Joachim Voigt

geb. 1958, Lehrer, Ökosozialist
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RE: Postideologisch, plural, populär | 02.12.2011 | 00:22

Lieber Herr v. Fingerhoff,

Sie schreiben hier einen aus meiner Sicht intelligenten und kenntnisreichen Kommentar. Sie kennen auch Lafontaines-Linke-BLOg. da wundert mich dann lediglich Ihr Appell, mit dem Sie Ihren Kommentar beenden.

Tom Strohschneider - wie auch seine beiden Kompagnons -pflegt und zelebriert auf seinem BLOG die Attitüde des "Über der Partei-" und innerhalb der Partei keiner Strömung nahestehenden Moderators. Das ist aus meiner Sicht, nach meinen Beobachtungen und auch Erfahrungen auf diesem BLOG mehr als lächerlich.

Möglicherwiese fühlt er sich auch der "Strömung" des FORUM Demokratischer Sozialismus nicht völlig verbunden. Aber eindeutig ist seine strikte gegenerschaft gegen KPf, AkLi, SL. das läuft dann natürlich in vielen Fragen auf eine Parteinahme für das FDS hinaus und da verbietet sich eben die krritische Berichterstattung, die Sie sich wünschen. Es ist ja ein letztlich privater BLOG, den er da betreibt, also ist das auch überhaupt nicht zu beanstanden. Vom Informationsgehalt über die Entwicklung der LINKEN und ihres Umfelds ist der BLOG aus meiner Sicht auch die erste Wahl, was die Vollständigkeit, was die Kontinuität, was die Aktualität angeht.

Was ihn für Ambitionen darüberhinaus allerdings völlig ungeeignet macht, ist zum einen eine z.T. recht überhebliche Haltung der Moderatoren. Tom Strohschneider fordert desöfteren eine aktivere Beteiligung seiner DiskutantInnen, auch im Sinne von Themen anbieten. geschieht dies, oder werden auch 'mal, was selten genug dort vorkommt, Diskussionen geführt, die über den Austausch persönlich-strömungsgeschukdeter Animositäten hinausgehen, darf man sich von der Moderation allerdings keinerlei Unterstützung erwarten. Dieses "Klagen" über die Diskussionskultur im BLOG kann ich nach einem viertel Jahr Beteiligung dort nicht (mehr) Ernst nehmen, ich habe vielmehr den Eindruck, das sich die Moderatoren mit dem Kreis aus überwiegend Ausgetretenen bzw. dem FDS nahestehenden Publikum recht wohl fühlen. Da bedarf es auch wenig Anstrengung und konsistente eigene Positionierung, als der etwas Ambitioniertere zu erscheinen. Zum anderem spricht die Personengalerie, die dort stets wohlwollend bis hin zum Hofieren behandelt werden eine klare Sprache; Michael Wendl, Kerstin Liebich, Dietmar Bartsch ebenso wie der mehr oder weniger freundlich Abgemeierten: Oskar Lafontaine, Sarah Wagenknecht, Gesine Lötzsch, Klaus Ernst.

Seine Positionierung klar zu benenenn - und die geht aus der Fleißarbeits-Ziatesammlung seines mit Hübner verfassten Buches eben keineswegs hervor und die Beachtung fairer Regeln der kontroversen politischen analytischen Diskussion könnten den BLOG möglicherweise zu einem anspruchsvollen Forum werden lassen, Ansätze dazu konnte und kann ich nicht erblicken.

Diese meine Einschätzung interessiert die Moderatoren nicht, mich die Diskussionen auf dem BLÖG nicht mehr. Damit können beide Seiten gut weiterlebn. So kann's eben gehen im Leben.

Freundliche Grüße

achim voigt

RE: Schafft das Amt ab! | 15.11.2011 | 02:02

Ja, so etwas meinte ich. Und ebenso ist mir klar, dass bei dem ganzen Schund, den der Verfassungsschutz zu verantworten hat, was Sie ja gut dargestellt haben, utopisch erscheinen muss und auch zunächst etwas naiv von mir gedacht ist, ihn als reformierbar zu verorten. Allerdings bin ich mir ebenfalls unsicher, ob gegen die Netze rechtsterroristischer Provenienz kurz- oder mittelfristig ein mehr an politischer Bildung ausreichen wird, obwohl das natürlich der "demokratische Königsweg" wäre. Wie anderort schon erwähnt, habe ich ja 'mal etwas im Umfeld der Achse des Guten und der pi-Szene recherchiert und war schon, obwohl ja nicht durchgängig naiv, geschockt von den Strukturen, die sich da etabliert haben und rassistisches Gedankengut "frisch, fromm, fröhlich, frei" ungeniert und öffentlich entwickeln und verbreiten bis hin zu dem Versuch der drohenden Einschüchterung demokratsicher, eher linker Kräfte durch das Nürnberg 2.0-Portal.

