Heidi Kabel, die Mutter Courage des Tratsch im Treppenhaus

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Heidi Courage des Klönschnacks und Tratsch im Treppenhaus mit direktem Kabel zum Theater- und Haus- Frieden.

Heidi Kabel (27. August 1914- 15. Juni. 2010)

Heidi Kabel konnte auf unnachahmliche Weise, egal, ob auf der Bühne des Ohnsorg- Theater in Hamburg, in TV- Filmen oder in Talkrunden, neben wandelnden Pfeffersäcken, wie geladenen „Pulverfässern“ aus den Katakomben der APO, der staatstragenden Parteien im bleiern Kalten Krieg des Deutschen Herbst, wie im lockenden Maien von späten Wenden ab 1989 mit einem schlicht ergreifenden Schnack, wie ein riesiger Bella Donna Advantage Augenaufschlag „AA“, der den umwerfenden Charme eines knuffigen Hüftschwungs entfaltete, eben noch brenzlig schnuppernde Atmosphären in flammend knisternden Buden, Bühnen, Runden in schmunzelndes Gelächter des allgemeinen sich Wohlgefallens entladen und verwandeln.

So eine Mischung von gestandener Trümmerfrau, Mutter von drei erwachsenen Kindern, gereifter blonder Schönheit bis ins hohe Alter,mit Mutter- Witz, Humor, griffig, pfiffig angriffslustiger Direktheitund herzlicher Zugewandtheit den Menschen gegenüber, kann mit dem Begriff Hamburger Schlag mit Sahne und Alleinstellungsmerkmal an der Großen Bleichen im Ohnsorg- Theater nur unzureichend benannt werden.

Wer, wie Heidi Kabel gesungen hat und weiter mit diesem Lied zu hören ist:

„In Hamburg sagt man tschüs!“,

den kann ich unumwunden weiterhin einfach direkt fragen, wenn er, wie Heidi Kabel am 15. Juni 2010 im Alter von Fünfundneunzig Jahren, friedlich eingeschlafen,von uns gegangen ist:

„Sag einmal Heidi,

wie hastDu das eigentlich mit Deinem gelungen griffig pfiffigen, gar derb übergriffigenKlönschnack, Tratsch, all Deine Lebensjahre, trotz brenzlig heraufbeschworenerGefahrenlagen immer wieder geschafft, letztendlich doch wieder Frieden im Treppenhaus zu stiften?“

Vielleicht würde Heidi Kabel, jetzt im Himmel, antworten:

„Tja min Jung, wie heißt Du eigentlich?“

„Jochen“.

„Also Jochen, ich sag das nur Dir und sonst Niemandem.

Kannst Du das auch wirklich für Dich behalten, min Jung?

Aber Ja doch Heidi!

Also pass auf.

Da ist nicht so einfach und andererseits auch nicht schwierig.

Ich denke mal, das geht so:

„Für alles Neue offen bleiben, vor allem für neue Menschen.

Aufeinander zugehen.

Den Blick für die Schönheit des Einfachen behalten.

Alles nicht so tierisch ernst nehmen.

Wenn Du wirklich geliebt werden willst, musst Du zuerst die Menschen mit all ihren Schwächen lieben.

So einfach und so schwierig ist das.

Jetzt muss ich aber fix gehen, muss mich hier im Himmel, gerade angekommen,auch erst orientieren, auf all die Menschen, Tiere, Pflanzen hier oben zugehen.

Es gibt hier oben im Himmel viel zutun und viel zu lassen.

Soll ich Deine Mutter Tilli grüssen, die habe ich hier oben im Himmel gerade entdeckt.

Deine Mutter ist ja derselbe Jahrgang 1914, wie ich und wir, Deine Mutter und ich, haben zusammen das Lyzeum in Hamburg- Hamm, Caspar Vogt Strasse besucht.

Ach meine Mutter Tilli wird sich freuen, dass Du im Himmel angekommen bist.

