Bloß kein Glamour!

Ton & Text Fast schon zu sachlich für die geplante Zukunft als Echo-Konkurrenz: die Premiere der „VUT Indie Awards“

Es sind – wie immer – die kleinen Dinge, die einem viel erzählen können, auch über diese allerersten „VUT Indie Awards“, die eben in Berlin über die Bühne gingen. Da sind zum Beispiel die Getränkebons, die jeder Besucher am Eingang in die Hand gedrückt bekommt. Die Anmerkung, dass man „Getränkemarke“ auch mit „GEMA“ abkürzen könnte, möchte man eigentlich gar nicht bringen – aber das Logo der auch bei Musikmachern heftig umstrittenen Verwertungsgesellschaft ist nun mal drauf, auf den Kärtchen für die Drinks. Besonders lustig ist das wohl aber auch gar nicht gemeint, sondern im Gegenteil – wenn wir denn schon beim Kalauern sind –, eher bierernst.

„VUT Indie Awards“ heißt es schließlich, Veranstalter ist der „Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen“, jener Dachverband also, in dem sich die Independent-Labels des Landes organisiert haben. 20 Jahre existiert der VUT, ein Jubiläum, das ein bisschen untergegangen ist im ganzen Award-Stress, vom Verbandschef Oke Göttlich aber mit einem Ton-Steine-Scherben-Zitat in Erinnerung gerufen wird. „Wenn wir uns erstmal einig sind, weht, glaub ich, ’n ganz anderer Wind. … Und du weißt, das wird passieren, wenn wir uns organisieren“, heißt es in „Allein machen sie dich ein“, dem Klassiker von 1971. Göttlich selbst ist das beste Beispiel für das sich wandelnde Musikgeschäft. Mit Finetunes gründete er das erste ernstzunehmende deutsche Downloadportal für kleine Labels und ist für sie ein inzwischen nicht mehr wegzudenkender Vertriebsweg für – wie es immer wieder so schön heißt – „legale MP3s“.

20 bis 30 Prozent des Umsatzes im aktuellen Geschäft mit Musik stammt von Independents, den übergroßen Rest verbuchen die drei verbliebenen Majors für sich. Die haben jene Megastars unter Vertrag, die auch heute noch am ehesten richtig viel Geld mit ihrer Musik verdienen, und die ertragreichen Backkataloge mit all den Beatles- und Pink-Floyd-Alben der Vergangenheit, die sich ohne besonderen Aufwand jedes Jahr erneut wie geschnitten Brot verkaufen lassen. Von den Widrigkeiten der neuen Zeiten im Musikgeschäft haben sie sich – so tönte es gerade etwas vollmundig aus dem Majorlager – weitgehend erholt. Das sieht bei den „Indies“ ganz anders aus, die kämpfen mehr denn je ums Überleben, weil sie als, so formuliert das Göttlich, „Scouting-Abteilung der gesamten Musikwirtschaft“ inzwischen zwar das ganze Risiko tragen, aber vom Umsatzrückgang und neuen Hörgewohnheiten drastisch betroffen sind. „Wir wollen angemessene Vergütung und transparente Abrechnung für die Nutzung unserer Musik“, sagt er denn auch in seiner ziemlich emotional aufgeladenen Eröffnungsrede. Womit wir wieder bei der GEMA sind.

In der so genannten „Urheberrechtsdebatte“ steht der VUT recht unerschütterlich an der Seite der Majors und – sic! – GEMA, die allesamt eine beinharte Linie fahren und die ja nun auch nicht eben von böswilligen Kostenloskulturern erfundenen Probleme des GEMA-Molochs mit Verteilungsgerechtigkeit , Erhebungsmethoden und mangelnder Innendemokratie lieber nicht angehen. Es ist eines der Problemfelder, bei dem der VUT in der Klemme steckt. Einerseits sind sie die „Guten“, eben Indies, andererseits hilft das im Überlebenskampf nicht wirklich. Dass die „Independent“-Definition eine rein formale ist, also auch homophobe Gewaltrapper oder rechtslastige Blut-und-Boden-„Deutschrocker“ vertreten werden, macht es auch nicht einfacher in Sachen Imagepflege. Die Diskussion über einen „Ethikcode“ beginnt aber immerhin schon.

Fürs Image sind unterdessen die „Indie Awards“ da. Tatsächlich sind sie lange erwartet worden, zumindest von denen, die glauben, dass es dringend ein inhaltliches Korrektiv zu den immer peinlicheren Großpräsentationen der Majors, den Echos, geben muss. Zumindest perspektivisch soll so an deren medialer Wirkmächtigkeit gekratzt werden. Vorerst aber geht es betont unglamourös zu. Im strikt funktionalen Musikclub-Ambiente am alten Postbahnhof werden zack-zack die sechs Preise vorgestellt und verteilt. Nichtmal „Danke!“ sagen sollen die Gewinner bitteschön, das sei doch uncool, meint die Moderatorin im betont forschen Minikleid. Natürlich hält sich niemand dran, was soll man auch sonst sagen, wenn man mit einem doch recht ansehnlichen Award und einem Mikro in der Hand vorn steht und die Leute einen beklatschen.

Ganz besonders viel und auffallend warmherzigen Applaus – und das liegt nicht nur am grundsätzlichen Charakter jedes „Lebenswerk“-Preises – erhält Wolfgang Voigt. Der Begründer des ebenso legendären wie relevanten Kompakt-Labels steht tatsächlich ziemlich idealtypisch für das Beste am Prinzip „Independent“. „Dass Musik und Kunst für sich sprechen“, ist seine Definition, da stimmt hier und heute jeder zu. Wofür Otto Normal sprechen, die Freiburger klingen exakt so wie sie heißen und wurden zum „Newcomer des Jahres“ gewählt, möchte man dagegen lieber nicht wissen. Gekürt wurden die – und das erklärt dann doch wieder einiges – nicht von der letztendlich mehrere Dutzend umfassenden Fachjury quer durch Plattenhändler, Musikjournalisten und Branchenleute, sondern von den VUT-Mitgliedern selbst. Immerhin der Rest geht in Ordnung, wenn auch die Überraschungen ausbleiben: DJ Kozes „Amygdala“ ist Album des Jahres, Kid Kopphausen – der plötzliche Tod ihres Mitstreiters Nils Koppruch vor Jahresfrist sitzt vielen immer och spürbar in den Knochen – werden quasi posthum zum besten Act. City Slang und Modeselektor stauben den Rest als Label und für das „Experiment“ Lichtshow ab. Fazit: Diese „VUT Indie Awards“ haben noch Luft nach oben. Mindestforderung: Ein bisschen mehr Glamour bitte! Aber für die Premiere geht das erstmal in Ordnung.

13:01 11.09.2013
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