Hunderte Millionen

Fallbeispiel Der Feind des Feminismus ist nicht der deutsche Literaturbetrieb. Es ist der Islam. Aber das ist nichts für Gratismut
Joachim Lottmann | Ausgabe 52/2014 4
Hunderte Millionen
Wagemut kann gefährlich werden
Foto: William West/AFP/Getty Images

Beginnen wir mit dem leichten Teil, der Verdammung der politischen Korrektheit. Es wird Sie langweilen, aber in solch einem Beitrag hofft jeder Chefredakteur auf möglichst knackige Sätze gegen die Vollpfosten des Gutmenschentums. Ein Autor, der diese Erwartung nicht bediente, hätte sein Honorar nicht verdient. Dabei ist die Aufgabe sogar heikel, denn den Sarrazin darf man ja auch nicht geben. Das Binnen-I lächerlich machen, ohne dabei wie ein pensionierter Deutsch- und Geschichtslehrer auszusehen oder eben wie ein Berliner Ex-Innensenator jenseits der 70, erfordert zumindest eine kreative Wortwahl (wem diese Übung jetzt zu durchsichtig ist, kann das überspringen und gleich den zweiten Teil lesen). Also, der Mut der Political Correctness, von Hans Magnus Enzensberger einst Gratismut genannt, kostet bekanntlich nichts.

Nehmen wir die Anzeige eines couragierten Mitbürgers gegen Horst Seehofer wegen Volksverhetzung. In einer Aschermittwochsrede hatte der CSU-Chef von einer „Einwanderung in unsere Sozialsysteme“ gesprochen. Dem trat der streitbare Staatsbürger nun mutig entgegen. Die Medien griffen es auf, das Verfahren wurde eingestellt, der Mann stand vor seinen Gesinnungsfreunden glänzend da. Da war mal jemand aus dem Dunkel getreten und hatte seine Stimme erhoben. Bravo! Dass Seehofer sich für diese feige Tat rächen würde, stand nicht zu befürchten.

Umwelt geht immer

In meiner Jugendzeit in Köln gab es in unserer Popmusikszene rund um die Zeitschrift Spex einen geistig verwirrten Jungspund, der den Punk falsch und vor allem zu spät verstanden hatte. Er lief immer mit einer Hakenkreuzbinde durch unser Lokal. Der unterentwickelte Bursch, stotternd, chancenlos bei Mädchen, fand das wohl shocking. Eines Tages nahm sich einer unserer Spex-Helden ein Herz, ging auf die Nervensäge zu und schlug ihm mit aller Kraft mitten ins Gesicht. Der vermeintliche Hitlerjunge fiel wie ein Brett zu Boden, erwachte ungläubig, kam nicht hoch, zappelte in seinem Blut. Keiner half ihm, alle umstanden den couragierten Spex-Redakteur, der endlich den Mut gehabt hatte, ein Zeichen gegen den verbrecherischen Nationalsozialismus zu setzen. Man hatte ihm das gar nicht zugetraut; bisher hatte er sich „nur“ als konsequenter Umweltaktivist hervorgetan.

Mutig „für die Umwelt“ einzutreten, kostet nie etwas. Umwelt geht immer. Oder Kinder. Oder Tiere. Oder Krebskranke. Ist ein neuer Bundespräsident gewählt, muss seine Frau die für sie passende Krebsart wählen, für deren Bekämpfung sie fürderhin beherzt kämpfen will. Gehen die Krebsarten aus, kommen Kombinationen dran, etwa krebskranke Kinder aus afrikanischen Kriegsgebieten. Halt! „Krieg“ ist schon wieder eine Nuance zu viel. Da könnte es ja tatsächlich eine Reaktion geben. Sagen wir lieber: aus afrikanischen naturgefährdeten Gebieten.

