Brauchen wir, neben Wikileaks, Gesten, wie Willy Brandts Kniefall ?

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Brauchen wir, neben Wikileaks, Gesten, wie Willy Brandts Kniefall 1970 ?

Willy Brandts Kniefall in Warschau am 07. Dezember 1970, Geste eines allseitig entwaffnenden Wikileaks


Am 07. Dezember 1970 kniete Bundeskanzler Willy Brandt unvermittelt auf naßkaltem Steinplatten vor dem Mahnmal an die toten, verschwundenen, überlebenden Menschen des ausgelöschten jüdischen Ghettos in Warschau von 1943.

Diese menschliche Geste des Sozialdemokratischen Politikers und deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt am 07. Dezember 1970 in Warschau vor dem Mahnmal an das jüdische Ghetto entfaltet bis heute und über den heutigen Tag hinaus die Wirkung von Abertausenden nicht erfaßten historischen und doch allseitig entwaffnenden Wikileaks.

Bundeskanzler Willy Brandt, der angebliche Zauderer für die einen, der Verräter der deutschen Nation für die anderen, hatte weder für die einen noch die anderen mit seinem Kniefall vor dem Mahnmal des jüdischen Ghettos in Warschau ein Zeichen gesetzt, sondern sich, aus tiefer menschlicher Erschütterung, spontan einer Geste aus der Zukunft Europas überantwortet, allen gegenwärtigen, zukünftigen wie verschwundenen Menschen. voran den Juden in der Welt für alle vorstellbaren Zeiten klarzumachen, euer Platz, eure Heimat ist auch hier in Europa.

Nur die Wahl des Ortes bei seinem ersten Besuch als bundesdeutscher Kanzler in Polen, das Mahnmal an das jüdische Ghetto in Warschau, an dem Willy Brandt als deutscher Kanzler seiner menschlich ergreifenden Geste Raum gab, war nicht spontan, sondern sehr wohl bedacht.

Selbst für politische Kreise in Westdeutschland, rechts von der Mitte, galt im Jahre 1970 das Gedenken an ermordete Juden in Europa, in der Welt im Bunde mit der NATO durchaus differenziert als staatsbildend, staatstragend, staatserhaltend, auch wenn diese Kreise alles taten, damit Bundeskanzler Willy Brandt, mehr oder weniger mit politisch blutleeren Händen auf seiner Reise nach Polen im Dezember 1970 blieb.

Von Entschädigungsfonds der bundesdeutschen Gesellschaft, Wirtschaft, Unternehmen, den Kirchen, Verbänden, für polnische Zwangsarbeiter/innen konnte deshalb damals nicht einmal ansatzweise die Rede sein.

Die Volksrepublik Polen hatte nach 1945 über das Jahr 1970 hinaus in Zeiten des real- existierenden Sozialismus sowjetischer Prägung keinen Sinn entwickeln dürfen, für den Aufstand national gesonnener Polen/innen des Jahres 1944 in Warschau ein Denkmal in Polen, geschweige denn in Warschau zu errichten, wie es heute besteht.

So fühlten sich viele damalige Regierungsmitglieder, Politiker/innen und Funktionäre/innen der Kommunistischen partei (KPP) der VR Polens nicht nur durch diese Geste des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt, sondern bereits bei der Wahl des Ortes seines Innehaltens und Gedenkens während seines Staatsbesuches 1970 in Polen vor dem Mahnmal an das ausgelöschte jüdische Ghetto in Warschau von 1943 düpiert, insgeheim mit ihren vorgetragen, dahin geraunten, Bedenken durch ein Willy Brandt Wikileak unwägbaren Ausmaßes vorgeführt.

Waren denn die Juden im Warschauer Ghetto nicht mehrheitlich 1940- 44 auch Polen/innen?

Wie wir heute von inzwischen erwachsenen Polen/innen in Gesellschaft, Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Verbänden, Kultur, Sport erfahren, erging es vielen jungen, heranwachsenden Polen/innen damals mit diesem Kniefall des Bundeskanzlers Willy Brandt am 07. Dezember 1970 in Warschau ganz anders.

In ihren Köpfen blieb allein haften:
"Ein deutscher Kanzler, ein oberster Regierungsvertreter einer großen europäischen Macht hat in unanfechtbarer Weise auf seiner Reise nach Polen in Warschau am 07. Dezember 1970 Menschlichkeit gezeigt".

Hatte doch die polnische Administration des real- existierenden Sozialismus gerade im Jahre 1970 auf bürokratisch kaltem Wege über zwanzig Tausend jüdische Staatsbürger/innen Polens, in elender Praxis staatlich verordnet durchregierten Antisemitismus, ausgebürgert und in alle Welt, voran nach Palästina, ausgewiesen.

So hatte Willy Brandt, wie einst das Tapfere Schneiderlein in seiner Stube, nun auf politischem wie diplomatischem Parkett mit seiner menschlich unanfechtbaren Geste, zunächst unmerklich, sieben "Riesen" Europas auf einen Streich von der Agenda gewischt, ohne überhaupt irgend jemandem, auch wenn dieser es noch so sehr für ein Spektakel, einen Skandal, einen politischen Tumult, Aufrhr daheim oder in der Welt herbeigewünscht, direkt vor den Kopf zu stossen.

Ganz nebenbei hatte Bundeskanzler Willy Brandt auch noch für den Tag seines Kniefalls in Warschau ausgerechnet den 07. Dezember 1970 gewählt, den Tag, als vor 29 Jahren die USA, die wirkliche Garantenmacht Polens, durch den Reichskanzler und Führer Adolf Hitler des Deutschen Reiches, unter großem Propaganda Getöse Joseph Goebbels, selbstüberschätzend wie selbsmörderisch, in den Zweiten Weltkrieg gegen das Nationalsozisalistische Unwesen in Europa durch eine formal reichsdeutsche Kriegserklärung eingeladen wurden.

Fazit:

Das Phänomen dieses Kniefalls Willy Brandts in Warschau 1970 als Geste, "unmerklich" auf Abgründe, Krater von WikiLeaks, Tiefen, Untiefen der Internationalen Politiken jener Jahre des Kalten Krieges und danach bis heute hinzuweisen, ohne dass sich direkt unmittelbar Folgen zeitigen, findet meiner Meinung nach seine Fortsetzung in der Arbeit des Internets, mit seinen Wiki Leaks Akteuren/innen, die wir ja alle, gewollt und ungewollt, irgendwie, irgendwo, irgendwann längst sind!

Wir brauchen sehr wohl, neben WikiLeaks, politische wie diplomatische Gesten wie den Knefall von Bundeskanzler Willy Brandt in Warschau am 07. Dezember 1970.

JP

16:34 07.12.2010
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Geschrieben von

Joachim Petrick

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Joachim Petrick

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