"Spiegel- Affäre 1962", anders erzählt

Konrad Adenauer Hat Rudolf Augstein im Jahre 1962 alle damals Lebenden gelinkt, hüben hinter die Fichte, bzw. drüben hinter den Turm geführt?
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Hat Rudolf Augstein im Jahre 1962 alle damals Lebenden gelinkt, hüben hinter die Fichte, bzw. drüben hinter den Turm geführt?, wenn ja, hat Rudolf Augstein dafür mit über 100 Tagen Untersuchungshaft unschuldig gebüßt?

Es hat den Anschein und wieder auch nicht den Anschein.
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Im Jahre 1962 lagen gerade die ereignisreichen Wochen des Berliner Mauerbaus vom 13. August 1961, die Bundestagswahl im September 1961 ein paar Monate zurück.

Willy Brandt (1913- 1992) leck sich als Regierender Bürgermeister Westberlins, unter tätig einfühlender Assistenz seines treuen Ekkart vom RIAS- Berlin und Senats- Pressesprechers, Egon Bahr, seine Wunden aus der verloren gegangenen Wahlschlacht 1961.

"Der Alte war immer noch nicht weg vom Kanzleramtsfenster im Palais Schaumburg in Bonn/Bad- Godesberg.

Gemeint war mit dem Alten Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876- 1967).

Das war die Stunde des damaligen SPD- Fraktionsvorsitzenden Fritz Erler (1912- 1967), der, anders als Willy Brandt, für eine Große Koalition mit der CDU/CSU, unter Führung des gerade wiedergewählten Bundeskanzler Adenauer zur Verfügung stand und darin, nicht nur vom Hamburger Innensenator Helmut Schmidt, sondern dem SPD-Vorsitzenden Erich Ollemhauer (1901- 1963), dem SPD- Vize- Vorsitzenden Herbert Wehner (1906- 1990), ratgebend, bestärkt wurde.

Aber wie konnte das bewerkstelligt werden, ohne den SPD. Kanzlerkandidaten Willy Brandt und seinen Westberliner SPD- Kreis zu brüskieren?

Eine Inititative zu einer solchen Großen Koaltition konnte deshalb nur von der CDU/CSU ausgehen-

Aber auch dass war im Jahr 1962, ohne die FDP vor den Kopf zu stossen, kaum kommunizierbar-

Da war guter Rat teuer.

Nach dem Verbot der KPD im Jahre 1956, dem Godesberger SPD Programm vom Jahre 1959 hatte die geistig kulturell politische Lage in der Bundesrepublik an Fahrt Richtung Westbindung, Zustimmung zur Existenz sder Bundeswehr, samt Wiederausfrüstung in den Medien an Fahrt gewonnen, dass selbst das Sturmgeschütz der Demokratie, das Wochenmagazin DER SPIEGEL mit seinem Herausgeber Rudolf Augstein, die Richtung seiner Granatensalven Geschützrohre nicht mehr gen Westen, Osten, Nord noch Süd, sondern als recherchierte Schreckschüsse in den Himmel, in die Hölle von gesellschaftlichen Skandalen schoss.

Rudolf Augstein hatte als eingeschworen nationalliberaler Gegner der Wiederaufrüstung Deutschlands, der Teilung Deutschlands, der West- wie Ostbindung von Teilen Deutschlands, eher unbemerkt seine persönliche Wende, längst vollzogen, war doch Landes- und Hochverrat seit den Tagen des allzu berechtigten Deutschen Widerstandes gegen das NS- Regime, zum, anstiftend, sinnstiftenden Beitrittsgebiet geraten.

in der SPIEGEL Ausgabe vom 13.Juni 1962 hatte Rudolf Augstein direkt die Katze seiner Wende aus dem Sack gelassen, einmal per "Titelgeschichte

"stärker als 39",

militaristisch anklingend, die rüstungspolitischen Muskeln gen Osten spielen lassen und gleichzeitig unter dem Pseudonym "Jens Daniel" über seine Kolumne gen Bonn Bundeskanzler Konrad Adenauer, ermunternd und ermutigend, zurgerufen:

"DER ALTE MUSS BLEIBEN".

