Joachim Losehand

Althistoriker und Toleranzforscher in Oldenburg in Oldenburg
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RE: Piraten üben Basisdemokratie | 17.05.2010 | 22:52

Irrtum: Die Piraten "üben" nicht mehr Basisdemokratie, so schaut Basisdemokratie nun einmal aus. Ich könnte jetzt anfügen, was der griechische Historiker Polybios über den Unterschied von Demokratie und Ochlokratie geschrieben hat, aber das kann sich sicherlich jeder denken.

RE: Sexueller Missbrauch | 20.03.2010 | 20:46

Was in dieser Diskussion aktuell - kulturell wie juristisch - nicht getrennt wird, nicht getrennt wahrgenommen und behandelt wird, sind "(sexueller) Mißbrauch" auf der einen und "Pädophilie" oder "Pädosexualiät" auf der anderen Seite.

Wir, also hier° wie auch als Gesellschaft, sind uns sicherlich darüber einig, daß "Mißbrauch" prinzipiell und ohne Einschränkung abzulehnen ist.

Dabei dürfte sich bei der Frage, was "Mißbrauch" ist, zunehmend die Perspektive des Opfers durchsetzen, wir als Außenstehende oder Urteilende gestehen also mehr und mehr den Opfern (jene in linken Kreisen schon bekannte) "Definitionsmacht" zu. Ich bin zwar nur bedingt Freund der bislang bekannten Praxis von "Definitionsmacht" - die Diskussion dazu hatten wir hier° schon -, jedoch begrüße ich auch aus eigener Erfahrung, daß das unmittelbar betroffenen Individuum und seine (verletzten, mißbrauchten) Bedürfnisse zunehmend wahr- und ernstgenommen werden.

Die Ächtung des Mißbrauchs dürfte AFAIK kultur- und epochenübergreifend sein; weniger zeit- und gesellschaftsabhängig dürfte, abgesehen von den Extremen und Exzessen, die Frage sein, welche Praxis konsensfähig "Mißbrauch" genannt wird. Grundsätzlich rückt seit dem 20. Jh. unsere Gesellschaft davon ab, körperliche Strafen für Erwachsene und in der Folge auch für Kinder als unangemessen einzustufen. "Hart anfassen" darf man in der Pädagogik heute allerhöchstens nur noch mittels intellektueller Herausforderungen. "Mißbrauch" im engeren Sinne ist, meiner Meinung nach, (geplante oder spontane) körperliche Züchtigung, wie sich manche (klösterlichen) Erzieher im Rahmen der bekanntgewordenen Mißbrauchsfälle selbst bezichtigt und dafür entschuldigt haben, jedoch nicht. Hier geht es um die Verletzung der Unversehrtheit der Person, wie wir es im Folterverbot, der Abschaffung von körperlichen Strafen (bis hin zur Todesstrafe) für Delinquenten und eben zur Ablehnung körperlicher Gewalt allgemein - insbesondere aber gegenüber Schutzbefohlenen sowie Abhängigen kennen.

Das Gewalt und Sexualität einander nicht ausschließen, sondern in verschiedenen Formen zusammen auftreten, dürfte ein Allgemeinplatz sein. Es gibt Männer, die nur ejakulieren können, wenn sie eine Frau (oder einen Mann) verprügeln, wieder andere ziehen aus der eigenen Erniedrigung ihre sexuelle Befriedigung. Ich glaube, daß wir individuell und von Fall zu Fall abwägen müssen, ob wir es mit einem Menschen mit pädophiler Veranlagung zu tun haben oder mit einem sadistischen Arschloch, das "nur zufällig" die eigenen mit Sexualität getränkten gewalttägigen Macht-Phantasien an Schutzlosen (Kindern) auslebt. Aber auch ohne jede plastisch-unmittelbare Brutalität (vgl. Ellis: "American Psycho" oder in Teilen Hegemann: "Axolotl Roadkill") sind Machtausübung und Sexuelle Aktivität verschiedenpolige Geschwister.

Wo ich persönlich allgemein in Fragen der Sexualität die Grenze zum Mißbrauch ziehe ist das Wort "No!". Ausgesprochen oder unausgesprochen ("Which part of 'No!' You don't understand?") ist der Dissens zwischen den Akteuren das Kriterium, um - mit dem Opfer - von Mißbrauch zu sprechen.

An dieser Stelle betreten wir im Zusammenhang mit Pädophilie (oder der Ephebophilie) vermintes Gebiet. Denn viele pädosexuelle aktive Erwachsene sprechen immer wieder von dem "Einverständnis", der "Zuneigung" der Kinder, mit denen sie - ohne äußerliche Gewalt - Umgang bzw. Verkehr hatten. (Die Anführungszeichen markieren das Zitat, nicht meine Wertung.)

