Stephan Hermlin (1915- 2015)

Abendlicht "Es trifft zu, dass ich mir manchmal widerspreche, wenn die Lage es strategisch verlangt".Stephan Hermlin wurde am 13. April 1915 geboren, verstarb am 6. April 1997
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Sich selber verortet Stephan Hermlin in jungen Jahren ganz auf der Parteilinie, damit er aus den Erden der "Gibt es! Gibt es nicht" Parteiline gegossen, zum Parteisoldat erkoren, zur monumentalen Granit - Statue werde,

Die sich bei genauerer Betrachtung, wie kann es anders sein, als gelungenes Gips- Gemächt erweist, um sich hernach erst im Lauf seiner Daseinsszeit, zunehmend mutig und dazu Gatte und Vater Andrejs geworden, Hauch und Odem eingeatmeten Lebens zu befehlen.

So spottete sinngemäß Fritz Raddatz in DER ZEIT zur Unzeit als alle über Stephan Hermlin herfielen. Dazu später.

Viele sprangen damals epochal gestimmt auf den Zug der Zeit, den sie dafür hielten, um sich in Harnisch oder furchteinflösend eine "Tiger Attrappe", zur zweiten Haut geworden, anzulegen.

Stephan Hermlin erwischte ebenfalls den Zug der Zeit aus seinem persönlichen Habitat als rekrutierter Parteisoldat der KPD spätbürgerlicher Ägide unter Verzicht jeder Art von Vogel Flug im Test spätrömischer Dekadenz. Dagegen war Hermlin lebenslang gefeit.

Hermlin zog es im Stil der frei flotierenden Legenbildung jener Nachkriegszeit ab 1945 vor, das krasse "Elends- Gewand" eines entlassenen KZ- Häftlings zu wählen, der er niemals war, womöglich, um als Gegen- Entwurf zum Drama Wolgang Borscherts

"Draussen vor der Tür"

1947 in gefühlter Leidensgenossenschaft ein ermutigendes Zeichen zu setzen

"Ich bin da, wo ihr alle, die ihr das Foltern, die Drangsal, Entbehrungen, Isolationshaft, Hunger, Durst, Elend, Not, Kranksein in Konzentrationslagern in ganz Europa überlebt habt, sein solltet, nämlich anerkannt, unter Euresgleichen, edel, hilfreich und gut, geborgen in Feindesland"

Damals war das mutig, tapfer, sich in das Gefühl des

"So als ob"

von entlassenen KZ- Häftlingen einzufinden, einzuleben, ganz entgegen dem Strom der Zeit, unter Tätern wie Opfern, alles so schnell als möglich zu vergessen, zu verdrängen, zu verstummen, die Vergangenheit zu beschweigen, um seinen Alltag bewältigen zu können,

Das kollektive Gefühlsgedächstnis über diese "So als ob" Zusammenhänge von 1945- 1989 ist 1996 in Deutschland verblasst, als der Journalist Karl Corino im Zustand historisch- emotionaler Demenz sein giftend krudes Wasser nicht mehr halten mag und Stephan Hermlins Leben als die angebliche Anreihung und Verkettung einer Legendenbildung aufzudecken meint.

Statt nun mit Blick auf die Innere Einheit Deutschlands, Europas vergraben, verdrängte Emotionen des Mtfühlens in der Nachkriegszeit im Hüben und Drüben aufzudecken, anzustiften, zu fördern, gelingt es Corino eine Kampagne loszutreten, an deren Höhepunkt die Reste an Mitgefühl, was einst eine schwere Zeit war und für viele Lebende traumatisiert weiter bleibt, ganz zu verschütten.

Nicht Wasserträger als parteisoldat für die DDR- Nomenklatur, sondern Dichter, der ohne Ansehen der Person, Jedermann im "Abendlicht" poetisches Wasser reicht, wollte Stephan Hermlin sein, wo andere aufwendig und doch vergeblich, auf der Suche nach dem reinstem aller Wasser, in Sprach- Wüsten Brunnen zu bohren suchen

Wer als Poet nicht gehörig vom Leder ziehen mag, was die Sprache so hergibt, verpasst sich ein Fell und ist von nun an Hermelin pelzig unterwegs.

Von wem ist die Rede, von Stephan Hermlin, der einst vor 1933 Rudolf Leder hieß, der am 13. April 1915 in Chemnitz geboren wurde.

Statt als Poet gehörig vom Leder zu ziehen, hat Stephan Hermlin es vorgezogen, sein inneres Leder undurchdringlich mit dem dichten Hermlin Pelz zu versehen

Im Verlangen mitten im Fluss des Lebens, an der Gezeiten Ufer geworfen, in Eisen, Blut und Gebein wiedergeboren zu sein, statt zur Salzsäure "Schock schwere Not" in dunkler Zeit alle Lebensenergie in sich heruntergeregelt zur Poesie einer Eis- Skulptur erstarrt zu bleiben.

