Tasmanier, Herero, Nama, Armenier

Völkermord Papst Franziskus behauptet, der Genozid an den Armeniern 1915- 1916 sei der erste des Zwanzigsten Jahrhunderts gewesen. Taz Autorin Bettina Gaus ist anderer Meinung
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Völkermord an Tasmaniern 1802- 1876, Herero, Nama 1904- 1910, Armeniern 1915- 1916

Dass Papst Franziskus die Massaker an den Armeniern als ersten Genozid des 20. Jahrhunderts bezeichnet, findet Bettina Gaus in ihrer Kolumne "Die Toten der Omaheke-Wüste" in der taz vom 18. 04. 2015 historisch falsch, wenn ja, warum?

Bettina Gaus schreibt:

"Man stelle sich vor, jemand – zum Beispiel der Papst – hätte den Massenmord an den europäischen Juden vergessen.

Der Papst ist fehlbar. Was ja nur menschlich ist, aber nicht gleichbedeutend mit einem Freibrief für Ignoranz. So gedankenlos wie jetzt im Zusammenhang mit dem Völkermord an den Armeniern sollte das geistliche Oberhaupt einer Weltkirche nicht daherreden.

Franziskus hat die Massaker an diesem Volk, die vor 100 Jahren verübt wurden, als Genozid bezeichnet. Es ist erfreulich, dass sich der Papst dafür einsetzt, das Leid der Armenier nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Weniger erfreulich ist es, dass er seinem Anliegen mit der Behauptung Nachdruck zu verleihen suchte, es habe sich um den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts gehandelt."

Da bin ich anderer Meinung als Bettina Gaus und denke Papst Franziskus hat zumindest formal recht.

Wahr ist:

Bereits im 19 Jahundert kam es im Heraufdämmern des Zwanzigsten Jahrhunderts durch Einwanderer aus England u.a. europäischen Ländern in Australien zu einem Völkermord an den Tasmaniern, Sammelbegriff für die Stämme der Aborigines. der 1876 zu deren vollständigen Vernichtung als Volksstamm führte.

.Der erste Völkermord im 20. Jahrhundert wurde, wie Bettina Gaus, richtig zu berichten weiss, an den Volksstämmen der Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika begangen.

Anlass sei ein Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft 1904 in der Schlacht am Waterberg gewesen, der niedergeschlagen wurde. Tausende flohen in die Omaheke-Wüste. Generalleutnant Lothar von Trotha ließ das Gebiet abriegeln und befahl seinen Truppen, entgegen dokumentierter Einrede des Deutschen Reichstages, selbstherrlich die Flüchtlinge von den wenigen Wasserstellen vor Ort zu vertreiben.

Ein unsäglich beschämendes Kapitel deutscher Geschichte tat sich auf.

Männer, Frauen, Kinder erkrankten medizinisch nicht behandelt an Epedemien, verdursteten. Überlebende wurden in Konzentrationslagern interniert, unterversorgt eingepfercht, in denen viele von ihnen elendig hungernd zugrunde gingen..

Historiker schreiben von 80 000 Opfern dieses Genozids im deutschen Namen. Es seien bis zu 80 Prozent der Herero und an die Hälfte der Nama gewesen, die bis 1910 ums Leben kamen, heißt es.

Trotha hatte die Hereros und Nama im Bewusstsein jener unseligen Zeit als Nation identifiziert und schrieb 1904 unverhohlen an den deutschen Generalstab.nach Berlin:

„Die Nation als solche“ müsse vernichtet werden,"

Um das Jahr 1910 erklärte Trotha im Duktus des Kommissarbefehls Adolf Hitlers vom 22. Mai 1939 an seinen Generalstab am Vorabend des II. Weltkrieges:

„Dass ein Krieg in Afrika sich nicht nach den Gesetzen der Genfer Konvention führen lässt, ist selbstverständlich.“

Auch wenn die Generalversammlung der 1946 gegründeten Vereinten Nationen den Völkermord an den Hereros, Namas 1948 als solchen anerkannte, war doch, anders als Bettina Gaus meint, der erste historisch anerkannte Völkermord, derjenige an den Armeniern 1915- 1916 im Osmanischen Reich nach dessen Niederlage 1918 im I. Weltkrieg und folgender Zerschlagung durch die Siegermächte 1919

