jens kassner
24.09.2012 | 13:51 12

Zurück zum Gentleman-Kapitalismus

Die Asozialen Walter Wüllenweber untersucht Ober- und Unterschicht, ohne das System, das sie erzeugt, in Frage zu stellen.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied jens kassner

Der Untertitel „Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren“ von Walter Wüllenwebers Buch „Die Asozialen“ legt eine Ähnlichkeit zu Tilo Sarrazins Kampfschrift „Deutschland schafft sich ab“ nahe.

Eine grundlegende Übereinstimmung findet sich tatsächlich. Auch Wüllenweber geht von der These aus, dass Arbeit und Leistung per se nützlich für das Gemeinwohl seien. Zu Sarrazins zweiter Prämisse, dass nämlich jedem Tüchtigen der Weg nach oben offen stehe und Faule von ober her unweigerlich absinken, teilt er nicht. Im Gegenteil: „Die 60er und 70er mit ihren außergewöhnlichen Möglichkeiten für alle Klassen waren eine historische Ausnahmesituation. Vor allem für die Generation der Babyboomer ist sind diese Zeiten längst vorbei. Doch noch immer prägt die längst vergangene Ausnahmezeit die Vorstellung, die sich viele von den Aufstiegsmöglichkeiten machen. Sie glauben noch an das Märchen von der Chancengleichheit.“

Walter Wüllenweber analysiert zwei gesellschaftliche Gruppierungen, die er nicht nur für asozial, sondern auch als gefährlich für die Gemeinschaft ansieht. Es sind die Superreichen sowie die arbeitsunwillige unterste Schicht. Messbares Kriterium für die Oberschicht, bzw. die High Net Worth Individuals, die HNWIs, ist das frei verfügbare Kapital von einer Million Dollar, also etwa 750 000 Euro. Von dieser Gruppe, die in Deutschland größer ist als anderswo, grenzt er aber noch einmal jenes Promille der Bevölkerung ab, welches annähernd ein Viertel des Vermögens besitzt, womit zunächst auch nur Geld auf überprüfbaren Konten gemeint ist. Und er macht klar: Erarbeitet haben sich diese Leute diese Summen keineswegs. Einkommen sei Reichtum für Anfänger, Fortgeschrittene lassen das Geld selbst arbeiten. Die wohlhabenden Promis, die man in Society-Journalen Champagner schlürfen sieht, gehören in der Regel nicht dazu. Sie haben zumeist noch einen, wenn auch überproportional dotierten, Job. Die echten Reichen, häufig Erben, verstecken sich hinter ungestrichenen Zäunen, sind auch in den Medien nicht sichtbar.

Dieser Gruppierung stellt Wüllenweber diejenigen gegenüber, die man traditionell als Asoziale bezeichnet. Auch hier differenziert er, macht die Zuordnung nicht formal am verfügbaren Geld oder generell am Empfang von Transferleistungen fest, sondern am Verhalten innerhalb der Gesellschaft. Es sind diejenigen, sie sich weder um Arbeit, noch um Bildung oder sonstige Formen der Teilhabe bemühen. Die sozialromantische Vorstellung mancher Linker, dass die Betroffenen dazu gezwungen werden, versteht der Autor zu widerlegen.

Walter Wüllenweber ist langjähriger Journalist beim Stern. Er zieht seine Fakten nicht nur aus Statistiken und offiziellen Untersuchungen, sondern immer wieder auch aus Recherchen an der Basis. Daraus ergibt sich eine plastische Sprache, manchmal etwas zu aufgeladen mit Metaphern. Die Besichtigungen vor Ort gelingen ihm besser bei der Unterschicht. Die „ganz oben“ igeln sich ein. Er muss eingestehen, nicht dicht rangekommen zu sein. Das hat er mit den Finanzbehörden gemein.