Die Parteilinie erst der KPD, der SED, zum Schluss der PDS als kleinster gemeinsamer Nenner mit der Wirklichkeit, war Stephan Hermlin in jungen Jahren heilig, war ihm ein innerer Reichstag als Ensembel gradliniger Möglichkeiten, das die ihm auch schon einmal für Hieb und Stich zum Schwert geriet,

Bevor man sich eine eigene Meinung bildet, fand Stephan Hermlin es in jungen Jahren angebracht, erst einmal der Partei Meinung als Beitrittsgebiet zu huldigen. Das schaffe Form, das schafffe Sinn?

Heimat ade!, denn es gibt keine auf Erden, außer Fragen an die Welt, die Deutschen, die Europäer sollen mir zur Heimat werden"

Das scheint hier und da in Gesprächen sinngemäß als Lebensmotto Stephan Hermlins aufzuleuchten, insbesondere, wenn Hermlin sich zur "deutschen Frage" äußerte, die ihm nicht Heimat war, weil sie offen war, sondern vor 1989 unlösbar schien:.

Wie sagte doch der damalige Regierende Bürgermeister von Wstberlin Richard von Weiszäcker (1920- 2015) und spätere Bundespräsident (1984- 1994) noch im Jahr 1983:

"Solange das Brandeburger Tor zu ist, ist die deutsche frage offen"

Da singen Antagonisten in ihrer Seele Sprung und Pein über Gräben gebrochener Dialoge die gleichen Lieder, sprechen die gleiche Sprache und können doch, wie die Königskinder, nicht zueinander finden. Denn es ist Kalter Krieg, erst hochgerüstet real von 1948- 1989 in Ost und West, danach unvermindert weiter unheilbar in vielen traumatisiert erkalteten Herzen Hüben und Drüben.

Stephan Hermlin, der auf seine Äußerungen von 1944- 1982 angesprochen, mit Karl Marx gesprochen, einem Löwen gleicht, der, angesichts seiner Irrtümer, vor Scham feinfühlig zum Sprung in sich selber ansetzt, erst verstummt und dann zu entschwinden droht.

Hermlin sinngemäß in einem Gespräch mit Ulla Hahn 1979, (Quelle: "Äußerungen 1944- 1982" , Aufbau Verlag, 1983, Seite 409 )

In dem er sich selber in keinem Land behaust erklärt, auch wenn er Deutscher sei, er sei, wenn überhaupt nur in Fragen, z. B. in der deutschen Frage behaust, meint Stephan Hermlin zu Ulla Hahn.

So angemessen gefällig das 1979 gegenüber Ulla Hahn in seinen Äußerungen, angesichts des Kalten Krieges klingt, so birgt es doch die Krux, dass mit dem Londoner Schulden- Abkommen 1953 Entschädigungs- , Reparationsforderungen von Überlebenden des NS- Terrors, des Holocaust, der Zwangsarbeit auf den Nimmerleinstag der Lösung der deutschen Frage durch einen Friedensvertrag mit 53 vom Deutschen reich bekriegten Ländern in aller Welt beschieden sind.

Stephan Hermlin könnte den Tenor des Londoner Schulden- Abkommens zu Gunsten des geteilten Deutschlands spätestens 1979 wie viele andere gewusst haben?, wenn ja, hat er es auch so verstanden?

Selbst der "Zwei plus Vier- Vertrag" 1990 folgt diesem Duktus des Londoner Schulden- Abkommens und vermeidet, wie der Teufel das Weihwasser, das Wort "Friedensvertrag" aus beschriebenem Grunde.

Es ist als ob sich die Deutschen Hüben und Drüben vor und nach 1990 darin auf unselige Weise einig und verbunden sind

Es trifft zu, dass ich mir manchmal widerspreche, wenn die Lage es strategisch verlangt. Will man sich denn nicht treu ergeben bleiben, meint Stephan Hermlin gegenüber Ulla Hahn, während andere, gleich in welcher strategischen Lage, immer dasselbe sagen und sich untreu werden?

"Wenn ein Poet sonst nichts hinterlässt, so hinterlässt er doch in meinem Fall auf jeden Fall, was ich hoffe, Fragen über meine Person, weil ich als solche lebenslang doch ziemlich verschlüsselt unterwegs war, man kann ja nie wissen. Viele meiner Kameraden, Genossen sind im Widerstand gegen den Faschismus und im Krieg bis 1945, anders als ich, entschlüsselt zu Tode gekommen"

Das hat Stephan Hermlin so wörtlich nie geäußert, könnte er aber bei sich gedacht und im Stillen gelacht haben.