RE: Schafft das Amt ab! | 14.11.2011 | 00:54

Einige Stellungnahmen lesen sich hier so, als ob der Verfassungsschutz so eine Art "Stasi" sei. Das mag man ja so sehen, festzustellen ist allerdings, dass solcherart Titulierungen bei Kritik an den Selbstfeierstunden der BRD kaum auftauchen und erst recht nicht bei den Totalverurteilungen der DDR. Sollte die Empörung also etwa nur tagespolitisch bedingt sein; Gestern empörten wir uns gegen Mauer/Stasi/DDR (da war von Tom Strohschneider nicht viel zu hören, zu lesen, was Prozesse in den historischen Kontext eingebettet hätte), heute empören wir uns gegen den Verfassungsschutz, und morgen, mal sehen, wird schon 'was geben.

RE: Meine Sonntage mit Günther Jauch | 14.11.2011 | 00:18

In einem Punkt muss ich Herrn v. Rossum hier aber energisch widersprechen. Es war nicht nur das Lächeln von Frau Will, es war auch ihr vermeintlich ausdrucksstarkes Augenspiel. Damit hat sie ja selbst vor ihrer Amtsübernahme der Politsoap Reklame gemacht und das dargestellt, als ob das irgendein Qualitätsausweis sei. Spätestens da war klar, dass jeglicher Anspruch aufegegeben war. Das liegt nicht zwingend am Medium Talk. In diesem "Meinungsmedium" kann man ja mal darauf hinweisen, dass der nicht für den Freitag nicht unbedeutende Günther Gauss recht eindrucksvolle Interviews mit Politikerm hinbekommen hat. Dafür brauchte er wenig: einen tisch, Kameramann und minimalistische Technik, seinen scharfen Verstand, eine excellente Vorbereitung, eine unbestechliche journalistische Haltung aus Wertschätzung und Hartnäckigkeit.
Ansonsten ist der Artikel natürlich große Klasse, Ergänzend möchte ich nur anmerken: V. Rossum beklagt ja in dem Buch "meine Sonntage mit Christiansen", dass es angebliche keine Sprachtheorie gäbe, mit der man diesen Gleichschaltungsprozessen analytisch auf die Spur kommen könnte. das ist m.E. falsch. Mit der Diskurstheorie von Jürgen Link liegt ein solches Instrumentarium bereit, das ja beständig erprobt und weiter entwickelt wird, zuletzt etwa an Sarrazins "Thesen", als erste Anlaufstelle kann www.bangemachen.com gelten bzw. die Zeitschrift KultuRRevolution.
Und natürlich würde ich gerne mehr solcher Artikel im Freitag lesen (und dann würde ich ihn auch wieder abonnieren), genauso wie von Rose, aber das Blatt hat sich selbst solchen Tendenzen unterworfen, die v.Rossum zu Recht kritisiert.

RE: Schafft das Amt ab! | 13.11.2011 | 23:48

So gut, wie Strohschneider den Skandal des Verfassungsschutzes analysiert hat, so wenig kann ich ihm inder Forderung nach Abschaffung des Amtes folgen. Das Problem in's Strafrecht abzuschieben, bedeutet ja nicht, dass daurch das politische Problem, die Indienstnahme staatlicher Stellen, zu dnene ja auch die Strafjustiz gehört, für wütenden Antikommunismus und Antisozialismus, sowie dem Verharmlosen rechter Kriminalität schon gebannt wäre. Das Bundesamt für Verfassungsschutz, wenn es denn seine verfassungsrechtlich gebotenen, juristischen Vorgaben korrekt ausführen würde, und das ist ja die Zielrichtung von Murswiek, könnte durchaus eine wichtige Rolle zwischen dem politischen Alltagsprozess und der Inanspruchnahme des Widerstandsrechts (Art. 20 GG) spielen. Selbst wenn alle entsprechenden Jugendbildungsprogramme für die Arbeit gegen rechte Strömungen aufgewändet würden, ließen sich die internationalen Kontakte und das traditionell finanziell gut ausgestattete rechtsextreme Milieu damit kaum trockenlegen.

