Der Ton macht die Musik

Ton & Text Sven Regeners Wutrede gegen die Kostenloskultur im Netz hat hohe Wellen geschlagen. Trotzdem fehlt es der Diskussion bislang an Ernsthaftigkeit

Es ist ein knappe Woche her, dass Sven Regener sich in einem Telefoninterview einfach mal Luft zu machen schien und zum spontanen Rundumschlag ausholte gegen die Aushöhlung des Urheberrechts, gegen Youtube und Google, gegen die Piratenpartei und den Zeitgeist der Kostenloskultur. Es ist ein Beitrag, der schon ob seiner Verve bemerkenswert ist und natürlich auch, weil Sven Regener zu so etwas wie den besseren Kreises des Musiklandes zählt. Seitdem schlagen die Wellen hoch.

„FAIL. Tschau Audiolith!“ ist einer der Kommentare, die man im Facebook-Account des ziemlich angesagten und verkrusteter Denkweisen sehr unverdächtigen Hamburger Labels Audiolith lesen kann. Auch das hatte Sven Regeners in Windeseile verbreiteten Zornausbruch geteilt und zog sich jetzt seinerseits den Zorn der offensichtlich meist jugendlichen Zielgruppe zu. Das mehrmalige Nachhaken von Audiolith, man möge doch wenigstens mal drüber nachdenken, blieb eher wirkungslos.
„Armer, alter Mann“ ist einer der meistverbreiteten von jenen Texten überschrieben, die eine Antwort auf Sven Regener geben wollen. Es ist ein Text, der ziemlich schnell ziemlich deutlich macht, wofür der Autor den Musiker hält: für jemanden mit wenigen „lichten Momenten“, jemanden, ohne den sich „die Welt auch weiterdreht“. Geschrieben wurde er von Lars Reineke, im Hauptberuf Systemadministrator aus Hameln und „Beisitzer im Vorstand des Kreisverbandes der Piratenpartei“.
„Ich glaube, Herr Regener sollte sich einfach mal mit Leuten unterhalten, gern auch mit Piraten, und einfach schauen, was es da im Moment für Entwicklungen gibt.“ Das sagt Christopher Lauer, kulturpolitischer Sprecher und nicht zuletzt dank seiner süffisanten Reden im Berliner Abgeordnetenhaus derzeit eines der bekanntesten Gesichter der Piratenpartei. Regener, so der Inklusiv-Vorwurf, hätte einfach keine Ahnung, wovon er da geredet hat.

Musikdieb als Provokation

Es sind Momentaufnahmen aus einem sich schnell hochschaukelnden „trending topic“. Aber vielleicht sollte Sven Regener tatsächlich mal einen genaueren Blick auf die Entwicklung bei den Piraten werfen, ganz offiziell, er würde sich dann vermutlich alles andere als abregen. „Musikdieb“ nennt sich eines der Mitglieder einer Mailingliste, die man – so ist das bei der Piratenpartei – problemlos einsehen kann. Es ist wohlgemerkt die Mailingliste der AG Urheberrecht, also jener Arbeitsgruppe, die schon wegen der Gründungsgeschichte der Partei eine herausragende Bedeutung hat, die vor allem aber auch an den Positionen der Piratenpartei arbeitet, die gerade für Musiker interessant sind. Es ist zum Beispiel eine der aktuell konkreten Forderungen der Piratenpartei, Filesharing-Plattformen zu legalisieren, also jene „Tauschbörsen“, die „Raubkopien“ aller denkbaren Musik für jeden Interessierten kostenlos bereitstellen. „Musikdieb“ ist nun – auch das ist sehr leicht herauszufinden – eine satirisch gemeinte Namenswahl, eine bewusst gewählte Provokation zum Thema. Eine Provokation, die nicht viele Musiker lustig finden.

Wer einigermaßen konstant die Diskussionen der letzten Jahre verfolgt hat, in denen es um die oft genug widerstreitenden Interessen von Musikern, Labels, Verwertungsgesellschaften, Internetkonzernen und Musik-„Verbrauchern“ ging, durfte schnell feststellen, dass die „Netzgemeinde“ die Provokation gern für sich in Anspruch nimmt. Aber sie hat sie am Liebsten exklusiv. Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie gerade Musiker mehr oder weniger unverhohlen als Vollidioten dargestellt werden, bloß weil auch sie vielleicht meinen, dass „Kopieren“ durchaus „Klauen“ bedeuten kann. Dass für sie im Internetzeitalter keinesfalls alles einfacher geworden ist, sondern im Gegenteil, immer existenziell bedrohlicher. Dass es nicht wirklich cool ist, wenn in einschlägigen Foren ein Sport daraus gemacht wird, wer zuerst ein neues Album hochgeladen hat, am besten noch vor der eigentlichen Veröffentlichung. Dass man eigentlich schon darauf besteht, selbst zu entscheiden, wie mit der eigenen Musik umgegangen werden soll, ob man sie verschenken mag oder doch lieber nur verkaufen. Dass es überhaupt „eigene Musik“ gibt.

