joebar

Schreiber 0 Leser 0
Avatar
RE: Die Freiheit des Hechtes | 02.01.2012 | 17:21

Nun, ich zumindest möchte das nicht. Übrigens nicht nur mit Blick auf angeborene, sondern auch auf erworbene Talente. Es wäre fatal, die individuelle Bereitschaft zu ersticken, auf bestimmten Gebieten mehr Interesse, mehr Hingabe, mehr Fleiß, mehr persönlichen Einsatz zu erbringen, als andere. Geschieht dies doch, so herrscht Gleichmacherei auf niedrigstem Niveau. Das bringt weder eine Gesellschaft voran, noch fördert es die persönliche Freiheit. Insofern denke ich, dass ich Ihre Argumente verstehe.

Die interessante Frage ist aber, ab welchem Punkt der Vorteil, den der Einzelne aufgrund seiner Talente erwerben kann/darf (auch Skrupellosigkeit ist ein "Talent"), anderen schadet. In einem bildhaften Versuch, meine Idealvorstellung einer freien und gerechten Gesellschaft zu beschreiben, würde ich die potentiellen Lebenswege der Menschen als parallele Spuren von gleicher und ausreichender Länge darstellen. Wie weit der Einzelne auf seiner Spur tatsächlich vordringt, ist seinem individuellen Bedürfnis und Ehrgeiz überlassen. Zwei Dinge müssen sichergestellt sein:

1. Jedem muss eine solche Spur zur Verfügung stehen. Das ist die berühmte Chancengleichheit - die meiner Meinung nach wenigstens in Ansätzen schon besteht.
2. Es muss unmöglich sein, die eigene Spur zu verlängern, indem ich andere verkürze. Von dieser Bedingung sind wir leider Lichtjahre entfernt.

Ich bin mir durchaus der großen Gefahr bewusst, die eine verbindliche Festlegung der ausreichenden Länge der Spur - durch welchen Souverän auch immer - in sich birgt. Letztlich bedeutet sie ja eine Normierung des Glücks. Mit zunehmendem Lebensalter und -erfahrung komme ich aber immer mehr zu der Überzeugung, dass die Nichteinhaltung von Bedingung Nr. 2 die größere Gefahr für Freiheit und Glück darstellt.

Um zur Realität zurückzukehren - dort wird Bedingung Nr. 2 in erster Linie durch exzessive Einkommen und Vermögensanhäufung verletzt. Ich will mich gar nicht auf die Frage der individuellen Leistungsgerechtigkeit einlassen. Es genügt schon, ganz emotionslos festzuhalten, dass es aufgrund der Begrenztheit von Wertschöpfung und Ressourcen unmöglich ist, einzelne Spuren exzessiv zu verlängern, ohne im Gegenzug andere zu verkürzen.

Um nicht nur schöne Worte gemacht zu haben, aber einen konkreten Vorschlag schuldig geblieben zu sein: Es gab ja mal so eine Studie, wonach ein Einkommenszuwachs bis zu einem Jahreseinkommen von rund 100.000,- € auch einen Zuwachs an individuellem Glück und Zufriedenheit nach sich zieht, darüber jedoch nicht mehr. Ich hätte keine Bedenken, die Einkommensteuerprogression so zu gestalten, dass ein höheres Pro-Kopf-Jahreseinkommen unmöglich ist. Ich halte diese Zahl im Gegenteil schon für verdammt hoch gegriffen. Dies wäre die definierte Länge der Spur.

Ich bin sicher, dass dies weder den Tod der individuellen Leistungsbereitschaft, noch eine sozialistische Tristesse à la RGW, noch bürgerkriegsähnliche Zustände hervorrufen würde. Man müsste es mal versuchen.

RE: Die Mathematik der Manipulation | 31.10.2011 | 15:36

Hallo,

Positive Erklärung: weil sie sehr schön veranschaulicht, wie unterschiedlich "Gerechtigkeit" empfunden und - je nach Argumentationsgrundlage - definiert werden kann.

Negative Erklärung: weil sie das immer wieder gerne benutzte Argument untermauert, die Einkommensteuerlast sei ungerecht verteilt, weil 10% der Bevölkerung 59% der Zeche bezahlen, und am Ende alle hungern müssten, wenn man diese 10% erst einmal vergrault habe.

