Schweinemassenmord 1915 und dessen Folgen

Erster Weltkrieg Der Oberbürgermeister Kassels, Erich- Koch Weser, vertraut seinem Tagebuch im Oktober 1914, nach zwei Monaten Krieg, einen ersten Stoßseufzer an:"Heute eine lange..,"
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"1914- 1918, Hungerstreiks daheim, Kampfstreiks an der Front, Kartoffeln und Granaten, Kanonenfutter statt ordentlicher Butter"

Was für ein binnenwirtschaftlich hochriskantes Abenteuer und Unterfangen auf Seiten der Obersten Heeresleiting des Deutschen Kaiserreiches.

Der Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 erweist sich, angesichts abwesender Koordination, den Paralelladministrationen insgesamt, sonders in den Ländern, den fortbestehenden Königreichen, Fürstentümern im Hohenzollern Reich mit eigenen stehenden Heeren, eigener Logistik, soweit überhaupt krisen- und kriegstauglich, vorhanden, vom Anfang bis zum Ende des Ersten Weltkrieges als ein unendlich unheilvolles Desaster in der Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung daheim und der Soldaten an der Front in den Schützengräben der Materialschlachten des mörderischen Stellungskrieges.

Die einen ereilt das Kriegszittern aller Gliedmaßen im unentwegt unaufhörlichen Donnerhall, den tausendfachen Einschlägen der Artilleriegeschosse an der Front im Westen, Osten, Süden, ohne aufzuhören, wenn vorübergehend Stille einkehrt, die anderen zittern vor Hunger, Kälte, Auszehrung, Hoffnungslosigkeit daheim.

Nahezu vergebliche Hungerstreiks an der Heimatfront werden die Folge sein. Mangelernährungskrankheiten, wie Rachitis, Dyphterie im Kindesalter grassieren.

*- Die ältere Schwester Sophie meiner Mutter (Jahrgang 1914, verstorben 1999), stirbt 1917 mit gerade einmal sechs Jahren, aus dem Gutsherrn- Dorf Federow mit angeschlossener Verwahranstalt für Verwahrloste, Obdachlose, verarmt reisendes Volk als Insassen und russische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter, nach Waren / Müritz durch Eis und Schnee in einer Pferdekutsche verbracht, an verschleppter, zu spät behandelter, Dyphterie-

Der erste Stoßseufzer des Oberbürgermeisters von Kassel im Oktober 1914, der noch bevorzugten Garnisonsstadt wilhelminisch vollem Glanz und Gloria, Pomp und Pracht mit knieender Andacht beim Feldgottesdienst in vollem Wichs, bei Truppenmanövern und Paraden macht es deutlich.

* - Mein Großvater Paul Niemann (1876- 1962) mütterlicherseits wusste als Proviantmeister im Range eines Hauptmanns kaiserlicher Heere von Kassel als Garnison und erstem standesgemäß gemeinsamen Wohnsitz mit seiner Frau Emma bis an sein Lebensende, mit Glanz in seinen Augen, zu schwärmen -.

Der Oberbürgermeister Kassels, Erich- Koch Weser vertraute einen ersten Stoßseufzer im Oktober 1914, nach zwei Monaten Krieg, seinem Tagebuch an:

"Heute eine lange Sitzung über die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln (.....). Die Regierung scheint zu versagen. Ich fürchte, mit unserer finanziellen und militärischen Mobilmachung kann sich unsere wirtschaftliche, insbesondere die Versorgung mit Lebensmitteln nicht messen (**Mühlhausen/Papke, 14.10.1914) .

Im Jahr 1915 hatte sich die Ernährungslage der Bevölkerung im Deutschen Kaiserreich, vor allem durch die erfolgreich maritime Seeblockademilitärpolitik Englands, weiter dramatisch verschlechtert.

"Die Lebensmittelfragen werden immer ernster. Und noch immer kein zielbewusster Wille bei der Regierung. Es kommt wirklich nicht so sehr darauf an, ob die Kartoffeln 3.50 Mark oder 4 Mark kosten, als dass man endlich weiss, woran man ist(...)",

schreibt Erich- Koch Weser in sein Tagebuch, ohne zu verdeutlichen, welche Regierung er meint, die Reichsregierung in Berlin oder die Landesregierung des Königreiches Hessen- Württemberg in Kassel?

"Es ist eben ein völliges Durcheinander, jede Abgrenzung zwischen oberen und unteren Instanzen fehlt-" (**Mühlhausen/Papke, 29.10.1915).