Das war nicht nur für Rudolf Augstein als zahlendes Mitglied der FDP, der im Jahre 1957 vergeblich versucht hatte, in den Deutschen Bundestag auf einem FDP- Ticket gewählt zu werden, das pure Kontrastprogamm zum damals führenden Personal der FDP, voran dem Vizekanzler Erich Mende, der mit Konrad Adenauer in den Kolaitionsverhandlungen vom Herbst 1961 nach der für die FDP respektabel gewonnenen Bundestagswahl dessen Rücktritt im Laufe der gestartet neuen Legislaturperiode bis 1965, d.h. spätestens im Jahre 1963 vereinbart hatte-

Ein Verbleiben Konrad Adenauers im Amt bis hin zu einer weiteren Kandidatur als Bundeskanzler im Wahljahr 1965, wie es Rudolf Augstein, alias Jens Daniel, in seiner Kolumne vorschlug, war mit der FDP nicht, aber sehr wohl mit bestimmten Teilen der SPD, voran mit deren Fraktionsvorsitzenden Fritz Erler, sehr wohl zu machen.

Inzwischen hatte sich zwischen zwei Sozialdemokraten und Studienfrenden von einst, Conrad Ahlers, Leitender Redakkteur DES SPIEGEL und einstiger Mitarbeiter des BND, möglicherweise auf Anregung von Rudolf Augstein, sowie dem Hamburger Innensenator Helmut Schmidt als ausgewiesenem Militärexperten der SPD und Hauptmann der Reserve der Bundeswehr ein polit- strategischer Diskkurs ergeben.

in diesem wochenlangen Diskurs nahm die gemeinsame Idee konkrete Formen an, entgegen den Plänen des Bundesverteidigugsministers Franz Josef Strauss, die Bundeswehr bei dünner Personaldecke und schwacher konventioneller Bewaffnung, mit atomar bestückbar modernsten Waffensystemen auszurüsten, in einer SPIEGEL- Titelgeschichte ausschließlich deutlich zu machen, dass die konventionelle Aufrüstung, die personelle Aufstockung der Bundeswehr von damals ca. 180. 000 auf ca. 500.000 Soldaten, expressis verbis, aber auch zwischen den Zeilen, anhand von belastbaren Datenlagen, angesichts der angeblichen Bedrohungslage durch den Ostblock, Not tat.

Damit hätten, sowohl die SPD mit Helmut Schmidt als Militärexperten, als auch DER SPIEGEL mit Conrad Ahlers , Rudolf Augsten ihren Schwenk, weg vom "NEIN" , wie auch immer gearteten, Aufrüstung der Bundeswehr hin zum vernehmlich konkretisierten "JA", gemäß den Anforderungen und Maßgaben der NATO, plausibel kommuniziert, begründet.

Die günstige Gelegenheit für eine solche SPIEGEL- Titelgeschichte war dann im Herbst 1962 nach dem NATO- Manöver

"FALLEX-62"

unter dem Aufmacher

"bedingt abwehrbereit"

in DER SPIEGEL- Ausgabe vom 10. Oktober 1962 gegeben und, scheinbar eher beiläufig, platziert worden.

Rudolf Augsteins, vom damals jungen SPIEGEL- Redakteur Dieter Wild im Jahre 2012 bezeugter Satz, nach dem die Ausgabe vom 10. Oktober 1962 längst in allen Kiosken in Stadt und Land Westdeutschlands und in der Welt angelangt war, lautetete, besagte SPEGEL- Ausgabe hochhaltend, lapidar:

"Und?, hat wohl keiner gelesen!"

Das sollte wohl soviel heißen, wie:

"Nur gut, dass des Pudels Kern unserer Wende, damit eher unbemerkt durchgewunken scheint!"