Dass das geteilte, dann vereinte Deutschland sich bis heute weigert, aus begründeter Sorge vor Forderungen nach Entschädigung der Nachkommen der Herero, Nama, diesen Völkermord gleichermaßen anzuerkennen, bedeutet einmal mehr, dass, ungeachtet des Leids der Herero, Nama Nachkommen, kommenden Generationen in Deutschland diese Last aufgebürdet bleibt.
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Anders als im übrigen Deutschland interessiert dieses Thema in Hamburg mit seiner unseligen Kolonialgeschichte immer mehr Bürger

So sehr ich Bettina Gaus Intention richtig finde, den Völkermord am Stamm der Hereros und Namas zur Sprache zu bringen, so denke ich, liegt sie in der Sache hier nur halb richtig, wie Papst Franziskus in anderer Hinsicht

Papst Franziskus hat insofern formal recht mit seiner Behauptung, bei dem Völkermord an den Armeniern handle es sich um den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts.

Warum?, weil dieser Völkermord bereits 1915- 1916, neben kaiserlich deutschen MIlitär- und Logistikberatern für das Osmansiche Reich, von französischen, englischen, schweizerischen, nordamerikanischen Stellen, Personen vor Ort als Diplomat, Missionar, Journalist, Archäologe, Krankenschwester, Personal des Roten Kreuzes, entgegen striktem Verbot des Fotografierens, Berichtens, dicht dokumentiert war.

Die USA, 1915 noch neutral, bestellte den osmanischen Botschafter in Washington D. C. ein und es stand eindeutig der Vorwurf des Völkermordes an den Armeniern im Raum, während der Völkermord an den Hereros, Namas in Deutsch-Südwestafrika 1904-1910 durch die Internationale Gemeinschaft jahrzehntelang bis 1948 beschwiegen wurde.

1919 haben die Siegermächte den Völkermord an den Armeniern zwar geächtet, aber aus dunklen Gründen nicht sanktioniert.

Vielleicht um die 1920- 1923 durch den Rechtsanwalt Kemal Atatürk neu gegründete Türkei als Verbündeten im unerklärten Krieg des United Kingdom, Frankreichs, den USA gegen die Sowjetunion nach der russischen Oktober Revolution 1917 zu mobilisieren?

Eine den Briten genehme türkische Interims- Regierung verurteilte 1919 Verantwotliche "Jungtürken" des Völkermordes an den Armeniern in Abwesenheit zum Tode.

In Abwesenheit deshalb, weil ein kaiserlich deutsches U-Boot insgeheim die Beschuldigten Talât, Enver, Cemal Pascha, Doktor Nazim, Bahaettin Şakir und Cemal Azmi in der Nacht vom 2. auf den 3. November 1918 kurz vor Ende des I. Weltkrieges als Noch- Verbündete nach Odessa brachte.

Odessa stand über das Ende des I. Weltkrieges hinaus als Teil Ober- Ost Ukraine des kaiserlich- deutschen Terror- Militärregimes mit seinen Zwangsarbeitslagern unter der Fuchtel des Generalquartiermeister Erich Ludendorff.

Viele dieser Beschuldigten lebten dann in Berlin, zurückgezogen, von Nachforschungen, Ermittlungen unbehelligt, in exclusiv komfortablen Verhältnissen.

Bis der Armenier Soghomon Tehlirian am 15. März 1921 in Berlin den in Abwesenheit zum Tode verurteiten ehemalig osmanischen Innenminister und Großwesir des Osmanischen Reichs und Führer der Jungtürken. Mehmed Talât, bekannt als Talât Bey oder Talât Pascha, geboren im Juli 1872 in Kardschali/Provinz Edirne, heute Bulgarien, in der Berliner Hardenbergstraße nahe seiner Wohnung erschoss.

Tehlirian war Mitglied des geheimen armenischen Kommandos Operation Nemesis, das die Täter des Genozids an den Armeniern verfolgte und exekutierte.

Er wurde im folgenden Mord-Prozess in Berlin- Moabiit vom Vorwurf eines Tötungsdeliktes freigesprochen.

