Rhetorik, Baisse der Beredsamkeit

Walter Jens meint im Jahre 2001 in der Zeitschrift "Tempo", diese Entwicklung der Rhetorik füllt ganze Bibliotheken und fristet doch eher ein Baisse Dasein. Rhetorik, Hebamme der?
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Rhetorik in babylonischer Gefangenschaft

Rhetorik, Hebamme der Res Publica!

Rhetorik, Beredsamkeit Baisse im Sinkflug. Überredungskunst Haussee im Höhenflug?

Rhetorik, ein Hort Demokratischer Tugend und Gesinnung?

Für mich ist, mit Blick auf die Bedeutung der Rhetorik für unserer demokratischen Gemeinwesen, die wichtigste Tugend, sich wissbegierig, umfassend zu bilden, im Sinne Hannah Arendts Freude am Denken ohne Geländer zu nähren, und am Ende eines langen Prozesses dialogischrt Einkehr, ein unabhängig, eigenes Urteil in einer Sache, zu einer Person zu fällen.

Aus diesem Grund mag ich mir meinen Alltag ohne Raum und Zeit fürs Lesen gar nicht vorstellen. Ich schaue mich nach Lesestoff um, ich lese nicht zum ersten, sondern zum so und so vieltem Mal ein Buch, aus reiner Wissbegier, gepaart mit Spontanität im Zugriff nach gerade dieser Lektüre.

Dabei denke ich nicht an Deutschland, sondern eher an Hannah Arendt und ihren Begriff vom

"Wagnis des Öffentlichen",

weil ich meinem inneren Drang nach Beredsamkeit, authentisch, öffentliches Gehör verschaffen will

Aber wie soll mir das gelingen, mir einfach Gehör zu verschaffen?, wenn ja, wo beginnen?

Gibt es da nicht vollkommen unterschiedlich widerstreitende Anlässe?, Beweggründe, Adressaten, rein persönlichen Interesses hier und allgemeinen Interesses da?

Wie kann mein persönliches Interesse als ein allgemeines Interesse Geltung erreichen, wie kann ein allgemeins Interesse zu meinem persönlichen Interesse werden?

Um mir diese Frage hinreichend beantworten zu können, komme ich nicht daran vorbei, mich den Wurzeln des Begriffs Rhetorik anzunähern.

Die Geschichte der Rhetorik beginnt nicht erst in der griechischen Antike, sondern mit dem sich ausbldenden Sprach- und Sprechvermögen der Menschen.

In den Stadtstaaten des antiken Griechenlands, in denen alle männlichen Vollbürger, Frauen waren definitiv ausgeschlossen, an den politischen und rechtlichen Entscheidungen mitwirken konnten, wurde aber erst das Interesse an der Geschichte und Praxis der Rhetorik im Alltag der Menschen grundsätzlich als Kulturtechnik gefordert und gefördert, wie heute bei uns das Erlernen zertifizierter Fahrpraxis von PKWs, Motorrädern, Fahrrädern, Sportbooten.
Galt in der Antike das Wort:

“Ich rede und höre die Gegenrede, also bin ich demokratisch!“,

wenn ja, welches Wort gilt bei uns?, doch nicht etwa das Wort:

„Ich bin zertifiziert mobil im Straßenverkehr unterwegs und lasse Verkehrsregeln, samt Ampeln und Gegenverkehr gelten, also bin ich demokratisch?“

In den griechischen Stadtstaaten spielte die Rhetorik im allgemeinen Bildungskanon eine zentrale Rolle. Streitigkeiten, beispielsweise um offene Grundstücksfragen, das Ordnen des Gemeinwesens nach Tyrannenmorden, Senatswechseln, um strittig politische Positionen zu Sachverhalten, Personen, die für die Allgemeinheit von Bedeutung waren, waren Garant dafür, sich eingehender den Reglen der Kunst öffentlicher Rede zu unterziehen.