Darin hatte sich, wie sich erst Wochen später herausgestellt, Rudolf Augstein verschätzt, denn ein treuer Leser DES SPIEGEL, Bundesverteidgungsminister Franz Josef Strauss hatte diese Wende DES SPIEGEL im Bunde mit der SPD mit Verdruss und voller Misstrauen lesend sehr wohl registriert, den Braten der "Großen Koalition" gerochen und sich darauf seinen Reim gemacht.

Franz Josef Strauss war tagsdarauf beim Bundeskanzler Konrad Adenauer, mit der listig durchsichtigen Anfrage, vorstellig geworden, ob es im Sinne des Kanzlers geboten sei, da presserechtlich, wenn nicht gar strafrechtlich gegen DEN SPIEGEL vorzugehen?

Konrad Adenauer, der sich bei seinen geheimen wie insgeheimen Plänen zu einer Großen Koalition mit der SPD durch seinen MInister Strauss ertappt wähnte, wählte nun als Verteidigungsstrategie die Offensive und empfahl Strauss, die Beantwortung dieser Frage, eingehend, mit dem BND- Präsidenten Reinhard Gehlen zu klären.

Historisch belegt, geschah das dann auch.

BND- Präsidenten Reinhard Gehlen schien dahingehend durch den Bundeskanzler Konrad Adenauer über dessen Absichten auf eine Große LKoalition mit der SPD, unter Ausschluss des bisherigen Bundsverteidungsministers Franz Josef Straus informiert, dahingehend vergattert instruiert, Minister Strauss auf jeden Fall ein entschieden hartes Vorgehen gegen DEN SPIEGEL zu empfehlen, um sich hernach in alle politischen Richtungen, vor aller Welt, die Hände in Unschuld waschen zu können.

Der FDP- Jusitizminister Manfred Stammberger, der im Jahre 1964 zur SPD wechselte, sollte über diese Entwicklung im Herbst 1962 auf jeden Fall, uninformiert durch seinen eigenen CSU- Staatssekretär, Walter Strauss, im Dunklen gelassen bleiben-

Bei der Unterredung zwischen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauss und dem BND- Präsidenten Reinhard Gehlen verlief dann der Gesprächsverlauf, wie, mutmaßlich, zwischen den Herren Adenauer und Gehlen abgesprochen, um jedwede Spuren auf Hinweise insgeheimer Gedankennähe Adenauers Richtung Großer Koalition, wie diese Rudolf Augstein in seinen verschiedenen Kolumnen im Laufe des Jahres 1962, zu Gunsten des Verbleibens des Alten im Kanzleramt, plötzlich aus dem Jens Daniel Hut gezaubert, wortlos dementierend, zu verwischen.

Belegt ist, dass BND- Präsident, Reinhard Gehlen, Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauss zu dessen eigener Überraschung, unerwartet, ein äußerst hartes Durchgreifen gegen DEN SPIEGEL empfahl.

Hier bekamm Konrad Adenauer, auch wenn er als alter Fuchs galt, Angst vor seiner eigenen Courage, denn wilrklich abgesprochen war da ja zwischem ihm und dem Herausgeber DES SPIEGEL Rudolf Augstein nichts wirklich.

Was da war, war aus der Ferne eine unbestimmte Seelenverwandtschaft in der gesellschaftspolitischen Wahrnehmung von Optionen, die die Zeit nach dem Berliner Mauerbau vom 13. August 1961, dem Bundestagswahlergebnis vom Herbst 1961, mit Händen und Sinnen greifbar, frei Haus, Free on Board (FOB) geliefert hatte.

Ließ sich darauf aber auch bauen?, wenn ja, was, mit wem?, wenn bis dato Niemand so recht vom anderen wußte, was der wirklich im Schilde führte und wie derjenige wirklich tickte?

