Der treue Freund Sotschis

Olympische Spiele Medaillen und Heroin: Während Medien auf gewogene Sportberichterstattung umschwenken, bleiben Verwicklungen der Organisierten Kriminalität in die Spiele unerwähnt
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ein ehemaliger Boxer. Ein Geschäftsmann. Wäre er nicht gewesen, dann hätten die Olympischen Spiele 2014 womöglich in den österreichischen Alpen stattgefunden oder in den Ski-Ressorts Südkoreas. Stattdessen finden sie an der russischen Riviera in Sotschi statt. Dass die Vergabe mit Korruption innerhalb des olympischen Apparates zusammenhängt, bezweifelt kaum ein Beobachter. Um die Spiele nach Russland zu holen, sollen 100 Millionen Euro als „Entwicklungshilfe“ in Mitgliedsländer des IOC geflossen sein.

Auf Stimmenfang für Sotschi als Austragungsort war wohl auch der mutmaßliche internationale Heroinhändler Gafur Rakhimov – respektiertes Mitglied des Olympic Council of Asia (OCA) und ehemaliger langjähriger Vize-Präsident des Kommittees in Usbekistan. Das berichtet der US-Sender ABC News. Nach der Vergabe der Spiele hatte der Vorsitzende des Olympischen Kommittees in Russland dem usbekischen Geschäftsmann für seine Arbeit gedankt, „ohne die es für Sotschi schwer gewesen wäre, auf den Sieg zu zählen“. Gegenüber ABC News bestätigte Rakhimov über einen Sprecher seinen Einsatz für Sotschi.

Vor 20 Jahren: Razzia in Prag

Vielleicht wollte Rakhimov auch einfach sicherstellen, persönlich den Spielen beiwohnen zu können: Australische Behörden hatten ihm im Jahr 2000 aufgrund seiner angenommen Verbindungen in den Drogenhandel die Einreise zu den Spielen nach Sydney verweigert, wie aus einem Europol-Bericht (2000) hervorgeht. Rakhimov war zu dieser Zeit bereits alles andere als ein Unbekannter. Seit Jahrzehnten beschäftigt der 1951 in Taschkent, Usbekistan, geborene Box-Funktionär und Geschäftsmann mit Wohnsitz in Dubai die Ermittler.

Vor fast 20 Jahren, am 31. Mai 1995, traf sich in Prag das „Who is Who“ der Organisierten Kriminalität im ehemaligen Ostblock. Anlässlich des Geburtstages eines hochrangigen Mafiabosses kamen 250 geladene Gäste in einem Restaurant zusammen – der Journalist Misha Glenny beschreibt, wie die tschechische Polizei die Party per Razzia beendete („McMafia“, 2009, Wilhelm Goldmann Verlag). Selbst das FBI war voll des Lobes. Die Ermittlungen hätten erstmals Einblicke in die russische organisierte Kriminalität geliefert. Ebenfalls unter den Gästen (laut einer Teilnehmerliste): Gafur Rakhimov.

Der Usbeke galt zu diesem Zeitpunkt laut dem Kriminalitätsexperten Jürgen Roth schon als Teil der „Schattenstruktur“ im usbekischen Staat und stand in dem Ruf gemeinsam mit dem Minister für Außenhandel sämtliche Handelsgeschäfte zwischen Usbekistan und dem Westen zu dirigieren („Schmutzige Hände, 2000, Bertelsmann Verlag). „Dank seiner Skrupellosigkeit vermochte er sich in der Hierarchie immer weiter nach oben zu kämpfen, bis dann im November 1991 feststand, dass ohne [ihn] in Taschkent nichts mehr lief“, schreibt Roth. Rakhimovs mutmaßliche Hauptgeschäftsfelder: Baumwollschmuggel und Drogenhandel.

Neben FBI und russischer Polizei waren auch westeuropäische Ermittler auf Rakhimov aufmerksam geworden. Europol stellt im oben erwähnten Bericht aus dem Jahr 2000 fest, dass der Usbeke laut russischer Polizeiquellen eine der Hauptfiguren in einem international agierenden Drogensyndikat sein könnte – auch enge Beziehungen zu afghanischen Heroinhändlern seien möglich (hier mehr zur Drogenindustrie Afghanistans). Der Bericht erwähnt, dass französische Behörden Rakhimov bereits einmal ein Schengen-Visum entzogen hatten. Ein Vorgang aus dem Jahr 1998, den Rakhimov offenbar nicht so einfach auf sich sitzen ließ: Prompt stellte der italienische Europaparlamentsabgeordnete Olivier Dupuis zwei Jahre später eine Anfrage an den EU-Ministerrat – ob der Rat denn zusichern könne, „dass er einschreiten wird, damit Herr Rakhimov wiederum in den Genuß eines Visums vom Typ Schengen kommen kann?“

Jagd auf den "Brother's Circle"

Ob das Visum schließlich gewährt wurde, ist nicht bekannt – der Rat erklärte sich für nicht zuständig. Die us-amerikanischen Ermittler blieben aber offenbar am Ball: Im Jahr 2012 landete Rakhimov auf einer „Schwarzen Liste“ des US-Finanzministeriums - als mutmaßlich wichtiger Teil eines Gangster-Syndikats, das die Behörden „Brother's Circle“ tauften. Diese multi-ethnische Verbrechergruppierung mit Verbindungen nach Dubai setze sich aus Führern krimineller Organisationen in den Post-Sowjet-Staaten zusammen, operiere aber auch in Europa, dem Mittleren Osten, Afrika und Lateinamerika. Rakhimov sei auf die Drogenproduktion in Zentralasien spezialisiert.

Diese Organisation sei nicht als streng hierarchisch zu verstehen, schreibt Mark Galeotti, Experte für transnationales Verbrechen und Kenner der russischen Unterwelt, in seinem Blog: „Not a relatively clearly-defined, hierarchical structure like a Japanese Yakuza (…), but an inter-connected network of criminal movers-and-shakers who connect through common financial and criminal interests, from managing drug flows from Afghanistan to dividing up the revenues from protection rackets in major cities.“

Tokio 2020: Yakuza-Games

In deutschen Medien ist die Verbindung zwischen dem mutmaßlichen Drogenhändler und den Olympischen Spielen bislang nicht thematisiert worden. Seit der Eröffnungsfeier dominieren wieder sportliche Heldengeschichten die Berichterstattung – vor allem in den Live-Übertragungen der Öffentlich-Rechtlichen. Und während in Sotschi das Problem mit der Organisierten Kriminalität droht, kaum wahrgenommen zu werden, zeichnet sich die nächste Verbindung zwischen mafiösen Strukturen und den Olympischen Spielen ab: Der Journalist Jake Adelstein schreibt unter Berufung auf Polizeiquellen und Informanten aus kriminellen Kreisen über Verbindungen zwischen Japans Olympischem Komitee und Yakuza-Gruppen. So stehen die Sommerspiele 2020 in Tokio schon jetzt in guter Tradition zu den derzeitigen Winterspielen.

07:45 11.02.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare