Banalität im Eichmann Prozess entlarvt?

Hannah Arendt hatte zum Totalitarismus einen Begriff von diesem entwickelt, der zwischen verschiedenen Phasen innerhalb totalitärer Systeme und deren Nachfolgesystemen unter,,,.
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Hannah Arendt hatte mit ihren Forschungsarbeiten und Lehren zum Totalitarismus einen Begriff von diesem entwickelt, der zwischen verschiedenen Phasen innerhalb totalitärer Systeme und Phasen in deren Nachfolgesysteme zu unterscheiden weiss.

So hebt Hannah Arendt im Vorwort zu ihrer 1966 erschienen Studie differenziert Unterschiede hervor.

"Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft"

Dort schreibt Hannah Arendt:

"Ich erwähnte bereits den Abbau totaler Herrschaft, der nach Stalins Tod einsetzte. […] Dass man die Sowjetunion im strengen Sinn des Wortes nicht mehr totalitär nennen kann, zeigt natürlich am deutlichsten das erstaunliche und üppige Wiederaufblühen der Künste in den letzten zehn Jahren."

Hannah Arendt im Blick auf die UdSSR weiter:

"Man müsse so doch feststellen, dass die totale Herrschaft, die furchtbarste aller modernen Regierungsformen […] mit dem Tode Stalins in Russland nicht weniger ihr Ende gefunden hat als in Deutschland mit dem Tode Hitlers".

Warum erzähle ich das alles im Zusammenhang mit dem Margarethe von Trotta Film "Hannah Arendt".

Ich erzähle das, weil Hannah Arendts Arbeiten und Begriffe zum Totalitarismus dort in der Schwebe bleiben, gar ins Leere greifen, wo es um eine ermittelnde und gerichtliche Aufarbeitung von Totalitarismen, gleich welcher Art geht, die nationalistisch, koloniaslistisch, imperial, rassistisch, ideologisch, weltrevolutionär, unterwegs, einer globalisiert verheerenden Zielsetzung nachgestrebt, mit demselben "System" Personal notwendig weitere Auswirkung auf unbewältigte Fragen nach individuellen, nationalen und internationalen Rechtsbegriffen in der Gegenwart zur Folge haben und doch, eben auch bei Hannah Arendt als politischer Theoretikerin unbeantwortet bleiben.

So fragt Hannah Arendt hellwach, wie elektrisiert, zu Anfangs des Films, während sie mit ihrem Mann, dem Trotzkisten, Heinrich Blücher in ihrer New Yorker Wohnung, vor dem Fernseher sitzend, als "Breaking News" erfahren, dass Adolf Eichmann vom israelischen Geheimdienst Mossad aus Argentinien nach Tel Aviv entführt wurde:

"Ob die wohl einen Auslieferungsantrag stellen?"

Dabei konnte Hannah Arendt nur die Bundesrepublik Deutschland oder die Deutsche Demokratische Republik gemeint haben.

Ihr Mann Heinrich Blücher fällt dagegen zu allererst ein, in Israel wäre das ein illegaler Prozess, der Eichmann gehört als Justizfall vor einen Internationalen Strafgerichtshof wie das Nürnberger Kriegsverbrecher Tribunal.

Meint Heinrich Blücher dabei, dass Richter, Staatsanwälte, die selber Überlebende des Holocaust waren oder Angehörige durch den Holocaust verloren hatten, im Fall Adolf Eichmann befangen seien?

Was meint Hannah Arendt, wenn sie dagegen ruft:

"DIe sollten sich hüten, dass das in Israel kein Schauprozess wird!°

Denkt Hannah Arendt da an die stalinistischen Schauprozesse im Moskau der späten Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, in denen Richter, Staatsanwälte, gar Anwälte erklärtermaßen Partei waren, auf dünner Ermittlungsbasis, womöglich konstruierter Aktenlage, Angeklagte zum Tode, zu Straflager verurteilten, und doch nicht als befangen galten?

Oder denkt Hannah Arendt dabei an die Schauprozesse des nationalsozialistischen Volksgerichtshofes in München gegen die Geschwister Scholl als Angehörige der studentischen Widerstandsgruppe "Weisse Rose", in Berlin gegen die angeblichen und wirklichen Verschwörer des Attentats auf den Führer, Adolf Hitler, am 20. Juli 1944 in der Wolfschanze(Führerhauptquartier in Ostpreussen)?

Will Hannah Arendt mit ihrem Begriff von der

"Banalität des Bösen"

eigentlich bedeuten, nicht das Böse an sich kann, wenn es massenhaft von Amtswegen organisiert, zum Normalfall im gesellschaftlchen Alltag wird, banal geraten, sondern die Art und Weise, wie Folgesysteme des Totalitarismus daran scheitern, dessen Vebrechen, Fall um Fall, mit demselben Personal unbefangen, aufzuarbeiten, unschudige Opfer zeitnah zu rehabiitieren, diese selber oder deren Angehörigen für das staatlich legitimiert organisierte Verbrechen als identifiziertes Unrecht nicht nur zu entschädigen, sondern für deren Weidereingliederung in den gesellschaftlcihen Alltag, Gesundheit, Beruf, Ausblldung, Studium, personell professionell, materiell umfassend, Sorge zu tragen.

Genau dass drohte mit dem Adolf Eichmann in Jerusalem (Israel) im Jahre 1961 nach dem Berliner Mauerbau am 13. August bis ins Jahr 1963 zu geschehen und geschah dann auch absehbar?

Akten aus dem Bundesarchiv in Koblenz in der Bundesrepublik Deutschland wurden so wenig gerichtlich zu Rate gezogen, wie aus den Ostberliner Archiven in der DDR.

In der Spandauer Zitadelle Inhaftiert verurteilte Kriegsverbrecher, darunter der NS- Rüstungsminister Albert Speer, Baldur von Schirach, Karl Dönitz, oder Bundeskanzer Konrad Adenauers Kanzleramtsminister Hans Josef Maria Globke (Maßstabsetzender Kommentator der Nünberger Rassengesetze von 1935), BND- Chef Reinhard Gehlen wurden nicht befragt, geschweige denn in den Zeugenstand vor dem Jerusalemer Gerichtshof einbestellt.

Zeitzeugen, wie Eugen Kogon (Autor des investigativ aufdeckenden Buches "Der SS- Staat"), der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer am Main, der maßgeblich dazu beigetragen hatte, Adolf Eichmann in Argentinien aufzuspüren, wurden nicht angehört, wurden nicht im Zeugenstand vernommen.

Anstatt nun Adolf Eichmann im Jerusalemer Prozess als Kronzeugen einzusetzen, der das gesamte Logistiksystem (Fahrpläne, Transportkapazitäten staatlicher Bahngesellschaften, Verwaltungsapparate) in Europa kannte, das den Vernichtungslagern Ausschwitz, Treblinka, Sobibor, aus Italien, Griechenland, Ungarn, Rumänien, der Ukraine, Weissrussland, dem Baltikum, Slowakei, Balkanländern, Frankreich, Norwegen, Luxemburg, Benelux- Ländern, Spanien, Potugal, Rest- Polen um ihr Vermögen, Gesundheit gebrachte Menschen zuführte, wurde Adolf Eichmann mit erbarmungswürdig erschütterten Überlebenden des Holocaust konfrontiert, zu denen er im einzelnen Fall voraussehbar nichts sagen konnte, noch mochte, denn er war ja nur so genannter Schreibtischtäter "Ich war nur für Fahrpläne zuständig".

Hier stellt sich die Frage, ob überlebende Opfer des Holocaust nicht unselig als Statisten, als Staffage eines Gerichtsspektakels vorgeführt und schändlich missbraucht wurden?

Ein Schreibtischtäter, der als Hoher Logistik SS- Beauftragter an der Wannsee Konferenz im Januar 1942 teilnahm, der sich in der Bundesrepublik Deutschland, wie viele, vor allem Juristen, Ärzte, Psychiater, Psychoanalytiker des "Göring- Instituts, Beamte, Polizisten, Wehrmachtsangehörige, Reichsbahnangehörige auf den Befehlsnotstand, auf den juristischen Terminus

"Tatirrtum von Amtswegen"

berufend (Hans Filbinger Wort "Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein"), womöglich von jeder persönlichen Schuld freigesprochen worden wäre?

Angesichts dieser mit den Händen zu greifenden Heillosigkeit, die über dem ganzen Adolf Eichmann Prozess in Jerusalem wie ein dunkles Rauchzeichen lag, fühlt sich Hannah Arendt als Gerichtsreporterin für das Kulturmagazin "Der New Yorker" auf ihre bisherigen Arbeiten zum Totalitarismus verwiesen und nennt Adolf Eichmann im Zusammenhang mit ihrem Begirff "Banalität des Bösen", entdämonisierend, einen gedankenlosen "Hans Wurst",

Dass in diesem Gerichtsverfahren in Jerusalem gegen Adolf Eichmann von 1961- 1963, das vor einen Internationalen Strafgerichtshof, wie heute in Den Haag, gehört hätte, dem Israel allerdings, wie China, Nordkorea, die USA, bisher die Anerkennung verweigert, alle Verfahrensbeteiligten, angesichts der Unzulänglichkeiten der Organisation und Ausstattung des Prozesses, systemisch betrachtet, drohten, in die Farce- Rolle eines "Hans Wurst" zu geraten, sagt Hannah Arendt nicht.

Bleibt Hannah Arendt da auf halber Strecke stehen?

