Die Balkan-Route

Drogenschmuggel Es war der größte Heroin-Fund seit Jahrzehnten: 330 Kilogramm haben BKA-Ermittler in Essen sichergestellt. Die Schmuggelrouten für die Drogen führen über den Balkan
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Als der in Teheran angemeldete Lkw am frühen Morgen auf das Gelände der Essener Feuerwehr biegt, sieht sein ehemaliger Fahrer nur zu. Er beobachtet anschließend, wie Beamte des Bundeskriminalamts im hellen Licht der Scheinwerfer die Paletten mit Gabelstaplern entladen. Zwischen den Tonnen von Gurken und Knoblauch lagern versteckt 330 Kilogramm hochwertigen Heroins. Videos zeigen die Szenen.

Der entscheidende Hinweis zu den monatelangen Ermittlungen sei aus den Niederlanden gekommen, teilte das BKA mit. Bestimmt seien die Lieferungen für die Großhandelsbetriebe zweier Brüder aus Syrien gewesen. "Die Betriebe waren als Gemüsehandel deklariert", sagte Oberstaatsanwältin Anette Milk auf Nachfrage.

Bereits Ende September nahmen die Beamten die 30 und 35 Jahre alten Männer fest, ein Niederländer mit Wohnsitz in Belgien sitzt ebenfalls in Untersuchungshaft. Gegen weitere Tatverdächtige im In- und Ausland wird ermittelt. Der Fahrer soll laut einem Bericht der „BILD“ den Lkw zurückerhalten haben und nicht zu den Beschuldigten gehören.

Der Fund im Wert von über 50 Millionen Euro soll nur die Spitze des Eisbergs eines offenbar gut florierenden Großhandels sein. Die Schmuggler-Gruppierung mit Wurzeln in Syrien und Irak steht im Verdacht, seit Jahren afghanisches Heroin in großen Mengen aus dem Iran nach Deutschland und Westeuropa zu schmuggeln. Dazu nutzten die beiden Beschuldigten laut Staatsanwaltschaft ihre Import/Export-Firmen in Essen und Köln. Die Drogen zwischen legaler Ware zu verstecken, gilt gerade bei Funden in dieser Größenordnung als üblich.

Der überaus hohe Reinheitsgehalt und der für Deutschland ungewöhnliche Umfang der Lieferung sprechen – auch wenn die Staatsanwaltschaft Essen keine Spekulationen über die Lieferroute befeuern möchte – für einen Transport über den nördlichen Zweig der traditionell für den Opiathandel genutzten Balkan-Route. Deutschland, Frankreich, Groß-Britannien und Italien stellen die größten Absatzmärkte für Heroin in Europa. Insgesamt umfasst der Markt einer "Transcrime"-Studie zufolge etwa 8 Milliarden Euro. Die Forscher gehen von Gewinnmargen bis zu 30 Prozent aus.

Heroin, das aus Afghanistan über Iran, Irak und Syrien die Türkei erreicht, findet seinen Weg hauptsächlich über drei Teilrouten auf dem Balkan nach Europa (60 bis 65 Tonnen jährlich). Wo sie verlaufen und wie sie funktionieren, schildert ein UNODC-Bericht (United Nations Office on Drugs and Crime).

Begünstigt wird der Transport durch Südosteuropa durch weiterhin zum Teil desolate rechtsstaatliche Strukturen. Während die beschlagnahmten Mengen in der Türkei und Zentraleuropa konstant bleiben, haben die Sicherstellungen in den Balkanländern ein Zehnjahrestief erreicht. Nur eine Tonne Heroin wurde in der gesamten Region im Jahr 2012 beschlagnahmt - die Türkei beschlagnahmte im gleichen Zeitraum insgesamt 13,3 Tonnen.

Die nördliche Balkanroute

Von der Türkei über Bulgarien und Rumänien nach Zentral- und Westeuropa führt der nordöstliche Zweig der Balkanroute, der in den vergangenen Jahren dadurch aufgefallen ist, dass in seinem Verlauf umfangreiche Einzellieferungen beschlagnahmt wurden. Auf dieser Route operieren internationale Netzwerke, die zum Teil speziell umgerüstete Lkw nutzen. Die Gewinnmargen sind bei solchen Direkttransporten besonders hoch. Während ein Kilo Heroin in Istanbul für 15 000 US-Dollar den Besitzer wechselt, sind es in Deutschland 35 000 US-Dollar.