Wer sein Recht haben oder allgemeines Recht schaffen wollte, musste sich beredsam behaupten, sein Anliegen vor Gericht persönlich wirksam vortragen können.

Da die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hierzu auch in den antiken Stadtstaaten nicht ausreichend gebildet war, suchten sich Ratsuchende Redelehrer – wie Korax oder dessen Schüler Gorgias –, die Ratsuchenden beim Verfertigen von Reden halfen oder deren öffentliche Rede ganz übernahmen.

Gewiss hat es die praktische Beredsamkeit schon immer gegeben, bereits in den Epen Homers klingt sie, den Leser bannend, an, deren ausdrückliche Lehre als Kunst entwickelt sie jedoch erst im 5. Jahrhundert v. Chr. aus ganz praktischen Bedürfnissen der Res Publica.

So entstanden die ersten Rhetorik Lehrbücher, die alle Arbeitsschritte von der Konzeption der Rede, dem Finden und Anordnen passender Argumente und deren wirkungsvoller sprachlichen Ausgestaltung bis zum Auswendiglernen der Rede und dem mündlichen Vortrag didaktisch auflisteten.

Diese komplexe Entwicklung der Rhetorik füllt ganze Bibliotheken und fristet doch heute, eher ungelesen, ein Baisse Dasein, wie es, Walter Jens, der am 9. Juni 2013 verstorben ist, in einem Interview im Jahre 2001 in der Zeitschrift "Tempo", überzeugend, sinngemäß, zu berichten weiss.

Platon regt in seinen Dialogen (Gorgias) Auseinandersetzungen über die Rhetorik an.
Die Unterscheidung, die Platon dabei vornimmt, ist die zwischen den Philosophen und den Sophisten.

Platon begründet den Unterschied erkenntnistheoretisch wie ethisch:

"Den Sophisten geht es nur um die Überredungskraft der Rede, selbst wenn das Gegenüber von Falschem oder Widersprüchlichem überzeugt werden soll. Diese Position ist zwar erfolgreich, aber ethisch fragwürdig; den wahren Philosophen kann es nur darum gehen, durch die Rede zur Wahrheit hinzuführen", heißt es sinngemäß bei Platon.

Sokrates, Erfinder der Mäeutik (im metaphorischen Sinne), bringt sein Verständnis von Rhetorik auf den Begriff der

„Hebammenkunst“

des in Wehen aufspürenden Fragens und Ausdeutens von Widersprüchen, Ungereimtheiten, Paradoxien, Interessenskollusionen, mit deren gemeinsamer Geburtshilfe man selber wie sein Gegenüber schließlich im Verlauf des "Sokrateschen Dialoges", die Niederkunft seiner ganz eigenen und gemeinsamen Wahrheit gewahr wird.

Eine positiv verstandene Rhetorik ist deshalb, wie Platon diese im Phaidros anlegt, Seelenlenkung (Psychagogik) sein.

Den Vorhalt, ob die platonischen Dialoge nicht nur eine Sophistik eigener Art entwickelt haben, vermochte Platon mit Gewissheit als "Sprechender Philosoph" wie Sokrates, rhetorisch authentisch auszuräumen.

In der Neuzeit erfährt die Rhetorik seit dem 17 Jahrhundert, ausgenommen in Frankreich vor, in und nach der Französischen Revolution 1789, In England nach Einführung der Parlamentarischen Monarchie 1688, im Bildungskanon, zunehmend, in Schüben eine rätselhafte Marginalisierung bis zur völligen Abdrängung in die Poesie, Dichtkunst, Literatur, Psychoanalyse, therapeutische Sprachpraxis.

Erst bei genauerem Hinsehen wird klar, warum.

