OHNE SCHULDEN GEHT NICHTS IM KAPITALISMUS

GELDREFORMER Damit alternative Geldsysteme funktionierten, müsste man erst das kapitalistische System selbst „abschaffen".
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OHNE SCHULDEN GEHT NICHTS IM KAPITALISMUS –Geldreformer in der Sackgasse

DEBITISMUS ist keine Theorie oder Lehre, sondern reine Beschreibung, was sich ergibt, sofern notwendigerweise oder erzwungenerweise Schulden existieren.
Jede Theorie der Geldwirtschaft, ist eine beschränkte Modellierung, gefangen im Debitismus. Der Debitismus ist keine Modellierung. Debitist zu sein, das bedeutet lediglich, seinen Blickwinkel zu verlagern und damit sowohl das Verständnis des Kapitalismus mit all seinen Geldveranstaltungen zu umgreifen, als auch sich selbst anders zu verstehen. Das hat nichts mit Glauben zu tun, sondern mit einer klaren, offenherzigen Betrachtung der Realität.

Debitismus keimt auf, sobald die Zeit im Spiel ist. Kein Mittel (Kapital) entsteht nun mal im Zeitpunkt, sondern bedarf immer eines Zeiteinsatzes. Oder anders ausgedrückt: Keine Erstausstattung (ob nun die Mittel des Homo Ökonomikus oder die Mittel der Zentralmacht) sind einfach aus dem Nichts vorhanden.

Jedes Mittel unserer Welt (Vom Getreide bis zur Waffe) muss mittels Zeiteinsatz „geschaffen" bzw. „besorgt" werden. Und jeder Zeiteinsatz eines Produzenten bzw. Dienstleisters (Waffenträger) bedeutet für diesen, dass Ihm woanders Zeit fehlt, um seinen Subsistenzbedarf zu produzieren. So hat Wirtschaft historisch begonnen

Da die Zentralmacht zu Beginn auf nichts zugreifen konnte (Eroberung steht noch bevor), kann sie nur eine Schuld aufnehmen. Der Subsistenzbedarf, ebenso wie die späteren Tribute/Abgaben der Zentralmacht haben knallharte Termine (Fälligkeiten) für die Menschen, die sich einfach nicht wegdiskutieren lassen.

Durch die Abkehr von der akephalen Subsistenzproduktion geriet die Menschheit unter einen enormen Zeitdruck. Denn nicht jeder hat die Voraussetzungen (keine natürliche Homogenität), um neben seinem eigenen Bedarf, den Bedarf bzw. die Forderung eines anderen zu decken (Ob freiwilliges Handeln oder gezwungenes Handeln für Dritte). Aus dem Grunde müssen sich Menschen verschulden, so wie es über fünf Jahrtausende in den durch Überschuldung gestürzten Gesellschaften leider ausführlichst zu beobachten ist.

Auch in der heutigen Wirtschaft ist alles vorfinanziert und unsere Wirtschaft basiert auf Kontraktschulden, indem wir Zahlungsziele in die Zukunft verschieben können. Zahlungsziele die uns private und anonyme Gläubiger (ohne Banken) nicht einrichten würden (maximal einen kurzfristigen Lieferantenkredit).

Der Kapitalismus ist in Wahrheit eben kein »Kapitalismus«, sondern ein Kettenbrief-System. Es muss immer weitergehen mit der Schuldenmacherei. Je mehr vorfinanziert wurde, desto höher sind die Vorfinanzierungskosten. Desto mehr an zusätzlichem
Schuldenmachen kommt auf die nächsten Glieder der Kette zu.

Desto mehr Stromgrößen sind aber auch möglich. Das heißt ein Maximum an Teilnehmer kann somit wirtschaften, d.h. Verbindlichkeiten und Zinskosten zu haben, aber gleichzeitig trotzdem auch Gewinne zu schreiben. Wehe, wenn die Kette reißt, dann kommt es zu deflationären Tendenzen und Abschreibungen bzw. Korrekturen.

Der Kapitalismus leitet seinen Namen ab von »Kapital«, lateinisch »caput«
= das »Haupt«), das in den frühkapitalistischen Rechenbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts mit »Hauptgut« übersetzt wird, wie wir gleichsehen werden. Auf das »Hauptgut« kommt es aber überhaupt nicht an.
Seine Existenz allein erklärt gar nichts. Zum Hauptgut müssen Schulden treten. Schulden, die der Kapitalist machen kann, weil er schon ein Hauptgut hat. Oder Schulden, die er macht, indem er ein Hauptgut auf die Beine stellt.