Zum unsäglich demütigenden Schauprozess gegen Walter Janka (1914- 1994) im Jahr 1956 wg. angeblicher Konterrevolution

- entgegen Walter Ulbrichts Verbot der Versuch Walter Jankas, Wolfgang Harichs, Anna Seghers u. a.Genossen, den Philosophen Georg Lucazs aus bedrängter Lage des Aufstands in Ungarn 1956 nach Ostberlin zu holen -

für die gesamte DDR- Nomenklatur, bei dem Anna Seghers stumm teilnehmend, entlastende Worte für Walter Janka aus dunklem Grund vermied, während Wolfgang Harich, mutmaßlich unter Druck des MfS, Walter Janka als Konterrevolutionär belastete und trotzdem selber bis 1964 im Gefängnis saß, äußerte Stephan Hermlin distanziert als nicht anwesender aber aus der Ferne beobachtender Teilnehmer zu Anna Seghers Verhalten:

""Sie hat einmal geschwiegen, wo sie hätte sprechen sollen."

Was war passiert:

Zur Verteidigung Anna Seghers‘ gegen die Kritik unterlassener Solidarität gegenüber Walter Janka beim von Walter Ulbricht befohlenem Schauprozess 1956 wurde später von verschiedenen Seiten, aber nicht von Anna Seghers, angeführt, dass ihr Mann, Laszlo Radvanyi, während des Schauprozesses Janka belastet habe. Hätte Seghers zugunsten von Janka ausgesagt, wäre sie ihrem Ehemann mit unabsehbaren Folgen in den Rücken gefallen.

Gerhard Zwerenz meinte zu diesen Zusammenhängen nach der Wende 1989, das ist Drama- Stoff für etliche Shakespaere Tragödien.

Das andere Gesicht Stephan Hermlins im Morgenlicht seiner jungen Jahre:

Voller jugendlichem Elan und Tatendrang kehrt Stephan Hermlin aus Frankreich über die Schweiz, die Westzone, mit kurzem Verweilen in Frankfurt/Main in die SBZ 1946 nach Ostberlin in die Heimat zurück.

1949 springt Stephan Hermlin ein neu verlegtes Lesebuch zur französischen Literatur von Victor Klemperer in Dresden ins Auge, worin er den Geist der neuen Zeit vermißt. In einem Brief vom 29. April 1949 erteilt Hermlin dem Altmeister der Philologie Victor Klemperer ziemlich schroff und frech "Unterweisung" in marxistischer Literaturwissenschaft.

Klemperer habe dem mystisch-patriotischen Dichter Ernest Psichari zuviel Ehre erwiesen und überhaupt "die Rolle der Reaktionäre überbetont". Damit der sehr geehrte Herr Professor sich an der richtigen Lektüre orientiere, weiß der ungestüme Jungspund und Briefschreiber revolutionären Rat:

"Wenn Sie genug Marx, Engels, Lenin und Stalin lesen, dann kennen sie ihre Gegner besser als sich selber."

Stephan Hermlin reagiert auf die Neuerscheinung von Klemperers Moderne fran­zö­si­sche Prosa. mit einem Veriss in der "Täglichen Rundschau" vom 25. März 1949 unter der Überschrift

"Ein schlech­ter Dienst an der deut­schen Jugend",

den er erfrischend klar zu begründen weiss.

Nämlich, daß ­einige für den jungen Hermlin wichtige Schriftsteller darin keine Erwähnung finden, was hinsichtlich der französischen Autoren, Poeten Louis Aragon, Elsa Triolet, Vercors, Julien Benda und Jean-Richard Bloch zutrifft.

Darüberhinaus ereifert sich Hermlin,

- zeitweise war Stephan Hermlin bis 1945 Kombattant der französischen Resistance, bis er notgedrungen bei Gefahr seines Lebens gerade noch rechtzeitig in die Schweiz emigrierte. -

läuft zu ideologischer Hochform im Geist der neuen Zeit auf und zieht, aus Ignoranz oder Unkenntnis der wirklichen Macht- Verhältnisse und Bewusstseinslage in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg?, blank vom Leder, daß Klemperer auf den französischen Autoren Emile Baumann ein­geht und fährt nun erst richtig fort :

« Aber wer ­glaubt, daß Klemperer es bei Baumann bewen­den läßt, irrt sich. Er ­stellt für den deut­schen Schüler und Studenten treu­lich alles ­zurecht, was inzwi­schen auf den Misthaufen der Literaturgeschichte gewan­dert ist : den jäm­mer­li­chen Ernest Psichari, ein Gegenstück zu Walter Bloem ; den Nietzsche-Schüler Ernest Seillière, der vor vier­zig Jahren seine ‘Geschichte des Imperialismus’ ­schrieb ; den Chauvinisten Maurice Barrès und schließ­lich den alten Verräter Charles Maurras, der vor einem Jahrzehnt dazu auf­rief, die Politiker der Linken ‘mit Küchenmessern’ zu erle­di­gen und den Einmarsch Hitlers hym­nisch ­begrüßte ».

