Wie Michael Kohlhaas aus allen Utopien fiel

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Michael Kohlhaas läßt seine Utopie des
"Erlösenden Gottes"
der lutherischen Reformation fahren, indem er aller Herrschaft auf Erden, den allmächtigen Stimmen des alttestamentarisch
"Strafenden Gottes" wieder hörig,
die Fehde erklärt.

Der historische Michael Kohlhaas war und lebte um das Jahr 1532, Hans Kohlhase gerufen, als ordentlicher Kaufmann und Pferdehändler in Cölln an der Spree im Brandenburgischen.

Heute fallen wir beim medial kommunizierten Aufprall mit unserer lokalen und globalen Wirklichkeit aus allen Wolken unserer selektiv selbstgetrickten Argumentationsketten, damals um das Jahr 1532 fielen Menschen, wie der historische Hans Kohlhase, alias Michael Kohlhaas (Romanfigur im gleichnamigen Roman von Heinrich von Kleist) beim direkten Kontakt mit der real- existierend landesfürstlichen Herrlichkeit aus all ihren gelebten Utopien der Reformation vom
"Erlösenden Gott",
dabei lebensüberdrüssig, todestrunken, um den Preis verheerender Selbstzerstörung zu Lasten unschuldig Dritter, im Namen des alttestamentarisch "Strafenden Gottes" das Weite in Selbstjustiz zu suchen.

Der historische Michael Kohlhaas war und hieß Hans Kohlhase, der im 16. Jahrhundert als Kaufmann (u. a. Pferdehändler) in Cölln an der Spree im Brandenburgischen lebte. Am 1. Oktober des Jahres 1532 begab sich Hans Kohlhase, reich mit Handeslware ausgestattet, darunter mit mehreren Stuten, Rappen, versehen, von Cölln aus auf eine ungewisse Reise zur Leipziger Messe. Auf dem Weg dorthin wurden ihm jedoch auf Geheiß des Junkers von Zaschnitz zwei seiner Pferde (Rappen) mit der Begründung abgenommen, er habe sie gestohlen.
Als ordentlichen Kaufmann mußte das Hans Kohlhase, zutiefst gekränkt, wie der Schlag teffen.
Hans Kohlhase versuchte, zunächst juristisch korrekt auf dem Amtswege dagegen vorzugehen. Vergleichsverhandlungen fanden am 13. Mai 1533 auf der Burg Düben statt, führten jedoch zu keiner friedlichen Beilegung des Konfliktes.

Ein Grund warum die Vergleichsverhandlungen scheiterten, bestand vor allem darin, dass der Ritter von Zaschwitz inzwischen verstorben war und seine Erben Hans Kohlhase eine angemessene Entschädigungszahlung verweigerten.

Aus diesem Grund erklärte Hans Kohlhase 1534 die Fehde und brannte Häuser, mutmaßlich Häuser der von Zaschwitz, in Wittenberg nieder. Hans Kohlhase beging weitere Verbrechen, darunter Landfriedensbruch, Rebellion, Aufruhr, bewaffnete Versammlung, Meuerterei gegen die landesherrliche wie fürstliche Obrigkeit.
Solcher Art Delikte, wie Landfriedensbruch, Rebellion, Aufruhr, bewaffnete Versammlung, Meuerterei gegen die landesherrliche wie fürstliche Obrigkeit waren damals schnell festgestellt. War doch, nach dem entsetzlichen Scheitern der Bauernaufstände um das Jahr 1525, wie zuvor, wieder jeder Junker, Land- . Wald- , Seen- , Wege- , Wiesen-. Feldeigentümer, Schlossherr, mit und ohne Segen des amtlichen Landvogtes, zugleich auf seinem, über vorherige kaiserliche Lehnsrechte erlangten, angestammten Grund und Boden selbstherrlich Oberster Gerichtshherr.

Schließlich wurde Hans Kohlhase landesherrlich ergriffen, von Potsdam im Brandenburgischen nach Berlin überführt und am 22. Mai 1540 in Berlin öffentlich, durch das mittelalterlich barbarische Teeren & Rädern gevierteilt, nach Landesrecht hingerichtet.

