Die Hydra-Joker-Gesellschaft

Kapitalismusverfallen Aus der Altgriechischen zur modernen Tragödie – ein Text über Kultur, Politik, Wirtschaft und das anomische, apolitische, entgesellschaftete Individuum
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Die Hydra-Joker-Gesellschaft
Der Joker ist die Verwirklichung des „American Psycho“

Foto: Warner/Presse

Als ich neulich das Theaterstück „Die Hydra“[i] an den Kammerspielen (Bochum) sah, dachte ich mir, „sollte es eine Griechische Erzählung darstellen?“ Wenn der Text des Heiner Müller einen Prozess erörtert, indem die Herakles‘sche Suche nach dem Monster Hydra tatsächlich einen Weg zu sich selbst, nämlich zu seinem Verhältnis zur Welt darstellt, ist das Stück in seiner modernen Inszenierung durchaus treu der Griechischen Auffassung geblieben. Dennoch ging sie weit über das ehemalige Verständnis hinaus, weil der Weg zu sich selbst bzw. das Verhältnis zur Welt in der Gegenwart ein eigentümliches Verhältnis ist. Dies ist keine idealistische, subjektive, ahistorische, kontextlose Erkenntnis der Welt. Sondern die konkrete Gegebenheit der immanenten, faktischen Objektivität. Lukács beschreibt die ontologische Priorität des Seins über das Bewusstsein als folgend:

„Die Autos auf der Straße können erkenntnistheoretisch sehr leicht als bloße Sinneseindrücke, Vorstellungen etc. erklärt werden. Trotzdem: Wenn ich von einem Auto überfahren werde, so entsteht doch nicht ein Zusammenstoß zwischen meiner Vorstellung über das Auto und meiner Vorstellung über mich selbst, sondern mein Sein als lebender Mensch wird von einem seienden Auto seinsmäßig gefährdet.“[ii]

Das Theaterstück verweist auf der einen Seiten auf das Anhäufen der Sachen, der Waren, des Besitztums. Auf der anderen Seite entsteht eine soziale Disruption durch die Entgesellschaftung, die Atomisierung und das Verfallen in der Nichtigkeit des Einzelnen (aber keineswegs des Individuums, das nur durch die und innerhalb der Gesellschaft existieren kann) und Stummheit. Das Gespräch wird ein Monolog. Die Gemeinde erscheint als die Summe vereinsamter Wesen, ein Purgatorium seelenloser Seelen.

Dann fiel es mir ein: fünf Tage davor hatte ich den Film Joker[iii] gesehen. Das, was wahrscheinlich viele Leute als eine Fiktion betrachten, geht stattdessen unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen fast als eine Dokumentation der gegenwärtig bürgerlichen Gesellschaft auf: Die vollkommene Negation der Politik durch die vollendende Gestalt des Kapitalismus wie ein Ungeheuer, ein Krebs, dessen einzige Moral an sich und in sich unaufhörlich, hemmungslos zur Unendlichkeit zu wachsen ist, aber nicht für sich – es besteht aber kein Wille, es bewegt sich wie ein Automat. Der klassisch politische Links- und Rechts- Unterschied existiert nicht mehr, sondern bloß ein Anarcho-Medaillon.

Auf der einen Seite die Ablehnung des politischen durch die kapitalistische Klasse, der Besitzer der Produktionsmittel, mit ihrer neoliberalen Lehre der individuellen Geschichte[iv] (nicht bloß ein Paradox, sondern eine ontologische Unmöglichkeit) und der ständigen Negation des Gesellschaftlichen, wo alles sich durch den Zufall (des sogenannten freien Markts) selbst organisieren und ergeben, wo die belobte Individualität in der Praxis verschwindet – wie bei dem Heideggerischen „Man“[v]: ein leeres, durchschnittliches, amorphisches Sein, nämlich die perfekte Negation des Politischen. Auf der anderen Seite die restlose Zerstücklung der Nicht-Eigentümer der Produktionsmittel und die Umwandlung ihrer gemeinsamen Interessen in angebliche Privatinteressen durch sowohl die Konsumpolitik (wegen des ständigen Einhämmerns des Neoliberalismus ins menschliche Hirn) als auch die Identitätspolitik (der von mir genannt „soziale Neoliberalismus“), wo das subjektive Interesse hypostasierend eine Gesamtheit darstellte, als ob die Summe der Teile eine Gesamtheit (im Sinne einer Gesellschaft) bilden könnte. Es ist so abstrus wie der Gedanke, dass das Hirn wichtiger als das Herz sei, das Herz als die Lungen, die Lungen als das Blut, das Blut als die Leber, etc. etc.: Der Körper ist eine Gesamtheit verschiedener Elemente, die als einzelne Teile nur eine Relevanz besitzen können, wenn sie von vornherein im Zusammenhang mit der Gesamtheit stehen. Wie der Körper ein Ökosystem ist; so ist es die Gesellschaft.

