Dem Sonderling ist alles zuzutrauen

True Crime Patrick McGuinness analysiert Englands Klassengesellschaft im Krimiformat. Ein realer Justizskandal über einen vermeintlichen Mörder bildete die Vorlage
Szenen aus der Durchsuchung des Hauses von Christopher Jefferies in Bristol, 2011. Der reale Justizskandal um ihn war Vorlage für McGuiness’ Roman
Szenen aus der Durchsuchung des Hauses von Christopher Jefferies in Bristol, 2011. Der reale Justizskandal um ihn war Vorlage für McGuiness’ Roman

Foto: Matt Cardy/Getty Images

Kurz vor der Abstimmung über den Brexit, eine heruntergekommene Kleinstadt im Süden Englands: jede Menge Ramschläden, eine Brücke, die suizidgefährdete Teenager anzieht, ein denkmalgeschützter Zoo ohne Tiere. Und auf einem Hügel oberhalb des Ortes das Chapelton College, eine exklusive Privatschule, in der bis vor zehn Jahren ausschließlich Jungen unterrichtet wurden. Die Schulgebühren sind hoch, das Lehrpersonal eingebildet bis sadistisch – außer Mr. Wolphram, doch der ist längst pensioniert. Alexander Widowson, „Ander“ genannt, war vor dreißig Jahren dort Schüler. Wolphram hat damals für ihn eine wichtige Rolle gespielt. Als er ihn wiedersieht, könnten die Umstände schlechter nicht sein. Denn Ander ist einer der Polizisten, die gegen den ehemaligen Lehrer ermitteln. Und es geht um Mord.

Ein verdächtiger Sonderling

Den Wölfen zum Fraß ist der zweite Roman des britischen Schriftstellers und Professors für vergleichende Literaturgeschichte, Patrick McGuinness. Sein Debüt aus dem Jahr 2012, Die Abschaffung des Zufalls, war Finalist für den Booker Prize. Das neue Buch weist all die Handlungselemente eines zünftigen Krimis auf, verweigert sich aber beharrlich den Genrekonventionen. Richtig ermittelt wird erst, als das Buch bereits auf sein Ende zusteuert. Und brillante Kriminalisten sind weder Ander noch sein proletarisch-raubauziger Kollege Gary. Aber dennoch ist es sinnvoll, zunächst das aufzuklärende Verbrechen zu skizzieren.

Als die brutal zugerichtete Leiche einer jungen Frau gefunden wird, richtet sich das kriminalistische Interesse naturgemäß auf ihr unmittelbares Umfeld. Schon bald gerät ihr Nachbar Michael Wolphram in Tatverdacht, hat er sich doch bei den routinemäßigen Befragungen in Widersprüche verwickelt. Nun ist er in Gewahrsam, um, wie es so schön heißt, „der Polizei bei ihren Ermittlungen zu helfen“.

Für die Medien ist die Sache schnell klar. Der pensionierte Pädagoge lebt allein und verbringt seine Zeit mit Büchern und Schallplatten. Sozialkontakte pflegt er, abgesehen von regelmäßigen Besuchen bei einer alten Tante, kaum. Was seine ehemaligen Kollegen und Schüler vom Chapelton College zu sagen haben, ist wenig entlastend. Wolphram habe seinen Klassen seltsame skandinavische Filme gezeigt und merkwürdige Gedichte mit in den Unterricht gebracht. Jugendlichen, die ihn auf Einladung in seiner Wohnung besuchten, sei Alkohol angeboten worden. Außerdem habe er seltsame persönliche Fragen gestellt. Dass er seinen Dienst quittierte, als das Chapelton College begann, Mädchen aufzunehmen, spricht, aus welchen Gründen auch immer, ebenfalls gegen ihn. Fest steht: Der Mann ist ein Sonderling, dem alles zuzutrauen ist. Wer all das für albern hält, dürfte spätestens beunruhigt sein, wenn die ersten Graffitis auftauchen, in denen Wolphram als Päderast beschimpft wird und in seiner Stammbuchhandlung die Scheiben eingeworfen werden. Währenddessen verlaufen die polizeilichen Verhöre erstaunlich stümperhaft, was allerdings nicht verhindern kann, dass Anklage wegen Mordes erhoben wird.

Der hochreflektierte Erzähler dieser Geschichte ist Ander selbst. Dass er nicht an die Schuld seines ehemaligen Lehrers glauben mag, steht außer Frage. Aber bis er mit den Nachforschungen beginnt, die zur Festnahme des wirklichen Täters führen, vergeht Zeit. Zunächst scheint er sich über sein Verhältnis zu Wolphram klar werden zu müssen. Und das bedeutet, sich zu erinnern. Als Schüler ist Ander – als Sohn einer holländischen Mutter und eines englischen Vaters in den Niederlanden aufgewachsen – ein Außenseiter, ebenso wie sein bester Freund Daniel McAlinden, der nur aufgrund eines Stipendiums die teure Schule besuchen kann. „Intellektuell über-, sozial unterlegen“, wie es an einer Stelle heißt. Und somit das ideale Opfer für besonders sadistische Lehrer.

Skrupellose Medienkampagne

Die Situation eskaliert. Ander greift ein, aber es ist zu spät. Daniel verlässt die Schule und die beiden sehen sich nie wieder. Von dieser schuldbelasteten Zeit erzählt ebenfalls Ander, allerdings bewusst in der dritten Person. Die Vergangenheit nämlich, so formuliert er in Abwandlung eines bekannten Zitats, ist ihm nicht nur „ein anderes Land“, sondern gleich „ein anderer Planet“.

Den Wölfen zum Fraß ist ein biografisch geprägter Roman. Patrick McGuinness, der in Tunesien geboren wurde und in Venezuela, Frankreich und Belgien aufwuchs, dürfte die Außenseitererfahrung seines Protagonisten teilen. Er greift den Fall seines ehemaligen Lehrers Christopher Jefferies auf, der 2011 fälschlich des Mordes bezichtigt, zum Opfer einer skrupellosen Medienkampagne wurde. Doch es geht nicht um den Kitzel einer „True-Crime-Story“. Dieser Zeitroman im Krimigewand ist eine ebenso sprachbewusste wie erzählerisch komplexe Diagnose der englischen Klassengesellschaft. Schade, dass dies der deutschen Übersetzung von Dieter Fuchs nicht immer anzumerken ist.

Info

Den Wölfen zum Fraß Patrick McGuinness Dieter Fuchs (Übers.), Oktaven/Freies Geistesleben 2022, 423 S., 29,90 €

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