Wirft man z.B. einen selektiven Blick auf die Veröffentlichung "Die soziale Situation in Deutschland" der Bundeszentrale für politische Bildung [http://www.bpb.de/files/JYRIHO.pdf], so wird diese Argumentation scheinbar sogar bestätigt. Bei alleiniger Betrachtung des Aufkommens an der Einkommensteuer beziehen diese obersten 10% insgesamt 24,9% des Gesamteinkommens, zahlen aber 51,8% der Einkommensteuer [Folien 24 und 28]. Wer an dieser Stelle aufhört, nachzudenken, und keine weiteren Daten einsieht, erhält spontan den Eindruck, dies sei ungerecht. Rechnet man hingegen aus, welcher absolute Betrag vom Bruttojahreseinkommen - trotz Progression - dem obersten Dezil bleibt, und betrachtet man dann noch dessen Anteil am Gesamtvermögen [61,1%, Folie 39], dann kann man auch schnell zu dem Schluss kommen, dies sei ungerecht. Allerdings in entgegengesetzter Richtung.

Ob die Geschichte nun darauf abzielt, NICHT ZU FRAGEN, oder ob sie genau zu dieser Frage hinführen will - entscheidend bleibt in der Tat die Frage selbst: Warum haben vier gar nichts, und einer so viel?

RE: Alles auf Autobahn | 07.10.2011 | 20:02

Ja - soweit es die Grünen betrifft.

Aber diese ach so nützliche schwarz-rote "breite Mitte" (so breit, dass an den Rändern kaum mehr Platz für eine Oppostion bleibt), handwerklich professionell gemacht und quasi alternativlos - Bravo Wowi, wenn schon, dann macht man's gleich richtig. Immerhin liegt er damit voll im "Deutschlandtrend" der ARD: "Die Bürger sind mit Schwarz-Gelb unzufrieden und wollen die große Koalition zurück."

Und das ist nicht gut so.

RE: Alles auf Autobahn | 07.10.2011 | 19:35

@claudia

Hallo, das deckt sich weitestgehend mit meinen Wahrnehmungen.

Der Ehrlichkeit halber muss man natürlich zugeben, dass das mit der Meinungsbildung eine vertrackte Sache ist. MeinungsBILDung auf der Grundlage von Schnappschüssen aus der Tagespresse ist im Ansatz zu begrüßen, da immerhin schon mal gelesen wird. Es ginge noch schlimmer ...

Andererseits, Hand auf’s Herz – wie viel Prozent der Wahlberechtigten haben denn beispielsweise den Vertragsentwurf zum ESM tatsächlich gelesen, und wie viele von denen haben dann wenigstens das Wichtigste, geschweige denn jedes Detail der 30 Seiten verstanden? Wer nicht zufällig über passendes Fachwissen verfügt, dem bleiben doch nur die Medien als einzige Chance, mit vertretbarem Aufwand an eine aussagekräftige Analyse zu kommen.

Was nun die Wahrnehmung der LINKEN durch die Wählerschaft betrifft, so glaube ich nicht, dass es in erster Linie nur daran liegt, dass der Parteiname in den Massenmedien mit schlechtem Image beladen wird. Das Problem sitzt tiefer. Ich erinnere mich noch allzu gut an die Schlagzeile über Lafontaine in der SUN: „Is this the most dangerous man in Europe?“, die er nicht zuletzt wegen seiner Vorstöße zur Kontrolle der internationalen Finanzmärkte bekommen hatte. Nun, spätestens mit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2007 sollte man – gerade wegen dieser medialen Entgleisung, die mittlerweile Lügen gestraft wurde – eigentlich annehmen, dass der LINKEN die Wähler in Scharen zulaufen. Das tun sie aber nicht. Selbst mobilisierbare, noch nicht endgültig politikverdrossene Jungwähler machen ihr Kreuzchen offensichtlich eher bei den Piraten. Mein Eindruck ist, dass bei einer Vielzahl der Menschen eine diffuse Angst besteht, bei einer Regierung der LINKEN würden am Ende nicht nur die „Reichen“, sondern alle weniger haben. Das würde jedenfalls vieles erklären.

RE: Pofalla ist das kleinste Problem | 06.10.2011 | 19:26

"Pofalla ist das kleinste Problem" ...

... aber es manifestiert sich in seiner Person auf besonders widerwärtige Weise.

RE: Alles auf Autobahn | 06.10.2011 | 18:42

Mir fallen auf Anhieb drei plausible Erklärungen für dieses Phänomen ein:
- entweder stimmt es nicht, dass das Programm der Linken von 70% der Bürger akzeptiert wird (heißt "akzeptieren" auch "mögen" oder "wünschen"?),
- oder diese 70% akzeptieren es zwar, glauben aber nicht, dass die Linke es auch tatsächlich verwirklichen wird,
- oder Ihr Eindruck ist zutreffend.

Und was machen wir nun?