Alt aber jetzt

Ton & Text Berichtet vom Ende der Popmusikgeschichte und der ästhetischen Kapitulation der Innovation vor der Effizienz des Hörens und Suchens: Simon Reynolds „Retromania“

Die fast vergessenen deutschen Techno-Pioniere sind wieder da, omnipräsent fast schon. Im November startet die Doku über die Hamburger Band Fraktus im Kino, die virale Promotion-Maschine läuft schon seit geraumer Zeit. Alte Musikschnipsel liefert die, verblasste und verschlierte Super-8-Aufnahmen von chaotischen Auftritten oder heute selbstverständlich obskur anmutende Videos aus der „Formel 1“-Ära, also aus einer Zeit sogar noch vor der kurzen aber allumfassenden MTV-Hegemonie. In den Kommentaren bei YouTube finden sich die damaligen Fans und Freunde wieder zusammen und schwärmen von den guten alten Zeiten, als Fraktus das neue große Ding hätten werden sollen. Natürlich gibt es zum Film auch die Reunion-Tour, das Best-of-Album und eine Neuadaption ihres größten – nun ja – „Hits“. Der „neue“ Remix aber ist eine hoffnungslos gestrige Eurodance-Schrottnummer von Alex Christensen, einem jener Star-Produzenten der schlimmeren deutschen Neunziger-Clubkultur, die man heute schon wieder in der endlosen „Ultimativen Chartshow“ auf RTL begutachten kann. Es ist perfekt.

Fraktus gab es nie, jedenfalls nicht damals, sie sind ein Kunstprodukt des schlauen Hamburger Spaßprojekts Studio Braun. Ein sehr liebevolles und mit einer Fülle von zeitgemäßen Details ausgestattetes, eben perfektionistisches allerdings. Eines, das über die reine Persiflage weit hinausgeht und – das beweist das begeisterte Interesse bei vielen Menschen, die sich mit Musik sehr gut auskennen – einen Nerv getroffen hat, der sich gern auf das Gestrige polen lässt. Darauf, sich eine Vergangenheit noch einmal anzueignen, die man hier der besseren Kontrolle wegen einfach selbst nachformt. „Fraktus“ – der Film, das Album, die Band – ist das möglichst detailgetreue Reenactment einer potenziellen Vergangenheit. Dessen grundsätzlich parodistischer Charakter, das lässt sich jetzt schon vorhersagen, wird auf den Konzerten im Winter wohl in den Hintergrund rücken gegenüber dem Spaß am hemmungslosen Retrocharme des Trios. Was zu beweisen war.

Nur noch alte Soundkonzepte

„Alt aber jetzt“ würde Simon Reynolds vielleicht auch dazu sagen. Dessen „Retromania“ ist eines der meistdiskutierten Popkultur-Bücher des letzten Jahres. Musikjournalist Reynolds – der Engländer lebt heute in Los Angeles – beschreibt, „warum Pop nicht von seiner Vergangenheit lassen kann“. Jetzt ist es in der deutschen Fassung erschienen, beim in Sachen Pop-Diskurs nicht eben unerfahrenen Ventil-Verlag, eine 350 Seiten starke Abhandlung über das Ende der Popmusikgeschichte. 60 Jahre hat sie nach keineswegs abwegiger Lesart des Autors benötigt, um sich vollends in ihrer eigenen Vergangenheit zu verlieren, um musikalische Innovation als treibende Kraft auszuschließen. Und es stimmt ja auch: Seit der Jahrtausendwende gibt es tatsächlich keine grundlegend neue Musikszene mehr, kein wirklich neues Genre, das Klänge liefert, die man so vorher noch nicht gehört hat. Das Ende der Entwicklung lässt sich mit Techno, vielleicht noch Grime (womit auch die Basis des als Gegenthese viel beschworenen Dubstep-Kosmos abgedeckt ist) abstecken. Alles was danach kam, bedient sich alter Soundkonzepte, die vielleicht noch per technologischem Fortschritt ausgelotet werden. Oft genug aber – Simon sieht da die große Mehrheit der Musiker – ist die reine Neuinterpretation des eigentlich Vergangenen das Zentrum der künstlerischen Kreativität.