Während das Gesetz nicht zwischen Pädophilie (vorpubertär) und Ephebophilie (pubertär) unterscheidet, kennt die Gesellschaft - wie wir an der obigen biographischen Erzählung sehen - nach wie vor diese Unterscheidung. Auch in der belletristischen Fiktion tauchen immer wieder derartige einmaligen Erlebnisse oder sogar Beziehungen (Irving: "Bis ich dich finde") auf, die für die beteiligen heterosexuellen Jungen (12-15j.) keineswegs in besonders herausragender Weise abgelehnt werden (abgesehen von den üblichen Schuldgefühlen, die bei unkonventionellen Verhältnissen aber immer gegenwärtig sind.- Die nach wie vor virulenten Vorbehalte gegen Homosexualität und die verbreitete These, zum Homosexuellen auch "gemacht" werden zu können, verhindern wohl eine ähnliche Stellung von sexuellen Beziehungen zwischen pubertierenden Jungen und erwachsenen Männern.)

Die Grenze, die das Gesetz zwischen den verschiedenen Altersstufen zieht, ist kontingent, bei aller plausiblen Begründung also willkürlich; das sexuelle "Erwachen" und das Einsetzen der Pubertät hingegen individuell. Eine immer wieder in der Entwicklungspsychologie diskutierte Frage ist, ab welchem Alter Menschen ein körperlich-erotisches oder gar sexuelles Empfinden entwickeln. Allein schon die Tatsache, daß es hierzu keine fachlich fundierte einhellige Meinung gibt, daß die kindliche Interpretation beobachteter Sexualität unter Erwachsenen oder das Erleben des eigenen Körpers im Grunde bestenfalls diffus und unausgebildet zu sein scheint, verbietet meiner Meinung nach jedem vernunftbegabten erwachsenen Menschen, Kinder dieser Entwicklungsstufe als Teil oder Begehren des eigenen sexuellen Lebens zu begreifen. Gerade, weil Kindern vor der Pubertät in diesen Fragen es wohl an jeder Urteilskraft gebricht, werden Kinder damit zu verdinglichten Objekten degradiert und im Sinne der Menschenwürde auch als Sexualobjekte mißbraucht.
Doch noch vor dem unmittelbar Sexuellen können Kinder zweifellos unterscheiden zwischen erwünschter und unerwünschter körperlicher Nähe, denken wir nur an das zunächst unverfängliche Beispiel der Tante, die ihre Nichten und Neffen an ihre kapitalen Brüste drückt und sie herzlichst und feucht "abbusserlt". Der Widerwille der Opfer ist in der Literatur allgegenwärtig dokumentiert, wie auch deren Grenzen der Toleranz gegenüber der kußfreudigen Verwandtschaft - und das (Un-)Verständnis der Eltern gegenüber der kindlichen Ablehnung dieser "Begrüngsriten".

Wir - Erwachsene - müssen in unserem Urteil meiner Meinung nach die Perspektive des Kindes bzw. Heranwachsenden einnehmen, ohne sie zu usurpieren. Das oben geschilderte "Logenerlebnis" reizt zum Widerspruch und zur moralischen Entrüstung, es kann aber nicht in Abrede gestellt werden, daß der betroffe Knabe es ohne Vorwurf als seinen persönlichen "Übergangsritus" (rite de passage) begreift. Die Erzählungen von in Klosterschulen und Internaten Erlebtem lesen sich anders; an der Bewertung wird von den Betroffenen auch kein Interpretationsspielraum zur Verharmlosung gelassen. Ich meine, daß wir, wenn wir Kindern, wenn wir Minderjährigen Aufmerksamkeit und Gehör schenken und sie als kritisch urteilende Wesen wahrnehmen, auch deren Unterscheidungskraft im Einzelfall annehmen müssen.

Die derzeitige Diskussion bietet einerseits die Chance, an Sensibilität für die Signale kindlichen Willens und Unwillens, Erlebens und Erleidens zu gewinnen, andererseits auch die Gefahr, in eine "Hypersensibilität" zu verfallen, die ähnlich gefährlich ist wie deren Gegenteil. Sie kann in ein Grundvorurteil gegenüber jeder körperlich ausgedrückter Zuneigung, jeder körperlicher Nähe zum Kind umschlagen, welche die natürliche Entwicklung eines jungen Menschen aufgrund des "zu wenig" und der klimatischen Mißtrauens beeinträchtigen kann. Und - weil Kindesmißbrauch immer noch "männlich" ist - könnte in der professionellen Pädagogik (Kindergarten, Schule) das Fehlen des Mannes auch weiterhin zu beklagen sein, denn wer will sich schon eines schwelenden Generalverdachts freiwillig aussetzen? Aber das sind nur vage Vermutungen.

RE: iJournalisten | 06.02.2010 | 13:34

Ich las die Überschrift gerade laut:
"Iiieh ... Journalisten".