Hannah Arendts Versuch, mit dem Hinweis, dass die Judenräte im Namen der europaweiten Effizienz der Logistik des Holocaust-Systems, statt Sand ins Logistik Getriebe zu streuen, mehr getan haben, als sie mussten, führte zu keiner erweiterten Frage nach Verstrickungen der Adminstrationen, Apparate, der damals von der Deutschen Wehrmacht besetzten Staaten in Europa als einfallreich willig kollaborierende Helfer, sondern geriet zum beängstigend verharmlosenden Vorwurf gegen Hannah Arendt selber, dass sie ihr jüdisches Volk Israel nicht liebe

Hannah Arendt (1906- 1975) hat ihr ganzes Leben lang betont, kein Volk lieben zu können, also auch nicht das jüdische Volk, denn lieben könne sie nur ihre Freunde.

Hat Hannah Arendt das falsch enigeschätzt, wie schwer es dem jüdischen Volk in Israel fiel, dessen Geberländer in Europa auf der Anklagebank zu sehen?

Die Praxis des deutschen Besatzungsregimes in den von der Deutschen Wehrmacht, von 1939- 1945, besetzten Ländern Europas, die Besatzungskosten mit dem Hinweis zu erhöhen, dass diese Länder sich ja am Vermögen des jüdischen Teils der eigenen Bevölkerung gütlich halten könnten, stieß, abgesehen von Dänemark, auf willig strebig offene Ohren in staatlichen Apparaten.

Margarethe von Trottas Film "Hannah Arendt" lädt da segensreich zu, weiterführend, aufdeckenden Debatten ein.

Dass der Psychiater und Philosoph Karl Jasper (1883- 1969), anders als der Philosoph Martin Heidegger (1889- 1976), ausgerechnet als Doktorvater von Hannah Arendt, von dem sie eine Anleihe auf den Begriff "Banalität des Bösen" nimmt, in diesem Film keinerlei Erwähnung erfährt, gibt Rätsel auf.

Historisch brisant ist möglicherweise, dass paralell zum Adolf Eichmann Prozess in Jerusalem, seit 1958 zwischen dem französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer eine Schlusstrichdebatte zur deutsch. französischen Feinschaft von 1870 Konturen annahm , die schlussendlich im Élysée-Vertrag vom 22. Januar 1963 mündete und ausdrücklich, neben einer turnusmäßig dichten Zusammenarbeit der Regierenden, der Ministerien in Frankreich, der Bundesrepunlik Deutschland, auch, neben einer gegenseitigen Amnestie von Kriegsverbrechen, einen materiellen wie moralischen Schuldenerlass gegenüber Deutschland seit 1914 beinhaltet.

De Gaulle mochte als Initiator des Ellyssee Vertrages mit Konrad Adenauer das Ende der deutsch- französischen Feindschaft seit 1870 als unabdinglichen Geleitzug seiner erfolgten Ausrufung des Endes der französischen Kolonialzeit in Algerien, Mali, Marokko begriffen haben.

Dazu mochte auch gehören, dass De Gaulle Konrad Adenauer drängte, dem drohenden Berliner Mauerbau 1961 nach dem gescheiterten Versuch Chruschtschows mit seiner gesamtdeutschen Friedensinitiative im Jahre 1958, keine innen- und außenpolitischen Inititiativen entgegen zu setzen.

Von nunan, unterlag der Weg und Zugang zu Ostberliner Archiven seit dem Berliner Mauerbau am 13. August 1961, bis dahin unbekannt admistrativen, gegenseitig kontrollierenden Beschwernissen.

Anwälte aus der DDR waren nun nicht mehr, ohne weiteres, bei Zivil- und Strafverfahren in der Bundesrepublik Deutschland, wie umgekehrt in der DDR, als Verfahrensbeteiligte zugelassen.

Zwischen der DDR und dem Staat Israel gab es zu diesem Zeitpunkt 1961 nicht einmal diplomatische Beziehungen, geschweige denn ein Rechtsabkommen.


Eine Frage bleibt, lag der eigentliche Anlass der so genannten SPIEGEL- Affäre vom Oktober 1962 in einer sich anbahnenden französisch- deutschen "Entente", in der die Bundeswehr als bestens aufgestellt, mit modernsten Waffen- und Logistiksystemen ausgestattet, im Gegensatz zur SPIEGEL- Titelgeschichte "bedingt abwehrbereit" vorgeführt werden sollte?

JP

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/auschwitz-prozess-fritz-bauer-institut-stellt-tondokumente-ins-netz-a-926541.html

Zum 50. Jahrestag: Institut stellt Tonaufnahmen von Auschwitz-Prozess ins Netz





http://www.taz.de/Hannah-Arendt-im-Kino/!108704/
0.01.2013

„Hannah Arendt“ im Kino
Die Leidenschaft des Denkens
von Micha Brumlik
Margarethe von Trottas Film

http://www.fritz-bauer-institut.de/

18:57 22.01.2013
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Geschrieben von

Joachim Petrick

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Joachim Petrick

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