Staaten, Gesellschaften, die tagtäglich neu, computergesteuert hochfrequent als Gemeinwesen an den Börsenplätzen der Welt Baisse oder Hausse im Rating verhandelt, zur Beute von Globalplayern, Clans, Parteien mit Blick auf profitable Varianten des Private Public Partnership (PPP) wurden und werden, geht jeder Sinn für den demokratiebildenden Kern von Rhetorik ab, der da mit den Worten von Walter Jens lautet:

"Eine Rede ist zunächst dann überzeugend, wenn ich zeige: «Dies bin ich, und ich meine es so, wie ich es sage.» Ein seiner Natur entsprechender Nuschler, einer, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, kann unendlich viel überzeugender reden, als einer, nach dessen Rede man sagt: Das hat er sich angelesen. Beispiel! Bruno Kreisky ist ein Redner gewesen, der alle Regeln über den Haufen geworfen hat. Er sprach nicht deutlich, er sprach in seiner eigenen Weise. Das aber so eigenständig, daß die Menschen sahen und hörten: der steht dahinter, der glaubt das. Ein Spießbürger auf der anderen Seite, der plötzlich die Kunst des Brillierens versucht, der ist verloren."

Hannah Arendt litt ja wie "Sau" darunter, dass ihr bei ihrem "Wagnis des Öffentlichen"

im Zusammenhang mit ihrem Buch über den Eichmann- Prozess in Tel Aviv 1961 mit dem Titel

"Die Banalität des Bösen"

durchweg fundierte Gegenreden verweigert, sie stattdessen mit massiven Einschüchterungsversuchen, Bedrohung an Leib und Leben, Versuchen des Rufmords, samt Telefonterror konfrontiert war.

Hannah Arendt hat mit ihrem Streben nach Urteilskraft durch ein
"Denken ohne Gelländer"
und dem Regulativ des

"Wagnis des Öffentlichen"

die Kernaussage von Rhetorik mit der Milch ihres Philosophiestudiums bei Karl Jaspers, Martin Heidegger als reine gesellschaftliche Wahrheit eingesogen, aber vernachlässigt, dass Rhetorik im eigentlichen Sinne von Beredsamkeit im Öffentlichen Raum vor, im und nach den heißen und kalten Kriegen seit 1914 keinen wirklichen Platz mehr hat.

Warum?,
weil die Ressourcen für ein gesellschaftlich breit aufgestelltes Wissen und Können um die demokratiebildende Wirkung und Bedeutung von Rhetorik in unseren Gesellschaften seit Jahrzehnten, heillos unterfinanziert, demobilisiert sind.

Fazit
Wer da, wie Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel meint, er, sie diene der Demokratie durch Methoden, Finessen asymmetrischer Demobilisierung der Anhängerschaft gegnerischer Parteien, wie im Bundestagswahlkampf 2009, dient nicht der Res Publica, geschweige denn der Rhetorik im Sinne von argumentativer Überzeugungskraft, sondern der Überredungskunst, das andere sich, ungeahnt zu ihren Lasten, dem Wagnis Öffentlichkeit, der Stimmenabgabe am Wahltag, ja allen Ansätzen von Demokratie in Bund. Ländern, Kommunen, übel gelaunt, entziehen

Wo ungehaltene Reden, ausgelassene Argumente, das Abwerten des Gegenübers im Dienste asymmetrisch demobilsierender Überredungskunst, statt authentischer Überzeugungskraft im Namen der Res Publica, als Eintrittkarte in höhere Weihen von Parlamenten, Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Stiftungen, Verbänden, gelten, fristet die Rhetorik, aus der gesellschadftlichen Mitte geworfen, am gesellschaftlichen Rand, haltlos dahinwelkend, marginalisiert, ein Mauerblümchen Dasein für fade schmeckende Festtagsreden.
JP

http://www.kultur-netz.de/archiv/literat/walter_jens.htm

Monatszeitschrift Tempo 10/2001
DEUTSCHLAND
ERLEBT EINE
RHETORISCHE BAISSE
Walter JENS
im Gespräch mit Holger Wilms

03:56 14.06.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

Aktuelles: Meine sichere Route- Refugee-Airlift - Petition "Luftbrücke für Flüchtlinge in Not" an die MdBs des Bundestages erhofft Debatte
Joachim Petrick

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