Das Wort »Kapitalismus« ist somit ein Etikettenschwindel. Die »kapitalistische« Dynamik, der ungeheure Schwung
der freien Wirtschaft kommt vom permanenten Schuldendruck.
Die Schuld heißt lateinisch »debitum« ( = das »Geschuldete«).

Und gerade deshalb, weil das aus der Schuld empor gehobene Geldsystem (Machtsystem) nur mittels dem „Vertrauen in das Geld", d.h. in das Recht aus dem Inhaberpapier, funktioniert, bedarf es einer kontinuierlichen Besicherung der Geldauszahlungen und Zession von Guthaben über Zentralbankgeld (das Hinterlegungsprozedere von Staatspapieren / Kredititeln inkls. für die Haftung tauglichen Sicherheiten)!!!

Das hat mit Tauschmitteln und Tauschen alles gar nichts zu tun, da unsere gesamte Wirtschaft auf diesen Schuldtiteln basiert, und diese Schuldtitel entstehen aus vielen globalen Vorfinanzierungen mit Gewinnerwartungen also Krediten, die per Bilanzverlängerung bei Banken erzeugt werden mit privater Haftung.... Und nein, Banken haben nicht das Vertrauen verloren, solange die Kreditschöpfung noch funktioniert und der lender of last resort dahintersteht, also letztlich der Staat und alle Steuerzahler.

Das Problem sind bzw. waren auch nicht prinzipiell die privaten Banken – also Bürger schöpfen ihr eigenes Geld, indem sie ihr Eigentum belasten und ihre Schulden durch Banken in Form von Sichtguthaben liquide machen, wobei die Bank die Bonität ermittelt und kontrolliert und zusätzlich mit Eigenkapital haftet – sondern der instranparente Verbriefungsmarkt und die Schattenbanken bzw. die bilanzielle Auslagerung der Kreditrisiken und Umgehung der Refinanzierung. Durch die neuen Bankenreformen wird das nicht mehr möglich sein.

Der Kreditzins ist dabei aus Sicht der Bank (neben den Kosten) ganz einfach eine Prämie, welche die Bank als Dienstleister dafür berechnet, den Kreditnehmer mit einer besser gesicherten Forderung auszustatten und so zahlungs-, also einkaufsfähig zu machen. Banken sind halt prinzipiell immer noch die besten Schuldner als wenn jeder seine eigenen „Zettel" emittieren würde.

Wobei Banken im Wettbewerb stehen und ihr Eigenkapital verteidigen müssen wie jedes andere Unternehmen auch. Dabei ist es egal, ob es eine Aktienbank ist, eine Genossenschaftsbank/Ökobank oder (Bau-)Sparkasse etc. Wobei der Bürger frei und demokratisch entscheiden kann, zu welcher Bank seines Vertrauens er geht.

Es geht beim Kredit immer um Risiko und Sicherheit, niemals um Vermögensproduktion. „Geld" oder Liquidität wird nur in dem Sinn "geschöpft", dass Sicherheiten und Risiken neu verteilt werden. Der Kreditnehmer gewinnt Sicherheit („Liquidität"), die Bank „gewinnt" eine Verbindlichkeit und Risiko hinzu und berechnet dafür den Zins.

Da wäre zum anderen die Frage der „Geldknappheit". Wie wir wissen, ist die Summe aller Schulden (Passivseite) und Forderungen (Aktivseite) immer gleich Null, weil jeder Schuld eines Schuldners ein entsprechendes Guthaben des Gläubigers gegenübersteht. Wenn also Geld auch eine Forderung ist, wie kann dann Geld „knapp" sein?!? (An dieser Frage haben sich Heinsohn/Steiger ja lange mit den Berliner Monetärkeynesianern gestritten, ohne dabei aber weiterzukommen – H/S hatten die Frage gar nicht recht kapiert, hatte ich den Eindruck).

Die Antwort ist wiederum einfach. Knapp ist „Liquidität" – im Klartext, besser gesicherte Forderungen sind knapp gegenüber weniger gut gesicherten Forderungen. Da liegt der Kern der Geldknappheit sowohl im Nichtbankenbereich als auch im Interbankenbereich.

Zusätzliche Knappheit wird noch durch Zentralbanken erzeugt.(Außer nach der Finanzmarktkrise), wo die Zentralbanken alle Nachfragen nach gesetzl. Zahlungsmitteln bedient haben um das Bankensystem zu stabilisieren.
„Systemrelevanz" war halt nicht vorgesehen.

Dazu auch mein Artikel: „Wozu brauchen Banken Sparer – über Clearingsysteme etc."...

https://www.facebook.com/groups/monetative/permalink/1152681634748544/

...wo beschrieben steht, dass Banken dieser Knappheit nur teilweise entkommen können und somit ständig unter Refinanzierungsdruck stehen, entweder bei (Bank- und Kapitalmarkt)-Sparern oder der Zentralbank (über Wertpapierpensionsgeschäfte).

