WILLY BRANDTS "WALE SCHAUEN"

Der Kniefall 1970 Willy Brandt hat sich mit seinem "Wahrschauer" Kniefall bewusst und doch spontan zum schauenden Auge des Orkans menschlich überwältigender Erschütterungen gemacht.
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Willy Brandt, ein Augenmensch, schaute einmal beglückt, das andere Mal erschüttert in sich und achtsam stumm in den Grund anderer Menschen, als ginge es, norwegisch ergriffen, um "Wale im Nord- Atlantik schauen" .

Ich weiss von meiner Frau, deren Mutter Norwegerin war, was für die Menschen in Norwegen das "WALE SCHAUEN" bedeutet.

Denn alle Jahre wieder zur Sommerzeit tummeln sich vor der norwegischen Küste im Nord- Atlantik in Sichtweise der Küste mächtige Wale im "Auf und Nieder" tosend anbrandender Meereswogen, als wollten sie, auf menschlich einnehmende Weise, gar nicht leise, gesehen sein

TRAUMATA

Oft der Ort massiver Traumata, zu der alle Parteien seit 1949 streben, gilt ausgerechnet hierzulande die Mitte der Gesellschaft.

Willy Brandt hat sich mit seinem Kniefall am 17. Dezember 1970, einen Tag vor seinem Geburtstag (18, Dezember 1913) vor dem Warschauer Ghetto Mahn- und Ehrenmal bewusst und doch spontan zum schauenden "Auge" des Orkans menschlich überwältigender Erschütterungen gemacht.

Willy Brandt erbat, betete, wie er später selber bekundete, mit seinem Warschauer Kniefall im Dezember 1970 im Namen des deutschen Volkes vor der Völkergemeinschaft um Vergebung aller Verbrechen, die in deutscher Verantwortung in den dunklen Jahren von 1933 bis 1945 geschahen.

Ob die Völkergemeinschaft Deutschland nach Willy Brandts Warschauer Kniefall vergeben konnte, bleibt ungewiss, gewiss scheint aber, dass Willy Brandt als Vertreter des gesitteten Deutschlands, wie er es selber nannte, 1933 neunzehnjährig ins skandinavische Exil verbannt, vom NS- Regime 1937 in Abwesenheit ausgebürgert, dem ungesitteten Deutschland dessen Verbrechen in den Jahren von 1933- 1945, heimkehrend, vergeben hat, ohne dies, expressis verbis, an die große Glocke zu hängen.

Die Kommunistische Partei Polens (KPP) gewährte Willy Brandt für seinen Besuch am Mahnmal des Warschauer Ghettos im Dezember 1970 offiziell, gar nicht mit Willy Brandts dortigen Auftritt einverstanden, im Gefühl öffentlich depütiert zu sein, "zähneknirschend, gerade einmal sieben ganze Minuten.

Hatte die KPP sich doch nicht gescheut, Wochen zuvor, in unselig alter zaristisch- polnischer "Tradition", im Wege einer, menschenverachtend, antisemitischen Hetzkampagne, an die 20 000 jüdischen Mitbürgern die polnische Staatsbürgerschaft mit der Maßgabe einer zwangsweisen Ausreise ins "Irgendwo", unter staatlicher Einbehaltung von Vermögen, zu entziehen.

Willy Brandt selber saß dann, nach solcher Art "Inszenierung", zur "Ausnüchterung" scheinbar ausgepowert, wie ein "Superstar" sichtlich erschöpft, unnahbar, fern aller Turbulenzen verstummt in sterbenskranker Mitte des Orkans, dass viele ihn schauten und nicht wussten, wie sich ihm zu nähern sei?

Ansprechen, Umarmen konnten sie ihn nicht, wie viele Tatmenschen von damals in Willy Brandts Nähe später zu Protokoll gaben.

Vielleicht hätte es gereicht, sich ohne irgendeine Erwartung, einen Anspruch, eine Ansprache, neben Willy Brandt zu setzen und beredt auf norwegisch "WALE SCHAUEND" zu schweigen, um dann irgendwann nach zwei, drei Stunden gemeinsam mit ihm aufzustehen und synchron zu sagen

"Ich glaube, jetzt ist alles besprochen"

Dass Kanzleramtschef Professor Horst Ehmke nicht selten in jener sozialliberalen Regierungszeit vermeinte, er müsse, von Ruth Brandt dringlich geladen, zu Willy Brandt in die Dachstube seines Bonner Familien Domizils, mit einer Flasche Wein in der linken Hand, steigen und den Regierungschlüsselsatz sagen:

"Aufstehen! Willy! Regieren gehen!",

war wohl weniger der Verfassung und Gemütslage Willy Brandts geschuldet, denn seiner persönlichen Co- Abhängigkeit im Fall seines poltischen Weggefährten Willy Brandt.

