Können Neurowissenschaftler Gedanken lesen?

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Die kurze Antwort lautet: Nein. Wesentlich interessanter ist natürlich die ausführliche Antwort, aber die erfordert etwas auszuholen.

In den letzten Jahren drangen immer wieder Meldungen über sogenannte Brain-Computer-Interfaces (BCI) an die Öffentlichkeit, meistens etwas effekthascherisch aufpoliert von den üblichen Verdächtigen: "den Medien". Ein Brain-Computer-Interface, also eine Gehirn-Computer-Schnittstelle, erlaubt es Menschen mit ihren Gedanken einen Computer zu steuern. Die Anwendungsgebiete gehen über bloße Spielereien hinaus und umfassen Steuerungen für Rollstühle, Schreibprogramme und Computerspiele. Für Menschen mit Lähmungen und ähnlichen Behinderungen eröffnet diese Technologie neue oder wiedererlangte Freiheitsgrade. Der Nutzen ist offentlichtlich, die nötige Technologie allerdings noch in den Kinderschuhen.

Vor diesem Hintergrund fällt einem schnell das Stichwort "Gedankenlesen" ein. Denn wie sonst sollte der Computer wissen, was sein Benutzer denkt? Teil des Brain-Computer-Interface ist eine Messvorrichtung, z.B. ein Haube mit vielen kleinen Elektroden die die Hirnströme messen und so ein Elektroenzephalogramm erzeugen. Je nach Aktivität der Neurone, also der Nervenzellen die die informationsverarbeitenden Einheiten unseres Gehirns darstellen, verändert sich dieses EEG. Diese Methode hat eine schlechte räumliche Auflösung, ist also nicht sehr genau bei der Bestimmung von Aktivitäten innerhalb bestimmter Hirnareale. Bessere Messungen lassen sich durch direkt auf der Hirnrinde aufgetragene Elektroden liefern. Hierzu ist allerdings eine Operation und Implantation notwendig.

Um nun beispielsweise einen Rollstuhl zu steuern, muss das BCI zunächst trainiert werden. Angenommen, der Rollstuhl soll nach links fahren, wenn sich der Benutzer vorstellt seinen linken Fuß zu bewegen und umgekehrt nach rechts, wenn der rechte, sich bewegende Fuß vorgestellt wird. In der Trainingsphase wird dem Benutzer vorgegeben, welche Bewegung er sich vorstellen soll. Aus den gemessen Hirnströmen können so (sehr vereinfach gesagt) Regelmäßigkeiten extrahiert und mit den entsprechenden Befehlen korreliert werden. Das BCI schließt also nach dem Training ein statistisches Modell ein, das Hirnströme mit bestimmten Befehlen korrelieren kann.

Prinzipiell kann jede systematische Veränderung der Hirnaktivität genutzt werden, um einen Computer oder ähnliches System zu steuern. Grob gesagt basieren derzeitige BCIs auf dem Zusammenhang von Gehirnaktivität und bewusster, willentlicher Vorstellung. Wichtig ist hier übrigens die Nuancierung: es wird keine Identität von Gehirnaktivität und Bewusstsein unsterstellt.

Können Neurowissenschaftler also Gedanken lesen? Was genau ein Gedanke ist lässt sich nur schwer sagen streiten doch Philosophen seit Jahrtausenden über diesen Begriff. Einigen kann man sich wohl darauf, dass ein Gedanke ein erlebter, bewusster Teil eines kognitiven Prozesses ist. Er gehört zu einem Subjekt und ist privat, also nur seinem Denker zugänglich, wobei der Inhalt des Gedanken durchaus von externen Kriterien bestimmt sein kann. Wenn wir umgangssprachlich vom Gedankenlesen sprechen, meinen wir damit die Möglichkeit den Inhalt des Gedachten von einer anderen als der Perspektive des Denkenden zu erfassen. Inhalt erfordert aber nicht nur ein Medium (z.B. Tinte auf Papier, Schallwellen etc.), sondern auch ein Format (z.B. Sprachen wie Deutsch, Straßenzeichen, Bildformate wie jpeg, bmp usw.). Gedanken und Vorstellungen manifestieren sich aller Wahrscheinlichkeit nach in Form von elektrischen Potentialen realisiert von Millionen von Neuronen. Allein diese Potentiale zu messen reicht nicht aus, um den Inhalt zu erfassen. Die Neurotechniker (wie man eigentlich sagen sollte) messen elektrische Aktivität und korrelieren diese nach eigens vorgegebener Systematik mit Befehlen. Sie entwickeln ein primitives Format oder besser gesagt eine eigene Sprache, um im Kontext des BDI sinnvoll die Gehirnaktivität zu interpretieren. Genau genommen lernen sie aus diesen Messungen ebenso viel, wie ein geübter Beobachter aus der Mimik seines Gegenübers.

Der Einsatz von BCIs wird in Zukunft möglicherweise für Menschen mit Behinderung eine Bereicherung darstellen. Diese Technologie im Zuge skeptischer Fortschrittsangst als ein weiteres Beispiel des Verfalls unserer Menschlichkeit und Autonomie zu sehen (wie bspw. hier und übersetzt hier) verfehlt völlig die Grundlagen und Anwendungsgebiete dieser Verfahren.

Weitere Informationen:

21:52 24.04.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jockel

Ich glaub es hackt!
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krem-browning | Community
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