Kartoffelsuppe

KEIN LEIDEN AN DER LEITKULTUR Wer Einwanderer integrieren will, muss auch die notwendigen Voraussetzungen schaffen

Vielleicht Sauerkraut?« Erkan grinst. Was für ihn deutsche Kultur sei, hatte sein Deutschlehrer wissen wollen. Auch seine Klassenkameraden, Deutsche wie Türken, sind ratlos. Bis auf zwei. Damian, der seine Kindheit in Polen verbracht hat, antwortet entschieden. Deutschland sei, im Unterschied zu seiner Heimat, ein sehr reiches Land, und die Religion spiele eine weitaus geringere Rolle im Alltag. Und doch will er nach Beendigung seiner Ausbildung zurück, denn schließlich sei er, trotz seiner Anerkennung als deutschstämmiger Spätaussiedler, in erster Linie Pole und stolz darauf. Stolz auf sein Land empfindet auch Christian. Deutsche Kultur, das ist für ihn vor allem Literatur und Musik. Er nennt Komponisten und Dichter wie Bach, Beethoven, Goethe und Heine, die den meisten in der Klasse bestenfalls namentlich bekannt sein dürften. Aber warum sollten siebzehnjährige Schüler auch schlauer sein als die prominenten Talkgäste, die sich am Abend des gleichen Tages sichtlich verwirrt im ZDF zur Frage »Was ist deutsch?« äußern dürfen, wo dem neuen CDU-Generalsekretär ausser der von seiner Vorsitzenden bereits angeführten »Kartoffelsuppe« noch die Currywurst und der Kölner Dom einfallen.

Eines der hervorstechendsten Merkmale unserer öffentlichen Kultur scheint noch immer die verkrampfte und wenig überzeugende Manier zu sein, in der solche Debatten hierzulande geführt werden. Zunächst einmal traut sich kaum jemand zu sagen, worum es tatsächlich geht. Nämlich darum, die ökonomisch notwendige Zuwanderung von Ausländern so zu organisieren, dass eine Ghettobildung und die damit verbundenen sozialen Probleme weitgehend vermieden werden. Allein aus diesem Grunde ist es vernünftig, die Erfahrungen zu diskutieren, die mit der ungeplanten Einwanderung in den letzten Jahrzehnten gemacht worden sind. Zu Recht spricht Innenminister Schily von einer enormen Integrationsleistung. Doch sollte dies nicht den Blick auf die Probleme verstellen, die durch die Konzentration ethnischer Minderheiten in bestimmten Regionen verursacht werden, ob es sich um Russlanddeutsche im westlichen Niedersachsen oder um Türken im Ruhrgebiet handelt. Darunter leiden vor allem Kinder und Jugendliche, denn sie sind es, die auf Grund ihrer Sprachprobleme in der Schule versagen, keine Lehrstelle finden und sich gegebenenfalls auf ein Leben zwischen Sozialhilfe und Bandenkriminalität einstellen müssen. Wenig hilfreich ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass man zum Beispiel Spätaussiedlern aus den GUS-Staaten zwar einen deutschen Pass aushändigt, die notwendigen Sprach- und Eingliederungskurse aber längst gekürzt oder ganz eingespart hat. In diesen Kursen ging man immer wie selbstverständlich davon aus, dass Menschen, die sich auf Dauer in diesem Lande niederzulassen beabsichtigen, etwas über die hiesigen Sitten und Gepflogenheiten erfahren sollten, und das nicht nur aus reinen Informationsgründen. Unterweisung in der »Leitkultur«? Natürlich! Schließlich ist kulturelle Orientierung und Anpassung die Voraussetzung dafür, in unserer postindustriellen Gesellschaft erfolgreich zu sein. Auch wenn es auf den ersten Blick paradox erscheint: je offener und wohlhabender eine Gesellschaft ist, desto mehr neigt sie zur Nivellierung tradierter kultureller Identität.

Wer unter multikultureller Gesellschaft das Nebeneinander unterschiedlicher Ethnien unter Bewahrunge ihrer kulturellen Eigenständigkeit versteht, sollte daran denken, dass es feudalistisch-absolustistische Herrschaftsverhältnisse waren, die es den Vorfahren unserer Spätaussiedler ermöglichten, im zaristischen Russland über Jahrhunderte ihre Sprache und Kultur zu bewahren. Wer ökonomisch erfolgreich ist, integriert sich leichter. »Wenn die Immigranten sich in den Elendsrängen der sozialen Hierarchie wiederfinden, besinnen sie sich auf Herkunft und Religion«, schreibt der Soziologe Frank Böckelmann. Aber vor dem Erfolg steht eben auch die Bereitschaft zur kulturellen Anpassung, wie jeder weiß, der sich jemals für ein Vorstellungsgespräch in einen Anzug gezwängt hat. Dass diese Bereitschaft nicht enttäuscht wird, dafür sollte ein zukünftiges Einwanderungsgesetz sorgen. Unabhängig davon kann es den Deutschen überhaupt nicht schaden, wenn sie sich weiterhin die Frage stellen, was das eigentlich ist, die deutsche Kultur.

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