Wird technischer Aufwand für den Schmuggel betrieben, wird beispielsweise ein Lkw-Tank durch einen größeren ersetzt. In Spezialbehältern im Inneren schwimmt dann das afghanische Heroin, umgeben von Knoblauchzehen, um den Geruchssinn der Drogenspürhunde zu verwirren. Auch künstlich geschaffene Hohlräume zwischen Aufleger und Längstraverse sind bei Kontrollen entdeckt worden. In solchen Fällen dient möglicherweise eine Autowerkstatt oder ein Großhandel in Deutschland oder den Niederlanden als Anlaufpunkt und Verladestation.

Vor allem die Tatsache, dass nur eine einzige EU-Grenze überquert werden muss, macht die Route attraktiv. Seit im Jahre 2009 bulgarische und türkische Behörden allerdings ihre Zusammenarbeit an der Grenze verstärkt haben, sind Schmugglergruppen zunehmend auf andere Routen ausgewichen, die auch zuvor genutzt wurden.

Die westliche Balkanroute

Über Griechenland, Mazedonien, Albanien, Serbien und nahezu alle westlichen Balkanstaaten führt die westliche Route nach Deutschland, Belgien und Holland. Obwohl hier im Gegensatz zum nördlichen Zweig viele Grenzen zu überqueren sind, scheint die Route für Schmugglernetzwerke aufgrund der Stärke lokaler Kooperationspartner attraktiv. Während regionale Gruppen in vielen Fällen lediglich den Transport für türkische oder kurdische Großhändler übernehmen, wechselt die Fracht in anderen Fällen vielfach den Besitzer. Zwischen den Transaktionen wird das Heroin häufig verschnitten, um Gewinne zu generieren. Gerade aus Mazedonien, einem der Hauptumschlagsplätze im westlichen Balkan, sind auch Gruppen bekannt, die Transport nach und Vertrieb in Deutschland zum größten Teil selbst übernahmen, bis sie enttarnt wurden. Größere Lieferungen werden oft gesplittet und in kleineren Mengen von einer Vielzahl von Kurieren über die Grenzen gebracht. Privat-Pkw sind hier das bevorzugte Mittel der Wahl. In fast allen betroffenen Staaten spielen albanische Netzwerke eine wichtige Rolle bei Schmuggel und Handel.

Die südliche Balkanroute

Über Griechenland führt der südliche Zweig der Route nach Italien. Während für die anderen Routen die Zielländer der Heroinfracht in Zentral- und Westeuropa liegen, sind die Drogen auf der südlichen Route fast ausschließlich für Italien bestimmt. Zwar arbeiten albanische Gruppen auch über die Westroute im Heroinhandel mit Mafia-Gruppierungen in Italien zusammen - das meiste in Italien beschlagnahmte Heroin stammt allerdings aus Griechenland. Der griechische Hafen Igoumenitsa gilt als ein wichtiger Knotenpunkt für Lieferungen, Zielhäfen sollen unter anderem Bari und Ancona sein.

Absatzmarkt Deutschland

Dem Heroinschmuggel ist seitens der deutschen Ermittler kaum mit Stichproben beizukommen. Die Autobahnen A3 und A8 gelten als bedeutende Zubringer für Drogen auf dem Weg nach Deutschland und in die Beneluxländer. Bei Kontrollen auf den Autobahnen operieren LKA, BKA und Zoll zum Teil koordiniert und mit sehr hohem logistischen Aufwand. Mit Endoskopen, tragbaren Röntgengeräten und Suchhunden gehen die Ermittler an die Arbeit. Für das Aus- und Umladen der Ladung stehen Kran, Fass-Zange und Gabelstapler bereit. Die Anwesenheit des Zolls ermöglicht das Öffnen verplombter Ladung.

Die Durchsuchungen kosten allerdings Zeit: Etwa 100 Fahrzeuge können so an einem Tag kontrolliert werden – und das auch nur im Ausnahmefall. Fast 25 000 Fahrzeuge passieren jedoch beispielsweise täglich den Grenzübergang Suben auf der A3.

"Eine konsequente internationale Ermittlungsarbeit ist daher unerlässlich, will man den Rauschgifthändlern wirksam entgegentreten", sagte BKA-Chef Jörg Ziercke anlässlich des Rekordfundes am Donnerstag. Laut UNDOC-Schätzungen umfasst der Markt für Heroin in Deutschland ein Volumen von etwa 1,8 Milliarden Euro.


Grafiken: UNODC - The Illicit Drug Trade through South-Eastern Europe (März 2014)

Foto: BKA

08:06 11.10.2014
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