Auch Horst Ehmke ist als professoraler Tatmensch, ganz ein Kind seiner Zeit, wie er sich bis heute, augenzwinkernd, als Bester aller Besten gibt, nie darauf gekommen, sich einfach, nüchtern, zu Willy Brandt ins Bonner Emeriten Dachstübchen zu setzen und gemeinsam mit ihm ein Stündchen norwegisch, nicht Löcher, sondern, visualisierend, "Wale in die Lüfte schauend" ergriffen zu schweigen.

So war Willy Brandts Kniefall in Warschau wohl weniger einer fremdbestimmten Demut geschuldet, wie es THOMAS KRÖTER 2010 in der Frankfurter Rundschau erfasst, denn den selbstbestimmten Gefühlen seiner Ausweglosigkeit, die ihn darauf brachten, ausgerechnet vor dem Warschauer Ghetto Mahnmal, von einer lebhaften zur nächsten Minute, schlagartig ins Schweigen, Verstummen fallend, bei Menschen in aller Welt Erbarmen für ihn den bundesdeutschen Bundeskanzler auszulösen, das er, angesichts der Anerkennung der polnischen West- Grenze, der Oder- Neiße Linie, gemäß Jalta Abkommen der Alliierten von 1943, durch die sozialliberale Koalition in Westdeutschland von seinen Landsleuten mitnichten mehrheitlich erwartete

Willy Brandt fiel, von einem Moment zum nächsten, aus dunklem wie hellem Grund, zutiefst erschüttert, überwältigt von vergangenen und gegenwärtigen Ereignissen in Polen, Deutschland, Europa, der Welt, vorrauseilend von dem, was er gleich auslösen würde, hin auf seine Knie, wie der gefällte Stamm eines mächtigen Baumes (Worte Wiebke Bruhns) auf winterkalt steinnassen Granitboden und versank für die Ewigkeit einer halben Minute in Schweigen.

Der "Kniefall" war lange bedacht, letztendlich eine spontane Inszenierung, ganz nach Willy Brandts wirkmächtigem Geschmack, dass Egon Bahr danach nur noch zu raunen wusste

"Willy!, das war doll!"

Vor Ort soll Egon Bahr 1970 geschockt im Moment des Kniefalls, um Fassung ringend gemurmelt haben:

"Mein Gott, was dieser Mann alles tun muß"
Carlo Schmid sagt später bloß: "Ich habe gebetet."
So steht es bei Hermann Schreiber DER SPIEGEL 51/1970 und noch mehr:

"Der Ruck, mit dem Willy Brandt aufsteht, wirft ihn fast wieder um. Auch jetzt nimmt er die Hände nicht als Stütze, kommt nicht in Etappen auf die Füße, ein Bein nach dem anderen, sondern eben mit diesem Ruck, der so heftig ist, als wären da Fesseln zu zerreißen. Die Anstrengung läßt der Maske, in die Brandt sein Gesicht bei solchen Anlässen zwingt, keine Chance. Die Miene, die darunter sekundenlang sichtbar wird, wirkt nach dieser Maske wie eine bewußte Provokation. Es ist die Miene eines Bekenners.

Ein Bekenntnis also, womöglich ein genau überlegtes? Ein Schuldbekenntnis? Eine Bitte um Vergebung? Und in wessen Namen?"

Vielleicht mag Willy Brandt mit seinem Ruck damals vor allem an seine innenpolitischen Kontrahenten von der Mitte bis ganz rechts in der politischen Landschaft Westdeutschlands und der DDR gedacht haben?

Dieses mit einem Ruck, ohne seine Hände als Stütze zu nehmen, aufzustehen, wollte "filmreif" geübt sein.

Als besonders sportlich und körperlich durchtrainiert war Willy Brandt, zeitlebens, nicht aufgefallen.

Mancher unverbesserlicher Revisionist, militanter Rechtsradikaler, Nationalsozialist, Crusader gen Osten in Westdeutschland mag sich damals nach dem Warschauer Kniefall Willy Brandts gedacht haben:

"Wenn ein Willy Brandt sich als Bundeskanzler selber so dahin gemäht, wie ein, kapitulierend, gefällter Baum, braucht er wg. seinens "Verrats" an den deutschen Reichsgrenzen von 1937 nicht mehr "erschossen" zu werden:
Da ist jedes argumentativ verschossene "Blei", angesichts der Implosion meiner eigenen ungestillten Rachegegelüste, durch den Warschauer Kniefall Willy Brandts, vergebliche Müh".