Eine Fülle von Nachweisen hat Reynolds für seine Analyse gesammelt, akribisch muten allein die Fakten an, die er dem eigentlichen Text zugesellt. Ausführlich beschreibt er viele Phänomene, die er als Begleitung oder Ursache auszumachen glaubt, ortet die Innovationsverweigerung als gewissermaßen systemimmanent. Es gibt ausführliche Erläuterungen zu eben jenem Reenactment, dessen offensichtlichste Variationen das Nachspielen fremder oder der eigener Albumklassiker durch Bands wie The Flaming Lips, Sonic Youth, Slayer oder oder oder sind. Reunions und Reissues nehmen immer größeren Raum in der Rezeption von Popmusik ein, befeuert von einer zyklisch vollendeten Erwachsenenliga des Pop und permanent neu entdeckt durch die nachwachsenden Generationen auf der Suche nach dem „Authentischen“, der größtmöglichen Nähe zum Gründungsmythos aller Popmusik. Für Reynolds ist sogar Punk die reaktionäre musikalische Kraft, nicht der Progrock, dem das „progressiv“ ja schon im Namen innewohnt. Jetzt erst scheint ihm aber die Grenze der Weiterentwicklung erreicht, gesetzt vor allem durch eine Technologie, die künstlerische Innovation vergleichsweise mühsam und demzufolge verzichtbar macht: Mit dem Internet und seiner allumfassenden Zugänglichmachung des weltweiten Poparchivs, der Verlagerung des Musikhörens von einer im Wesen ineffizienten, Aufmerksamkeit und Zeit einfordernden Tätigkeit zur dafür aber dauernden Nebenbeschäftigung, mit der auch soundästhetischen Kapitulation vor dem MP3.

Verführbarkeits-Potenz

Man kann das gut nachvollziehen, vor allem, wenn man tatsächlich Musikliebhaber ist und Ariel Pink – Reynolds Lieblingsmusiker – ebenso schätzt, den er konsequenterweise übrigens auch als Beispiel für die Verführbarkeits-Potenz der Retromania anführt. Jeder hat sich schon in den Weiterverweisen von YouTube verloren, obwohl man nur schnell mal etwas nachschauen wollte. Man geht tatsächlich weniger oft zum eigenen Plattenregal, wo man mühsam suchen muss, was doch per Festplatte im Handumdrehen hörbar ist. Man befriedigt sich – wenn man sich den Erfahrungshorizont erarbeitet hat – mit dem Aufspüren des Referenzmaterials aktueller Musik. Es ist – das stellt man schnell fest – eine ziemlich deprimierende, allerdings kaum zu ignorierende, beeindruckend schlüssig wirkende Bestandsaufnahme.

„Und nun?“, fragt man sich allerdings beim Lesen zunehmend. Denn natürlich hat Reynolds auch keine Alternative zum Rückwärtsblick parat, nur eine extrem vage Hoffnung: „Ich glaube immer noch, dass die Zukunft da draußen liegt“, heißt es zum Abschluss von „Retromania“. Irgendwo also, nur noch nicht entdeckt. Vielleicht noch nicht erfunden oder auch nur versteckt in einer Vorstufe des Erfolgs, unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, verdeckt von eben all jenem Retrokrempel, der es viel einfacher hat. Aber mit der Potenz, Massen wieder für Innovation zu begeistern. Sonst wäre es nicht Pop. Dessen Voraussetzung ist – bei aller Ausdifferenzierung und dem Wegdriften in Subsub-Nischen – immer noch das Funktionieren als Massenkultur. Schön wär’s schon.

Retromania – Warum Pop nicht von seiner Vergangenheit lassen kann Simon Reynolds Ventil 2012, 424 Seiten, 29,90 €

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit motor.de entstanden.

13:18 24.10.2012
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