Liquidatoren Elend seit dem 26.4.1986

Tschernobyl Katastrophe Es ist, als ob die Welt die Liquidatoren des am 26.4.1986 havarierten Tschernobyl AKW- Block 4 einfach aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit gelöscht hat"
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30 Jahre Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

"Die Ukrainer, Russen machen es uns vor, die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien macht mit, sie haben gemeinsam die Liquidatoren von einst, vom 26. April 1986, die Monate, Jahre danach einfach vergessen"

Liquidatoren werden diejenigen genannt, die in den ersten Tagen nach der Reaktorexplosion von Tschernobyl am 26. April 1986 angeblich freiwillig im Einsatz waren.

Für ihren lebensverkürzend gefährlichen Einsatz vor 30 Jahren werden sie in der Ukraine, wie in der GUS, erstens selten anerkannt, zweitens, wenn ja, kaum entschädigt. Ganz im Gegenteil: Teure aber notwenige Medikamente zur Erleichterung im Alltag bleiben in der Regel für die Betroffenen unerschwinglich, Sonderzahlungen werden insbesondere seit des Ukraine Krieges 2014 gekürzt. Wie soll da die Sonderzulage das sogenannte "Grabgeld" die lebenslange Versehrtheit der Helfer von einst lindern?

Der anerkannte Liquidator Alexander Remisow kann seine Beine nur schwer bewegen, aufstehen kann er gar nicht.. Seine Beine sind zu schwach, Das Koordinieren seiner Beine gelngt ihm immer weniger. Auf Knien rutscht Alexander über den Boden seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung. Dabei müsste das gar nicht sein, schreibt Florian Kellermann in seinem Deutschlandfunk Beitrag:

"Ich habe ihm ein Medikament zu trinken gegeben, das ihm geholfen hat. "Wlada" hat er eines Tages geschrien, vor Freude, ist alleine aufgestanden und ohne Krücken durchs Zimmer gelaufen. Aber dann ist das Medikament plötzlich doppelt so teuer geworden und dann dreimal so teuer. Wir können es uns nicht mehr leisten." erzählt seine Frau Wladimira,

Alexander Remisows Stimme ist zu schwach, er vermag nur zu flüstern. Der 51-Jährige wurde ein Hirnschaden diagnostiziert, der sich über Jahre verschlimmert habe - welche Bereiche betroffen sind, weiß er selbst nicht genau. Die Ärzte erklärten, es sei eine psycho-organische Störung. Ursache angeblich unklar.

Viele Kollegen Alexanders Remisows von damals sind verstorben.

Alexander Remisows selbst ist sich sicher: Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl habe seine Gesundheit ruiniert.

"Mit Hubschraubern wurden damals Blei und Sand direkt im 3- Minuten Takt aus geringer Höhe in der Luft in den brennenden Block 4 Reaktor geschüttet. Wir waren Lkw-Fahrer und haben ausschließlich Blei in Containern angeliefert. Am 27. April war ich zum ersten Mal dort. Meine Kollegen von damals sind alle tot, soweit ich weiß, nach und nach sind sie gestorben. so in etwa weiss Florian Kellermann über Alexander Remisows Einlassungen zu berichten.

Zwei Wochen lang lieferte der damals gerade 21-Jährige das Blei für den havarierten Reaktor Block 4 in Tschernobyl an. Er hätte sich weigern können, räumt er ein, aber:

"Wir wussten doch von nichts. Das war ein Samstag, als mich mein Chef angerufen hat, ob ich mitmache. Vor dem Losfahren haben sie uns allen Wodka ausgeschenkt. Gegen die Strahlung, aber doch gegen die normale Strahlung, hat es geheißen. Von einem Unfall war keine Rede."

Die KPdSU Parteiführung unter Fürhung des gerade 1985 vom ZK ins Amt berufenen Generalsekretärs Michail Gorbatschow in Moskau und die Parteiführung in Kiew deckeln Störfall in Tschernobyl zwei Tage vollständig, bis es nicht mehr geht, weil Alarmsysteme in schwedischen AKWs anschlagen, die Windrichtung der radioaktiv strahlenden Wolken auf der Landkarte eindeutig auf den AKW- Komplex Tschernobyl verweist

Ja, am Anfang wusste keiner Bescheid, erzählt Wladimira aber nach ein paar Tagen verbreitete sich die Nachricht in Kiew. Die Stadt habe sich geleert, die Züge auf die Krim seien voll gewesen, erzählt sie.