Meine damalige Wirtin in der Westberlin- Wilmersdorfer Isoldestraße 11, Baronin von Stackelberg, ansonsten eine ausnehmend einnehmend zierliche Person, schimpfte um 1970 nicht nur unter ihren geladenen orthodoxen Popen bei algerischem Rotwein zu 99 Pfennig die Flasche in der Runde, ungefragt wetternd, wie ein Schultheiß Bierkutscher:

"Damit ihr es wisst! Der Brandt ist ein Verräter!",

dass mir mein Wort, unerhört, im Halse stecken blieb

Dabei hatte Willy Brandt, selber zum "WAL" in der politischen Landschaft Deutschlands, Europas, der Welt als Friedensnobelpreisträger 1971, neben Fridjof Nansen 1922, Carl von Ossietzky 1935, Mahatma Ghandhi 1947, Dag Hammarskjöld posthum 1961, Martin Luther King 1964, Nelson Mandela 1993, geworden, doch nur, ganz in seiner proletarisch Lübecker Herkunft verwurzelt, lebenslang, innerlich stumm und ergriffen, Mandoline spielend, unhörbar summend "WALE SCHAUEN" wollen.

Ob Willy Brandt sich auch 1972/73, so für Salvadore Allende, den durch Miltärputsch 1973 zu Tode gekommenen chilenischen Ministerpräsidenten, wenn auch vergeblich, wie für Carl von Ossietzky 1934/35, bemühte, dass der unter den weltpolitischen Schutzschirm des Friedensnobelkomitees in Oslo kommt?

Mir kommt es so vor, als ob Willy Brandt, von Freunden nah und fern umzingelt, eingehegt war, die ihm Depression unter der Devise "Weiber & Suff frisst den Menschen uff", Erschöpfungszustände, Burn- Outs, nur deshalb an den Hals faselten, damit er sich nicht mit dem ganzen Elan seines Freigeistes widerständlicher Tage

"links und frei" ,

über den er politisch verfügte, als der europäisch angesagte

"Jahrhundetmann"

mit den zu erwartenden und bereits im Schwange befindlichen Aufbrüchen in Portugal, Griechenland und andernorts in der Welt verbindet, während US- Präsident Richard Nixon per Amtsenthebungsverfahren wg. des Watergate Skandals in die politische Wüste geschickt, die USA weltpolitisch so paralysiert sind, sich bereit zu erklären, mit der DDR diplomatische Beziehungen aufzunehmen, während Leonid Breschnew längst, mit Willy Brandt als eigenständigem PIEK- AS im Ärmel, mit der Auflösung der Spaltung Europas, Deutschlands schwanger läuft?

DIE OFFENBARUNG DER GESCHICHTE

Die Geschichte aber hat offenbart, dass sich Willy Brandt als SPD- Vorsitzender von 1964- 1987, von der boshaften Enge im Bonner Kanzleramt befreit, wie er es nannte, viel effizienter und wirkungsvoller mit den Aufbrüchen im Norden wie Süden unserer Einen Welt verbinden konnte.

1977 trug der damalige Weltbankpräsident und vormalige US- Verteidigungsminister Robert McNamara, vom Saulus zum Paulus geworden, Willy Brandt die Gründung und Erste Präsidentschaft der Nord- Süd- Kommission der UNO an.

Willy Brandt trieb die Gründung der Nord- Süd- Kommission mit seinem ganzen Elan voran und nahm das Präsidentschaftsamt an.

http://de.wikipedia.org/wiki/Nord-S%C3%BCd-Kommission

Heute wäre Willy Brandt (1913- 1992) einhundert Jahre alt geworden.

JP

https://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/willy-brandt-hundert-1913-2013
JOACHIM PETRICK 16.12.2013 | 03:18
Willy Brandt "HUNDERT?"(1913- 2013)
Lars Brandt redet "Helmut Schmidt macht sich auf seine sympathisch schnodderig gemeinte Art bis heute folgenden Reim auf das "WILLY- Phänomen" "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen!"

"Alles Willy!, oder was?"
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43822428.html
14.12.1970
EIN STÜCK HEIMKEHR
SPIEGEL-Reporter Hermann Schreiber mit Bundeskanzler Brandt in Warschau

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43822427.html
14.12.1970
KNIEFALL ANGEMESSEN ODER ÜBERTRIEBEN?

18:13 18.12.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

Aktuelles: Meine sichere Route- Refugee-Airlift - Petition "Luftbrücke für Flüchtlinge in Not" an die MdBs des Bundestages erhofft Debatte
Joachim Petrick

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