Vater-Sohn Drama "Broder vs Augstein"?

Generationskonflikt Wenn die verebbenden Meritenklänge der väterlichen Generation auf die anschwellenden Meritengesänge der nachgeborenen Generation prallen.
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Wahrlich, ich sage mir, Henryk M. Broder, Jahrgang 1946, in Kattowitz, Polen geboren, hat sich etlicher Meriten im Kampf gegen Altnazis, Neonazis, gegen den vagabundierenden Antisemitismus in Deutschland und andernorts in Europa, gar in israel verdient gemacht,

Darüber ist n. m. E. jeder Zweifel erhaben,

Manchmal schärft erworbene Meisterschaft im Kampf um Gerechtigkeit, Wahrheit, Klarheit im Laufe der Jahre aber nicht den verstand, sondern droht diesen, im Gefühl von nachwachsenden Feinden umgeben zu sein, einzutrüben.

Diese Gefahr lauert insbesondere dann, wenn Söhne zu Vätern geworden, oder einfach nur das Alter von Vätern erreicht, politisch engagierte Söhne, Töchter der nachgeborenen Generation bei gesellschaftlichen Debatten antreffen, wissentlich oder unwissentlich, unverarbeitet, ihrer Rollenkunfusion freien Lauf lassen.

Die Folge kann dabei unversehens sein, dass Personen, wie Henryk M. Broder, in Personen, wie Jakob Augstein (Jahrgang 1967, in Hamburg geboren), nicht den nachgeborenen, sondern, per antrainiert scharfem Tunnelblick, wie Phönix aus der Asche, den wiedergeborenen Feind von einst zu erkennen vermeinen.

Da scheinen Kollusionen ohne, personenbezogen, nachvollziehbaren Anfang noch Ende vorprogrammiert.

Henryk M Broder zählt zur Generation der 68er, die leidlich geprüft, von der Mutter- und Vätergeneration emotional, gar sozial, ausgewildert, egal ob Täter, ob Opfer des NS- Terrors, nicht nur daheim, sondern in den Institutionen, wie Schulen, Hochschulen, UNIs, Lehrstellen, Arbeitsplätzen, traumatisiert vom eigenen Erleben Handeln, Unterlassen, eisern beschwiegen, irgendwann zu einer Notwehr griffen, dem überraschend brüsken Be- und Hinterfragen der Väter- und Müttergeneration.

Das Ergebnis war in der Regel noch mehr familiäres, öffentlich betretenes Schweigen oder gleich öffentliche Prügelstrafe durch Ordnungshüter.

Da half es den 68ern in ihrer verwilderten Not auch nicht, zu rufen:

"Lieber Gott im Himmel, zeig uns deinen Ordnungspimmel!"

Henryk M broder hat sich frühzeitig als Publizist, u. a. bei der Monatszeitschrift Konkret, dann mit Stephan Aust bei den ST. Pauli nachrichten in Hamburg auf eine besonders gewitzte Variante des öffentlichen Be- und Hinterfragens der Väter- , Müttergeneration in Sachen Verantwortlichkeit der Aufarbeitung der NS- Vergangenheit, von gesellschaftlichen Misständen, Vorurteilen verlegt, in der er es im Laufe der Jahre zu einer allseitig anerkannten Meisterschaft gebracht hat.

Diese gewitzte Variante bestand im Nachkriegsdeutschland darin, den Gesprächspartner, Gegner in öffentlichen Angelegenheiten nicht direkt zu befragen, sondern erst einmal einem Humortest im "Öffentlichen Nahverkehr" zu unterziehen, denn auch Altnazis hatten, neben Karrieren, Vermögen, Ansehen, eine alte Leidenschaft aus Kampfzeiten über den Zweiten Weltkrieg hinübergerettet, sie wollten, zwar nicht daheim, aber bei öffentlichen Auftritten zur Tarnung, in Sachen derben Späßen, brachialen Schabernack, Sexualität, als offen, liberal, leutselig bis witizig gelten.

Da nun setzte und setzt die Henryk M. Broder Variante gewitzt an.

Henryk M Broders Stil hat es folglich darauf angelegt, davon auszugehen, es nachwievor in deutschland mit Gesprächspartnern, Gegnern zu tun zu haben, die darauf angewiesen bleiben, zur Tarnung ihrer wahren Einstellungen bei öffentlichen Auftritten als leutseilg bis witzig zu gelten.

Das mag hier und da in abschwellenden Maßen immer noch gelten, aber bei Personen, wie Jakob Augstein aus der nachgeborenen Generration ist das, flapsig gesagt, vergebliche Mühe, optimistisch betrachtet aber eben gar nicht nötig, weil mit denen viel weniger umständlich, viel unkomplizierter und direkter zur Sache kommuniziert werden kann.

Die gute Botschaft für alle Beteiligten, voran Henryk M. Broder, Jakob Augstein, könnte sein, dass die Menschliche Kommunikation in Deutschland inzwischen viel entkrampfter, weniger umständlich geworden ist, weil die Not der Tarnung der eigenen Beweggründe, Motivlagen sich in gegenseitiges Wohlgefallen aufgelöst haben könnte.

Dazu fält mir ein Sinn- Spruch auf einem Gebäudeeingang am Friedrich- Wilhelm- Platz in Berlin- Wilmersorf ein:

"Was ihr von den Vätern ererbt, müsst ihr erwerben, um es zu besitzen!"

Umgedeutet könnte der Sinn- Spruch lauten:

"Was ihr Väter, Mütter an euren Töchtern, Söhnen wahrnehmt, müsst ihr respektieren, um es als wahrhaftig zu erleben",

Mein Rat an die Väter- und Müttergeneration, zu der ich mich selber, wie Henryk M. Broder zähle, der Kampf geht mit Sicherheit, generationsübergreifend, weiter, aber bestimmte panzer- und mauerbrechende Arten des Kampfes sind zum Glück vorbei.

Der Weg zum Verständnis der Nachgeborenen, die auch erst einmal das Erbe ihrer Väter, Mütter erwerben müssen, um es zu besitzen, kennt offene Türen direkter Komunikation.

Warum noch durch Mauern brechen, wenn die Türen, Tore offen stehen?

Vielleicht hat Henryk M. Broder einfach nocht nicht väterlich wahrgenommen, dass Jakob Augstein, Jahrgang 1967, selbst schon Vater, zu den Nachgeborenen zählt, die alle Rechte haben, das Erbe der Welt, auf kluge Weise hier, auf weniger kluge Weise da, sich ausprobierend, urteilsfreudig, neu zu erwerben, um es zu besitzen.
JP



http://www.welt.de/kultur/article112708625/Das-war-nicht-hilfreich-Ich-entschuldige-mich.html
11.01.13
Augstein-Debatte
Das war nicht hilfreich. Ich entschuldige mich

Henryk M. Broder

03:33 12.01.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

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Joachim Petrick

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