Ach du Scheiße!

Re:publica Wie ich eine halbe Stunde lang Ziel eines simulierten Shitstorms wurde
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Ach du Scheiße!
Speakerin Laura Sophie Dornheim sagt, sie selbst sei fast jeden Tag Shitstorms ausgesetzt

Foto: re:publica/Jan Zappner (CC)

Stage 2 . 17:57 Uhr. Ein Mann mit Pferdeschwanz und schwarzem Jogginganzug setzt sich in die erste Reihe. Niemand setzt sich neben ihn. Der Moderator steigt von der Bühne und läuft zielgerichtet auf den Mann zu. Er bittet ihn, den Saal zu verlassen. Trotzig verschwindet der. Ratlose Blicke um mich herum. "Lasst uns bitte respektvoll miteinander umgehen und gewisse Dinge ruhen lassen", sagt der Moderator. Der Mann habe schon einmal einen der Talks von Laura Dornheim als Bühne für einen persönlichen Shitstorm genutzt. Wenige Augenblicke später betritt Laura mit Krücken und bandagiertem linken Bein die Bühne. Sie wirkt aufgelöst und bedankt sich. Alle klatschen.

Speakerin Laura Dornheim ist diplomierte Wirtschaftsinformatikerin, Doktorin der Geschlechterwissenschaft und dazu noch Bundestagskandidatin der Grünen. Ihr folgen knapp 8.500 Leute auf Twitter. Ihr Leben spielt sich also zum großen Teil in der Öffentlichkeit ab. "Auch ich bin fast jeden Tag Shitstorms ausgesetzt", sagt sie. Manche der Kommentare, die sie zeigen wird, stammen leider aus ihrem persönlichen Archiv.

Ein Sturm aus Scheiße? Fast. Im Duden wird mit dem englischen Ausdruck shitstorm ein Sturm der Entrüstung beschrieben, der mit beleidigenden Äußerungen einhergeht und im Internet sattfindet.

Anonymität spielt eine immer geringere Rolle

Bevor es los geht: Eine Triggerwarnung, wie man es bei Videos mit Altersbegrenzung kennt. Laura weist daraufhin, dass sie niemandem böse ist, der den Saal verlässt, sobald ihm die Kommentare zu viel werden.

30 Minuten lang werde ich mit Hater-Kommentaren bombardiert, die Backstage von drei Männern vorgelewesen werden. Der Screen auf der Bühne zeigt sie in geschriebener Form.

"Ich wünsche dir, dass deine Freundin vor deinen Augen von einer Horde von 20 Männern schön 10 Stunden lang vergewaltigt wird und sie dann die Kehle durchgeschnitten bekommt…"

Ich fühle mich direkt angegriffen, obwohl der Hass nicht an mich adressiert ist. Manche Kommentare lassen mich ernsthaft an der Menschheit zweifeln:

"Stelle Dir einmal vor…Du wirst richtig nett fixiert…und dann bekommst Du ein Rohr in dein stinkendes Arschloch geschoben, 5 cm breit und richtig schön tief rein in das Gekröse…

Das Rohr endet in einem Käfig und darin befindet sich eine dicke, fette RATTE… Und nun wird unter dem Käfig Feuer gemacht und die Ratte kriegt einen heißen Arsch und kriecht in deine Pupsmulde… Tja… und irgendwann will sie halt wieder ans Tageslicht die Ratte… und frisst sich durch Deinen fauligen Bauch…"

Mir wird schlecht. Meine Augen werden nass. Es folgen weitere rassistische, sexisitische, homphobe und xenophobe Kommentare.

"Früher kam der Hass in einzelnen Flutwellen", sagt Laura Dornheim. Das habe sich stark gewandelt. Mittlerweile vernetzten sich diese Menschen im Internet und rollten wie ein Tsunami auf das Opfer zu. Was besonders krass ist: Anonymität spielt eine immer geringere Rolle. Fake-Profile haben den Einstieg ins Online-Hating natürlich stark vereinfacht. Mittlerweile gehen Shitstorms auch von wirklichen Profilen aus.

Alles, nur nicht schweigen

Was man dagegen tun kann? Dornheim sagt: "Eine einzelne Stimme ist zwar nur eine, aber ein Anfang. Alles, nur nicht schweigen." Es gibt aber kein Patentrezept, dass betont sie auch. Dennoch werden viele Ratschläge gegeben:

  1. Präsenz zeigen: sich bemerkbar machen und mit positiven Kommentaren versuchen, den Shitstorm zu entschleunigen. Man muss Betroffenen das Gefühl geben, nicht alleine mit ihren Sorgen zu sein.
  2. Direkte Konfrontation: Man soll seine Stimme nutzen und sich trauen den Gewalttätern zu widersprechen. Im schlimmsten Fall muss man sie melden, flaggen oder sogar anzeigen.
  3. "Wehret den Anfängen": Die Kommentare sind leztendlich nur Resultat eines langen Hass-Prozesses. Augen und Ohren sollen offen gehalten werden. Präventives Verhalten ist hier gefordert.

Dornheim verabschiedet sich beim Publikum mit dem Schlussappell: "Don't let the dark side win!". Der ganze Saal klatscht.

Mit gemischten Gefühlen verlasse ich Stage 2. Ich war selbst noch nie Zielscheibe einer solchen Hasswelle und bin wirklich schockiert. Wie sich die Personen fühlen müssen, die diese Kommentare Tag für Tag lesen? Trotzdem ist da die Hoffnung: Wir können uns dagegen wehren. Wir müssen es sogar.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes wurden Mutmaßungen über Laura Dornheim aufgestellt, die sie nicht teilt. Wir haben diese korrigiert.

Dieser Beitrag enstand im Seminar "Onlinejournalismus" der Akademie Mode & Design

14:27 12.05.2017
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