Auferstanden in Ruinen

Ton & Text Authentizitätscheck, Geschichtsabgleich, Erinnerungsumdeutung: Wenigstens in Leipzig ist das für „Als wir träumten“ noch wichtiger als der Literatur- und Filmkunst-Faktor

Fangen wir mal mit einem der zentralen Tracks auf dem – da scheint die Kritik einig – perfekt inszenierten Soundtrack an: Josh Winks „Higher State Of Consciousness“  ist vor ziemlich genau 20 Jahren erschienen, ist es eines der klassischen „Rave Anthems“, was sich mit „Hymne“ nur sehr ungenügend übersetzen ließe; ein fundamentales, massenwirksames, musikalisches Statement zum gerade aktuellen Stand der Dinge auf dem Dancefloor, wie sie die Rave-Kultur der Neunziger gar nicht mal so wenige hervorgebracht hat. Dieser Acid-Track lotete aus, was man mit einer 303, einem kleinen Bass-Sequenzer, dem Ur-Instrument des Techno überhaupt, machen kann. Wink selber behauptete später irgendwann, er hätte das Gerät aufschrauben und von innen an den Reglern schrauben müssen, um die hochzwitschernden Töne zu erreichen, die den markanten Sound ausmachen. Auf dem Floor brannten die alles weg. Wer Club-Ekstase versoundtracken will, liegt damit also genau richtig. Sowieso für „Als wir träumten“.

Jetzt ist der Film also da und zumindest in Leipzig gibt es niemanden, der sich „Als wir träumten“ nicht schleunigst anschauen, der nicht den Erinnerungsabgleich machen will. Niemanden jedenfalls, der „damals dabei war“. Dabei in jenem auf der Leinwand verführerisch wilden, anarchistischen Nachwende-Leipzig, das den real existierenden Background der Story ausmacht. Dabei, als Techno den Osten mit einer – vermeintlich – gänzlich eigenen Jugendkultur ausstattete. Ganz folgerichtig mutet der Film jetzt als passgenaue Ergänzung zu all der Historisierung an, die das Genre und die ganze darum gewachsene Clubkultur seit einiger Zeit erleben. (Wenn im März Westbam seine Biografie vorlegt, dürfte dann auch der bisher aus Credibility-Gründen gern weggedrückte Themenkomplex Mayday, Loveparade und Koks-Größenwahn authentisch hinreichend ausgeleuchtet sein.)

Geschrieben hat Clemens Meyer „Als wir träumten“ 2005, es war schon damals, mit nur zehn Jahren Abstand zum Geschehen, der literarisch nur roh behauene Blick auf eine seltsam fern anmutende Zeit, von der man vor allem eins wusste: So kommt sie nie wieder. Zumindest, bis wieder ein ganzes Land abgewickelt wird und irgendetwas die Leere füllen muss. Die gesellschaftliche und die räumliche. Techno war das perfekte Füllmittel.

Meyer-Werke entwickeln für das literarische Feuilleton eine ähnliche Faszination wie die geklaute Berghain-Erfahrung einer Helene Hegemann – weil natürlich die Rezensenten nicht dabei gewesen sind. Nicht dabei sein können, weil es aus dem Ghetto der bürgerlichen Feuilleton-Existenz nur den Aufstieg gibt, keinen Ausbruch nach unten, jedenfalls keinen, der über den Zoobesuch-Faktor hinausgeht. Jugendkultur, Underground, Drogen, Musik. Im Westen Ghetto, im Osten – nun ja – der Osten selbst: es sind Welten, die sich nicht ohne weiteres erschließen lassen, wenn man nicht dabei ist oder war, auch wenn gute Kunst sie immerhin nachfühlbar macht. Einen „illusionslosen Milieuroman“ nennt die FAZ „Als wir träumten“ und das ist natürlich schon deshalb Quatsch, weil jegliche Erinnerung als erstklassige Illusionsmaschine funktioniert. Orte sind dabei – wie in jeder Subkultur – essenziell. Reudnitz zum Beispiel, jener Stadtteil, der ab jetzt mehr als alle anderen Leipziger Stadtteile für die lokale Techno-Geschichte stehen wird, obwohl im Leipzig der Neunziger kein Schwein – außer Clemens Meyer –  jemals darüber nachgedacht hätte, hier seinen Lieblingsclub, geschweige denn den kulturellen Lebensmittelpunkt zu suchen.