War es nicht eher so, dass Hans Kohlhase, alias Michael Kohlhaas (Romanfigur bei Heinrich von Kleist) in einer Zeit der Reformation, der anschwellenden Gefahrenlagen nach den furchtbar, frühen, Tod, Trauer, Not und Elend bringend, entsetzlich gescheiterten Bauernkriegen lebte, in der, tagaus tagein, neue Utopien erst gedruckt in den Himmel, die Hölle, in die Herzen der Menschen schossen, zu Asche gebrannt, wieder herausgerissen, wie heute weiland, medial höllisch befeuernd kommuniziert, frisch prekäre Kreationen von Neurosen, Sozialphobien, Burn Outs?

Hans Kohlhase, alias Michael Kohlhaas strebte folglich in dieser nachrichtenfernen Zeit nicht, wie wir seit der Aufklärung nach Utopien, sondern lebte glaubensinbrünstig, heute diese, Morgen jene Utopie voller Glaubenbensmanie, aber auf jeden Fall die eine Utopie, die die lutherische Reformation ihren Klang sang
"Die Utopie vom rösenden Gott!",
um dann im konkreten Fall der juristisch junkerhaft prekär hingehaltenen Auseinandersetzung völlig ausgerastet auf dem dünnen Eis dieser und jener Utopie als halluzigen vorrauseilender Wahrnehmng, Deutung erfundener Wirklichkeit einbrechend, womöglich in alte Gewohnheiten roher Gewalt der Selbstjustiz aus den nicht weit zurückliegenden Jahren der Bauernkriegee um das Jahr 1525 aufgreifend, in diese, abgrundtief heillos wie rettungslos, zurückzufallen?
Bei Hans Kohlhase war es der Abfall von seiner gelebten Utopie der Reformation als Sanges Klang des Choral vom
"Erlösenden Gott"
hin zum alttestamentarisch
"Strafenden Gott",
der mit ihm, Hans Kohlhase, auserwählt, einen biblisch Heiligen Moses Bund eingeht, vorhandene Herrschaft auf Erden, sei diese säkular, klerikal, Hohn und Spott auszusetzen, indem er deren höchsten Vertretern auf Erden bis zum Papst, die Fehde erklärt, Hohn und Spott der Herrschaft mehrt, weil er dazu noch deren Untertanen willkürlich in Tod und Elend stürzt.

Gleichzeitig lebte Hans Kohlhase, alias Michael Kohlhaas auch in einer Zeit, ähnlich wie heute im Wege der globalen "Occupy Bewegung", wo viele ungelöste Konfliktgedränge, Problemgemenge säkularer wie klerikaler Herkunft frei und ungebunden im europäischen Raume schwebten, sich Hinz und Kunz, am besten gestern, denn heute, gar erst Morgen, zum Mandatsträger, Manifestverkünder in Sachen der Reformation, Stadt- Staatsgründung, der Entwicklung des Rechtswesens, der damals realen, heute medialen Truppenaushebung von eigenen oder fremden Gnaden berufen fand und Jedermann, jeder Partei, gesellschaftlichen Gruppe, Schicht, angesichts heillos überlasteter Gerichtsbarkeit, fragil, aber auf Zeit geduldet, anerkannt, vermeinte, von rechtswegen, seine ganz persönliche Fehde damals landes-, heute meinungsherrlich erklären zu können.

Während wir heute akademisch von der Notwendigkeiten von Utopien reden, aufgeschlossen hitzig leidenschaftlich darüber debattieren, haben die Menschen damals. ohne Sinnesvermögen der Unterscheidung des einem vom anderen, der Utopie von der Wirklichkeit, den Träumen , Phantasien, vom Alltag und seinen Gefahrenlagen überwältigt ihr Überleben, täglich in Andacht & Gebet, von Leid, vom Tod umgeben, Utopie als Wirklichkeit, Wirklichkeit als Utopie gelebt.

