Vom Stolperstein zum Stolperdraht

Holocaust Jakob Augstein erhofft sich von Naika Foroutan, einer Iranerin in Berlin, einen Debattenbeitrag zur Frage, rückt der Holocaust in die Ferne und erhält eine Absage
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Aus gegebenem Anlass mein offener Brief an Naika Foroutan und Jakob Augstein.

Liebe Naika Foroutan. lieber Jakob Augstein,

sie beide haben in ihrem Briefwechsrel miteinander, veröffentlicht in der Freitag Printausgabe 36/2017 unter der Überschrift "Stolpersteine", jeder auf seine bislang unergründete Weise.recht

Es sind der Stolpersteine nicht genug gesetzt, um die Komplexität der Vorgeschichte, des Verlaufs und Vollzug des Holocaust, sei es als drohendes "Finis Germania", sei es als "Cave Germania" erweitert auf ein "Cave Europa", "Cave urbi et orbi" zu erfassen,.

Sie, lieber Jakob Augstein, setzen mit der Zielsetzung Ihrer Anfrage an Naika Foroutan.nach einem Debattenbeitrag den Stolpestein einer Interessenkollusion bei der Zielbestimmung.

Geht es Ihnen darum, dass der Holocaust mithilfe von Migration nach Deutschland, Europa als historischer "Fussabdruck" eines singulären Verbrechens an der Menschheit gewahrt bleibt?, oder geht es Ihnen als politischer Journalist aus politisch-taktisch opportunistischen Gründen, darum, dass die absehbar anwachsende Migration nach Deutschland, Europa, angesichts einer asymmetrisch aufgestellten Weltwirtschaft, für jene Schichten rechts von der Mitte akzeptabler wird, weil im Verlauf der Migration der Holocaust als Fussabdruck seine Konturen verlieren könnte?, ohne dieses kenntlich zu machen, wohin die Reise mit Ihnen für uns alle in Deutschland, Europa geht?

Kann auf dieser Interessenkollusion bei der Zielsetzungsbestimmung ein ein Segen liegen? Ich meine nicht.

Warum?, weil diese Interessenskollusion mir als Anleihe auf eine unselige Tradition in Westdeutschland nach 1949 in ganz unterschiedliche und entgegengesetzte Richtungen erscheint.

Einerseits den Holocaust. überhaupt die Verbrechen des NS-Regimes und seiner willigen Helfer in Europa und in aller Welt, Verbrechen an der Menschheit aus historischen Zwängen, Anlässen, ökonomischen Zwangslagen in Kriegszeiten, Nöten nationalen Nährstandes vor der Geschichte, Zwangsarbeit als "innovatives" "Finanzprodukt" zu verhandeln, ganze Bevölkerungsteile unter dem Vorwand jüdischen Hintergrunds u. a. Hintergründe auszubürgern, deren Vermögen, Rentenanwartschaften, Versicherungspolicen entschädigungslos zu enteignen, um die Produktivität des Industriestandortes Deutsches Reich in Europa auf asymmetrische Art und Weise durch Krisen, Kriege, mit kaltem Kalkül herbeigeführt humanitären Katastrophen. ethnische Verfolgung, Vertreibung, den Holocaust unter dem Joseph Goebbels Propaganda Slogan psychologischer Kriegsführung "Wollt ihr den totalen Krieg" gewinnbringend zu steigern.

Andererseits in bekennender Nachfolge der Entnazifizierungsprogramme der Siegermächte nach 1945 sowohl in Ost - als auch in Westdeutschland in gutgemeint "angemaßter Pose" zur Herstellung und hinrichender Aufrechterhaltung demokratischer Gesellschaftsverhältnisse nach Rückgewinnung der Teilsouveränität ab 1949 geistig-motralisch, wenig reflektiert, als deutsche Verfassungspatrioten einmal mehr, einmal weniger wohl und milde dosiert, in vorheriger Zielsetzung der Siegermächte bruchlos fortzufahren.

Das geschah, ohne die Schuld des NS-Regimes und seiner willigen Helfer in ganz Europa auf staatlich-administrativer Ebene gegenüber Überlebenden des Holocaust, der Euthanasie, der Zwangsarbeit, des Vermögensentzugs durch eine personenbezogene Haftungs- und Entschädigungsökonomie materialisieren, geschweige denn verifizieren zu wollen.

Außer, wenn es um die Berechnung des Lastenausgleichs, der Entschädigung für Karriereknicks, Knicks in Rentenanwartschaften, Vermögensentzug von Volksgenossen*nnen durch die Siegermächte in Westdeutschland, Westberlin nach 1945 und nach der Einheit 1990 auch in den neuen Bundesländern ging.