Reudnitz ist in Leipzig heute in aller Munde, war es schon damals, vor zwanzig Jahren. Von hier kommt das Sterni, jenes bei Punks verbindliche Billigbier mit dem Stern auf dem Etikett. (Der Kosename leitet sich allerdings vom Markenbegriff "Sternburg" her, die Marketing-Abteilung hat sich nur dem Mythos angepasst.) Es ist der kaputte Stadtteil, seit eh und je das schwarze Schaf in der Leipziger Stadtteilgemeinde. „Dunkel. Dreckig. Reudnitz.“ heißt ein sehr lesenswerter Leipziger Blog, das ist natürlich ganz dick selbstironisch aufgetragen (und auch noch „DDR“, haha). Wobei wir hier vom gefühlten Reudnitz reden, dessen Grenzen nicht mit dem geografischen identisch sind. Gefühlt ist Reudnitz auf der einen Seite durch die Eisenbahnstraße begrenzt (nicht, dass es hier mehr Eisenbahn gäbe, als überall sonst in Leipzig), zu DDR-Zeiten hieß das wenigstens noch Ernst-Thälmann-Straße. Früher soll sie mal eine gut gehende Flaniermeile gewesen sein, schon seit den Siebzigern ist das jedoch ein Mythos, der ganze Leipziger Osten rundum galt als atemberaubend baufällige Abbruch-Zone. Nur, dass halt niemand die ganzen Straßenzüge voller Gründerzeithäuser weggerissen hat. Mangelwirtschaft und Wohnungsknappheit hielten noch bis zur Wende durch. Heute ist die Eisenbahnstraße Leipzigs „Multikulti“-Boulevard schlechthin, was nichts anderes bedeutet, als dass es – gemessen an jeder vergleichbaren westdeutschen Großstadt – vergleichbare Verhältnisse gibt. In Leipzig allerdings: nur hier. Und ja, Drogen werden auch gehandelt und ab und an gibt es eine Messerstecherei zwischen irgendwelchen Familien-Clans; deshalb wird das ganze Gebiet gern zur polizeilichen „Kontrollzone“ erklärt.

Die Mieten in Reudnitz sind also billig und seit es in den anderen alternativen Vierteln im Süden und Westen der Stadt irgendwie voll ist, zieht man halt nach Reudnitz und macht dort auf, was im städtischen Süden in den – sic – Neunzigern und zehn Jahre später im Westteil auf machte: Clubs mit billigem Bier und Hobby-DJs. Nur mit den Fabrik-Hallen ist es kritisch, nicht, weil es zu wenige gibt, aber das Ordnungsamt ist einfach deutlich fitter als vormals im quasi rechtsfreien Raum, der den Gründungsmythos von Techno im Osten entscheidend prägte. Auf der anderen Seite von Reudnitz geht es deutlich bieder-deutsch-bürgerlicher zu, das ist dann Anger-Crottendorf, wo es nicht viel mehr gab als eine S-Bahn-Station, ein riesiges Werksgelände und eine Feuerwache. Alles weg, heute. Nur Clemens Meyer ist noch da, wohnt schon so lange da, dass ihn die „Szene“ ganz unversehens eingemeindet hat. „Als wir träumten“ muss man auch als Vorfeld dazu interpretieren. Eine Illusion, klar, aber eine sehr wirklich anmutende.

 

10:23 20.02.2015
Geschrieben von

Kommentare 1