Der Joker ist die Verwirklichung des „American Psycho“[vi]; wo der Letztere bloß von Ermordung träumte, um von seinem dissonanten Alltag zu entkommen, vollzieht der Erstere den billigen Mord, die bedenkenlose Gewalt, um sich rücksichtlos von dem massiven Druck einer oppressiven Gesellschaft zu „befreien“ (eher im Sinne einer Katharsis, nicht einer Aufhebung seiner Unterdrückungsquelle). Das Mittel, die Strategie und dementsprechend auch die Taktik, den Kontext, den Anderen etc. berücksichtigt der Täter nicht, indem er selbst eine karikierte Form des Opfers sei, weil er weder Verantwortung für sich bzw. für seine eigenen Handlungen als auch für seine Verhältnisse und Beziehungen übernimmt. Die Entstehung von Batman erscheint als die Reaktion des Reichen zu demselben Kontext. Er sieht sich als der Gerechtigkeitskämpfer, aber handelt so willkürlich wie diejenigen, gegen die er als „judge, jury, executionar“ kämpft. Obwohl im Diskurs die bürgerliche Gesellschaft auf dem Rechtssaat (rule of law) beruht, erreichen und bewahren den kapitalistischen Erfolg diejenigen, die den Rechtsstaat nicht berücksichtigen. Man braucht sich bloß in der Wirklichkeit die meisten großen Unternehmen und Unternehmer ansehen, um dies nachzuweisen. Doch auch in den fiktiven Geschichten künstlerischer Ausarbeitungen kehrt das Motiv immer wieder. So z.B. auch bei dem Film „Nightcrawler“[vii]. Dort, um seine Karriere aufzublasen, geht Louis Bloom (Gyllenhaal) gegen jedes journalistische Prinzip, gegen die bürgerlichen Gesetze und begeht selbst verschiedene Verbrechen, um die Nachrichten großartiger zu machen, um sich selbst als einen ausgezeichneten Journalisten zu vermarkten: wesentlich ist sein Karriereaufstieg. Jeder, der eine minimale Ahnung von Geopolitik hat, weiß, dass Journalisten – Journalisten im Allgemeinen, das heißt nicht jeder Journalist als Einzelner – dieser Praxis täglich folgen, um illegale Kriege als Gerechtigkeitskampf zu begründen, um einen kommerziellen Gegner als einen kriegerischen Feind zu bezeichnen, um Müll als notwendige Produkte fürs menschliche Leben zu verkaufen, usw. usf.

Gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst, trägt das Theaterstück „die Hydra“ eine kraftvolle Botschaft gegen die kapitalistische Gesellschaft. Ähnlich wie bei Goethes Faust[viii], wo sein wissbegieriger Impetus keine Grenze findet, wo seine Vollendung auch seine Negation darstellt, indem er in seiner Endlichkeit nach dem Unendlichen zielt, wo er den Versuch macht, die immanente Beweglichkeit des Wissens in Stilstand zu bringen. Es ist nicht übertrieben die Parallele mit Marx‘ Kritik zu betonen.

Marx betont sowohl die subjektiven Aspekte dieses Prozesses – die Entfremdung, als die Negation des selbst, der eigenen Praxis (Arbeit), des Produkts dieser Praxis, und der Gesellschaft, indem der Nexus zwischen Individuum und Gesellschaft aufgehoben worden ist; und den Fetischismus, als die Verzauberung, die metaphysischen Eigenschaften der Sachen als ob sie eine eigene Subjektivität besäßen und dadurch eine Selbstständigkeit hätten.[ix] Im Kapital bestehen diese psychologischen Widersprüche darin, dass sie durch eine reelle Basis ermöglicht werden, deswegen weist er auch auf die objektiven Aspekte hin. Das Kapital – ein gesellschaftliches Verhältnis – ist nichts anderes als die praktische Negation des Selbst durch seine Preisgabe und dementsprechend Aneignung von einem anderen wegen der subjektiven und objektiven Not, wegen des Imperativs der gesellschaftlich vorhandenen Machtverhältnisse. Das Kapital ist ein ausbeuterisches Verhältnis, wo der Eine das nicht-bezahlte Produkt eines Anderen aneignet (und aneignen muss, um Kapitalist zu sein), akkumuliert und wieder überschießt, um diesen Prozess zu wiederholen. Daher stellt das Kapital eine anscheinend ewige unersättliche Kette der Ausbeutung dar, wo auf der einen Seite die Arbeit die Quelle des Werts und daher des Mehrwerts ist, aber auf der anderen Seite die Natur der Quelle der Arbeitsbedingungen entspricht.[x]