Es mag seltsam erscheinen, die zwei gegensätzlichsten Gruppierungen in einen Topf zu werfen. Doch es finden sich tatsächlich Gemeinsamkeiten. Das ist zunächst – für Wüllenweber Hauptmerkmal – die Nichterbringung von verwertbaren Leistungen. Weiterhin die Abkoppelung von der Mehrheit, also kaum politische oder gemeinnützige Aktivitäten, sowie die freiwillige Ghettobildung. Und – das macht den zweiten Teil des Buches aus – beide bringen „Hilfsindustrien“ hervor. Das hochspekulative Investmentbanking auf der einen Seite steht seit dem Crash von 2008 im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, ohne dass sich etwas an den Strukturen ändern würde. Die Industrie der Helfer auf der anderen Seite, die von den Beschäftigtenzahlen zur größten Branche in Deutschland geworden ist, ist selten Gegenstand von Untersuchungen. Ein System aufzuzeigen, das nicht an einer Beseitigung von Armut interessiert sein kann, weil es davon profitiert, ist ein Verdienst des Buches.

Ein nicht zu unterschätzendes Unterscheidungsmerkmal von „Die Asozialen“ zu „Deutschland schafft sich ab“ ist, dass Wüllenweber klar hervorhebt: Die asoziale Unterschicht hat trotz eines hohen Anteils von Migranten nicht ursächlich mit der ethnischen Herkunft zu tun.

Allerdings teilt er mit Sarrazin die These, dass Leistung eingefordert werden muss. Was im ganzen Text spürbar wird, bringt er im Schlussteil unmissverständlich zum Ausdruck: „Wirtschaftswachstum ist positiv.“ Eine Kapitalismuskritik kann man ihm also nicht unterstellen. Auch 40 Jahre nach dem ersten Bericht des Club of Rome ist für den eigentlich kritisch denkenden und differenzierenden Autor eine Infragestellung des Wachstumsfetischismus kein Thema, nicht einmal am Rande. So lässt sich auch verstehen, weshalb er alle, die nicht zu den von ihm untersuchten Gruppierungen gehören, als eine große Mittelschicht bezeichnet, die das Auskommen beider asozialen Ränder ermöglicht. Zu dieser Mitte gehören Aldi-Kassiererinnen gleichermaßen wie angestellte Manager von Großkonzernen.

Es spricht für Walter Wüllenwebers Redlichkeit, im Nachwort selbst zu betonen, dass er Lösungen anzubieten nicht als seine Aufgabe ansieht. Filtert man Ansätze von Vorschlägen aus dem Buch heraus, klingt das auch wenig praktikabel. Im Grunde vertritt er den Standpunkt, dass wir zurück müssen zum traditionellen Sozialstaat wie auch zu einer Besteuerung von Spekulationsgewinnen, die es tatsächlich schon einmal gab. Das hört sich an nach Sozialdemokratie früherer Jahrzehnte. Ob dies für die drastisch veränderten globalen Konditionen ein Rezept ist, erscheint fraglich.

Walter Wüllenweber

Die Asozialen

Deutsche Verlags-Anstalt München 2012

ISBN 978-3-421-04571-3

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (12)

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Ehemaliger Nutzer 24.09.2012 | 14:05

Das Buch habe ich nicht gelesen, aber die Perspektive, das asoziale oben und unten als identisch anzusehen, verstehe ich sehr wohl. Seelische Armut und Konsumismus. Hier Prosecco, dort Büchsenbier.

Beides ist vulgärer Materialismus, und es ist verheerend, dass die Mitte, die das Geld für oben wie unten erarbeitet, sich hat einreden lassen, Politik drehe sich im Wesentlichen um die Austarierung dieser beiden Geldflüsse.

