Was bedeutet TERF? Wie linke Transfeindlichkeit Rechtsextreme stärkt

Radikaler Feminismus Die Dämonisierung von trans Personen durch TERF-Aktivisten gehört zu den Talking Points der Rechten, losgetreten wurde die transfeindliche Debatte jedoch von linken Feministinnen – bereits vor Jahrzehnten
Der CSD in Berlin 2022 steht unter dem Motto „United in Love! Gegen Hass, Krieg und Diskriminierung“
Der CSD in Berlin 2022 steht unter dem Motto „United in Love! Gegen Hass, Krieg und Diskriminierung“

Foto: Image Images/Müller-Stauffenberg

Die Bundesregierung will mit dem Selbstbestimmungsgesetz die mitunter prekäre Lebenssituation von trans Personen erleichtern und die geschlechtliche Vielfalt anerkennen. Statt wie bisher in einem aufwändigen, teuren und von vielen Betroffenen als entwürdigend empfundenen Gerichtsverfahren, sollen sie ihren Namen und Geschlechtseintrag selbst bestimmen und ändern können. Dies hat TERF-Aktivist:innen auf den Plan gerufen, die eben das verhindern wollen. Das Akronym TERF steht für Trans Exclusionary Radical Feminism (trans Personen ausschließender radikaler Feminismus).

Ein ganz ähnliches Gesetz war in Großbritannien im Jahre 2020 gescheitert, nachdem einflussreiche Gruppierungen und Prominente wie die Schriftstellerin J. K. Rowling die konservativen Regierungen unter Theresa May und Boris Johnson unter Druck gesetzt hatten. Bis heute wird in Großbritannien eine toxische öffentliche Debatte über angebliche Missstände bei der Behandlung von trans Jugendlichen geführt, flankiert von wilden Warnungen vor Sexualstraftätern, die als trans Personen Zugang zu Frauen-Umkleiden suchen würden.

Die enthemmte Kampagne gegen Selbstbestimmung hat erreicht, dass Tories ohne ein ausdrückliches Bekenntnis zu Transphobie ihre Karriere riskieren. Sowohl Großbritanniens Premierminister Rishi Sunak als auch seine nach 44 Tagen zurückgetretene Vorgängerin Liz Truss behaupteten 2022 in einer TV-Debatte, trans Frauen seien keine Frauen.

TERF und radikaler Feminismus

Beide artikulieren damit die Position der TERF-Bewegung. Es gibt viele einflussreiche Personen, die TERF-Auffassungen öffentlich vertreten, wobei radikale Feministinnen in ihrer Selbstcharakterisierung meist den vornehmeren Begriff „genderkritisch“ vorziehen. Leute, die sich weniger in feministischen als in populistischen Kreisen bewegen, wie der US-Comedian Dave Chapelle oder die frühere „Bild“-Redakteurin Judith Sevinc Basad, rechnen sich ausdrücklich einem fiktiven „Team TERF“ zu.

Aus der Perspektive von TERF wird Selbstbestimmung für trans Personen als Gefahr für andere Frauen gesehen – insbesondere ein gesetzlich verankertes Recht, die Geschlechtszugehörigkeit selbstbestimmt, also ohne vorherige fachliche Begutachtung und kostspielige Gerichtsverfahren, beantragen zu können. Argumentiert wird mit Vermutungen, nicht nur trans Personen, sondern jede männlich eingeordnete, möglicherweise gefährliche Person könnte sich so Zugang zu vermeintlichen Safe Spaces erschleichen, außer den erwähnten Umkleiden also zu Damentoiletten, -duschen oder Frauengefängnissen.

Länder wie Argentinien, Belgien, Dänemark, Irland, Luxemburg, Malta, Norwegen, Portugal, die Schweiz und Uruguay ermöglichen trans Personen eine selbstbestimmte Personenstands- und Vornamensänderung, ohne dass sich derartige Mutmaßungen bewahrheiteten. Dennoch wiederholten sowohl Abgeordnete der rechtsnationalen AfD sowie der bürgerlichen CDU derartige Behauptungen 2021 – um während einer Bundestagsdebatte erste Gesetzentwürfe von FDP und Grünen zu einem Selbstbestimmungsgesetz zu diskreditieren.

