Camus, Sartre, Jens als Fussball- Lessings

Sepp Herberger zu seiner Fußball- Weltmeistermannschaft 1954 "Jungs!, denkt dran: "Das Runde gehört ins Eckige" Reporter Herbert Zimmermann"Rahn müsste schießen Rahn schießt "Tooor!"
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"Die Angst des Tormanns beim Elfmeter", die Erzählung von Peter Handke aus dem Jahr 1970 ist bis heute als dramatisch tragischer Fall eines einstigen Tormanns ungeklärt, der als Bauarbeiter meinte, er sei entlassen, auf Wanderschaft, unter psychotischen Schüben leidend, zum Frauenmörder geworden, sich selber nach langer Verfolgung stellte.

Die Fussball- EM 2016 wird sicher auch nicht dazu taugen, bei der Klärung dieses Tormann Falls einen Schritt weiter zu kommen Ist es die traumatisierende Angst des Hüters der Jungfernschaft, der Keuschheit , Unberührtheit des Tores seiner Fussballmannschaft, 11 Freunde sollt ihr sein, dessen Aufgabe er immer wieder nicht gemeistert hat, weil Stürmer der Gegenspieler, an ihm vorbei, das Runde respektlos in das Eckige knallen?
http://handkeonline.onb.ac.at/node/136

Was wäre der Fussballsport ohne seine Philosophen am Rande des Spielfeldes, die vom Anstand ihrer hochstehenden Gedanken klug daher scheißen, während die Fussballspieler bestrebt bleiben, kluge Flanken, ja gar Tore zu schießen..

Herbert Zimmermann (1917- 1966), der Sportreporter des NWDR, Patenonkel vom Grünen MdB Hans- Christian Ströbele, erhob Torwart Toni Turek beim Fussball- Weltmeister Finalspiel Deutschland gegen Ungarn in Bern/Schweiz 1954 zum Fussballgott und fing sich dafür Strafanzeigen wg. Häresie durch die Katholische Kirche ein.

Bei dem legendären Schauspieler Theo Lingen (1903- 1978) wird Theo, der Torwart des FC- Kniescheibe 08 zum wahren Helden, denn er hält, was namenlose Helden sonst nur mit leeren Worten uneingelöst verheißen, nämlich den Ball, der als gefährliche Flanke aus der Tiefe des Raumes, vom Linksaußen Stürmer der gegnerischen Fussballmanschaft SV Meniskus 04 angenommen, rasant geschossen, rasend auf Theos Tor als das gelederte Runde, das ins Eckige will, geflogen kam.

https://www.youtube.com/watch?v=4SGCB-zp4wE
Theo Lingen Der Theodor im Fußballtor

Eine kleine Geistesgeschichte körperlicher Ertüchtigung.

Neurologische Studien haben längst Strategiespiele, wie das Königsspiel Schach, das Fussballspiel mit Befunden von Probanden neurologisch unter die Lupe genommen. Das Ergebnis und nicht nur des Königsspiels Schach, sondern auch die Kickerei fordert und fördert Klugheit.

Durch Fußball eruiert valuierten die Forscher, sind die Gehirnarreale besonders gut entwickelt, die für das Planen, das strategisch- taktische Denken zuständig sind. .

Womit, auch wenn Vergleiche hinken, bewiesen scheint, dass Lionel Messi auf dem Felde seines Inseltalents zumindestens so klug wie der Nobelpreisträger 1921 für Physik, Albert Einstein (1879- 1955) zu Lebzeiten beim Verfassen seiner Relativitätstheorie 1905 war, heute ist.

An die synaptische Vernetzung von Fußball und Intellekt braucht nicht erinnert zu werden, die ist einfach da. Der Ball, der rollt, schon rollen die Gedanken mit und halten nicht nur Schritt, sie sind vorauseilend mit dem Ball unterwegs, linke Flanke, rechte Flanke, Hakenschlagen, Fallrückzieher Schuss, Kopfball, Tooor.

Der Literaturpreisträger 1957 Albert Camus (1903- 1960) zum Beispiel, war Fussball- Torwart, der sich bestens darauf verstand, die existenzialistische Bedeutung seines Lieblingssports in ein Wort zu fassen:

"Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball."

