Karin Struck, "Ungestüme ohne Geländer?"

Gedenken Karin Struck, am 14. Mai 1947 in Schlagtow bei Greifswald geboren, starb am 6. Februar 2006 mit 58 Jahren als Mutter von vier Kindern in München an Unterleibskrebs.
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Karin Struck galt einst, junge Autorin, in der Pose der "Ungestümen" der unerschrockenen Kämpferin im "Rote Lockenpracht Look" für die "Klassenliebe", der Titel ihres Debütroman im Jahre 1973, als die Hoffnungsträgererin des bundesdeutschen Literatrubels, des Literaturbetriebes der in die Jahre gekommenen Männer- Bündler,

Dabei der Suhrkamp Verleger Siegfried Unseld, Gerhard Zwerenz, Fritz Raddatz, Karin Strucks zu "erwartenden" Werken nach ihrem Debütroman "Klassenliebe" alle, angeheizt, entgegenfieberten.

Karin Struck gehörte mit ihrem Debütroman Klassenliebe zum Begründerkreis der literarischen Stilrichtung "Neue Subjektivität", die private Phänomene zum Seismografen einer Gesellschaft erkor. Hierzu gehörte in ihrem Roman die Präsentation eines Protagonistenm namens Arnfrid Astel Z

Karin Struck, starb an Unterleibskrebs.

In Nachrufen 2006, nährte das Sterben der streitbaren und umstrittenen Schriftstellerin Karin Struck an Unterleibskrebs Hypothesen einer symbolträchtigen Tragik.

Denn die "Struck, sei doch die, die im Laufe ihres Lebens von der feministischen Autorin mit sündenstolzer Bekenntniswut zur Abtreibung im Magazin STERN "Wir haben abgetrieben", neben über zwanzig anderen porminenten Frauen, zur unabdinglichen Abtreibungsgegnerin wurde", so in etwa lauten eingetrübte Erinnerungen, u. a. in dem Nachruf auf sie von Waltraut Schwab in der taz vom 9. Februar 2006.

Oder: Die "Struck, die hat doch in der NDR- Talkshow blank gezogen, ihr Höschen samt Wasserkaraffe zur allegmeinen Kühlung ins Publikum geworfen?"

"Ganz falsch sind solche Flashbacks nicht. Treffend wiederum ebenso wenig. Denn Struck war mehr", schreibt Waltraut Schwab.

Heute in Zeiten von Pussy Riot in Russland, ahnen wir, nacheilend, was Karin Struck da ungestüm zum gesellschaftlichen Einsatz brachte, nicht nur ihr anschwellendes Wort als "Zickengesang" zum Moderator Wolf Schneider

"Holen Sie doch den Maulkorb" ,

sondern, unmaskiert, im ultimativen Body- Fighting, blitzartige Entblößungen intimster Körperteile als sich selbsterfüllendes Eventsubjekt.

Karin Struck, am 14. Mai1947 in in Schlagtow bei Greifswald einer Bauernfamilie geboren, die im jahr des "17. Juni", dem Arbeiter- und Bauernaufstand gegen die Diktatur der SED in Ostberlin, Leipzig, Plauen, Dresden, Weimar, Freiberg, 1953 aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland übersiedelt

Gerade Studentin des damaligen Trendstudiengangs der Erziehungswissenschaften engagierte sich Karin Struck in den späten 60er-Jahren politisch, im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), wird Mitglied der 1968 gegründeten DKP, als Nachfolgepartei der 1956 verbotenen KPD.

Als Demonstration gegen die Diskriminierung des sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn (1918- 2008) und seiner Werke über den sowjetischen "GULAG" gibt Karin Struck nach einem Jahr ihr DKP- Mitgliedbuch empört zurück.

In den 70er-Jahren macht Karin Struck, bekenntsniswütig, mit Emphase und Furore das feministische "Fräuleinwunder" des bundesdeutschen Literaturbetriebes, ohne in die Gefahrenlagen von Bettlandschaften für Literaturbetriebsnudeln geraten zu wollen.

Was ihr, nach eigenem Bericht, bei ungelegener Gelegenheit schlagfertig gegen den frivol aufgelegten Verleger Siegfried Unseld gelingt

Gerne macht Karin Struck zu ihren Hochzeiten, ihre Literatur Fans einhegend, das Schneewittchen mit ihren "Sieben Zwergen"

Am liebsten hätte sie 1987, in nicht ganz still eifersüchtig leidender Konkurrenz zur Poetinnenkollegin Ulla Hahn, deren späteren Gatten, den Regierenden Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi-

- Unterm Hamburger Rathausdach ein selten Ach an literarisch poetischer Prachtparade zur frühen Nacht-

zu einem ihrer hervorstechendsten "Sieben Zwerge" in ihrer Fan- Landschafts- Nordkurve gemacht.

