Ein X für die U-Musik

Ton & Text Ohne Häme leidet der Unterhaltungswert: „X Factor“ setzt auf Star-Jury und Kandidaten ohne Fremdschäm-Appeal. Das reicht nicht für Quote. Für gute Musik sowieso nicht

Mieze, so nennt sich die Sängerin der Berliner Band Mia, ist als Expertin da. Die – man kann das als Nachweis des Lebens im Musikzirkus anrechnen – doch erstaunlich abgewirtschaftet aussehende Flippig-Frau soll den Kandidaten zur Seite stehen mit ein paar Tipps aus dem echten Popstar-Leben. Aber es reicht leider nur zu der Frage „Wie atmet ihr?“, nun gut, ein wirklicher Star ist sie ja auch nur nach VOX-Kriterien. Dort ist gerade die neue, dritte Staffel von „X Factor“ gestartet. Das „X“ steht für dieses bestimmte Etwas, das einen Popstar auszeichnen soll. Sehr dokumentarisch wolle man arbeiten, verlautete es im Vorfeld. Das Ergebnis ist dieser Besuch von Mieze bei den nur mäßig aufgeregt wirkenden Sängerinnen, die im extra ungeschönten Mehrzweckhallen-Backstage-Ambiente auf ihren Auftritt warten.

Überall stehen Cases und Bühnenteile herum, es ist fast wie im richtigen Tourleben – nur nicht so aufgeräumt. Das soll wahrscheinlich Authentizität vermitteln. Dann muss Mieze auch schon wieder los, nämlich auf die Bühne, sie darf ihre neue Single präsentieren. Und selbst, wer gar nicht mitbekommen hat, dass sie hier der Show-Act ist, wundert sich eigentlich nicht, dass keiner der Juroren begeistert sein X zückt, wie sonst bei eigentlich allen anderen. Es wird wohl ein tüchtiges Gedrängel werden im „Boot Camp“, der nächsten Station nach den ersten Wochen TV-öffentlichen Bühnen-Castings. Wer von drei der vier Juroren für gut befunden wird, ist dabei. Und die finden eigentlich fast alles gut. Wer hier nach Hause geschickt wird, muss sich wirklich wie ein Totalversager vorkommen.

Agrenzung vom Fremdschäm-Appeal

Relativ spät ist „X Factor“ ins Casting-Show-Rennen gegangen, als absehbar war, dass die besten Zeiten vorbei sind und jeder halbwegs vorzeigbare Kandidat schon durch die lange bestehenden Konkurrenzformate genudelt worden war. Oder auch jeder unvorzeigbare, was immerhin Gelegenheit zur Abgrenzung vom immer aggressiveren Fremdschäm-Appeal eines „Deutschland sucht den Superstar“ gibt. Das Abgrenzungsmerkmal von „X Factor“ gegenüber der reichlichen Konkurrenz soll die Konzentration auf das rein musikalische und Show-Potenzial der Kandidaten sein. Hier wird niemand niedergemacht oder ganz übel vorgeführt – zumindest, wenn man das Verheizen in einem Castingformat nicht generell als Verfüttern von Menschen an Fernsehsender begreift.

So richtig gelohnt hat sich „X Factor“ bisher allerdings für niemanden. Die Quoten der beiden Vorgängerstaffeln waren schon nicht berauschend, nun – das passt zur allgemeinen Casting-Verdrossenheit – ging’s noch ein Stück runter. Jetzt hat sich mit „The Voice Of Germany“ bei Sat.1 auch noch das direkte Konkurrenzkonzept Furore gemacht, der Start dessen nächster Staffel steht auch an. Und die Namen der bisherigen Sieger – sie seien der Vollständigkeit halber erwähnt: Edita Abdieski und David Pfeffer – kennt buchstäblich niemand. Karriere oder Charterfolg? Totale Fehlanzeige, selbst nach Maßgabe der üblicherweise drastisch kurzen Castingshow-Halbzeitwerten. Kein Vergleich also zum englischen Original, das regelmäßig die Charts bestückt und Macher Simon Cowell zu einer der meistgehassten Persönlichkeiten der englischen Musikszene gemacht hat.

Stars am Werk

„Meistgehasst“ müsste ein Attribut sein, dass Moses Pelham nicht unbekannt ist. Zu gern wüsste man, ob im Publikum zur „X Factor“-Aufzeichnung schon mal jemand eine Abmahnung wegen Filesharing bekommen hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass Pelhams Firma DigiProtect dahinter stand, ist recht groß. Die hatte systematisch in Tauschbörsen IPs ermittelt und an eine berüchtigte Abmahn-Kanzlei weitergereicht. Alles aus Liebe zur Musik, wie es heute ganz groß auf der Firmenwebseite steht. Immerhin aber ist Moses Pelham das profundeste unter den vier Jury-Mitgliedern und der einzige, bei dem sich in den ersten beiden Folgen so etwas wie ein Hauch von kritischem Begleiten ausmachen lässt. Die Jury ist das Pfund, mit dem „X Factor“ wuchern will. Tatsächlich sind hier allesamt „Stars“ am Werk, die man tatsächlich ohne Einschränkung so bezeichnen mag – auch wenn es VOX permanent für nötig hält, einzublenden, wie viele Platten Scooter-Shouter H.P. Baxxter, Guano Apes-Frontfrau Sandra Nasic, Sarah Connor oder eben Produzent Pelham schon verkauft haben.

Ob man diese Erfolge als erträglich empfindet, steht selbstredend auf einem ganz anderen Blatt. Denn hier wird eine Art von Unterhaltungsmusik bedient, die all das aufgreift, was an „echter“ Popmusik unerträglich ist. Hier treten die Bands auf, die seit Jahren keinen Fuß in die Tür bekommen haben, weil es schlicht niemanden interessiert, was diese Jüngelchen aus Magdeburg oder die Möchtegernrocker mit den vielen Tattoos und dem breiten Rücken so machen. Oder die „Rockröhren“ mit ihrem grässlichen Overacting und ganz viel „Leidenschaft“. Auch gut im Rennen: Boys mit natürlichem Charme, Gitarre und Spitzbubenlächeln sowie Girls mit wallender Mähne und Tränendrüsen-Songs. Das Fehlen von Häme schlägt dabei dann doch deutlich auf den Unterhaltungswert der Sendung zurück, man wünschte sich fast, es würde jetzt doch mal jemand Klartext reden oder wenigstens einfach nur irgend jemanden beleidigen. Ansonsten ist alles wie immer und überall: Das Publikum steht dauernd auf den Stühlen und johlt. Die Jurymitglieder sind begeistert und klatschen sich in einer Tour ab. Und irgendwann im Herbst gibt es das große Finale mit ganz viel Gefühl und jeder Menge Tränen. Den Namen des Siegers muss man sich nicht merken.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit motor.de entstanden.

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15:31 29.08.2012
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