Zu Camus Zeiten ging es kaum um Profis im Fusballsport, vielleicht in Spanien mit dem ungarischen Fusballstar Mayor Ferenc Puskás (1927- 2006) nach dem gescheiterten Ungarn Aufstand 1956 bei Real Madrid, aber nicht in Frankreich, Deutschland. Da waren Amateure in der deutschen Weltmeister Fußballmannschaft 1954
Torwart: Toni Turek, Heinrich Kwiatkowski
Abwehr: Fritz Laband, Werner Kohlmeyer, Hans Bauer, Josef, genannt Jupp Posipal, Werner Liebrich
Mittelfeld: Horst Eckel, Karl Mai, Paul Mebus, Max Morlock, Fritz Walter
Angriff: Helmut Rahn, Bernhard Klodt, Ottmar Walter, Richard Herrmann, Alfred Pfaff, Hans Schäfer angesagt, denen höchstens zu einträglichen Jobs verholfen wurde und sonst gar nichts.

Die heutige hochprofessionell kommerzielle Ausrichtung des Fußballsports mit dem ganzen Starrummel wäre für Camus mit Sicherheit nichts, außer das untrügliche Menetel seines Ende an der Wand.

Der Dichter, Dramaturg Bertholt Brecht (1898- 1956) durfte als prominenter Sparringpartner, in Szene gesetzt, 1930 die belederte Faust des damaligen Boxweltmeisters Max Schmelings (1905- 2005) riechen und ersann über die Boxer- Philosophie als Motor für den Aufbruch in ene neue Zeit. Inzwischen gibt es auch die "Fußball-Philosophie", die von sich Reden macht, in der es weniger um einen Tor, denn um das Tor geht, das, unter dem Bemühen von Hirnwitz, gehütet gehört.

Schon sind wir bei dem gebürtigen Hamburger und Rhetor Walter Jens (1923- 2003), der 1975 auf einer Festveranstaltung des DFB dem gerade englisch lernenden Franz Beckenbauer eine finale These vortrug:

"Fußball: Wirklichkeits-Verdoppelung und zugleich Entwurf von Möglichkeit? Fußball: Die coincidentia oppositorum?" Und im November 1981 rief "Momos" einen Kommentator, dessen ständige "Selbstkorrekturen" er als "Reportage aus doppelter Perspektive" billigte, in bibelsicherer Diktion zum "Interpreten" aus: "Gelobt sei Rolf Kramer, der ZDF-Reporter."

1982 verstand es Walter Jens, wie Harald Wieser im Spiegel "Der Fußball-Lessing" ziemlich maliziös zu berichten wusste, sich gegenüber der ARD- Moderatorin Barbara Dickmann als investigativer Fussballfan in Szene zu setzen und als einer der ersten in Deutschland, die Verbindung des DFB zum NS- Regime rhetorisch ausgefeilt aufzudecken:

""Das Gedächtnis der Menschen ist nicht so kurz, wie dies der DFB-Präsident glaubt". anzuprangern".

Walter jens war selber praktizierender Torwart, wie hier nachzulesen ist:

„Als ich zur Schule ging, war alles ganz einfach: Das Identifikations-Objekt hieß TV Eimsbüttel […]“; Ich liebe den ETV, Interview mit Walter Jens, in: ETV-Magazin 2/2006, S. 8 (PDF; 3,4 MB): „Ich liebe den ETV, ich bin als Kind in Eimsbüttel groß geworden. Und in meiner Familie, die fußballbegeistert war, gab’s nur einen Favoriten und das war der ETV, das war Eimsbüttel. […] Ich bin nicht in Eimsbüttel aktiv gewesen. Da stand ich mehr auf den Rängen. Ich war Torwart in einer Freiburger Studentenmannschaft. Torwart, das ist der schwerste Posten, den es auszuüben gibt. Ich habe ihn nur kurz ausgeübt, wegen des Asthmas, das ich seit meinem dritten Lebensjahr habe.“ (Quelle https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Jens#Weblinks )


Walter Jens bekräftigte damals 1982, was sich im nachherein als tragisch erweist, denn er verfiel zusehends in Altersdemenz, wie sein Sohn Tilmann und seine Frau Inge Jens nicht nur im Stern, in Talkrunden, auch in Büchern zu schildern wussten, er werde

"den Eimsbütteler Sturm noch aufzählen können", wenn er den "letzten Goethe-Vers vergessen habe" – Jens ging in seiner Jugend gern zum ETV, und wohl niemand hat das Verhältnis zwischen Sport und da insbesondere dem Fussball und der Poesie einprägsamer zutage gefördert.