Die linken Ursprünge des radikalen Feminismus

Tatsächlich sind TERF-Positionen inzwischen überwiegend von Konservativen und Rechtsextremen zu hören. Ursprünglich entstammt der Begriff TERF jedoch einem dezidiert linken Diskurs des britischen und US-amerikanischen Materialismus: Im Kampf gegen ein als gewalttätig und bedrohlich wahrgenommenes Patriarchat beschrieben „radikale Sozialistinnen“ seit den 60er Jahren Frauen als unterdrückte politische Klasse.

Schon damals wurde das Argument der Biologie für die Schutzbedürftigkeit von Frauen, vor allem Müttern, in scharfer Abgrenzung zu als bedrohlich wahrgenommenen Männern herangezogen.

Diesem sogenannten Feminismus der zweiten Welle folgte in den 70er Jahren eine dritte Welle, innerhalb derer vorwiegend schwarze US-Aktivist:innen den bis heute relevanten Gedanken der Intersektionalität einbrachten: Unterdrückung kann sich gegen mehrere Facetten der Identität richten – in den USA oder Lateinamerika Frau, schwarz und trans zu sein, das bedeutete nicht nur in den 70er Jahren, einer mehrfachen Benachteiligung und Gefährdung zu unterliegen. Bis heute bedeutet die Kombination von schwarz und trans ein erhebliches Risiko, Opfer von mitunter tödlichen Hassverbrechen zu werden.

Sylvia Rivera bei einer Demo 1970

Foto: Roseleechs/Wikipedia/CC BY-SA 4.0

In den frühen Debatten der 70er Jahre wurde Transidentität selten problematisiert, vielmehr erstaunlich lange ignoriert. Dies verwundert rückblickend angesichts dessen, dass zwei der bedeutendsten Aktivistinnen der Stonewall-Proteste 1969 in San Francisco, trans Frauen waren: Sylvia Lee Rivera und Marsha P. Johnson. Beide setzten sich gegen queerfeindliche und zugleich rassistisch motivierte Polizeigewalt zur Wehr, kämpften für die Rechte obdachloser junger Dragqueens und trans Personen. Viele von ihnen verdienten ihren Lebensunterhalt mit Prostitution – eine der wenigen Nischen, die damals transidenten Menschen ein halbwegs selbstbestimmtes Leben ermöglichte. Die Strömung des exkludierenden Radikalfeminismus, die jede Form von Sexarbeit ablehnt, nennt sich übrigens SWERF (Sex Worker Exclusionary Radical Feminism).

TERF-Mythen: Die Erfindung eines bedrohlichen „transsexuellen Imperiums“

Problematisiert und dämonisiert wurde Transidentität erstmals systematisch 1979 von der US-Autorin Janice Raymond, die ein bedrohliches „transsexuelles Imperium“ zu erkennen glaubte und damit bis heute zur Referenz für ihr nachfolgende TERF wurde. In dem Buch „The Transexual Empire“ nennt die radikale Feministin trans Frauen „She-Males“ und behauptet, Transgender würde patriarchale Rollenmuster festschreiben und „Frauen nach männlichen Vorstellungen schaffen“. Die lesbische Aktivistin Raymond unterstellt „allen Transsexuellen“, diese „vergewaltigen Frauenkörper, indem sie echte Frauen zu einem Artefakt reduzieren und diesen Körper für sich selbst vereinnahmen“.

Raymond prägte von da an den Diskurs radikaler Feministinnen, die die vermeintliche Bedrohung, denen sich Frauen durch patriarchale Vergewaltiger in Gestalt von angeblich übergriffigen Transgender ausgesetzt sahen, in immer schrilleren Farben ausmalten. Die abstrakte Vergewaltigungs-Metapher verselbständigte sich zur Behauptung einer konkreten, physischen Bedrohung durch Vergewaltiger in Umkleidekabinen und Damen-Toiletten.

