiel Leipzigs. Abgesehen davon, dass er Asylbewerber konsequent als Asylanten bezeichnet, könnte es wirklich ein lohnendes Thema sein. Welche Privatfirmen machen den Reibach mit der unvermeidlichen Aufnahme von Flüchtlingen, ohne dass es ihnen um menschliche Anteilnahme geht? Das mag sinnvoll sein. Doch Dassen behauptet, dass für das geplante Heim in der Johannisgasse 26-28 dortige Mieter kurzfristig vor die Tür gesetzt würden, um Platz für die Asylbewerber zu machen. Das Haus steht aber seit der Zwischennutzung durch die ausgelagerte Uni-Bibliothek leer, da wohnt niemand. Muss ein berechtigtes Anliegen mit Stimmungsmache unterfüttert werden?

Dann geht es mit einem Liebling der Neurechten weiter. Udo Ulfkotte, Vielschreiber aus Passion, gibt im Interview zu Protokoll: Deutschlands Leitmedien werden von Geheimdiensten und proamerikanischen Lobbygesellschaften gesteuert. Korrupte Journalisten schwören den USA schriftlich die Treue. Warum nur schließt Ulfkotte von sich auf alle anderen?

Ein weiterer Artikel widmet sich dem türkischen Imam Gülen, sicherlich kein Sympathieträger für liberal eingestellte Menschen. Doch warum muss Compact den Artikel ausgerechnet mit einem schon mehrfach verbreiteten Foto von einer Demo des Vereins „Arbeit-Familie-Vaterland“ des damaligen Bundestagsabgeordneten Henry Nitzsche von 2008 dekorieren, wo das Plakat Sachsenmut stoppt Moslemflut zu sehen ist? Vermutlich, weil das so hervorragend zu den jetzigen Pedigra-Demos in Dresden passt. Nur sollte man keinen der dortigen Demonstranten fragen, wer Herr Gülen ist.

Dann wird es nochmal richtig heiß. Im Dossier der Zeitschrift geht es wieder einmal um die Hetze der Massenmedien. Diesmal sind nicht die armen Hooligans das mitleidheischende Opfer, sondern der noch ärmere Xavier Naidoo. Seit seinem gar nicht so zufälligen Auftritt auf einer Demonstration der „Reichsdeutschen“ wird er von der Journalistenmeute, zu der natürlich nicht die Journalisten von Compact gehören, völlig unberechtigt fertiggemacht. Er hat doch nur Fragen zur Souveränität Deutschlands gestellt. Nun begegnet ihm, dem Nichtweißen, der rassistische Mob der deutschen Journaille, meint Martin Müller-Mertens. Zwar finde ich auch, dass es nach 1990 höchste Zeit gewesen wäre, das Grundgesetz des nunmehr einen deutschen Staates durch eine neue Verfassung samt Volksabstimmung zu ersetzen. Das ist leider nicht passiert. Doch für Compact-Journalisten wie auch Naidoo kommt gar nicht erst die Frage auf, was denn darin so grundsätzlich anderes stehen müsste als in diesem Grundgesetz. Und auch nicht, was denn nun ein nachträglicher Friedensvertrag mit den früheren Siegermächten an realen Veränderungen bringen würde. Souveränität der Deutschen? Na aber! Gerade hat doch Herr Dassen einige Seiten zuvor schlüssig nachgewiesen, dass wir alle, Hooligans und Salafisten wie du und ich, Bauern auf dem Schachbrett einer Weltverschwörung sind! Was soll da so ein blöder Friedensvertrag? Unnützes Papier.

Dennoch bekommt der Eingeborene Mannheims nochmals Gehör in einer Art von Interview, eigentlich ein mitgeschnittenes Gestammel. Der sogenannte Moderator Oliver Janich fragt (?): Obwohl es oft auch bei so Leuten wie Sarrazin ist, (…) [Kürzung im Original, J.K.] die sagen 80 bis 90 Prozent tatsächlich reale Sachen – und zehn Prozent waren ja völliger Unfug, auch in seinem Buch … Naidoo fragt nun nicht etwa nach, ob Janich da die Prozentzahlen verdreht hat, sondern gibt so tiefsinnige Sentenzen wie diese von sich: Da schwimme ich gegen den Strom … Das brauchen wir doch. Wir brauchen ja Ideen. Deswegen ist Kunst ja auch … soll sie ja anregend sein, kann verstörend sein, kann dich bedrücken. Aber es darf dich nicht kaltlassen. Und diese ganzen Mechanismen, die dazu neigen, die Meinungsfreiheit irgendwie auszuradieren und Leute, die Ihre Meinung tatsächlich mal sagen, in irgendeine Ecke zu stellen – ja da sieht doch jeder: Da stimmt doch was nicht. Sieht doch Jeder: Wer solchen Schwachsinn in einem Heft verbreiten darf, das an jedem Kiosk zu kaufen ist, der hat was an der Waffel. Und nochmals der Mannheimer: Ich habe mir Sarrazin gerne angehört, einfach, weil es eine Meinung eines Deutschen war. Das ist doch mal ein Argument. Zu beachten ist dann aber auch, dass er sagt „angehört“. Gelesen hat er Sarrazins Pamphlet also nicht, hat sich eine Schallplatte von ihm gekauft. Lesen ist auch anstrengend. Und als letztes Zitat bezüglich der Medienhetze gegen den Sänger: Rechts reicht nicht mehr, es muss ja jetzt schon „neurechts“ sein. Oliver Janich hätte ihn vielleicht darüber aufklären können, dass die Bezeichnung „neurechts“ nicht von der linken Journaille erfunden, sondern vom „Vordenker“ der rechtslastigen Theoretiker Alain de Benoist hoffähig gemacht wurde. Dann könnte er ja stolz sein auf das Etikett. Nur so bewandert ist der Journalist wohl auch nicht in der eigenen geistigen Heimat.

So weit, so schlecht. Natürlich gibt es weitere Artikel. Dass über Kohl gelästert wird, tut mir nicht weh. Und dann noch Mauerfall-Nostalgie, eine Rehabilitation der Hexen, eine Erinnerung an eine deutsche Spionin im Ersten Weltkrieg sowie an Marquis de Sade. Auf der letzten Seite ein weihnachtliches Plätzchen-Rezept. Hoffentlich muss keine der Zutaten aus den USA eingeführt werden.

11:47 04.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

jens kassner

Subjektives zu Politik, Kultur und anderen schönen Dingen
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