RE: Wagenknecht und Lafontaine: das Private als Politisches | 13.11.2011 | 12:01

Teilweise, eben weil Sie aus meiner Sicht Wichtiges mit Unwichtigem vermengen. Um es konkret zu machen: Die Vorbereitung des Abgangs in die Wirtschaft: na klar hat die Wähler das anzugehen, dass Westerwelle sich eine Villa gekauft hat? Warum sollte es, er ist ja nicht bei der LInkspartei und hat auch nie behauptet bescheiden leben zu wollen, noch steht eine solche Aufforderung im Parteiprogramm.

RE: Wagenknecht und Lafontaine: das Private als Politisches | 13.11.2011 | 01:40

Teilwieise kann ich Ihnen zustimmen. Also etwa bezüglich Berlusconi. Aber: Was hat das nun mit dem vorliegenden Geschehen zu tun? Welche Gesetzesänderungen haben Sahra und Oskar vorgeschlagen? Welchen Amtsmissbrauch haben Sie betrieben? Sie brauchen nicht zu lange überkegen - keinen. Beide haben sich das Recht herausgenommen, wie mittlerweile fast die Hälfte der Bevölkerung an einem bestimmten Punkt ihrer Beziehungsgeschichten zu sagen, das war's und sich neu zu orientieren. Dass sie versucht haben, dem Schmuddeljournalismus damit die Spitze zu nehmen, ist nur zu verständlich, aber das kann halt nur gelingen, wenn diese "Botschaft" auch gehört werden kann. Fazu bedürfte es Journalisten, die gegen Schmuddeljournalismus immun sind und einem Publikum, das daran nicht interessiert ist. neides scheint es nur noch vereinzelt zu geben. Ich finde es erschreckend, welche Kommentare sich in einem BLOG einer Wochenzeitung finden, die ursprünglich 'mal aufklärerisch wirken wollte. Ich gestehe allerdings zu, wie schon andernorts vermerkt, dass der Eingansartikel dazu auch eingelädt. Herr Strohschneider wähnt sich wahrscheinlich schon aufgeklärt, weil er sich die "Biertisch-Schenkel-Klopf-Pointe" der "Welt", dass Wagenknecht mit Oskar "französiche Verhältnisse" fordert (gabel nehm und jucklack, juck lach) nicht formuliert hat. Bei den Fragen, was denn nun mit der "politischen Note" gemeint hat, bleibt er auf der recycelten Veröffentlichung in seinem Lafontaine-Linke-Blog stumm bzw. erwidert, dass er damit nichts gemeint hat, sondern nur Möglichkeiten beschrieben hat. Welch Sternstunde in einem Blatt, das 'mal von Günther Gaus geprägt wurde.

RE: Ein großer Leidender | 29.03.2011 | 19:54

Kurzer Nachtrag:

Wenn es denn wirklich um die Opfer ginge und um Wiedergutmachung/Reue/Entschuldigung, soweit möglich, sollte man sich, anders als Buselmeier empfiehlt, nicht mit dem völlig missglückten neuerlichen Statement von von Hentig befassen, sondern mit der weitergehenden Vertuschung und Abwiegelung, selbst unter der Aufklärungskommission und diese skandalisieren. Die Opfer, denen es darum ging und nicht um Prominenten-bashing, sind jedenfalls total enttäuscht, wie man den letzten Meldungen dazu, etwa in der FR entnehmen kann. An d i e s e m e n t s c h e i d e n d e n Vertuschen aus der Sicht der Opfer hat wohl von Hentig nur eine sehr kleine Vernatwortung. Buselmeier empört sich, dass von von Hentig keine Entschuldigung bringt und erwähnt das skandalöse, zynische Versagen der Aufklärung mit keinem Wort.

RE: Ein großer Leidender | 28.03.2011 | 23:55

Hallo Kalle Wirsch;

ja, das ist nicht gut formuliert. Gemeint hatte ich folgendes: Aus meiner Sicht besteht ja überhaupt keine Veranlassung, die populistisch herbeigeredete Nähe von emanzipativer Pädadagogik mitzmachen. Danach wäre auch v. Hentig nicht zu befragen. Gefragt werden kann er zu seinem privaten Verhältnis zu Becker. Aber was erwartet man da: Nehmen wir an, er hat nichts gewusst, wie er behauptet, vor was für einem persönlich-emotionalem Scherbenhafen steht er dann am Ende seines Lebens. Dieses Verhältnis, das er eben als seinen persönlichen Lebensentwurf gewählt hat - ist nicht mehr korrigierbar, ein neuer Entwurf letztlich nicht mehr lebbar. Dazu war Becker zu diesem Zeitpunkt der Äußerungen todkrank. Und in dieser Situation eines komplexen Desasters erwartet man reflektierte distanzierende Äußerungen von v. Hentig? Aus meiner Sicht ein bischen viel verlangt. So gnadenlos geht man mit anderen, deren Mitwisserschaft viel eindeutiger ist, wie Eltern, Verwandte, Politiker etc. nicht um.