"Über den russischen Dienst der BBC haben wir es erfahren. Deshalb ist keiner freiwillig zu den Feiern am 1. Mai gegangen. Die Kommunisten taten ja noch so, als sei nichts passiert. Sie haben mit Entlassung gedroht, damit die Leute ins Stadtzentrum kamen. So war es bei meiner Mutter, die für einen Rüstungsbetrieb gearbeitet hat. Nicht mal als Putzfrau würde sie mehr eine Arbeit finden, hieß es."

Menschen wie Alexander Remisow werden in der Ukraine "Liquidatoren" genannt - Beseitiger. Vor allem für diejenigen, die in den ersten Tagen nach der Katastrophe im Einsatz waren, war eigentlich ein "Heldenstatus" bestimmt, wie der der Helden im "Vaterlndischen Krieg 1941- 1945 gegen den deutschen Faschismus, meinen zunächst nach 1986 nicht nur Opferverbände. Denn sie verhinderten, dass noch mehr hoch radioaktiv kontaminierter Staub in die Atmosphäre gelangte.

"Heldenstatus?" Wladimira Remisow findet die Frage nur amüsant, erläutet Florian .


"Zu Alexander sagen die Amtsärzte: Seine Krankheit habe nichts mit Tschernobyl zu tun. Weil der Staat ihm sonst eine Entschädigung zahlen müsste. Eigentlich müsste er umgerechnet etwa 200 Euro Rente bekommen. Tatsächlich bekommt er gerade mal 70 Euro, die normale Invalidenrente. Und von der Sonderzulage für Liquidatoren ist fast nichts mehr geblieben. Brotgeld nennen sie die paar Hrywnja offiziell, wir nennen sie Grabgeld."

Die Sozialleistungen für Liquidatoren, die ihnen in der Sowjetunion noch sicher waren, wurden in der Ukraine seit dem ukrainisch- russischen Abkommen in Budapest 1994 mit den USA, Frankreich, England, Deutschland als Garantiemächten sukzessive gekürzt und schließlich spätestens im Wege der Krim- Annexion durch die GUS und Beginn des Krieges in der Ostukriane 2014 abgeschafft.

Ausgerechnet vor dem 30 Jahrestag der Katastrophe in Tschernobyl verabschiedete das Parlament in Kiew vergeblich ein neues Gesetz: Die "Tschernobyltsy", wie sie auch genannt werden, sollten zumindest keine Steuern mehr auf ihre Renten zahlen.

Was passierte? Zu teuer für den Staat Ukraine im Kriegszustand, so in etwa äußerte sich der Schokoladen- Milliardär und Präsident der Ukraine Pedro Poroschenko, legte darauf sein Veto ein und brachte das Gesetz zu Fall.

Soweit das Vergessen der Liquidatoren durch Staat und Gesellschaft der Ukraine. Wie steht es aber mit dem Vergessen der Internationalen Völkergemeinschaft in der UNO, voran den Ländern Europas, der Türkei, des Kaukasus, des Nahen und Mittleren Ostens?

- Ein türkisches Unterrnehmen erhielt 1997 den Zuschlag zum Bau des Sarkophags des havarierten Block 4 in Tschernobyl. -

Russland hat die Annexion der Krim, den Krieg in der Ostukraine 2014 als willkommene Gelegenheit genutzt, sich vollständig aus der 1994 in Budapest zugesagt russischen Mitfinanzierung des Sarkophags für den havarierten Block 4 des inziwschen stillgelegten AKW- Komplexes Tschernobyl in der Ukraine nahe zur Grenze nach Weissrussland zurückzuziehen.

Von einer Mitfinanzierung der Folgekosten lebenserhaltender Behandlungen, Existenzsicherung von Geschädigten, Hinterbliebenen verstorbener Opfer des Tschernobyl GAUs 1986 durch Russland war, soweit mir bekannt, dagegen überhaupt nie die Rede.