So gesehen ist es so abwegig nicht, FDP und Linkspartei als politisch spiegelverkehrte Brüder anzusehen.

jens kassner 24.09.2012 | 16:55

@dreizehn: Die Frage, woher die Regeln, oder besser gesagt, die Deregulierung kommt, stellt sich der Autor durchaus. Bezüglich der Unterschicht bin ich mir nicht sicher, ob er mit einer Ausuferung der Hilfssysteme recht hat. Ein Lumpenproletariat, auf das er auch hinweist, gab es schon lange. Wegen der unproduktiven Oberschicht scheint mir seine Analyse aber nicht ganz falsch zu sein, dass deren Herausbildung mit der Entkopplung der Geldwerte von realen Werten zu tun hat. Was da an den Börsen verschoben wird, hat kaum noch Bezug zur realen Warenwelt.

goedzak 24.09.2012 | 17:52

Seelische Armut und Konsumismus. Hier Prosecco, dort Büchsenbier.

Drückt sich in dieser pauschalen Zuschreibung etwa eine bereits fortgeschrittene "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" aus?

Vielleicht noch ein paar Vorschläge:

Faulheit, hier das Geld arbeiten lassen, dort vom Staat, sprich von 'uns', der ehrenwerten Mittelschicht, nehmen?

Rabeneltern, hier die kids dem Dienstpersonal oder Internat überlassen, dort sich selbst und der Straße?

Kriminelle Neigungen, hier Steuerflucht und Auftragsmorde, dort Kloppereien, Klauen und illegale Autorennen?

Und wie wollen 'wir' die Hier's und die Da's jeweils nennen? Vorschläge gibts ja schon: Raffkes und Asoziale?

jens kassner 24.09.2012 | 19:19

@goedzak: Bei so einer Bemerkung schon "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" nach Definition Heitmeyers zu vermuten, finde ich stark überzogen. Stimmig ist das Bild trotzdem nicht. Prosecco ist kaum teurer als Bier. Bei den Superreichen im Sinne des Buches geht es auch keineswegs um Konsumismus. Da sie gar nicht wissen, was sie mit dem Geld denn noch kaufen sollen, zocken sie eben.

Trotzdem finde ich es nicht hilfreich, so wie diese Unberührbaren die tatsächlichen Aussteiger der Unterschicht einfach wegzureden. Da muss ich Wüllenweber nun rechtgeben. Diese Leute gibt es wirklich, und die Struktur der Hilfmaßnahmen unterstützt das. Ich war jahrelang in einem Netzwerk von Vereinen beschäftigt, und die Kollegen aus den Sozialeinrichtungen, dia da häufig kamen, berichteten immer wieder von Kindern, die zu Hause nie eine selbst gekochte Mahlzeit sehen, obwohl die Eltern das Geld dafür eigentlich haben müssten. Und die zu Hause auch neimand haben, der ihnen zuhört. Schon, weil der Fernseher viel zu laut läuft. Es bringt doch nichts, solche Zustände einfach nicht sehen zu wollen, weil man Gefahr läuft, als Ausgrenzer zu gelten.

Vielleicht habe ich mich in meinem Artikel nicht klar genug ausgedrückt, um den Text nicht all zu lang werden zu lassen. Aber Wüllenweber gibt sich schon Mühe, Armut nicht allein als Mangel an Geld zu definieren sondern als Verweigerung an gesellschaftlicher Teilhabe trotz vorhandener Möglichkeiten.

jens kassner 24.09.2012 | 19:24

@dreizehn: Da kann ich eigentlich nur vermuten. Wie ich schon schrieb, betreibt Wüllenweber keinerlei Kapitalismuskritik. Er will nur einen besseren Kapitalismus, so wie er in Zeiten des Wirtschaftswunders mal war, tatsächlich oder angeblich. Ich würde aber sagen, dass genau das Kapitalprinzip letztendlich auch diese Phänomene erzeugt hat, die hier beschrieben werden. Sozialkosmetik kann da wohl immer nur Milderung schaffen, aber keine Lösung. Und das will der Autor dann doch nicht sehen, so wie eben die Sozialdemokratie generell nicht.