RE: Ein großer Leidender | 27.03.2011 | 19:04

@ achtermann:

Es ist weder eine Verteidigungsrede noch bleibt v.Hentig auf einem Sockel, weil er da auch nie gestanden hat. Ich habe seine scharfsinnigen und klugen systematischen Ausführungen geschätzt und tue das ungebrochen weiter. Von seinen Äußerungen bin ich entsetzt und bleibe das auch weiter und würde bei einer tatsächlich bestehenden Mitwisserschaft noch weitaus empörter und fassungsloser sein - und ihn als großen zeitgenössischen Pädagogen trotzdem weiter schätzen. Bei diesen Missverständnissen kann ich Dir, wenn Du's nicht besser verstehen kannst, nicht viel helfen.

Du selbst gehst in Deinem Kommentar nur auf v. Hentig ein und schreibst dann:

"Zurückgeblieben sind viele schockierte Bewunderer, die ernüchtert erkennen mussten, dass pädagogisches Engagement eine ganz andere Antriebsfeder besitzen kann als gemeinhin angenommen."
Gemeint sein können nur Bewunderer v. Hentigs, nicht Gerold Beckers, als "andere Antriebsfedern" kommt nur Pädophilie in Betracht. Da muss ich nix hineininterpetieren. Wenn Du das nicht so verstanden willst, solltest Du es sicher anders schreiben.

Emanzipative Pädagogik hat mit Pädophilie nichts zu tun. Dass eine gute Theorie missbraucht wird als Deckmäntelchen für kriminelle Handlungen kommt nun wirklich oft genug vor. Wahrscheinlich ist jede gute Theorie schon mindestens einmal durch den realgeschichtlichen Dreck gezogen worden, man denke an die Freiheit, die Nächstenliebe, die Menschenrechte u.v.a. Insofern "praktizierte" Becker nicht wahrhaft die Ideen v. Hentigs. Die pädophilen Übergriffe ereigneten sich nicht wegen, sondern trotz des Konzeptes emanzipativer Pädagogik.Wenn dem anders wäre, nämlich dass Pädophilie ein notwendiger oder zumindest zugelassener Bestandteil der emanzipativen Pädagogik wäre, müssten sich eben genau die von mir reklamierten Hinweise finden lassen; tatsächlich finden wird man dagegen nur Begründungen, die ein solches Handeln ausschließen und ächten; die Theorie ist ganz sicher noch nicht einmal neutral gegenüber einer Berwertung der Vorfälle. Das erfordert die Logik; ich bin mir nicht sicher, dass du das verstehen kannst oder willst. Dass v. Hentig dies nicht selbst klarstellt, ist eine von mir so bezeichnete unentschuldbare persönliche Schwäche. Wenn er der Mitwisserschaft tatsächlich schuldig wäre, hätte er weitere, noch weitaus größere Schuld auf sich geladen. Dann wäre er tatsächlich persönlich diskreditiert und müsste über Jahre und Jahrzehnte in einer Art Schizophrenie gelebt haben. Ob dem so ist, darüber maße ich mir, anders als Du, kein Urteil an. Es hat, darauf habe ich ja auch schon hingewiesen, vermutlich viele Mitwisser gegeben, in der Wissenschaft, in der Politik, bei den Schülerinnen und nicht zuletzt bei den Eltern und Verwandten. Dass die Vorfälle unter der Decke gehalten wurden und werden konnten, ist (mindestens) auf fehlende Zivilcourage, einem fehlenden Schuldbewusstesein, einem massiven dauerhaften, vorsätzlichen Verletzten von strafrechtlich relevanten Pflichten (Stichwort: Personensorge, Kindeswohl etc.) von vielen Menschen und deren schäbigen Interessen zurückzuführen, hinter die man die höheren Werte zurückgestellt hat, so dass nur noch deren rhetorische Hülle dann übrig geblieben ist, so wie eben immer, wenn Ideen und Konzepte missbraucht werden. Auch das ist bei einer Bewertung der jetzigen, mich auch erschütternden Aussagen Betroffener zu bedenken. Keine einzige dieser schlimmen Verfehlungen steht im Einklang mit der Pädagogik v. Hentigs, sondern in deren eklatantem Widerspruch. Wer diese Pädagogik als Konzept vor den Vorfällen gut fand, kann sie m.E. immer noch gut finden. Wer die persönliche Authenzität v. Hentigs geschätzt hat, sieht sich ge- und enttäuscht, wie weit, hängt eben von seiner tatsächlichen Schuld ab.