Was ist mit den Dokumenten die u. a. mit der ZDF- Doku- Sendung "Tschernobyl Vermächtnis" am 24. April 2016 offenliegen, welches politisch- kriminogenes Spiel 1986 und danach im Zusammenhang mit dem Supergau in Tschernobyl auf internationaler Ebene hinsichtlich der wirklichen Datenlage bzw. deren unterlassener Archivierung gespielt wurde?

Die Führung der UdSSR war 1986 über die Maßen gegen alle Menschenachtung bereit, das wirkliche Ausmaß der Tschernobyl Katastiophe daheim und auf internationalem Parkett, wenn nicht ganz zu verheimlichen so doch herunterzuspielen. Was mussten AKW- Experten der UdSSR zur Berichterstattung bei der IAEO 1986 in Wien geladen und danach erleben, sie wurden von westlichen Atom- Experten innerhalb der IAEO gedrängt, Kern- und Kenndaten der Katastrophe noch weiter herunterzudimmen, unsichtbar ins Kleingedruckte zu verlegen, als sie es ohnehin taten, damit das Projekt der globalen Atomindustrie in ihrer militärisch- zivilen Nutzung im Bewusstsein der Mehrheit der Bevölkerung nicht in Verruf käme.

Die verantwortungslose Bereitschaft Hoher Vertreter der Staatengemeinschaft, die Folgeschäden der Tschernobyl Katastrophe vom 26. April 1986 beginnend mit dem Begriff "Unglück" herunterzuspielen, verweiist im Umgang mit der Fukushima Katastrophe 2011 einmal mehr Richtung Tendenz, diese Schäden, entweder administrativ robust zu ignorieren, wenn das nicht mehr geht, wenn möglich, zu vollen Lasten der Betroffenen als Einzelfall psychiatrisierend zu individualisieren.

Das große Versprechen der Atomindustire nach dem Zweiten Weltkrieg 1945, global aufgestellt, über Gesellschaftssysteme und Blöcke des Kalten Krieges hinweg, energiepoliitisch Verantwortung für Frieden und Entwicklung der Menschheit auf allen fünf Kontinenten gegen Kriege um Rohstoffe, Ressourcen, Kapital und Arbeit, Gas und Öl, zu übernehmen, erweist sich vom Anfang an her mit Blick auf die kriminell zu nennende Haltung, einseitige Parteinahme der IAEO in Wien zu Gunsten der Atom- Lobby, zu Lasten geschädigter Menschen, unbewohnbarer Regionen in der Welt durch Reaktor- Störfälle, und die Informationspolitik der IAEO als Schall und Rauch.

Auf diesem Hintergrund erscheint die Wende 1989/91, dem Fall der Berliner Mauer, der Einheit Deutschlands, Europas, der Zerfall der UdSSR in ihre Bestandteille autonomer Republiken in einem ganz anderen Licht, als dem der größten geopolitischen Katastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts, wie der russische Präsident Putin meint, wenn sich die Einen in Ost und West als Besiegte, die Anderen als Sieger zu vermitteln suchen, nämlich als Gemeinschaft der Verantwortungslosen, die als zwei Seiten derselben Medaille nur einem Ziel gemeinsam zustreben, sich den Lehren aus der Katastrophe von Tschernobyl 1986 für die militärisch- zivile Nutzung der Atomenergie zu entziehen, koste es an eben noch vorhanden organisierter Verantwortung der Völkergemeinschaft, was es wolle.

Der Atomindustrie- Kritiker, Klaus Traube, Jahrgang 1928, war kurz nach dem Tschernobyl GAU 1986 ein gefragter Mann und erklärte damals:


"Der Super-GAU kann auch in Deutschland passieren, davon ist Klaus Traube fest überzeugt. "Die Technik ist so gefährlich, dass menschliches Versagen verheerende Konsequenzen haben kann", sagt er mit Blick auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Wenn Traube seine Überzeugungen darlegt, erinnert er gerne an seine eigenen Erfahrungen als Manager in der Atomindustrie.

"Atomtechnik ist nicht gutmütig"

Anfang der 1970er Jahre kam es im AKW Brunsbüttel an der Elbe zu einem gravierenden Störfall. Klaus Traube war damals Chef von Interatom, einer Siemens Tochterfirma. Nur um Haaresbreite konnte verhindert werden, dass Radioaktivität in die Umwelt gelangte. Die Fehleranalyse ergab eine triviale Ursache: Ein Mitarbeiter hatte mit dem Schraubenzieher an einer falschen Schraube gedreht.