Der nominelle Geldwert der Sicherheiten (Beleihungswert der Kreditpfänder) ist im Kreditprozess maßgeblich; Es geht im heutigen System immer um die Verteidigung des nominellen Geldwertes. Diese Bewertung hängt, "makroökonomisch" betrachtet, immer von der Gesamtverschuldung aller Staaten, Haushalte und Unternehmen ab. Nur wenn wir genügend Nachschuldner finden, um die Beleihungswerte zu verteidigen, nur dann finden wir auch einen Weg die fixen Nominalverbindlichkeiten zu schützen.

Es geht auch nicht darum, die Kredite so schnell wie möglich zu tilgen, wie die Neo-Gesellianer immer noch glauben. Denn je länger ein Unternehmen sein Annuitätendarlehen bzw. Kredit amortisiert, desto höher sind zwar die Kosten, desto länger hat das Unternehmen aber nicht nur Zeit im Wettbewerb, seine Waren zu verkaufen, und kann trotzdem mit Gewinn wirtschaften, wie eben beschrieben, sondern desto länger sind auch die Guthaben aus dem Kredit in der „Zirkulation" (abzgl. der gesparten Bankguthaben). Und zwar nicht nur in den spekulativen Finanzmärkten (wo das Geld übrigens auch nicht ewig hängen bleibt, wie behauptet wird), sondern auch in der gesamten Güterwirtschaft. Also desto mehr Stromgrößen sind möglich.

Ein schnelleres Tilgen eines Investitionskredites z.B. senkt die Geldmenge und damit gesamtwirtschaftlich auch die Summe der Transaktionskasse schneller. Nun hat der Unternehmer aber erst mal investiert (neue Fabrik, Maschine, Fuhrpark u.a.) und wird sich nicht sofort neuverschulden, um die Geldmenge wieder zu erhöhen. Der Nachverschuldungsdruck wird also noch höher.

Dass im Finanzmarkt ewig die Guthaben verschwinden ist ja auch so ein Unsinn, der stoisch verbreitet wird von Geldreformern. Fakt ist aber, und dass weiß jeder (nicht-ideologische) Experte, der dort tätig ist, dass das eine ständige Fluktuation von Stromgrößen ist. Guthaben fließen also ständig rein und wieder aus. Und laufend kommen neue Guthaben rein aus späteren Krediten und Guthaben aus Altkrediten fließen raus.

Kreditpositionen werden dabei laufend auf- und wieder abgebaut im Wertpapierhandel. Die Guthaben machen also nur Umwege und kehren wieder in die Güterwirtschaft zurück. Finanzmärkte lösen also niemals Deflationen/Geldmangel aus in der Realwirtschaft, als dass solvente Schuldner nicht mehr ihre Kredite bedienen könnten. Deflationen bzw. Liquiditätskrisen werden erst ausgelöst, wenn Blasen platzen.

Daraus aber nun eine Notwendigkeit von Gesellgeld zu stricken ist schon dreist und ideologisch verbohrt. :-)
Dazu braucht es lediglich eine stärkere Kontrolle der Finanzströme im Finanzmarkt. Vor allem ein Frühwarnsystem vor Immobilienblasen, was heute auch möglich wäre.

Zudem wird laufend unterstellt, man könne gar mit einem nominalen Negativzins am Geldmarkt eine große Volkswirtschaft und die Geldströme regulieren. Die Gesellianer verwechseln hierbei laufend Ursache mit Symptome. Auch die Liquiditätskrise in den 30igern war nur Symptom (Finanzmarktblase) aber nicht Ursache.

Zudem beseitigen Negativzinsen keine strukturellen Probleme. Sie sind sowohl verteilungspolitisch/fiskalisch unsinnig als auch geldpolitisch untauglich. Schon deshalb, weil Private wegen einem Negativzins niemals ihre lang geplanten Sparpläne auflösen würden oder Unternehmer sich gar in riskante Investitionen stürzen würden. Und schon gar nicht in Zeiten unsicherer Märkte.
Leider werden wir immer wieder mit der rhetorischen Keule des Wörgl-Märchens maltratiert.
dazu der Artikel „Das Wörgl-Geld war ein riesiger BETRUG und BESCHISS"

http://www.dasgelbeforum.net/ewf2000/forum_entry.php?id=247356

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Geld ist generell der Grund, weshalb Staaten und Private Schulden nicht erfüllen müssen, sondern die Erfüllung auf Übermorgen vertagen können (anstatt nur den Preis zu bezahlen). Dies deshalb, weil die Funktion der Eigenschaft Geld eine ewige Option ist. Nur deshalb gelingt die Aufschuldung der Staaten und Privaten, welches unsere Wirtschaft am Laufen hält und globales Wachstum ermöglicht.