Natürlich ist der Gratismut besonders in der Weihnachtszeit verbreitet. Statt vieler Beispiele sei gleich das mit Abstand scheußlichste genannt: Bob Geldofs Band Aid 30. Da hat ein Mann, der vor einem Menschenalter einmal einen Zufallshit hatte, wie gesagt, einen einzigen, eine neue Jobbeschreibung an sich vorgenommen: „der gutherzige Rockstar“. Eigentlich war er ja gar kein Star, aber dadurch wurde er es. Alle möglichen echten Rockstars ließen sich überreden, unter seiner Flagge Gutes zu tun, sprich Spenden sammeln zu lassen. Zusammen wurde ein Weihnachtslied aufgenommen, das jedes Jahr Millionen Mal verkauft wird. Geldof lässt es einfach immer wieder leicht modernisieren. Man kauft die Namen – Rihanna, Miley Cyrus, Taylor Swift, Katy Perry, wen auch immer (keine Ahnung, ich schaffe es nie weiter als acht Sekunden) – und hört dann die inbrünstig vorgetragene alte Scheiße. Da fällt mir ein, dass irgendjemand diesmal nicht mitgemacht hat und dafür von der Bild-Zeitung zum Miesepeter des Jahres beziehungsweise „Verlierer des Tages“ gekürt wurde. Sich diesem Geldof-Mist zu entziehen, erfordert wirklich echte Zivilcourage.

Von den deutschen Fernsehspendensendungen sei gar nicht erst angefangen. Prominente sitzen an Telefonen und werden dabei gefilmt, wie sie Spenden für das Gute entgegennehmen. Folglich sind sie selber Gute. Noch nie stand jemand auf in 50 Jahren, rief „Aufhören!“ und warf mit faulen Tomaten nach ihnen. Oder verwies bei der Gelegenheit, da sie nun schon im Rampenlicht standen beziehungsweise sich dorthin vorgedrängelt hatten, auf ihren abscheulichen Lebenslauf voller Untaten wie etwa bei der „Queen of Charity“ Ute Ohoven, UNESCO-Sonderbotschafterin für „Bildung für Kinder in Not“, Mutter einer menschlichen Barbiepuppe mit absurd aufgespritzten Lippen.

Unterwanderung

Zweiter Teil. Jetzt wird es aktuell. Dass es mutig ist, öffentlich gegen populistische Islamophobie aufzutreten, steht außer Frage. Und es ist noch mutiger, wenn gerade Terrormeldungen im Namen eines missverstandenen, radikalen Islam im Umlauf sind. Je schlimmer die sogenannten Gotteskrieger wüten, je mehr Zulauf sie haben, je allumfassender die islamistische Unterwanderung in Moscheen, islamischen Schulen, Kindergärten, Freizeiteinrichtungen wird, desto mutiger ist es, auf den friedlichen Charakter des Islam hinzuweisen. Islamophobie darf es in unserer Gesellschaft nicht geben, selbst wenn Hunderte Millionen muslimischer Frauen wie rechtlose Tiere in ihren Häusern eingesperrt werden. Und auch nicht, wenn diese Versklavungstechniken zunehmend auch in Deutschland Platz greifen. Nein, da haben wir unsere couragierten Moralapostel, die in den Medien den nötigen Gratismut abliefern.

Aber wie halten Sie es privat? Was sagen Sie Ihrer Frau, Ihren Töchtern, wenn sie sich vor der überhandnehmenden männlichen Gewalt zu fürchten beginnen? Was tun Sie, wenn vor Ihren Augen in der U-Bahn eine Frau geschlagen wird? Ach so, Sie fahren nicht U-Bahn. Wenn Sie lesen, dass im McDonald’s eine junge Türkin von einem arbeitslosen, mehrfach vorbestraften 18-Jährigen getötet wurde, weil sie belästigten Mädchen zu Hilfe kam? Wir wissen, was Sie dann sagen, und wollen es hier nicht wiederholen. Viel interessanter ist, was die Frauen selbst dazu sagen, die dazu Berufenen, jene, die etwas unglücklich Feministinnen heißen („Für Frauenrechte sein“ klänge demokratischer).

