Bitte recht crazy!

Ton & Text Ob bei ProSieben oder in der Gala: Die Popkultur lässt sich zunehmend gern vom Boulevard umarmen. Doch am Ende gewinnt immer Versace

Lady Gaga, immer wieder Lady Gaga. Zuletzt als Rednerin in Rom. Auf der Europride, einem mit „Parade“ nur unzureichend beschriebenen Mega-Event für Gay-Rights, sagt sie wirre Dinge wie „Lasst uns Revolutionäre der Liebe sein und unsere starken menschlichen Kräfte nutzen, um Leben zu retten und zu Einheit in der ganzen Welt zu ermutigen.“ Ist sie die neue Bono? Nein, sie ist auf Promotiontour.

Quer durch Europa geht es gerade, es gilt ein neues Album zu verkaufen. Zwei Tage vorher war sie in Köln. Ihr verblüffend umfassender Auftritt war – das ist unbestritten – so ziemlich das einzig Bemerkenswerte am Finale von „Germanys Next Top Model“, neben dem Dschungelcamp immerhin die Trash-Sendung des deutschen TV, die sich auch in popkulturell gebildeteren Haushalten als durchaus amüsant und Gesprächsthemen-tauglich durchgesetzt hat.

Man müsste – aus rein professioneller Sicht – gerade vor den ProSieben-Planern den Hut ziehen, die ihr sonst wenig auffallendes Programm konsequent mit Pop-Stars aufwerten. Permanent auf Sendung ist die Eigenwerbung mit mehr oder weniger Schwergewichten à la Die Fantastischen 4 oder Katy Perry. (Die Billigversion davon gibts – natürlich – auf RTL2, dort ist das Kaliber eher Scooter oder Pink.) Wie glaubwürdig derlei „Testimonials“ sind, mag jeder für sich beurteilen, es ist jedenfalls eine Präsenz in einem Umfeld, die vor nicht all zu langer Zeit für Musiker nicht selbstverständlich war und die sich von ihrem eigentlichen Kontext – der Popmusik – weitgehend losgelöst hat. Eine Entwicklung ist das obendrein, die sich flächendeckend durch die alltäglichen Niederungen des Mediengeschäfts zieht und die willkommenes Futter für die in den letzten Jahren exponentiell gewachsene Boulevard-Branche darstellt.

Der gefühlt meisteingesetzte Song im deutschen Fernsehen

Das lässt sich schon an den ganz kleinen Dingen bemerken: Wer genauer auf die zahlreich eingesetzte Hintergrund-und-Überleitungs-Musik der schier unübersehbaren Fülle der Doku- und Semipromi-Shows achtet, wird feststellen, dass dort inzwischen verblüffend aktuelle Songs in Serie verwendet werden, die man eben noch unter „aktuell, indie, aufstrebend“ verbucht hatte. Als Paradebeispiel dafür – wie für einige artverwandte Themen – taugt die Band Gossip, deren „Heavy Cross“ der zumindest gefühlt meisteingesetzte Song im deutschen Fernsehen der letzten beiden Jahre war. Einher ging das mit dem Karrieresprung von Fronfrau Beth Ditto von der Independent-Ikone zum Bunte-und-Gala-kompatiblen Vorzeige-Freak. Wer zum Freak-Status auch noch vermeintlich Skandalöses und ein gerüttelt Maß an Ekelfaktor und Mitleidspotenzial zu bieten hat, darf sich der Aufmerksamkeit von Boulevard-Medien und deren Konsumenten sicher sein, die in ihrem eigentlich Popmusik-fernen Dasein sonst sicher nie etwas von einer Band wie – sagen wir mal – den Libertines und ihrem Kaputtnik-Helden Pete Doherty oder von einer Amy Winehouse gehört hätten.

Neben der üblichen permanent hochgeköchelten und dauerwiedergekäuten Empörungsheuchelei über Prominenten-Ehebruch, Magersucht-Models oder Kinderschänder-Nichtwegsperrung, fragt man sich denn auch, wieso dem Popmusik-Ursprungsmythos „Drogenmissbrauch“ überhaupt ein Skandal-Faktor zugemessen wird. Spricht das für die totale Ignoranz gegenüber dem umfassenderen Thema Popkultur oder eher für die Entfremdung eben dieser Kultur vom früher als Konsens geltenden Selbstvernichtungsgebot in Zeiten alternder Stars und allgemeinen Gesundheitsterrors? Im Gegenzug gilt „crazy“ als der neue Mainstream. Was bei einem David Bowie oder Alice Cooper noch als Abgrenzungsmerkmal zum Mainstream galt, ist heute längst durchkalkuliertes Mittel zur Etablierung eines marketingtauglichen Images. Die nur augenfällig genug inszenierte Abweichung von der „im richtigen Leben“ gesellschaftlich streng durchgesetzten Norm dient zunehmend als hinreichender Ausweis von Relevanz. Je verrückter, desto besser. Umfassend berichtet wird, wenn sich Bildstrecken füllen lassen. So wie beim Leipziger „Gruftie“-Festival Wave-Gotik-Treffen, das alljährlich zu Pfingsten die meistbebilderte Eventberichterstattung der Festival-Saison heraufbeschwört. Dass die allermeisten dieser „exotischen Schönheiten“ im Alltag keinesfalls als Szene-zugehörig zu identifizieren sind, einfach nur einen Stino-Job als Verkäuferin oder Krankenschwester haben und sich den Teufel um so etwas wie Wave scheren, gehört zum Karnevals-Charakter selbstverständlich dazu.

Eine „Botschaft“ haben die Grufties allerdings nicht zu bieten, deshalb sind sie auch nicht auf dem Cover der Spex, wie in diesem Monat Lady Gaga. Ob deren gerade in popdiskurs-affinen Kreisen gern diskutiertes und oft als Qualitätskriterium gewertetes – und sicher nicht unehrliches – Engagement in Sachen Teenage-Außenseiter/Gender/Gay-politics tatsächlich wichtiger ist, als die Frage, welches Kleid sie gerade trägt, lässt sich aus angebracht kulturpessimistischer Sicht einfach beantworten: Im Boulevard gewinnt immer Versace. Und am Ende gewinnt der Boulevard.

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16:35 14.06.2011
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Ausgabe 42/2021

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