Die Ratlosigkeit der Nachgeborenen

SELBSTERFORSCHUNG DURCH AUFSCHREIBEN Das vielschichtige Romandebüt der Niederländerin Jessica Durlacher »Das Gewissen«

Seit ich dreizehn war, hatte ich mich bei Tisch immer, soweit ich konnte, zurückgehalten, damit mein Vater mehr habe. Mehr essen könne. Was er auch immer und ohne Hemmungen tat.« Denn der Vater des Mädchens, das hier von seiner Kindheit berichtet, hat immer Hunger. Oder er fürchtet, Hunger zu bekommen. Allergisch reagiert er auf Popmusik, auch wenn sie leise gespielt wird. Das Mädchen und seine kleine Schwester dürfen nicht einmal ein Radio besitzen, wollen es vielleicht auch gar nicht, denn sie wissen, diese Musik »verspottete, wer und wie wir waren«.

Edna Mauskopf, die Ich-Erzählerin und Hauptfigur des ersten Romans der niederländischen Autorin Jessica Durlacher, Das Gewissen, ist die Tochter eines Auschwitz-Überlebenden, aber das erfährt sie erst als Erwachsene. Während ihrer Kindheit bleiben die Erzählungen abstrakt. Es ist die Rede davon, dass der Vater »verfolgt« worden sei, doch dieses Wort gehört zu einer Sprache, hinter der »das Schaudern (...) versteckt blieb«. Auch die Leser des Romans begegnen Ednas Vater erst nach ungefähr 100 Seiten, die sich der seltsamen Liebesgeschichte zwischen Edna und ihrem Kommilitonen Samuel widmen. Auf den ersten Blick hat sich die zwanzigjährige Studentin in den charismatischen jungen Mann verliebt, doch außer einigen gemeinsam verbrachten Nächten entwickelt sich die Beziehung nicht über eine recht unverbindliche Bekanntschaft hinaus. Eher scheint Samuel der Erzählerin immer fremder zu werden, sein Verhalten immer unerklärlicher. Und doch kommt es zwischen den beiden viel später zu einer festen Beziehung, die sich zu Anfang so gestaltet, »als nähmen wir mühelos eine gute Ehe wieder auf«. Zu diesem Zeitpunkt weiß Edna allerdings, dass Samuels Familientrauma dem ihrem vergleichbar ist. Auch er ist jüdischer Abstammung, und sein Vater war mit Ednas Vater im KZ. Doch die biographische Gemeinsamkeit erweist sich nicht als Basis für eine dauerhaftes Zusammenleben. Während Edna als Journalistin Karriere macht, arbeitet Samuel unzufrieden in einer Buchhandlung, bis er sich einem Lebensmitteltransport nach Bosnien anschließt. Zu diesem Zeitpunkt ist Edna längst in Südfrankreich, wo sie mit dem unbeschwerten Erfolgsmenschen Felix zusammenwohnt, ohne dass ihre Gefühle für Samuel abgenommen hätten. Der Roman endet, wie man schon zu Beginn erfährt, mit dem Tod des Geliebten. Edna hat ihre Geschichte erzählt, die auch Samuels Geschichte ist, und entlässt den Leser in eine gewisse Ratlosigkeit. Mit Das Gewissen liegt nämlich der Fall eines Romans vor, der den Prozess der Selbsterforschung durch Aufschreiben so glaubhaft darstellt, dass man beinahe das Romanhafte vermisst. Da bleibt keine Begegnung, kein Erlebnis unkommentiert, und immer scheint Edna bemüht, ihr eigenes Verhalten nachträglich zu interpretieren, ohne dass diese Erklärungen sehr hilfreich für den Leser wären. Aber wenn sie beginnt, von ihrem Vater zu erzählen, wird deutlich, dass die Deutungsversuche der Erzählerin integraler Bestandteil des narrativen Konzepts des Romans sind. Schließlich ist die Hauptfigur von Kindheit an gezwungen gewesen, Verhaltensweisen, die nicht erklärt wurden, nachzuvollziehen.

Das Gewissen erzählt eben auch dann, wenn die traumatische Familiengeschichte nicht direkter Gegenstand des Diskurses ist, von den Schrecken der Vergangenheit. Edna Mauskopf und Samuel Finken ist es nur sehr schwer möglich, eine Identität zu finden, die nicht in der des Kindes eines Opfers des Nazi-Terrors aufgeht. Diese Identitätskrise zeigt sich als Problem des Erzählens, denn was ist die Geschichte einer unglücklichen Liebe gegen die Leidensgeschichte der Eltern. Und vielleicht liegt hier auch ein Problem der 1961 geborenen Autorin, deren Vater, der Soziologe Gerhard R. Durlacher, Auschwitz überlebte und durch seine eindrucksvollen autobiographischen Schriften bekannt wurde.

Als Edna ihre Abschlussarbeit über Tagebücher aus Konzentrationslagern verfasst, macht sie die Entdeckung, dass ihre Welt grundsätzlich anders ist als die ihres Vaters, aber dennoch in deren Schatten steht. Eben dieses Verhältnis reflektiert dieser Roman, der es seinen Lesern nicht einfach macht. Es ist unwahrscheinlich, dass er anders hätte geschrieben werden können.

Jessica Durlacher: Das Gewissen. Roman. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Diogenes Verlag, Zürich 1999, 361 S., 39,90 DM

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