Jean-Paul Sartre (1905–1980) darf in dieser illiustren Reihe nicht fehlen, der schaute angeblich immer nur heimlich Fußball. Seine pointierte Betrachtung war, als spreche er vom gestörten Stamokap (Staatsmonopolistiischer Kapitalismus), dass beim Fußballspiel "alles durch die gegnerische Mannschaft verkompliziert" werde.

Aber dabei ließ es Sartre nicht bewenden, es folgte dieser Satz, warum einfach, wenn es kompliziert geht :

"In der Sportmannschaft ist die Aktion jedes Spielers als unbestimmte Möglichkeit durch die Funktion vorausbestimmt, (...) und zwar in Bezug auf ein zukünftiges Ziel, das durch eine organisierte Vielheit technischer Aktivitäten verwirklicht werden kann. Die Funktion in jedem ist also Beziehung zum Ziel als der zu totalisierenden Totalität."

Gut, dass wir drüber gesprochen haben.

William Shakespeare (1564- 1616) nicht zu vergessen: Als eines der Glanzstücke britischen Humors gilt Monty Pythons Fußballspiel der Philosophen, in dem die griechische Nationalmannschaft gegen die deutsche antritt. Sokrates erzielt dort den entscheidenden Treffer für die Griechen, natürlich mit dem Kopf. Metaphorischer kann man's nicht sagen, schreibt Thomas Andre im Hamburger Abendblatt "Die Denker und der Fußball" vom 11.6.2016..

"Womit wir bei den Bonmots wären, die der Fußball selbst zu seiner Ausschmückung beigetragen hat. Der Chefphilosoph der Deutschen war ja nie Hegel, auch nie Kant oder gar Nietzsche, sondern natürlich der Herberger Sepp. "Ein Spiel dauert 90 Minuten" und "die Wahrheit liegt auf dem Platz.

Und manche wie der Künstler Ror Wolf überführten ihre Gefühle, wenn sie noch ganz unter dem Eindruck eines Spiels standen, in Poesie. Wolf verdichtete in seinen Fußball-Sonetten etwa das sogenannte "Jahrhundertspiel" zwischen Deutschland und Italien und schrieb: "Der Catenaccio knirscht. Die Riesen wanken./ Mazzola fällt vor lauter Elend um./ Als Seeler blutet, bleibt die Pfeife stumm./ Das hat man Yamasaki zu verdanken." So war das im Sommer 1970, als uns die Azzurri wieder einmal dramatisch schlugen. Ein Gedicht ist der Fußball aber nur, wenn wir es sind, die gewinnen."

Der Philosoph Martin Heidegger hatte selber daheim keinen Fernseher. "Ich war linker Läufer beim FC Meßkirch") ging immer zu den Nachbarn, wenn ein Spiel anstand".

Womit sich last but not least aus meiner Warte das Eckige ins runde Leder schließt.

Walter Jens erklärt sinngemäß den Fußball:

Wie der Baumeister sich freiwillig beschränkt, auf bestimmten Raum, einen Rahmen beschränkt, bechränkt sich der Fussballer in freiwilliger Begrenzung auf Brust. Kopf und Fuss und ist ganz bei seinem artistischem Spaß am Fussballspiel Handwerk an der Grenze zum Artistischen, effizient, gepaart mit ...." ( Quelle http://www.11freunde.de/video/flimmerkiste/walter-jens-erklaert-den-fussball )

JP

http://www.abendblatt.de/kultur-live/article207670783/Sartre-Camus-Herberger-Die-Denker-und-der-Fussball.html
11.06.16
FUSSBALL-EM
Die Denker und der Fußball
Von Thomas Andre

https://www.youtube.com/watch?v=ZNQdrCvt9tU
Walter Jens - Jahrhundertzeuge

17:21 14.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

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Joachim Petrick

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