Kaum hatte der Erste Wekltkrieg im August 1914 begonnen, schossen die Lebensmittelpreise im Deutschen Kaiserreich unkontrollert in die Höhe.

SPD- Politker forderten im Deutschen Reichstag, in den Länderparlamenten sogleich patriotisch, die Lebensmittelpreise in Gänze nach oben von Amtswegen zu deckeln, damit der "Burgfrieden" nicht gefährdet sei, während die Vertreter der Agrarindustire, voran der Großagrarier, zu denen der Held von Tannenberg, der Junker und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg in Ostpreußen gehörte, gar nicht patriotisch gesonnen, sich um den Burgfrieden nicht scherten, darauf bestanden, dass jede Beschneidung ihrer Vedienstmöglichkeiten, durch tägliche Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel vermieden werde.

Zunächst schienen die Sozialdemoraten mit ihren Forderungen erfolgreich zu sein, als die Reichsregierung im Oktober 1914 Höchstpreise für bestimmte landwirtschaftliche Produkte, Milch, Kartoffeln, Brot festlegte.

Doch schlug bereits hier die fehlende Koordination unter den Ländern, Städten, Gemeinden des Deutschen Kaiserreiches kontraproduktiv voll durch. Alle schienen patriotisch begeistert, hochgestimmt gesonnen für Kaiser, Volk und Vaterland im Kriege, Söhne als Soldaten an der Front und hatten doch nicht mit der angestammten Bäuernschläue der Agrarwirtschaftler gerechnet.

So entstand durch diesen Mangel an Koordination, an unvorhergesehenen Effekten, durch die selektive Festlegung von Höchstpreisen für einzelne landwirtschaftliche Produkte, in der Landwirtschaft ein Anreiz, sich auf Marktsegmente zu verlegen, die noch von amtlichen Interventionen in der Preisgestaltung verschont geblieben waren.

Die Bauern verfütterten nun ihr Brotgetreide an das Rinder- Borsten- und Federvieh, voran Schweine, um am Viehmarkt bessere Preise mit wohlgenährtem Vieh zu erzielen, denn für das Rinder- , Borsten- , Federvieh- vor allem Schweinefleisch galt noch keine amtlich verordnete Höchstpreisgrenze.

Nun überreagierte die Reichregierung, angesichts ausufernder Preise für Schweinefleisch, um die Versorgungslage der Bevölkerung mit Fleisch zu sichern und es kam im Frühjahr 1915 im Deutschen Kaiserreich zum berüchtigten

"Schweinemassenmord"

mit verheerenden Folgen..

Auf einen Schlag wurden reichsweit auf dem Amtswege 8 von 25 Millionen Schweinen gekeult, massenweise umgebracht, geschlachtet, um der Bevölkerung daheim, den Soldaten an der Front, Schweinefleisch als höherwertiges Nahrungsmittel zu sichern.

Plötzlich gab es reichsweit ein Überangebot Schweinefleisch am Markt.

Die Preise für Schweinefleisch sausten irreversibel tief in den Keller mit der mittel- und langfristigen Folge, dass dem Überangebot an Schweinefleisch ein Mangel an Schweinefleisch folgte, weil die Bauern immer weniger Schweine im Stall hielten und dadurch einen weiteren Mangel erzeugten, den Mangel an Gülle als Dünger für den Anbau von Brotgetreide, Feldfrüchten.

Die Gülle war als Dünger umso wichtliger auf den landwirtschaftlichen Anbauflächen, weil, aufgrund der englischen Seeblockade, die Einfuhr von natürlichem Salpeterdünger aus Chile durch Schiffe etlicher Reeder aus Bremen, Hamburg. Lübeck, Wismar, Rostock, Stalsund, Danzig, Pillau, Königsberg ausgesetzt war.

Selbst die geniiale Erfindung des Haber- Bosch- Verfahrens 1916 zur Herstellung von künstlichem Dünger vermochte diesen Mangel an Dünger bis zum Kriegsende 1918 im Deutschen Kaiserreich nicht zu beheben.
JP

* Einschub des Autors
** Quelle: "Heimatfront" , Thomas Flemming, Bernd Ulrich, 2014, Bucher Verlag, München, 288 Seiten, Kapitel: Rüstungsindustrie und Landwirtschaft "Kartoffeln und Granaten", Seite 138
(Zwischen Kriegsbegeisterung und Hungersnot- wie die Deutschen den Ersten Weltkrieg erlebten)

16:55 21.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

Aktuelles: Meine sichere Route- Refugee-Airlift - Petition "Luftbrücke für Flüchtlinge in Not" an die MdBs des Bundestages erhofft Debatte
Joachim Petrick

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