Es ist inzwischen Usus in der Diskussionskultur der hiesigen „Netzgemeinde“, derlei ohne Umschweife abzukanzeln, je nach persönlichem Gestus auf die eher rüde oder elegant-arrogante Art. Es gehört dabei zu den wohlmeinenderen Standardunterstellungen, abweichende Meinungen wären altmodisch oder mangelnder Sachkenntnis zuzurechnen. (Wobei übrigens niemand auf die Idee kommt zu hinterfragen, wieso ausgerechnet ein Systemadministrator besser wüsste als ein Musiker, wie es im Musikbusiness zugeht. Es sind zumindest deutlich weniger Fälle bekannt, in denen Musiker, dem SysAdmin seinen Beruf erklären.) Oft genug wird der Musiker auch gleich in einen Topf mit den Dieter Gornys dieser Welt, den GEMA-Großkopferten, den Forderern eines Leistungsschutzrechts, gar mit ACTA/PIPA/SOPA-Befürwortern geworfen – also zu allem Bösen dieser Welt, zumindest aus Sicht der Internetaktivisten.

Selbstgerechte Argumentation

Natürlich würde man auch für Musik bezahlen, so eines der häufigesten Argumente – aber nur, wenn man den Künstler gut finde und natürlich nachdem man seine Musik erstmal kostenlos gehört hat. Ehrlich! Versteht sich, dass man einen Sven Regener nun nicht mehr so gut findet, weil er genau das scheiße findet. Man könne doch – so geht es dann oft weiter – ja auch ganz gut mit Creative Commons Musik zurecht kommen, was jedem, der sich auch nur ein klitzekleines bisschen als Musikliebhaber begreift, zeigt, dass man hier mit jemandem diskutieren muss, der von Musik schlicht keine Ahnung hat. Die Mehrheit „guter Musik“ wird nunmal von Musikern gemacht, die gern davon leben möchten, da kann man Dilettantismus noch so sympathisch finden und das schließt auch die „brotlose Kunst“ nicht aus, die man in der Popmusik seit eh und je erstmal einbringen muss. Dass die immer und immer wieder gepredigte Verlagerung des Einkommens auf Konzerte und Merchandise schon lange einen erbitterten Überlebenskampf gerade im Live-Sektor ausgelöst hat, der im Moment eher nach Abwärtsspirale als nach Zukunftsmodell aussieht, hört man auch nicht so gern. Selbstverständlich regt man sich im gleichen Atemzug aber über drastisch gestiegene Ticketpreise auf oder darüber, dass ein stinknormales Band-T-Shirt nicht mehr unter 20 Euro zu haben ist.

Es ist die Selbstgerechtigkeit der Argumentation, die gefälligst nicht in Frage zu stellende Annahme, man wüsste über alles besser Bescheid, weil man sich ja im Internet besser auskennen würde, die Musiker immer mehr auf die Palme zu bringen scheint und zu „Rants“ überhaupt erst veranlasst. Musiker, die sich nicht damit abspeisen lassen wollen, dass man ihnen unablässig erklärt, die seien bloß zu dämlich zu erkennen, dass sich die Entwicklung sowieso nicht mehr zurückdrehen ließe, so als ob die Macht des Faktischen eine Diskussion überflüssig machen würde, während die totale Kontrolle und Zensur des Internet auf Kosten der Grundrechte nur noch einen Schritt weit entfernt scheint - was wiederum nicht nur Nerds angeht. Dabei ist es gar nicht mal besonders wichtig, ob Sven Regener denn nun richtig liegt oder falsch oder einfach nur daneben. Es wäre ja der Sinn einer ernsthaften Diskussion, das herauszufinden. Nur müsste man die Bedenken eines Regener – und die sind ja beileibe alles andere als ein Einzelfall – nicht regelmäßig vom Tisch wischen, sondern ernsthaft unter die Lupe nehmen und gegebenenfalls denn auch mal einräumen. Das fängt bei der Grundfrage jeden Urheberrechts an: Wer darf über das Werk eines Kreativen bestimmen? Und es hört beim – eigentlich selbstverständlichen – Respekt vor anderen Meinungen nicht auf. Vorher ist jegliche Diskussion sinnlos. Und bis dahin kann im Zweifelsfall eigentlich nur eines gelten: Der Musiker hat immer Recht. Er macht nämlich die Musik.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit motor.de entstanden

17:25 27.03.2012
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