Karin Struck zeigt dabei keinerlei Scheu, die kultige Uschi Obermaier, mit den nackicht androgynen Brüsten, zu übertrumpfen, wenn es der

"Wahrheitsfindung dient",

wie Fritz Teufel an anderer Stelle vor den Schranken des Westberliner Gerichtes Moabit zu sagen wusste, sich auch mal mit nacktem Po und strammen Mutterliebe Brüsten ablichten ließ.

Karin Struck nimmt sich In ihrem Bestseller Debüt "Klassenliebe" ihre Herkunft als Bauerkind in Mecklenburg- Vorpommern, ihre Zeit als Fabrikarbeiterin, als Geliebte eines Intellektuellen zur Brust und bringt in "Wehenden Worten", über den Bodensee zeitgenössisch ungelebter Gefühle, ihre ganz persönlich weibliche Lebenswelt zur Öffentlichkeit.

Nie wieder habe ich bis heute eine Frau, Autorin und Mutter, wie Karin Struck, so über das "Schwangersein" an sich als wahre Stoffwechsel Bestimmung, nicht im völkischen Sinne, sondern individuellen Erlebensfall als "Rundumerneuerung", wie beim Reifenwechsel, fabulierend, schwärmen gehört.

Die Büchse der Pandorrha ist geöffnet

Von nun an macht Karin Struck, dem Zeitgeist voran, in ihren nachfolgenden Büchern ihr Privates zum Öffentlichen, Ihr verstörendes Eheleben mit einem gradlinig kantig grantigen Handwerker, ihre Schulden, ihre Abtreibung, alles gerät ihr zum Kehraus.

Je rabiater Karin Struck mit ihrem Privaten in ihren Büchern zu Werke geht, desto zurückweichender wird die Buchkritik, bis diese in den relevanten Medien über Jahre nahezu ganz verstummt.

Nicht ihre Bücher, die Autorin Karin Struck selbst wird unübersehbar mehr und mehr zum livehaftigen Skandalon.

Unvergessen der Auftritt von Karin Struck auf dem Hamburger Literatrubel in der Markthalle 1976, neben Gerhard Zwerenz, Heinar Kipphardt, als provokanter Gegenpart zu Helmuth Karasek, dem Kulturredakteur vom SPIEGEL, mit seinem bestellten Aufgebot an eingeflogenen "So als ob" Feministinnen, Peter Wapnewski als sichtlich überforderter Moderator.

Den Literaturtrubel ab 1976 hat der damalige Kulturdzernent der Freien und Hansestadt Hamburg Freimut Duve gestiftet und mit seiner Präsenz vor Ort begleitet.

Karin Struck gebar vier Kinder. In den 90er-Jahren wird sie, die ihr fünftes Kind im Bauch, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht, weil sie bereits über 45 ist?, abtreibt, zur "Karin Rabiata", zur fundamentalen Lebensschützerin, die in jenen Jahren zum Katholizismus konvertiert.

Um diese Zeit kam es zu jenem skandalträchtig wallenden Karin Struck NDR- Talkshowauftritt, in dem sie der damaligen Bundesfamilienministerin Angela Merkel im schneidigen Kommandoton befiehlt, endlich zur Aufklärung über vorgeburtliches Menschsein von Amtswegen beizutragen.

Ob hier bei Karin Struck, im Momentum ganz Alter Ego der unerchütterbar bräsig in sich ruhenden Angela Merkel, bewusst, unbewusst, eine Schuldgefühlsverlagerung vom Privaten ins Öffentliche vorlag, hatte sie doch selber vorgeburtliches Leben abgetrieben?

Karin Struck verstand sich als gesellschaftliches Radikal, das, in welcher Notlage auch immer, auf sich allein oder mit anderen von der gesellschaftlichen Wirklichkeit gestellt, seine Frau zu stehen hatte.

Gerade, wenn Karin Struck dabei bisweilen im Verlauf ihrer Zeitläufte nach allen Seiten so offen wirkte, konnte mit Kurt Tucholsky begründet gefragt werden, wer so offen ist, kann nicht ganz dicht sein?