Tehlirian begründete das Attentat im Namen seines islamisch- armenischen Rechts auf Blutrache mit folgenden Worten:

„Ich habe den Mörder meiner Frau und Großeltern gerichtet.“

Ehemals deutsche Militärberater, die der kaisrlich deutschen Militärmission im damaligen Osmanischen Reich angehörten, wurden im Prozess verhört und, siehe da, erhoben massive Anschuldigungen gegen die Militärführung des Osmanischen Reiches.

Der Berliner Staatsanwalt wie Anträge der Verteidgung zurück, gegen den toten Talats wg. der Massaker gegen das armenische Volk zu ermitteln,

Das Gericht überprüfe ausschließlich, ob Tehlirian von Talats Schuld überzeugt war. Das reichte laut Staatsanwalt völlig aus, um Tehlirians Motiv im Sinne seines islamisch- armenischen Rechts auf Blutrache zu begründen.

Talât Pascha lebte in der Zeit vom 10. November 1918 bis zu seinem gewaltsamen Tod am 23. März 1923 unter dem Namen Ali Sai in Berlin.

Talât wohnte in Berlin u. a.zunächst in einem Hotel am Alexanderplatz, in einem Sanatorium in Neubabelsberg, dann in einer eigenen Wohnung in der Hardenbergstraße in Berlin- Charlottenburg, die ihm Freunde organsiert hatten.

Talât, der unter einer neuen, liberalen und pro-britischen Regierung 1919 in Istanbul in Abwesenheit zum Tod verurteilt wurde, laborierte in Berlin an seinem politischen Comeback in der Türkei. Er war politisch auf der Seite der Milizen im türkischen Befreiungskrieg (Kuvayı Milliye) um Kemal Atatürk verankert, an deren Spitze er sich künftig zu stellen gedachte.

Der neue osmanische Botschafter in Berlin, Rıfat Pascha, verlangte von den deutschen Behörden in der Weimarer Republik die Auslieferung Talât Paschas an die Türkei, nachdem er von dessen Berliner Aufenthalt Kenntnis erhalten hatte.

Es waren darauf massive Versuche zu registrieren, im Türkischen Club in Berlin die Stimmung gegen die in Deutschland Asyl suchenden Jungtürken hoch zu heizen

Die deutschen Behörden der Weimarer republik kamen dem Ausweisungsersuchen Rıfat Paschas erwartungsgemäß nicht nach.

1939 schließt sich einmal mehr der Kreis des Versagens der Internationalen Politik, des Völkerbundes, in Fragen der Ächtung, Sanktionierung und Aufarbeitung von Völkermord im Zwanzigsten Jahrhundert, zuvor hatte das faschistische Italien unter Benito Mussolini ungesühnt im Wege seiner imperialen Eroberungs- und Raubzüge in Afrika Massaker in Abessinien begangen.

Der NS- Führer Adolf Hitler betont in seiner berüchtigten Geheim- Rede vom 22. Mai 1939 am Vorabend des II. Weltkrieges vor dem einbestellt versammelten Generalstab der Deutschen Wehrmacht, die Tatsache, dass der Völkermord an den Armeniern 1915 durch die Internationale Völkergemeinschaft längst vergessen, nicht sanktioniert wurde, kann mich nur darin bestärken, den Völkervernichtungskrieg im Osten Europas umso entschiedener und unabdinglich zu exekutieren.

Inzwischen haben sich die Regierungsparteien der Großen Koalition (GROKO) CDU/CSU/SPD für den kommenden Freitag durchgerungen, anders als zuvor, eine Gesetzesvorlage in den Deutschen Bundestag des Inhalts einzubringen, dass die Massaker, Deportationen, Massenmorde an den Armeniern 1915- 1916 im rechtlichen Sinne auch für deutschland doch ein Völkermord ist.

Eine gleichlautende Gesetzesinitiative der Bundesregierung im Fall der Massenmorde, Massaker, der Deoortation, des Aushungerns des Volkes der Herero, Nama in Deutsch- Südwestafrika 1904- 1910 durch kaiserlich- deutsche Kolonial- Truppen ist dagegen weiterhin immer noch nicht in Sicht.

Warum? Warum nur?

JP

http://www.taz.de/Kolumne-Macht/!158318/
18. 04. 2015
KOLUMNE VON
BETTINA GAUS
Die Toten der Omaheke-Wüste

http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_an_den_Armeniern
Völkermord an den Armeniern

02:35 21.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

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Joachim Petrick

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