Unsichtbar 24.09.2012 | 20:35

@Jens Du sprichst die Problematik der Unberührbaren an, diese Differenzierung ist sehr wichtig will man Armut verstehen. Aus eben diesem Grund habe ich ja auch das Thema der geschiedenen DDR Frauen angesprochen. Wer in Armut und der Unterschicht immer nur „die Armen“ oder die Unterschicht sieht begeht einen Fehler. Betrachten wir zuerst einmal die Unberührbaren. Hier bei uns in der AI (Arbeitsloseninitiative) ist dies schon lange ein Thema. Wir sind eine Stadt mit 60.000 Einwohnern. Wir haben ca. 120 Obdachlose, ca. 240 nicht Therapiefähige Alkoholiker, ca. 410 nicht Therapierbare Drogensüchtige sowie ca. 830 ehemalige Strafgefangene. Bei ca. 3000 SGB2 Beziehern. Rund 2000 SGB2 Bezieher gehen einer oder mehrerer Bezahlter Tätigkeiten nach. Ca. 30% davon ist Schwarzarbeit, Tendenz steigend. Schwarzarbeit ist ohne Zweifel Gesellschaftsschädlich. Schwarzarbeit entsteht allerdings nicht bei den Armen auch wenn sie als Sozialleistungsbetrüger dafür am härtesten bestraft werden. Sie entsteht in dem Nutzen des Auftragsgebers. Selbst, kommt man zu einer Stelle zu 80% ein Privathaushalt, mit dem Vorbereiteten Formular zur Anmeldung der Tätigkeit, sind nur 3% der Haushalte bereit diese Tätigkeit anzumelden. Dies sind in der Regel nicht die Reichen sondern die Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Das gleiche gilt auch für Waren die der Mittelstand erwirbt, hier sei einmal Apple und die Biosupermarktkette Denns erwähnt. Appel Produziert wie wir alle wissen zu Sklavenartigen Bedingungen bei der Firma Foxxcon in China. Denns zahlt löhne die zu 25% unter dem Einzelhandelstarif liegen. Schaut man sich einmal die Betriebe der Biolandwirtschaft an die Denns beliefern. Vornämlich Biobetriebe. Ist es dort nicht mehr gewünscht Bundesbürger als Erntehelfer einzusetzen. Dort Arbeiten vorwiegend Bürger aus Tschechien zu löhnen zwischen 2,50€ und 3,50€ als Erntehelfer in der Agrarindustrie wurde in diesem Jahr 12,80€ bezahlt. Auch hier wieder ist nicht der Reiche der Täter der die Verarmung der Gesellschaft fördert sondern der Mittelstand. Wer also wirklich mehr Gerechtigkeit und Chancengleichheit in einer Gesellschaft analysieren möchte wird nicht umhinkommen seine Standpunkte neu auszuloten.

sinnig 04.10.2012 | 14:36

Leider wird aus der Besprechung kein Zusammenhang zwischen den beiden Phänomenen erkennbar. Der Kritiker hält lediglich fest, dass der Buchautor selbst betont, für Lösungen nicht zuständig zu sein. Beiden Autoren sei daher gesagt: Schon das als Untergrenze für Reichtum angeführte frei verfügbare Kapital erbringt bei einer lapidaren Verzinsung von 3,5 % Zinseinnahmen von 26 250 Euro. Ein Einkommen, das bereits viele Beschäftigte nicht erreichen.

In den letzten 10 Jahren haben die Zinseinnahmen in Deutschland durchschnittlich 257.000.000.000 € betragen. Mit dieser Summe wären 10 Millionen Gehälter zu finanzieren, die auch im Alter ein Leben deutlich jenseits der Armutsgrenze garantierten.

Anstatt so bedeutungslosen Frage nachzugehen, wer die Superreichen sind, sollten die Strukturen unseres Geldsystems in den Fokus unserer Betrachtungen gestellt werden. Siehe den Kommentar auf www.inwo.de