Stephan Hermlin hat auf meine Anfrage bei ihm in seinem Haus am Fischersplatz in Ost- Berlin um das Jahr 1987, ob er sich einen ost- westlichen "DIwan" mit der bundesdeutschen Schriftstellerin Karin Struck in der Markhalle Hamburg vorstellen könne, geradezu erschrocken reagiert und geantwortet:

"Auch wenn ich es wollte. Das stehe ich auf einer Bühne gemeinsam mit Frau Struck nicht durch! Die Frau hat kein Koordinatensystem"

Ob Karin Struck ein Koordinatensystem fehlte, weiss ich nicht.

Was ich ahne, ist, dem prominenten DDR- Dichter, Autor, Doku- Filmemacher, Friedensaktivist gegen den NATO- Doppelbeschuss, die Stationierung von SS-20/SS22 Mittelstreckenraketen in der DDR, Cruisse Missles, Pershing II Raketen in der BRD, Schriftstellerverband- Funktionär Stephan Hermlin (1915- 1997) fehlte für diese Situation mit Karin Struck selber ein Koordinatensystem, das er aus irgendeiner Schublade ziehen konnte.

Karin Struck hat damals in Sachen NATO- Doppelbeschluss und dessen erstes Opfer, ein 35- jähriger Student der Ingenieurswissenschaften aus Wedel, bei Hamburg, Dietrich Stumpf, der über den Zweiten Bildungsweg, wie Uwe Timm, Benno Ohnsorg, zum Studium gekommen, sich aus Protest gegen den NATO- Doppelbeschluss 1982, Feuer & Flamme für seine Sache, öffentlich selbst in Brand gesetzt und verstarb, in einem bewegenden SPIEGEL- Artikel sehr wohl belegt, dass sie von einem inneren Kompass geleitet war.

Karin Struck wurde 1982 während eines TV- Gesprächs in der Sache des Nato- Doppelbeschlusses richtig barsch gegenüber dem damaligen Bundesverteidigungdsminister Hans Apel.

Selbst das machte Hans Apel, aus erfindlichen Gründen, nicht zum Barsch des Jahres 1982 kurz vor der Wende von der sozialliberalen zur schwarzgelben Koalition, weil das dieser Fisch- oder Gemüseart wie der "Grünen Gurke des Monats" in der taz zu jener Zeit noch nicht zu zumuten war.

Kompromisse an sich und mit sich und anderen waren nicht die Sache von Karin Struck. Was sie tat, tat sie, ohne jeden Schiss, zupackend, mit Biss.

Dabei war Karin Struck betrunkenen VS- Kollegen gegenüber, die als Geburtstagsgäste bei ihr in Hamburg am Schulterblatt, schlagartig unversehens, keiner hat es kommen gesehen, als "Hilflose Person" hingerafft dahinwelkten und ihr neues Sofa still und klammheimlich voll urinierten, geradezu mütterlich besorgte Kümmerin, dass ich bei einer Gelegenheit selber Geburtagsgast mit "Bauchtanzeinlage einer geladenen professionellen Bauchtänzerin" noch im Nacherein innerlich nur staunte:

"That`s Life!"

Die Härten der späten Jahre ihres Lebens haben Karin Struck wohl erst richtig dazu verführt, sich im Reiben an anderen, an gesellschaftlichen Verhältnissen, Unzumutbarkeiten täglich neu aufzurichten, dass sie es sogar ablehnte; in der Endphase ihrer Krebserkrankung schmerzhemmendes Morphium einzunehmen, weil ihr klarer Kopf ihr schmerzlindernde Droge genug war?

Ein Weg Verbündete zu finden und zu halten, ist das nicht.

Kinder Karin Strucks melden sich zu Wort:

"Sie war in der Sache sehr hart", sagt ihre Tochter Sarah Ines Struck. "Sie hat nicht verstanden, dass sie andere damit verletzt. Für uns Kinder war das nicht einfach."

Dass sie sich, wie die Tochter berichtet, bis zu ihrem Tod weigerte, Morphium zu nehmen, zeigte ihre Schonungslosigkeit sich selbst, aber auch anderen gegenüber.

JP

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14349303.html
12.07.1982
Für das Überleben verloren

http://www.youtube.com/watch?v=TQ1zLpGRquc

"Holen Sie den Maulkorb"

Angela Merkel vs. Karin Struck NDR Skandal von 1993 - YouTube

http://de.wikipedia.org/wiki/Karin_Struck
Karin Struck (1947- 2006)

23:19 14.05.2014
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Geschrieben von

Joachim Petrick

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Joachim Petrick

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