Klaus Traube bringt es damals auf den Punkt: "Jeder Mensch, der Jahre lang in einem Atomkraftwerk arbeitet, gewöhnt sich an die Gefahr und nimmt die Atomtechnik irgendwann als etwas Gutmütiges wahr."

Und das sei die große Gefahr. In Tschernobyl habe die Betriebsblindheit zur größten Katastrophe in der Geschichte der Kernenergie geführt. Alltägliche Unachtsamkeit sei auch die Ursache für die vielen "kleinen" Störfälle, die alljährlich in Deutschland passieren, meinte Klaus Traube damals 1986 und begründet seine vorher zustimmenden Einstellung zur Atomkraft als die Welt noch im Atomrausch, Grenzen des Wachstums noch kein Thema war.

"Als Sozialdemokrat dachte ich, die Atomkraft behebt Umweltprobleme und Arbeitslosigkeit",

Doch dann liest er 1972 den Bericht des Club of Rome über die Grenzen der Wachstumsgesellschaft. Der Bericht erregte großes Aufsehen und inspirierte die Anti-AKW-Bewegung in Deutschland, schreibt Christiane Gorse am 16.4.2016

http://www.planet-wissen.de/technik/atomkraft/das_reaktionsglueck_von_tschernobyl/pwieklaustraube100.html
Tschernobyl
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Als sich 1986 der Super-GAU in Tschernobyl ereignet, ist Traube einer der wenigen Experten, die, ohne gesicherte Datenlage, von Westdeutschland aus herleiten können, was im 2000 Kilometer entfernen Tschernobyl passiert sein könnte.

Nachdem Traube lange energiepolitischer Sprecher des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND war, arbeitete er als Berater für den Deutschen Naturschutzring und andere Naturschutzorganisationen. Jahrelang war er auch für die SPD-Bundestagsfraktion beratend tätig, um den Atomausstieg politisch zu forcieren. Zuletzt war seine Expertenmeinung 2011 gefragt, nachdem sich das Reaktorunglück in Fukushima ereignet hatte.

JPFür ihn sei die Atomenergie mehr denn je ein Flop. Dazu rechnet er vor: Die Atomenergie ist zu teuer, zu gefährlich und nicht zukunftstauglich, weil sie dem weltweit steigenden Strombedarf nicht gewachsen ist. Die Uranvorkommen würden schlicht nicht ausreichen, zitiert Christiane Gorse Klaus Traube

http://www.deutschlandfunk.de/30-jahre-reaktorunglueck-in-tschernobyl-die-ukrainer-haben.795.de.html?dram:article_id=352326
"Die Ukrainer haben die Liquidatoren einfach vergessen"
25.04.2016
30 Jahre Reaktorunglück in Tschernobyl

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2722424/Das-Tschernobyl-Vermaechtnis#/beitrag/video/2722424/Das-Tschernobyl-Vermaechtnis

Tschernobyl Vermächtnis

https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/stoppt-putin-tschernobyl-sarkophag-gelder
JOACHIM PETRICK 11.08.2014 | 14:35 16
Stoppt Putin Tschernobyl- Sarkophag Gelder?
Ukrainekrise Die Situation ist desolat. Der alte Sarkophag aus Beton von 1986 ist rissig und hat sein Verfallsdatum überschritten. Die Gefahr für die Bevölkerung wächst täglich.

https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/flieht-atom-lobby-kurz-vor-kernschmelze-in-systemwechsel
JOACHIM PETRICK 09.04.2011 | 11:43 10
Flieht Atom- Lobby, kurz vor Kernschmelze, in Systemwechsel?

https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/das-mutlose-schwarzgelbe-atomausstiegsgesetz
JOACHIM PETRICK 09.06.2011 | 14:19 4
Das mutlose schwarzgelbe Atomausstiegsgesetz

16:11 25.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

Aktuelles: Meine sichere Route- Refugee-Airlift - Petition "Luftbrücke für Flüchtlinge in Not" an die MdBs des Bundestages erhofft Debatte
Joachim Petrick

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