Meine Mutter wartete schon seit 1999, dass Du endlich kommst.

Meine Mutter wollte wenigstens einmal schneller sein als Du und ist deshalb schon mal 1999 in den Himmel voran gegangen.

„Min Jung!, Nun werd ma nich noch ulkig.

Sonst muss ich auf n letzten Drücker noch weinen.

Ulkig bin ich selber.

Du kannst aber auch ein dumm Tüch schnacken und vertellen, min Jung.

Nix für ungut.

Holt di stief. min Jung“

Ich sagaber nuecht aufHamburgisch noch einmal für alle Mal

„tschüs“.

Heidi Kabel Orginale:

Heidi Kabel hat sich im guten wie weniger guten Sinne von SPD- Politikern wie Henning Voscherau, Gerhard Schröder noch im Jahre 2002 für Wahlkampfauftritte vereinnahmen lassen, wie Inge Meysel, nur halt mit weniger öffentlich erkennbarem Eigensinn als die Mutter der Nation Inge Meysel „Sie haben ja wohl eine Meise. Ja genau Sie da vorne, oder war es dahinten. Jawohl! Gebt mir Mal ein lauteres Mikrophon, damit der unverschämte Kerl mich auch wirklich hört“.

Heidi Kabel nahm nach eigenen Worten ihr Leben so direkt, wie ihre Stücke im Ohnsorg- Theater und anderswo im Fernsehen, Film auf sie zukamen, sie ließ sich einfach eingenommen von den angebotenen Rollen, ohne Wenn und Aber, engagieren „Und wie der Augenblick, so handle ich“ mit kleinem Seitenhieb gegen die dominierenden Teil der Männerwelt
“Männer sind zwar oft so jun, wie sie sich fühlen, aber niemals so bedeutend!“.
Auch der vagabundierend stolzierende Zeitgeist bekam von Heidi Kabel als „Trümmerfrau“ sein Fett weg:
„Nee!, ich bin nie auf die Idee gekommen, mich zu verwirklichen. Dazu hatte ich keine Zeit“.
Und im Ernst:
„Boulevard ist sehr schwierig. Die meisten verwechseln Heiterkeit mit Oberflächlichkeit“.

„Ich habe immer versucht, mit Anstand zu leben, was mir mein Schicksal vorgelegt“

„Ich habe zeit meines Lebens gearbeitet. Das hält frisch.
Das frühe Aufhören, so mit 60 oder 65 ist ein großer Fehler“

„Die Emanzipation ist erst dann vollendet, wenn eine total unfähige Frau in eine verantwortliche Position aufgerückt ist“.

„Flirtende Ehemänner am Strand sind keine Gefahr, denn sie schaffen es nicht ange, den bauch einzuziehen“

Den Titel Volksschauspielerin empfand Heidi Kabel auf sich bezogen ausdrücklich als Prädikat, denn Staatsschauspielerin wollte sie nie sein.

Heidi Kabel gab es übrigens auch 1988 in einem Tatort Film mit Manfred Krug, Charles Brauer als Sorgengeplagte Mutter, fern jeder Lach- Schote und Quotenzote.

Als die Quotenzote wirklich einmal in dem Stück „Mein ehrlicher Tag“ auf der offenen Bühne im Ohnsorg- Theater fiel
“Heidi Kabel nahm doch tatsächlich das unaussprechliche Wort
„Sch…“ in den Mund“,
titelte BILD 1999 tags darauf:
„Da ging ein Raunen durch den Theatersaal; solch ein Wort wie „Sch…“ ist man von Heidi Kabel nicht gewohnt.."

JP

01:11 17.06.2010
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Geschrieben von

Joachim Petrick

Aktuelles: Meine sichere Route- Refugee-Airlift - Petition "Luftbrücke für Flüchtlinge in Not" an die MdBs des Bundestages erhofft Debatte
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