Obwohl diese Argumentation nur von einem kleineren Teil im Kontext verschiedener feministischer Strömungen vertreten wird, nehmen TERF-Protagonist:innen häufig in Anspruch, die Interessen der Frauen – gemeint sind alle sogenannten biologischen Frauen – in Abgrenzung zu trans Frauen und Männern zu vertreten. In der Logik eines intersektionalen Feminismus liegt es hingegen, trans Personen als Betroffene möglicher struktureller Benachteiligungen im Abgrenzung zum Patriarchat mit einzubeziehen.

Bündnis zwischen radikalen Feministinnen und Konservativ-Evangelikalen

Den Konflikt zwischen den beiden Auffassungen verdeutlichte die genderkritische US-Aktivistin Natasha Chart, als sie twitterte, die dem intersektionalen Feminismus zugrundeliegende Kritische Theorie gehöre „in den Papierkorb“. Wegen ihrer transkritischen Haltung und Ablehnung von legaler Prostitution sei sie 2015 auf einer „schwarzen Liste“ gelandet und habe ihre Auffassung deshalb in dem Online-Portal Christian Post veröffentlicht – die einer ultrakonservativ-evangelikalen Mediengruppe zugehört.

Der Anschluss eines vom Selbstverständnis her linken radikalen Feminismus an ein rechtskonservatives und klerikales Milieu hatte zum einen strategische Bedeutung, zum anderen vertreten einflussreiche radikalfeministische Organisationen wie WoLF (Women’s Liberation Front) und WDI (Women’s Declaration International) auch offen rechtsextreme Positionen, soweit es ihnen hilft, TERF-Positionen politisch knallhart umzusetzen. In den USA fahren TERF damit aus ihrer Sicht erfolgreich: Republikanisch regierte Bundesstaaten haben die Gesundheitsversorgung für trans Personen einschränkt, trans Kinder werden vom gemeinsamen Schulsport ausschlossen. In Texas sehen sich deren Eltern der Gefahr ausgesetzt, wegen Kindesmissbrauchs belangt zu werden.

Deutsche TERF im Bündnis mit rechtsradikalen Trollen

In Großbritannien lässt sich seit Jahren eine fortschreitende Radikalisierung von Gender Criticals bis ins rechtsextreme Milieu beobachten, die wiederum nach Deutschland ausstrahlt. Anfang 2021 rief die genderkritische britische Influencerin Posie Parker in einem Video Männer dazu auf, trans Frauen mit Schusswaffen am Betreten von Damentoiletten zu hindern. In den deutschsprachigen genderkritischen Kreisen werden ebenfalls seit Jahren ursprünglich aus den USA oder Großbritannien stammende transfeindliche Memes von angeblichen trans Sexualstraftätern geteilt, die ursprünglich rechtsradikalen Hass-Foren auf Plattformen wie 4Chan, 8Chan und KiwiFams entstammen.

Unterstützt von WDI Germany und rechtsradikalen Trollen attackierten Protagonist:innen der TERF-Szene einflussreiche trans Personen wie die Journalistin Georgine Kellermann mit gezielten Beleidigungen, bedrohten trans Aktivist:innen durch die Veröffentlichung privater Daten und Fotos. Ein besonders aggressiver, anonymer TERF-Account („Gösser“) flehte im Juni 2022 den NPD-Vorsitzenden Frank Franz auf Twitter um Unterstützung im Kampf gegen angeblich sexuell übergriffige trans Personen an. Nicht einmal Personen aus dem genderkritischen Umfeld, die derartige Aktionen infrage stellten, waren vor Attacken rechtsradikaler Trolle sicher.

In der Öffentlichkeit treten als Protagonisten der TERF-Szene vor allem drei Personen in Erscheinung: Publizistin Eva Engelken, Autorin und Bloggerin Rona Ruwe sowie die Biologie-Doktorandin Marie-Luise Vollbrecht, die nach einem Welt-Beitrag gegen angebliche Frühsexualisierung durch die „Sendung mit der Maus“ mit einem umstrittenen Geschlechter-Vortrag an der Berliner Humboldt-Uni Furore machte. Twitter-Usern sind alle drei allerdings schon länger als Wortführerinnen der deutschen TERF-Szene bekannt, bevor sie von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurden.

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