Hulk trägt Neymar huckepack ins Tor

WM-Kolumne Unser Kolumnist denkt über das Expertentum im Fußball nach und wundert sich über so manche Spielerkörper
Ausgabe 26/2014
Der Name ist Programm: Hulk, der bürgerlich Givanildo Vieira de Souza heißt
Der Name ist Programm: Hulk, der bürgerlich Givanildo Vieira de Souza heißt

Foto: Vanderlei Almeida/ AFP/ Getty Images

Ich habe jetzt schon wieder Angst vor der Zeit danach. Obwohl ich immer noch nicht in der richtigen WM-Stimmung bin, es wird nie wieder wie beim ersten Mal. Oder es liegt daran, dass ich die meisten Spiele mit einem schlechten Gewissen gucke, um 18 Uhr, weil es zu früh für den Feierabend ist, um null Uhr, weil gegen halb fünf der Kleine aufwachen wird.

Zum Glück habe ich diese Kolumne, da kann ich immer sagen, ich müsse ja aus beruflichen Gründen gucken. Und tagsüber muss man in der Presse nachlesen, was man gesehen hat. Was hindert einen eigentlich noch daran,Sky zu abonnieren und auch noch die letzten Lücken im Lebenslauf mit Fußball zu füllen? Das deprimierendste Fernsehsporterlebnis ist immer, wenn man im Vorfeld der großen Turniere die Nationalspieler im Pulk und mit Sturzhelmen zu einer Runde auf dem Mountainbike aufbrechen sieht, der Trainer mit seinem Altmännerkörper hinterher. Im ersten Moment wundere ich mich immer, dass die Profis auch Fahrrad fahren können, man sieht sie ja sonst nur im Sportwagen den Parkplatz des Vereinsgeländes verlassen. Es ist so ein unnatürliches Bild, trotzdem bedauert man es, dass man nicht noch mehr Bilder von diesem Radtraining der Nationalmannschaft bekommt, dass da kein Kamerawagen mitfährt, man würde das stundenlang verfolgen, wie man früher Tour de France geguckt hat, weil die Bundesligasaison zu Ende war und kein Turnier anstand.

Es ist ein Zustand der vollkommenen Leere erreicht, wenn man zwei Stunden diverse Sportteile liest, immer wieder dasselbe in anderen Worten, obwohl man weiß, dass alle wirklich relevanten Informationen über die Nationalmannschaft sowieso intern bleiben. Man liest auch noch den hundertsten landeskundlichen Artikel über Brasilien, in denen komischerweise genauso wenig steht wie in den Artikeln über die Spiele.

Ich fühle mich als Experte, weil ich zufälligerweise vor zwei Wochen in Brasilien war und sogar im Stadion das Testspiel der Brasilianer gegen Serbien gesehen habe. Irgendwann fiel ein Tor für Brasilien, im Fernsehen sah ich später, dass Fred der Torschütze war, im Stadion sieht man ja vom Spiel nichts. Der Trainer am Spielfeldrand hat ungefähr so eine Übersicht über das Geschehen wie ein Lehrer bei der Pausenaufsicht. Wenn es Gerangel gibt, greift er sich einfach zwei raus, die er schon immer auf dem Kieker hatte, und schickt sie zum Direktor, genauso machen es die Trainer mit den Auswechslungen. Dass da mehr Überlegung dahintersteht, können Sie mir nicht erzählen.

Fernsehfußball ist im Gegensatz zu Stadionfußball eine Kunstform, noch nach dem zehnten Mal kann man eine Zeitlupe nicht erschöpfend interpretieren, immer wieder fällt einem etwas Neues auf. Was mich im Stadion immerhin beeindruckt hatte, war der Körper von Hulk. Eigentlich könnte Neymar den Ball auf dem Kopf balancieren, und Hulk trägt ihn huckepack über die Torlinie, wäre das gegen die Regeln? Einmal rannte Hulk dem Ball hinterher, stolperte und stand so schnell wieder auf, dass man das Gefühl hatte, das sei seine spezielle Form, Tempo aufzunehmen.

Übrigens war der Grund, warum ich in Brasilien war, gemeinsame Lesungen mit brasilianischen Autoren, und aus der Übersetzung eines Texts habe ich erfahren, dass Ernie und Bert in diesem Land Ênio und Beto heißen. Das habe ich bisher noch nirgends gelesen, obwohl über Brasilien inzwischen alles gesagt zu sein schien. Jetzt ist aber wirklich alles gesagt.

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Geschrieben von

Jochen Schmidt

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