Eine schwierige Beziehung

Ton und Text Popkultur und politische Korrektheit passen oft nicht zusammen. Doch wie lässt sich das Spannungsfeld zwischen den beiden Bereichen auflösen?

Dieser Tage hat der deutsche Reggae-Sänger Gentleman ein neues Album veröffentlicht und sich – so ist das ja im Musikbusiness – in diversen Interviews über Gott (das macht man so im Reggae) und die Welt (das macht man so in Interviews) geäußert. Und über Volker Beck. Der ist Grünen-Politiker, wohl Deutschlands bekanntester Schwulenaktivist und – da kreuzen sich die Wege – einer der maßgeblichen Köpfe hinter den Bemühungen um Auftrittsverbote für jamaikanische Reggae-Künstler.

Reggae gilt hierzulande oft immer noch als peacige Veranstaltung für Dreadlock-Freaks mit guter Laune, massenhaft Spliffs, Bob-Marley-Musik und ein bisschen "Jah Jah"-Folkloristik, gern im Festivalsommer als Familienveranstaltung auf der grünen Wiese. Die Realität von "Dancehall" – so heißt das auf aktuellem Stand – ist eine etwas andere. Denn Liebe und Frieden sind in Jamaika schon seit Jahrzehnten eher weniger angesagt, statt dessen dominieren krasse soziale Gegensätze, Gewalt und ein aus mitteleuropäischer Sicht archaisches Geschlechterrollenbild. So, wie im größten Teil der Welt also. Nur dass Jamaika im Gegensatz zu den meisten Dritte-Welt-Ländern über eine Musikkultur mit weltweiter Strahlkraft verfügt, deren Protagonisten gerade auch in Europa ordentliches Geld verdienen mit ihrer Musik und ihren Texten. Die – da kommt Volker Beck ins Spiel – sind nicht selten auf kompromisslose Art homophob, gelten doch Schwule in Jamaika als Freiwild, ist der Hass gegen Homosexualität gesetzlich verankert und alltägliche (auch Partei-)Politik.

Kulturelle Codes

Eine Diskussion darüber gibt es zumindest in Deutschland erst seit einigen Jahren. Mal mehr mal weniger hitzig oder kompetent werden Standpunkte zum Thema geäußert. Die Bandbreite der Proteste gegen die Dancehall-Szene reicht von Demonstrationen vor Konzerten bis zu Buttersäure-Anschlägen auf Clubs, von einer Anfrage an die Bundesregierung bis zu europaweit geltendem Einreiseverboten für als explizit bekannte Künstler – initiiert von Volker Beck. Es ist eine Auseinandersetzung, die zuspitzt und verdeutlicht, was ein tiefergehendes Problem von Popmusik ist: Deren generell vermuteter emanzipatorischer Ansatz kann sich, sieht man mal etwas genauer hin, sehr schnell ins Gegenteil verkehren. Dass sich auch reaktionäre Weltanschauungen gern mit Popmusik untermalen lassen, dürfte inzwischen allgemein bekannt sein. Auch die Kontroverse an sich gehört bei nicht wenigen Akteuren immanent zum künstlerischen Konzept.

Also was ist nun wirklich schlimm? Oder schlimmer? Wenn Rapper große Knarren und große Genitalien verherrlichen? Wenn Grufties Sonnenwenden und Sozialdarwinismus feiern? Wenn Metaller den Teufel anbeten und rohes Fleisch ins Publikum werfen? Wenn Streetpunks ihre Oi!s gern mal mit der weißen Rasse verknüpfen? Wenn Punks zum Molli-Basteln aufrufen? Wenn Rocker aller Coleur Alkohol- und Drogenmissbrauch empfehlen? Wenn sich die Sex Pistols mit Hakenkreuzen zeigen oder Laibach als martialisch-völkische Riefenstahl-Ästhetiker? Wenn Die Ärzte über Geschwisterliebe, Rammstein über Kannibalen, K.I.Z. übers Arschficken singen? Was davon ist provokative Pose, was hintersinnige Doppelbödigkeit, was menschenverachtendes Weltbild, was pubertärer Spaß, was kulturelle Differenz, was kulturgeschichtlicher Nachholebedarf, was berechtigte Rebellion? Man muss schon genau hinsehen, bevor man sich ein Urteil erlauben darf, oft genug kann es nicht eindeutig ausfallen. Das beginnt mit einem ausreichend sachverständigen Blick auf jede Szene, die sich mit eigenen Codes und Regeln definiert, welche von außen leicht missverständlich und nicht Eins-zu-eins in andere Kulturkreise zu übertragen sind. Überdies sind die Gemengelagen komplex.

Mit einem simplen "Das ist falsch" mag man vielleicht – in Sachen Homophobie bestimmt – uneingeschränkt Recht haben. Nur löst das normalerweise keine ursächlichen Probleme, die im Fall Jamaika untrennbar mit kolonialer Vergangenheit, Menschenhandel und christlichem Dogma verbunden sind. Außerdem: Das Rechthaben stützt sich gerade in Deutschland oft genug auf eine Zensurinfrastruktur, die alles andere als unumstritten ist. Die Bundesprüfstelle wird gern in Anspruch genommen, wenn es gegen Nazis oder Gewaltverherrlichung geht. Und wenn es gilt, sexuelle und künstlerische Freiheit auf bürgerlich-christliches Moral-Maß zurechtzustutzen. Die gültigen Visa des zweifelsfrei ultra-homophoben Reggae-Künstlers Sizzla sollten mit Hilfe des "Schengener Informationssystems" ausgehebelt werden, einer Geheimdatenbank, die der "inneren Sicherheit" Europas dienen soll und gemeinhin Terroristen und Schwerkriminelle verzeichnet. Ob das im Sinne "grüner Politik" oder von Schwulen- und Lesbenverbänden ist, kann zumindest mal hinterfragt werden. Besserem Verständnis für die gegenseitigen Probleme hilft derlei jedenfalls sicher nicht, einer Diskussion auf Basis der Meinungsfreiheit schon gar nicht. Die ist immer noch eines der höchsten Güter. Ebenso wie das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Selbstverständlich ist auch hierzulande noch nichts davon.

Dieser Text ist in Kooperation mit entstanden www.motor.de


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14:00 21.04.2010
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Ausgabe 41/2021

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