Don’t Look Back In St. Anger

Ton & Text Alles ganz „social“ – zur Orientierung im totalen Überangebot an verfügbarer Musik setzt Spotify wieder auf den menschlichen Faktor

Man durfte sich da schon mal verwundert die Augen reiben: Metallicas Lars Ulrich und Napster-Gründer Sean Parker auf einer Bühne, ohne sich an die Gurgel zu gehen wohlgemerkt, sondern in trauter Eintracht, mit einem Lächeln für die Fotografen. Napster, die legendäre Peer-to-peer-Tauschbörse, die immer noch von vielen in der Musikindustrie als Anbeginn allen Internetübels angesehen wird, wurde vor gut zehn Jahren vor allem von Metallica in Grund und Boden geklagt – St. Anger heißt das Album der Phase ganz passend. Jetzt zählt Sean Parker – so soll man dieses demonstrative Zusammentreffen wohl deuten – nicht mehr zu den Bösen. Sondern zu den Guten, nämlich zu Spotify. Der schwedische Streamingdienst hatte in New York zur Pressekonferenz gebeten, um neue Features zu präsentieren. Und eben Metallica.

Spätestens als Spotify im März in Deutschland an den Start ging, war klar, dass 2012 auch hierzulande die Prämissen des Musikkonsums grundlegend umgeschrieben würden: Musik zu besitzen soll obsolet werden, steht sie doch bei Bedarf einfach zum unbegrenzten Hören zur Verfügung. Das Angebot an entsprechenden Diensten ist schnell unüberschaubar geworden: Simfy, Deezer, Wimp, Aupeo, Juke, Xbox Music, Pandora oder – auch wieder da – Napster und noch ein paar weitere buhlen um Nutzer, es ist Bewegung im Markt, einige erschließen sich den deutschen Markt, andere schließen ihn wieder aus. Überleben werden die wenigsten, denn das Geschäft mit dem Musikstreaming ist vor allem erst mal kostenintensiv und mühsam, schon weil man sich die Rechtebündel quer durch alle Welt zusammenklauben muss. Weltweit die Nase vorn hat Spotify. Von 20 Millionen Nutzer sind immerhin ein Viertel Premium-Nutzer – also zahlende Kunden. Diese Zahlen hat das Unternehmen soeben verkündet und zeigt sich auch mit dem Engagement in Deutschland hoch zufrieden. Gewinn macht Spotify deshalb aber noch lange nicht, im Gegenteil, immer wieder stehen neue „Finanzierungsrunden“ an, ein Begriff, der Musikfans früher nicht geläufig sein musste. Auch wenn Streamingdienste – und dabei vor allem Spotify – immer relevantere Bestandteile des Umsatzes der Musikindustrie beisteuern, von einem Plus in der eigenen Bilanz sind sie noch weit entfernt.

Bei aller perspektivisch angelegten Streaming-Euphorie ist der Kunde an sich gegenüber dem neuen Prinzip nämlich derzeit vorerst oft noch skeptisch. Ein generelles technologisches Unbehagen gegenüber dieser Musik aus der „Wolke“ spielt dabei sicher eine große Rolle, genau so wie derzeit noch ungenügende Internet-Bandbreiten vor allem für Mobilgeräte und der schlechte Ruf der Streamingdienste bei vielen Musikern selbst. Denn die Ausschüttungen sind mit denen von CD-Verkäufen natürlich in keinster Weise vergleichbar. Außerdem sind unter den 15 bis 20 Millionen Titeln, die alle ernstzunehmenden Dienste bieten, immer noch empfindliche Lücken. Eine davon hat Spotify gerade mit großem Tamtam und auch sehr exklusiv geschlossen: mit Metallica.

Ein zunehmend geschlossener Geschmack

Es war ein Coup, der neben einem neuen Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz allerdings vor allem einen großen Aufmerksamkeitsbonus einbrachte. Über niemanden wurde und wird ausführlicher berichtet, wenn Updates anstehen. Die haben auch die anderen: Soundcloud hat seinen Player runderneuert, Rdio bietet Musikern Kopfprämien für neue Abonnenten, Deezer probiert es mit speziellen Künstlerseiten. Spotifys Rezept ist „social“ und setzt auf das Prinzip „Follower“. Jeder kann anderen Nutzern folgen, ihre Playlisten abonnieren, hören, was diese potenziellen Musikmeinungsführer hören.

Wichtig an diesem Prinzip ist, dass es Orientierung geben soll. Denn wenn alle Musik der Welt zur Verfügung steht, ist das eigentliche Problem die Auswahl des Relevanten, das Bestimmen von Hits nach persönlichen Vorlieben, das Kennenlernen neuer Musik außerhalb der – und da sind wir wieder beim misstrauischen Kunden – technischen Empfehlungsalgorithmen, die sich letztendlich als System eines zunehmend geschlossenen Geschmacks darstellen. Dort soll jetzt der menschliche Faktor eingreifen. Jeder kann per Spotify problemlos seinen mehr oder weniger guten Geschmack zur Schau stellen, Follower akquirieren und so – analog zum Twitter-Prinzip – zur Spotify-Berühmtheit werden. Theoretisch. Praktisch hat das schon mal ein Dienst probiert, nämlich Apples Ping. Mit der Anbindung an iTunes und den iTunes-Shop war Ping ganz ähnlich konditioniert und wurde soeben sang- und klanglos beerdigt. Es hat einfach niemanden interessiert. Bei Spotify sind die Voraussetzungen indes günstiger, hier kann man im Gegensatz zu Ping ja tatsächlich sofort Musik hören, der Umweg über die Kaufempfehlung fällt weg.

Ihre Hörerlebnisse teilen wollen immerhin schon Paul McCartney, Katy Perry, Justin Bieber, David Guetta, Smudo, Jennifer Rostock, Deichkind – und Barack Obama. Ob man nun wirklich wissen will, was die so alles hören – oder zumindest behaupten zu hören – steht natürlich auf einem anderen Blatt. Und ob sich das große Versprechen der Demokratisierung des Musikgeschmacks darüber hinaus erfüllt, bleibt abzuwarten. Denn für die Mehrheit wird es sowieso bald heißen: Du bist kein DJ, du bist ein Jugendlicher mit Spotify.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit motor.de entstanden

14:02 11.12.2012
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