Die Störung in den Vereinigten Staaten – die wichtigste kapitalistische Gesellschaft der Welt – wird in dem herausragenden Stück von Chris Hedges America: The Farewell Tour festgehalten.[xi] Neben seinen krassen journalistischen Begegnungen mit US-Amerikanern enthüllt er die tiefsten Eingeweide einer verfallenen Kultur. Das Buch enthüllt die politischen, wirtschaftlichen und psychologischen Tendenzen, nämlich die historische Bewegung/Verschiebung, die hinter diesen einzigartigen Ereignissen stehen. 1) Eine ewige Kriegswirtschaft; 2) eine kapitalistische Gesellschaft, die am besten als Unternehmens(-staats-)sozialismus beschrieben werden kann (Kapitalismus für kleine Unternehmen und 99% der Individuen; Staatssozialismus für die großen Unternehmen und die wohlhabenden Top-1%); 3) das Debordsche Spektakel, das Realität und Diskurs ablöst[xii]; 4) und ein totalitärer Unternehmensstaat. Dies und mehr sind die Symptome einer zerfallenden Gesellschaft, die eine „kollektive Psychose“[xiii] verewigt. Die Verzweiflung ist auf ein beispielloses Maß angewachsen: „Rund 44.193 Amerikaner begehen jedes Jahr Selbstmord und weitere 1,1 Millionen Amerikaner versuchen jährlich Selbstmord.“[xiv]

Die aktuelle Suche nach dem Monster draußen verweist auf das Monster des selbst, seine Leerheit bzw. Inhaltslosigkeit, seine Verantwortungslosigkeit. Das sogenannte Individuum wird mit der Entfaltung kapitalistischer Verhältnisse anomisch, wird das vollendete „Man“, das vollständige Nichts. Oder wie Durkheim schrieb: „Eine Anomie ergibt sich tatsächlich aus dem Mangel an kollektiven Kräften an bestimmten Punkten in der Gesellschaft“[xv] und L. Coser kommentiert: „Durkheim war davon überzeugt, dass ohne stabile soziale Bindungen, ohne Soziale Solidarität, Individualismus zum Verfall der Gesellschaft führen würde.“[xvi] Die Joker und Hydra Darstellungen sind zugleich deshalb Ausdrücke unserer gesellschaftlichen Desintegration.

Noten

[i] Die Hydra: Adaption von Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe, Regisseur Tom Schneider, Musiker und Schauspieler Moritz Bossmann, Michael Graessner, Sandra Hüller und Sandro Tajouri, Bochum, 2019.

[ii] György Lukács, „Prolegomena zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“, in Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins, Band 1 (Darmstadt, Neuwied: Luchterhand, 1984), 11.

[iii] Joker: Regisseur Todd Phillips, Drehbuch Todd Phillips, Scott Silver, Bob Kane, Bill Finger, Jerry Robinson, Hauptschauspieler Joaquin Phoenix, Canada und Vereinigte Staaten, 2019.

[iv] Walter Eucken, Nationalökonomie wozu? (Düsseldorf & München: Verlag Helmut Küpper, 1961).

[v] Martin Heidegger, Sein und Zeit, Elfte, unv (Tübingen: Max Niemeyer, 1967).

[vi] American Psycho: Regisseur Mary Harron, Buch Bret Easton Ellis, Drehbuch Mary Harron, Guinevere Turner, Hauptschauspieler Christian Bale, Canada und Vereinigte Staaten, 2000.

[vii] Nightcrawler: Regisseur Dan Gilroy, Drehbuch Dan Gilroy, Hauptschauspieler Jake Gyllenhaal, Vereinigte Staaten, 2014.

[viii] Johann Wolfgang von Goethe, Fausto: Uma Tragédia: Primeira Parte, 1a ed. (São Paulo: Editora 34, 2004); Johann Wolfgang von Goethe, Fausto: Uma Tragédia: Segunda Parte, 1a ed. (São Paulo: Editora 34, 2007).

[ix] Karl Marx, MEW Band 40 (Berlin: Dietz Verlag Berlin, 1968).

[x] Karl Marx, MEW Band 23 (Dietz Verlag Berlin, 1962).

[xi] Chris Hedges, America: The Farewell Tour (New York, London, Toronto, Sydney, New Delhi: Simon & Schuster, 2018).

[xii] Das Debordsche Spektakel ist meine eigene Deutung der Kritik Hedges. Guy Debord, La Société du Spectacle (Paris: Gallimard, 1992); Guy Debord, Commentaires sur la société du spectacle (Paris: Gallimard, 1992).

[xiii] Hedges, America: The Farewell Tour, 54.

[xiv] Ebd., 88–89.

[xv] Émile Durkheim, Suicide: A Study in Sociology (London, New York: Routledge, 1952), 350.

[xvi] Lewis Coser, „Introduction“, in Émile Durkheim, On the Division of Labor in Society (Basingstoke, London: MacMillan, 1984), xiv.

19:14 06.11.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dr. Joao Romeiro Hermeto

Wirtschaftswissenschaftler, Künstler und promovierter Philosoph
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