Es braucht vieler Arten von Stolpersteinen, die sich zu einem Stolperdraht verdichtet aufreihen, um die Beweggründe eigener Motivation zu ergründen, eine Debatte über das vermeintliche Verblassen der Holocaust Erinnerungskultur hierzulande unter besonderer Berücksichtigung der Migration muslimischer Bürger*nnen nach Deutschland, anzustossen, wie Sie es, lieber Jakob Augstein als politischer Journalist und Verleger des Freitag unternehmen, bzw. sich dieser zu verweigert, wie Sie es, liebe Naika Foroutan als Person und Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der HU Berlin vorziehen.

Lieber Jakob Augstein, Sie zitieren in Ihrer brieflichen Anfrage an Naika Foroutan, sie für einen Debattenbeitrag zu gewinnen, Navid Kermani mit seinem FAZ Artikel "Der Holocaust rückt in die Ferne" und kommen zur Sache, wie sie diese verstehen, wenn Sie Naika Foroutan fragen: Trifft das Ihrer Meinung zu? Ist der Holocaust für sie in die Ferne gerückt?, wie Kermani sagt?

Oder gehen Sie gar weiter: Er ist nicht ihre Geschichte. Oder: Er geht Ihnen nahe, weil sie sich die deutsche Kultur zu eigen gemacht haben?

Ungeachtet der Ergebnisse des Historikerstreits 1986 (Ernst Nolte) um die Frage "ist der Holocaust menschheitsgeschicthlich ein singuläres Ereignis oder nicht?" implezieren Sie mit Ihrer Frage an Naika Foroutan, n. m. E., dass der Holocaust ein geschichtsmächtig deutsche Kultur- und Identitätsgeschichte prägendes Ereignis sei, ohne dieses weiter zu erläutern,und setzen damit einen Stolperstein, genauer gefragt, setzen Sie damit einen Stolperdraht als Zünder zu einer nicht kenntlich gemachten Explosionskörper? Wenn ja,, halten Sie das für fair und der `von Ihnen gewünschten Debatte zuträglich?

Das frage ich insbesonder mit Verweis auf das Wochenthema der Freitag 34/2017 "Vor Auschwitz" dem Freitag Interview mit dem Global-Historiker Jürgen Zimmerer und dem deutsch-britisch politischen Journalisten, Autor und Welt- Korrespondenten Alan Posener mit Ihnen und Michael Angele als Gesprächsführenden.

Während sich Alan Posener gegenüber Jürgen Zimmerer verwahrt, den britisch-französisch-deutsch-spanisch-portugiesisch-dänisch- niederländisch- belgisch- italienischen. sprich europäischen Kolonialismus mit seinen Unterdrückungssystemen als Vorläufer des Holocaust vergleichend zu deuten, weil der Holocaust ein singulär unvergleichbares Ereignis in deutschem Namen gewesen sei, hebt Jürgen Zimmerer gerade die Vergleichbarkeit von Kolonialismus und seinen Völkermorden mit dem Holocaust hervor, ohne die Singularität des Holocaust in Abrede zu stellen..

Gleich was unter dieser Singularität des Holocaust im Einzelnen von wem, wann, wo, wo nicht verstanden wird, weist diese Historikerstreit Debatte seit 1986, angezettelt vom Historiker Ernst Nolte(1923-2016), zumindestens darauf hin, dass der Holocaust mit seiner Singularität als unveräußerlicher Bestandteil der Menschheitsgeschichte zu deuten ist, der von deutschen Boden aus deutschen Anlässen seinen Anfang nahm..

Das mag für viele, wie Martin Walser, siehe seine umstrittene Paulskirchen Rede 1998 nach Erhalt des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Sie lieber Jakob Augstein, ihrem 2002 verstorbenen Vater Rudolf Augstein, Gräfin Dönhoff und auch für mich zunächst eine beunruhigende Nachricht sein, weil uns die Errinnerungskultur des Holocaust seit 1949 von ihren Bestrebungen, Ringen um ihren Bestand her, als Anker für einen Gründungsmythos einer freiheitlich-demokratisch verfassten Bundesrepublik Deutschland gilt.

Die andere, weniger beunruhigende Nachricht in diesem Kontext ist für mich, eingehend betrachtet, dass der Holocaust auch wenn dieser als Ereignis in die Ferne rückt, wie Kermani schreibt, weil Zeitzeugen*nnen durch Tod, Entrücken, Entschwinden deren persönlich gefärbter Erinnerungen, den Europäern, uns Deutsche eingeschlossen, als Erinnerungsvermächtnis ein Phantomschmerz bleibt.