Zum Beispiel Marlene Streeruwitz. Mit größtmöglichem Wirbel hat sie unlängst die Teilnahme an der Longlist des Deutschen Buchpreises abgelehnt, da in der Urkunde als Berufsbezeichnung „Autor“ aufgeführt war und nicht „AutorIn“. Sie hat dazu viele Interviews gegeben, und ihre Empörung ließ auch nach Wochen nicht nach. Stark und mächtig las sie einem imaginierten Gegner die Leviten. Unerhört! Was für eine Diskriminierung! Was für eine Verhöhnung der Frau! Die Moderatoren und Reporter duckten sich ängstlich weg.

Seit über drei Jahrzehnten vertritt diese AutorIn die Sache der Frauen. Den realen Gegner des weiblichen Geschlechts, nämlich die an Dynamik dramatisch zunehmende, frauenfeindliche Weltbewegung des Islam, hat sie aber nicht im Blick. Wo Frauenfeindlichkeit kein akademischer Genderdisput ist, sondern auf die Wirklichkeit von Millionen muslimischen Frauen allein in Deutschland trifft, schweigt sie. Das tun außer Alice Schwarzer und wenigen anderen Ausnahmen fast alle FrauenrechtlerInnen. Warum kommen sie ihren zunehmend eingeschüchterten Schwestern nicht zu Hilfe? Die neue männliche Gewalt wird eines Tages alle jungen in Städten lebenden Frauen betreffen und ihnen ein angstgeprägtes Leben aufzwingen. Die Gefahr besteht zumindest. Und wenn es so weit ist, in zehn Jahren, wird Marlene Streeruwitz noch immer jene unsichtbaren Mächte geißeln, die die Islamophobie schüren. Dafür bekommt sie dann aus der Hand von Dr. Hubert Burda den „Bambi für Courage“ verliehen, die populärste Auszeichnung für Gratismut. In ihrer Dankesrede wird sie auf die Gräuel der „ach so christlichen“ Kreuzzügler im Mittelalter verweisen und so die Dinge endlich „angemessen zurechtrücken“. Geschenkt.

Der Gratismut wird nicht aussterben, schon gar nicht an dieser Stelle, dieser Frontlinie. Aber wird hier einmal das Gegenteil entflammen, der echte Mut? Ich sage voraus: Genau hier wird er entstehen. Nicht alle klugen Frauen sind vereinsmeiernde FeministInnen. Viele sind durch die Tat der totgeprügelten Tuğçe aufgewacht. Nicht nur, sondern sogar in der Zeit, dem Zentralorgan der Political Correctness, hat Iris Radisch völlig neue Gedanken dazu geäußert, also zugelassen. Sie schreibt, dass Tuğçe keine klassische vereinzelte Opferfrau war, sondern selbstbewusst, vernetzt, gebildet und mutig. Sie starb nicht, weil einem Imam danach zumute war, sondern weil sie stark und modern war. Viele Frauen übersetzen das so: Sie wurde getötet, weil sie wie wir war! Und arbeiten endlich an einer Gegenstrategie. Der gesamte Feminismus wird sich in einigen Jahren gegen reale hochaggressiv-ideologisierte Männer wenden anstatt gegen Endsilben. Er wird nicht besonders theoretisch daherkommen. Ohne Ismen.

Die Ismen bleiben auf der anderen Seite, bei den Theologen und ihren gratismutigen Mitläufern.

Joachim Lottmann, 1956 in Hamburg geborener Schriftsteller, veröffentlichte dieses Jahr das Buch Endlich Kokain. Er lebt mit der Feministin und politischen Journalistin Christa Zöchling in Wien

06:00 03.01.2015
Geschrieben von

Joachim Lottmann

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