Heinrich von Kleist lagen um Das Jahr 1808 die Untersuchungsakten zum Fall Hans Kohlhase von 1539 nicht vor.
Deshalb ist es Heinrich von Kleist kaum möglich, die Schilderung der Ereignisse um den Fall des Hans Kohlhase authentisch vorzunehmen.

Sicher nicht nur aus diesem Umstand heraus, erlaubte sich Heinrich von Kleist etwa ab dem Jahre 1808 mit seiner eigens konstruierten Romanfigur, Michael Kohlhaas, eine dichterische Freiheit, nämlich der Sehnsucht, dem Streben seiner gerade herangewachsenen Generation der 1777er Geborenen nach der unabdinglichen Verwirklichung der Utopie der Nationalen Befreiung deutscher Lande von französischer Unterdrückung, Knechtschaft durch den europäischen Hegemon, das entsetzlich verheerend mordende Kriegs- und Unheils- Tier, den Bösen Wolf, namens Napoleon Bonarparte in Frankreich, in Brandenburg, Berlin, Leipzig, Dresden, Königsberg, Tilsit, Köln, Frankfurt/Main, in ganz Preussen und über Preussen hinaus, das national befeuernde Fanal einer scheinbar heldenmütig selbstzerstörerischen Figur zu setzen, die aus allen kommoden Fesseln gewerblich erfolgreicher Geborgenheit eines ordentlichen Kaufmanns herausbricht und dem austauschbaren Hegemon, im Jahre 1808 ist das Napoleon Bonarparte, auf Teufel und Tod heraus, um den Preis seines eigenen Untergangs, todestrunken, verliebt in den tödlich sichelnden Sensemann, im mittelalterlichen Sinne alttestamentarisch legitim, in spekulativ vorweg genommener Pose des Ruhms vom Ewigen Leben, die Fehde erklärt.

Heirich von Kleist nahm sich, gedrillter MIlitär und geübter Pistolenschütze, gewerblich als Verleger und kühner Autor und Dichter gar nicht erfogreich, ganz ein Kind seiner Epoche des romantisch todestrunken schwärmerisch Jungen Werthers in Johann Wolfgang Goethes Erzählung, schlussendlich, geradezu euporisch in den Tod als Pose vom Ruhm des Ewigen Lebens verliebt, im November 1811 gemeinschaftlich mit einer Weggefährtin im Berliner Grunewald selber das Leben.

Frage:

Steht die historische Figur des Hans Kohlhase entgegen der rebellisch desinformierenden Intention der Kleistischen Romanfigur des Michael Kohlhaas nicht für den Aufbruch in die Verwirklichung einer Utopie
"Nationaler Befreiungskriege vom Hegemon",
sondern für das Einstürzen gelebter Utopie, damals um das Jahr 1532 das Einstürzen der gelebten Utopie der Reformation als Sanges Klang erhabener Texte in Chorälen vom
"Erlösenden Gott!
vom
"Gottes Gnadentum!" ,
hin zum alttestamentarisch
"Strafenden Gott",
der jedem selbsternannten Gerechten unter den Völkerstämmen einen Heiligen Moses Bund anzubieten schien?,
heute das Einstürzen gelebter Utopien unserer Demokratien?,
weg von
"Occupy Bewegungen"
der Rest- Demokratien,
hin zu Amokläufern/innen, Selbstmordattentäter/innen?

JP


siehe:

de.wikipedia.org/wiki/Michael_Kohlhaas

Michael Kohlhaas ist eine Novelle von Heinrich von Kleist. Erste Fragmente erschienen bereits in der Juniausgabe 1808 von Kleists Literaturzeitschrift Phöbus. In vollständiger Form wurde sie erst 1810 veröffentlicht.


www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/-kleist-der-poet-der-geistes-krieger-der-im-traum-den-wolf-ritt


04.02.2011 | 22:23
Kleist, der Poet, der Geistes Krieger, der im Traum den Wolf ritt
heinrich von kleist

03:53 10.11.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

Aktuelles: Meine sichere Route- Refugee-Airlift - Petition "Luftbrücke für Flüchtlinge in Not" an die MdBs des Bundestages erhofft Debatte
Joachim Petrick

Kommentare 3