Victor Klemperer lässt es sich nicht nehmen auf die­sen Verriß, nicht nur, eingedenk der gesellschaftlichen Macht- Verhältnisse in Frankreich nach massenhafter Kolloboration durch das Vichy- Regime mit den deutschen Besatzern von 1940- 1944, der schuldhaften Verstrickung der Grand Nation in die Deportation von zigtausender Franzosen mit jüdischem Hintergrund, mit einem Brief an Stephan Hermlin vom 27. März 1949 zu antworten, in dem er ­anfänglich Hermlins Meriten und schrift­stel­le­ri­sches Talent zu wür­digen weiss, sondern lehrt diesen mit dem Säbel dialektische Mores. Weiter unten heißt es dann :

« Sie ent­rü­sten sich ueber die Aufnahme man­cher Texte, die Ihnen bald aus aes­the­ti­schen, bald aus sitt­li­chen, bald aus spe­zi­fisch poli­ti­schen Gruenden auf den Misthaufen der Literaturgeschichte zu gehö­ren schei­nen. Was ist Literaturgeschichte ? Wenn sie eine wirk­li­che Geschichte sein will, so ist sie frag­los mehr oder etwas ande­res als nur die Aufreihung aes­the­ti­scher und ethi­scher Höchstleistungen. Nein, son­dern sie ­umfasst alles, worin sich sprach­lich der Geistes- und Bildungszustand eines Volkes aus­drückt. Das cha­rak­te­ri­stisch Mittelmäßige und ­selbst der cha­rak­te­ri­sti­sche Schund darf nicht bei­seite gelas­sen wer­den, das Reaktionäre darf nicht uner­wähnt blei­ben, wo es die Gesinnung gros­ser Volksteile dar­stellt. Geschichte und Literatur eines Volkes ste­hen in eng­ster Wechselwirkung, Geschichte hilft mir, die Literaturgeschichte, Literaturgeschichte hilft mir, die Geschichte zu ver­ste­hen....."

Und weiter:

"..............schrei­ben Sie und schei­nen also zu glau­ben, dass ich mich mit den Kriegs- und Rasseideen Paul Adams iden­ti­fi­ziere. Sie kom­men mir vor wie der Cowboy im Zuschauerraum eines Wildwesttheaters, der in edler Empörung den Darsteller des Bösewichts von der Bühne ­knallt.» (Quelle "Briefe an Stephan Hermlin, Aufbau Verlag, 1985, u. a. S. 23)

Da vereint sich niemals mehr zwischen dem ungestüm jugendlichen Heißsporn Stephan Hermlin und dem väterlichen Victor Klemperer, beide bekennende Kommunisten, was doch eigentlich vereint gehört.

Victor Klemperer stirbt am 11. Februar 1960 in Dresden mit 79 Jahren , Stephan Hermlin stirbt 37 Jahre später am 6. April 1997 in Berlin eine Woche vor seinem 82. Geburtstag am 13. April. Beide sterben viel zu früh, nicht nur wg. all der Fragen an unsere Eine Welt, die als Behausung offen bleiben.
JP

http://www.zeit.de/schlagworte/personen/stephan-hermlin/index
Stephan Hermlin

http://www.zeit.de/2003/25/A-Dorn/komplettansicht
DDR-VERGANGENHEIT
Der Fall Erna Dorn
Stephan Hermlin, die "SS-Kommandeuse" und der 17. Juni VON CHRISTOPH DIECKMANN

DIE ZEIT Nº 25/2003
8. Januar 2009 08:43 Uhr

http://germanica.revues.org/2469?lang=de
27 | 2000 : Identités - existences - résistances : Réflexions autour des Journaux 1933-1945 de Victor Klemperer
Ex ­oriente lux : Warum Victor Klemperer den Osten dem Westen vor­zog
Eine Sicht auf Briefe von und an Victor Klemperer ab Mai 1945

22:26 11.04.2015
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Geschrieben von

Joachim Petrick

Aktuelles: Meine sichere Route- Refugee-Airlift - Petition "Luftbrücke für Flüchtlinge in Not" an die MdBs des Bundestages erhofft Debatte
Joachim Petrick

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