Während sich Rudolf Augstein seiner plastizid luziden Jugendlichkeit seiner Absichten gewiss gewesen sein mag, wonach er strebte, nämlich hin zu einer vorgezogenen Großen Koalition zwischen der CDU/CSU und der SPD, unter Führung Bundeskanzler Konrad Adenauers und einem SPD- Vizekanzler und Aussenminister Fritz Erler, mit dem Ziel, die FDP bis zur kommenden Bundestagswahl im Jahre 1965 in die Opposition auf einen Wende- Crashkurs, zu Gunsten der Gruppe Walter Scheel, Hans- Dietrich Genschen, Karl Hermann Flach, zu Lasten des Kreises um Erich Mende, zu schicken-

Mag es Bundeskanzler Konrad Adenauer, aufgrund seines vorgerückten Alters und seiner poiltischen Erfahrungen seit der Weimarer Republik und später kurz nach dem zweiten Weltkrieg als Oberbrügermeister Kölns im Ergebnis seiner Schlussfolgerungen ganz anders gegangen sein, so dass er, anders als Rudolf Augstein, sich letztendlich in seinen eigenen Absichten in welche Richtung auch immer, zögerlich, nicht mehr gewiss war.

Als dann die ganze SPIEGEL- Affäre im vollen Lauf ihres adminstrativen Amtsschimmel "Oberstaatsanwalt Siegfried Buback" Gewiehers in einen langatmigen Ochsengang geraten war, Rudolf Augstein schon Wochen in Untersuchungshaft am Holstenglacis in Hamburg einsaß, hat es der Regierende Bürgermeister Westberlins, Willy Brandt, wohl mehr ahnend, denn wissend, in ganz anderem Zusammenhang, auf den richtigen Nenner gebracht.

"Der alte Herr da in Bonn übersieht die Zusammenhänge der ganzen Situation wohl nicht mehr vollständig!"

Der weitere Verlauf DER SPIEGEL- Affäre 1962 ist bekannt-

Dass Rudolf Augstein damals im Jahre 1962 irgendjemanden gelinkt, hinter die Fichte, bzw. hinter den Turm geführt hat, ist wohl als belastbare Vorstellung nicht aufrechtzuerhalten.

Vorstellbar ist, dass Rudolf Augstein mit seinem, immens vorhanden, politisch strategisch aufblitzenden Scharfsinn nach dem Berliner Mauerbau vom 13. August 1961, dem Ergebnis der Bundestagswahl im Herbst 1961, im Jahre 1962 einsam, oder im Bunde mit anderen, eine Option Richtung einer vorgezogenen Großen Koalition zwischen CDU/CSU und SPD, unter Führung von Bundeskanzler Konrad Adenauer und SPD- Vizekanzler und Aussenminister Fritz Erler, geradezu gerochen und gesehen hat.

Die Geschichte nahm bekanntlich einen anderen Verlauf.

Die Große Koalition zwischen CDU/CSU und SPD kam erst im Herbst 1966, nach der Auflösung der schwarzgelben Bundeskanzler Professor Ludwig Ehrhard/Erich Mende Koalition, aus CDU/CSU/FDP, unter Führung von Bundeskanzler Hans- Georg Kiesinger und SPD- Vizekanzler und Aussenminister Willy Brandt zustande und hielt bis zum Ende der Legislaturperiode im Jahr 1969.

War unter anderem die Seelenverwandtschaft dieser beiden, katholisch geprägten und doch so unterschiedlichen Männer, Konrad Adenauer und Rudolf Augstein, in den Monaten des Jahres 1962 , einer der Gründe, warum sich beide, bildlich gesprochen, bei einem letzten Gepräch in Rhöndorf im Jahre 1967 kurz vor dem Tod von Konrad Adenauer, herzerwärmend, gegenseitig Achtung und Respekt bekundend, zum Abschied schluchzend in den Armen lagen?

Rudolf Augstein selber hat wiederum kurz vor seinem Tod im Jahre 2002 öffentlich bekundet, Konrad Adenauer sei der größte Politiker gewesen, den er je in seinem ganzen eigenen Leben getroffen und kennengelernt habe

JP

SPIEGEL Ausgaben

vom 13 .Juni 1962 "stärker als 39"

vom 10. Oktober 1962

"bedingt abwehrbereit"

03:43 10.10.2012
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Geschrieben von

Joachim Petrick

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Joachim Petrick

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