Mit Geduld und Spucke

WM-Kolumne Was man alles tut, um in die Startelf zu kommen? Unser Kolumnist plaudert aus dem Nähkästchen und resümiert über die Vorteile des Altherrenfußballs
Ausgabe 28/2014
Präzisionsarbeit: Den richtigen Einwurf hat man wohl im Blut – oder eben nicht
Präzisionsarbeit: Den richtigen Einwurf hat man wohl im Blut – oder eben nicht

Foto: Jasper Juinen/ AFP/ Getty Images

Bei jedem Turnier betonen die Deutschen, wie viel besser die Stimmung im Team im Vergleich zum letzten Mal ist, wenn man das zurückrechnet, muss es früher wie in einem übers Wochenende steckengebliebenen Fahrstuhl zugegangen sein. Ich stelle es mir sehr unangenehm vor, Mitspielern und Trainer im WM-Quartier wochenlang jeden Tag dauernd zu begegnen. Und wenn man auf dem Zimmer bleibt, macht man sich der Grüppchenbildung verdächtig.

Ich habe als Hiwi im Büro immer gelauscht, ob jemand auf dem Flur ist, und bin dann schnell zur Toilette gehuscht. Und wenn der Trainer abends anklopft und man schon ahnt, dass er einem persönlich mitteilen will, dass man am nächsten Tag nicht spielen wird? Einfach nicht aufmachen? Man muss dann positiv bleiben, unglaublich professionell, also bereit, den anderen in der Spielunterbrechung mit einem Leibchen bekleidet Trinkflaschen zu reichen. Es darf aber auch nicht so wirken, als wäre es einem ganz recht, nicht zu spielen, ein kognitiver Widerspruch.

In meinem Autorenfußballteam war bei der letzten Reise nach Brasilien auch nicht klar, wen der Trainer aufstellen würde. Da er die Ansage gemacht hatte, dass sich auf dem Busklo alle hinsetzen sollten, es aber in dem Kabuff viel zu eng dafür war, habe ich die Tröpfchen auf dem Brillenrand mit einem Papierhandtuch abgewischt und dieses in das überfüllte Müllloch neben dem Waschbecken gestopft, was für die anderen ja viel ekliger gewesen wäre, wenn sie es gewusst hätten. Alles, um in die Startelf zu kommen!

Es wundert mich übrigens nicht, dass sich in der deutschen Mannschaft eine Grippewelle ausbreitet. Bei uns fing auch nach zwei Tagen der Erste an zu husten. Die Klimaanlage im Bus muss ausgeschaltet sein, auch wenn man erstickt. In Brasilien ging das aber nicht, weil der Luftstrahl dann aus den Lautsprechern kam. Also hatte ich im Bus meine marokkanische Wollmütze auf. Und auf dem Platz neben sich legt man am besten eine sperrige Tasche ab, damit sich keiner dort hinsetzt, man weiß nie, ob er sich schon infiziert hat.

Solches Wissen hat man als Altherrenfußballer den jungen Profis voraus. Altherrenfußball ist überhaupt in mancher Beziehung anspruchsvoller. Bei der WM beneide ich die Spielmacher immer um die utopischen Pässe, die sie spielen dürfen, irgendein Stürmer wird ihn schon erlaufen. Wenn man bei uns einen perfekten Ball spielt, macht der andere keinen Schritt, er erwartet, dass der Ball genau in den Fuß kommt. Es heißt dann: „Sicher spielen! Einfache Pässe!“ Rückpässe zum Torwart verbieten sich auch, zu riskant.

Der schwerste Ball für uns ist nicht die folha seca, der dem Knuckleball beim Baseball abgeschaute Schuss, bei dem man den Ball ohne Rotation schießt, wodurch er „flattert“, sondern der Einwurf. Ich bewundere die Profis bei der WM, die praktisch nie einen falschen Einwurf produzieren. Niemand in unserem Team kann wirklich erklären, wie ein richtiger Einwurf geht, es lässt sich nicht in Worte fassen, man muss es im Blut haben, wie die Sambaschritte. Mehrmals im Spiel werden bei uns Einwürfe abgepfiffen. Manchmal wechselt das Einwurfrecht zwischen den Mannschaften hin und her, weil die anderen es auch nicht können. Deshalb sind Bälle ins Seitenaus fast schon eine Form der Balleroberung.

Noch besser ist es aber, den Ball gleich ins eigene Toraus zu schießen, weil kaum jemand gute Ecken schlagen kann und deshalb Ecken immer eine Gelegenheit zum Kontern sind.

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Geschrieben von

Jochen Schmidt

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