Ein Phantomschmerz nach der Amputation kulturell empfundener Reinheit des europäischen Gründungsmythos seiner Ideengeschichte, Sturm und Drang, durch die verbrecherische Selbstermächtigung europäischer Regierung unter Führung des NS-Regimes zum Holocaust 1941-1945.

Kulturell empfundener Reinheit des europäischen Gründungsmythos. Die wurde im Wege der Reformation 1517, bekräftigt, im Westfälischen Frieden 1648 in Osnabrück/Münster in Gegenwart höchster Repräsentanten europäischer Mächte, des Vatikans, inter dem Gebot relativ freiher Ausünung des Glaubens neu definiert, 1776 in der Gründungsakte der USA als Gesellschaftsvertrag hinterlegt, 1789 von der Französischen Revolution, 1917 von der russischen Oktoberrevoution als Roter Faden vereinnahmt.

Ich frage sie beide, ist mit dem Holocaust der Rote Faden kultureller Ideengeschichte, der Gründungsmythos Deutschlands, Europas als Gesellschaftsentwurf in seiner bis dahin kommunizierten Form von "Vielvölkerreichen" unwiederbringlich gekappt worden?, wenn ja, ist dieser zugleich richtig wahrgenommen, kommuniziert, als Phantomschmerz wieder auferstanden. der sich als Gründungsmythos eines Gesellschaftsentwurfs Europas menscheitsgeschichtlich fortsetzt?

Sie, liebe Naika Foroutan, setzen mit ihrem Zitat Jean Paul Satres (1905-1980), bzw. des polnischen Arztes und Zionisten Leo Pinsker (1821-1891), aus dem Munde Ihres iranischen Vaters, der Antisemitismus ist eine Krankheit und leider seien die Befallenen seit 2000 Jahren unheilbar, einen weiteren Stolperstein, weil sie mit dem Zitat den Antisemitismus, den Holocaust in der Sprache der Bibel, des Koran als menschheitsgeschichtlich unheilbare Krankheit kommunizieren.

Diese Art den Antisemitismus, den Holocaust wie umgekehrt das Judentum selber als unheilbare Krankheit am Körper anderer Länder, Religionen zu kommunizieren, hat, anders als im islamischen Orient, im christlichen Occident, eine lange Tradition. Der Reformator Martin Luther (1483-1546) suchte nach 1517 die Juden für sein Projekt eines reformierten Christentums in Abgrenzung zum Papismus im Vatikan vergeblich zu gewinnen, um diese daraufhin, zutiefst gekränkt, als "unheilbar" zu verteufeln

Dabei geht es nach 1945 in Wahrnehmung des Holocaust, Genozid, Kolonialismus als bisher kaum erforschten Gründungsmythos Europas, darum. endlich eine Debatte über Schuldkomplexe zu führen, ein Bewusstsein von Schuld und Haftung, länderübergreifend gesellschaftlicher Verantwortungsgemeinschaft für staatlich administrierte Verbrechen an der Menschheit juristisch belastbar zu definieren und in Richtung einer Haftungs- und Entschädigungsökonomie zu fordern und zu fördern.

Mit Ihrem Stolperstein sind Sie, ob Sie wollen oder nicht, liebe Naika Foroutan. n. m. E. in die von Jakob Augstein erhoffte Debatte mit offenem Ein- und Ausgang eingestiegen.

Herzlich Ihr

Joachim Petrick

http://www.deutschlandfunk.de/holocaust-die-verwischten-spuren-der-aktion-reinhardt.1310.de.html?dram:article_id=392083

Die verwischten Spuren der Aktion Reinhardt
31.07.2017
Holocaust

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article161036597/Ein-Leben-fuer-die-Freiheit-und-ihre-Verlierer.html?wtrid=socialmedia.socialflow....socialflow_twitter

LITERARISCHE WELT ZYGMUNT BAUMAN †
Ein Leben für die Freiheit – und ihre Verlierer
Von Wieland Freund | 10.1.2017
MICHAL CIZEK/AFP/Getty Images)
Zygmunt Bauman (1925 bis 2017)
Quelle: AFP/Getty Images
Er beschrieb den Holocaust als schrecklichstes Produkt der Moderne und erkannte den Islamismus schon vor Jahrzehnten als postmodernes Phänomen. Zum Tod des großen polnischen Soziologen Zygmunt Bauman.

15:21 08.09.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

Aktuelles: Meine sichere Route- Refugee-Airlift - Petition "Luftbrücke für Flüchtlinge in Not" an die MdBs des Bundestages erhofft Debatte
Joachim Petrick

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