RE: Umgang mit der Redaktion | 04.11.2009 | 12:28

Freitägliches Urheberrecht:

Die "FREITAG Community" (bei der ich immernoch mitlese aber leider aufgrund neuer Verpflichtungen nur noch selten mich schreibend zu Wort melden kann, sry) ist ja eine von Dritten für Blogger (Urheber) kostenlos bereitgestellte Kommunikations- und Publikationsplattform.

DER FREITAG erbringt eine kostenlose Dienstleistung für Blogger, nimmt ihnen einerseits Arbeit ab (Blogumgebung etc.), andererseits sorgt die Publikationsumgebung für einen gewissen Zulauf und eine gewisse Aufmerksamkeit, die der einsame Blogger auf seinem Wordpress-Floß im Meer des Internets so nicht hätte. Das ist für den Blogger ein ggf. materieller und in jedem Fall ideeller Vorteil: denn wer veröffentlicht, will gelesen werden. Und da ist der FREITAG als Marke bei unterstützend behilflich.

Damit diese Plattform überhaupt sinnvoll arbeiten kann, muß der Urheber Nutzungsrechte an die Betreiber abtreten, das ist - zum reibungslosen Ablauf und zur Bereithaltung der Veröffentlichung - auch im Interesse des Urhebers.

Die weiteren - einfachen, nicht exklusiven - Rechteübertragung sehe ich persönlich als Anerkennung dafür, daß ich hier als Blogger auf der FREITAG-Plattform publizieren darf. Das hat mir und meinem Geschreibsel durchaus Vorteile gebracht, meine Stimme in der Open-Access-Diskussion war lauter, als wenn ich als Solo-Blogger geschrieben hätte.

"Do ut des" sagt man im Lateinischen. DER FREITAG gibt mir - und ich gebe dem FREITAG. Das ist ein freiwilliges Agreement zwischen Gentlemen und ich finde nicht, daß wir Blogger dabei benachteiligt werden.

Das Löschen von Texten ist insofern problematisch, als die Einräumung von einfachen Nutzungsrechten unbegrenzt erfolgt, und zudem eine "Entöffentlichung" seitens des Urhebers im Grunde prinzipiell nicht möglich ist. Wer etwas veröffentlicht, der tut einen Schritt, der nicht mehr rückgängig zu machen ist.

RE: Dienstwagen sind unpolitisch | 29.07.2009 | 20:37

Männer haben Äffären in Dienstwägen.

RE: Mit Killerschach gegen die Totschlagargumente | 27.07.2009 | 00:15

"Wer Computerspiele kriminalisiert, verbrennt auch Bücher", Damit ist das Ganze für mich an der Grenze des nicht mehr Ernstzunehmenden."

Offenbar werden die Vorstöße der Politik von der Gamer-Szene so wahrgenommen, unabhängig davon, ob ein solcher Vergleich nun angebracht ist oder nicht.

Allerdings gebe ich zu bedenken, daß Bücherverbrennung - die es ja schon in der Antike gab ;-) ... durchaus sich gegen das Objekt selbst richtete, das gefährliche und ggf. magische o. ä. Zeichen transportiert. Indem man Spiele wie die im dt. so genannten "Ego-Shooter" verbieten möchte, setzt man ja voraus, daß es einen zwingenden Zusammenhang zwischen Aggressivität gegen Mitmenschen und der Beschäftigung mit solchen Spielen gibt - und mit dem Verbot man diese Aggressionen bannen kann. Kann man?

Daß die Killer-Schach-Aktion keine argumentative Auseinandersetzung mit dem Thema ist, versteht sich von selbst. Tatsächlich fehlen meiner Meinung nach der Piratenpartei noch die personellen Ressourcen, um fundiert und sachlich zu den verschiedenen Themen differenziert Stellung nehmen zu können. Das liegt aber auch daran, daß viele Experten - sofern sie nicht aus der Computer-Szene kommen - sich noch abwartend und zurückhaltend verhalten. Man sympathisiert, aber zeigt es nicht offen und manifest.

RE: Flick, Filbinger, Ceaușescu | 24.07.2009 | 02:12

Die historische Ableitung stimmt natürlich.

RE: Flick, Filbinger, Ceaușescu | 24.07.2009 | 02:11

Es tragen.

(Das Bundesverdienstkreuz ist keine UdSSR-Auszeichnung für Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges - die kommen m.W. damit tatsächlich in den Genuß von Vorteilen.)

Früher in Athen wurde man geehrt, indem man auf Staatskosten im Prytaneion auf Lebzeiten verköstigt wurde (Sokrates hat das u.a. für sich gefordert). Die Reichtstagskantine soll nicht übel sein ...

RE: Flick, Filbinger, Ceaușescu | 24.07.2009 | 00:54

@Magda Inge Meysel hat das Bundesverdienstkreuz abgelehnt, weil Hamburger keine Auszeichnungen fremder Mächte annehmen ...

Und Giordano wird seine nicht zurückgeben, eitel wie er ist (sagen andere, ich kenn' ihn ja nicht, nur seine Bücher).