Und nur darum geht es beim Geld. Es schafft Zeit, die der Gläubiger alleine niemals bereit gewesen wäre einzuräumen. Zeit für die Privaten, Zeit für die Machthalter. Wir schulden uns und die Staaten der Welt nicht umsonst auf, sondern nur deshalb, um Zeit zu gewinnen. Bis die Quittung auf den Tisch kommt und die Kreditvergabe abbricht. Anders geht es gar nicht.

Alles ist in der Wirtschaft auf Kreditbasis vorfinanziert. Vom Rohstoff ( z. B. Öl) bis zum Endprodukt und Marketing) Nicht nur der Bohrer wird vorfinanziert, sondern alles, was mit der Förderung der Barrel im direkten und indirekten Zusammenhang steht, vom ersten Planungsgedanken bis zur letzten Berührung der Herstellungsprozesse und dem Verbrauch am Ende der Lieferwege. Und das schon lange bevor der erste Tropfen Öl auf Kredit gekauft wird. Und so ist es mit allen Produkten und Wertschöpfungsketten.

Das Problem der debitistischen Komplexität der Vorfinanzierungen ist, dass sie nicht anhand der Bilanz eines einzelnen Prozessteilnehmers mikroökonomisch abgeleitet werden kann. Der Mehrwert fällt nicht vom Baum, sondern verlangt bereits vorher bei anderen Teilnehmern Verschuldungen für dessen Entstehung. Sonst wird am Fälligkeitstag ein Scheiß realisiert, bleibt der liebe Mehrwert so potentiell denkbar, wie eine Schatzkammer.

Will man sich davon unabhängig machen (also ohne private Schulden und Zins wirtschaften), heißt das mit anderen Worten Autarkie und Allmendewirtschaft.

Es ist demnach ganz und gar unzulässig, Phänomene von „Stammeswirtschaften" (gemeinsames Produzieren) oder Solidarwirtschaften in arbeitsteilige anonyme Geldwirtschaften, die letztlich auf die Teilung in Kapital (Eigentum) und Nicht-Kapital (Nicht-Eigentum außer von sich selbst) zu transponieren und mit alternativen Geldsystemen anzukommen. Letzteres – verbunden mit allen sozialen Problemen – kann man nicht so einfach aushebeln, indem man das Geld wechselt oder die Art der Emission.

Es gibt aber kein alternatives Geldsystem zum heutigen zweistufigen Bankensystem, welches besser und effektiver wäre in einem kapitalistischen System.
Und solange es Bankenwettbewerb gibt, gibt es auch immer Kreditzins, da auch Banken a) sich mehr oder weniger in knappen Zentralbankgeld refinanzieren müssen und b) ihr Eigenkapital im Wettbewerb verteidigen müssen sprich Gewinne machen müssen, wie eben beschrieben, und c) laufende sonstige Kosten haben, um ihr Bankensystem aufrecht zu erhalten.

Damit alternative Geldsysteme funktionierten, müsste man erst das kapitalistische System selbst „abschaffen".
Es ist also müßig, sich über alternative Geldsysteme zu unterhalten, die immer in Sackgassen führen, weil sie das Wirtschaftssystem nicht aushebeln können und weil sie an den wirklichen Probleme vorbeifaseln.
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Schlusswort:
Du vertraust stärker denn je in das dir gegebene Machtderivat, bist durch und durch von ihm abhängig und vertraust ihm. Vielleicht nicht vor dem PC, aber in Wahrheit stärkst auch du in deiner direkten Umgebung, durch deine Teilnahme am Geldsystem und dem Hoffen auf Versorgung (sei es, die normale Altersvorsorge, BGE etc. oder der Hoffnung, dass dir Eigentum bleibt, um dich selbst zu versorgen). So wie der Staat in seine Macht vertraut, traust du dem Machtderivat.

Sonst übtest du längst den Aufstand. Aber niemand übt den Aufstand, sondern fordert im Gegenteil noch Revolutionen, die nur wem anders die Machtverteilung zuteilen wird. Wir haben noch überhaupt nicht verstanden, was es bedeutet, sich gegen die Macht auszusprechen, was dies bedeutet!
Es ist ein Selbstbetrug, die eigene Person derzeit außerhalb des Machtbedürfnisses zu modellieren, weshalb immer wieder die Frage nach dem WARUM aufkommt. Das ähnelt doch sehr den New Age Bewegungen.

Den Debitismus in seinem Lauf halten weder Ochs und schon gar nicht Esel auf.

10:27 14.08.2015
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