Einmal Konzerterlebnis bitte!

Ton & Text Klingt wie eine richtig miese Geschäftsidee: das Publikum für ein Konzert bezahlen lassen, bevor es überhaupt geplant wird. Ist es auch
Einmal Konzerterlebnis bitte!
Foto: Thomas Frey/imago

„When the feeling of the people / is the feeling of the band. / When we all give the power / we all give the best.“ Es ist eigentlich eine nahezu perfekte Beschreibung dessen, was man vom Konzert einer beliebigen Band im Idealfall erwartet. Die österreichische Band Opus traf damit 1985 einen Nerv, in Deutschland reichte das für Gold und sieben Wochen auf Nummer eins. Bis heute wird der Song auf den einschlägigen „Best of“-Sendern gern eingesetzt, eine gewisse zeitlose Gültigkeit lässt sich ihm wahrlich nicht absprechen, schon gar nicht in Zeiten, in denen das Live-Erlebnis höher denn je bewertet wird. Leider ist „Live Is Life“ allerdings ein echt grauenhafter Song, eine dieser unvorstellbar geschmacksfernen Hit-Geißeln, die die Mainstream-Achtziger bis heute zum ästhetisch weitgehend geächteten Jahrzehnt machen.

„Wir kennen diesen einen Moment, wenn bei einem Konzert der Funke überspringt, wenn alle eine einzige Masse werden aus Gänsehaut und Schweiß und Rhythmus. Wir kennen das Gefühl, für eine Band zu brennen und darauf zu hoffen, irgendwann genau diesen Moment auf einem ihrer Konzerte zu erleben.“ So liest sich das im Jahr 2015 und auch hier ist die geschmackliche Fremdscham nicht weit, vor allem, wenn man es – wir bewegen uns immerhin im Stil-Minenfeld Popkultur – mit Äußerlichkeiten hat und die adrett geschniegelten Herren mit sauber geshavetem 3-Tage-Bart (und eine Dame) sieht, die derlei vermutlich haben texten lassen. Vielleicht glauben sie sogar selbst daran aber ein bisschen lässig hingeschwurbeltes „Hey, wir sind so wie ihr!“-Wortgeklingel gehört auf jeden Fall dazu, wenn man ein Startup betreibt, das sich mit hochemotionalem Gut beschäftigt – eben mit Konzerten. Addact heißt die Firma und verkaufen möchte sie „fanpowered concerts“. Die Idee: Bands kommen einfach nur noch dorthin, wo es sich wirklich lohnt. Erkennen können sie das an den Tickets, die per Crowdfunding im Wettbewerb potenzieller Veranstaltungsstädte gebucht werden. Im Vorfeld. Auf die Hoffnung hin, das Konzert könnte dann eventuell stattfinden.

Tourbooking ist seit Anbeginn der Popmusik ein legendär nebulöses Geschäft mit hohem Anteil an schwer wägbaren Faktoren, von denen das erwartete Publikumsinteresse der wichtigste ist. Denn natürlich ist das Ziel, möglichst dort aufzutreten, wo man, positiv ausgedrückt, viele erreicht. Was im Klartext bedeutet, ordentlich Kasse zu machen. Oder wenigstens, sich und möglichst auch die eigene Musik überhaupt erst bei relevanten Zielgruppen bekannt zu machen. Zu wissen, wo und wie das klappen könnte, ist das besondere Know-how des Tourbookers und ein klassisches, hoch spezialisiertes Popmusik-Geschäftsfeld, das untrennbar mit einem funktionierendem persönlichen Kontakt-Netzwerk verbunden ist. Außerdem erfordert es Erfahrung und ein gewisses Fingerspitzengefühl. Das gilt auch für die andere Seite.

Zu den „richtigen“ Bands zu gehen, gehört zum Distinktionskatalog jedes anständigen Musikfans. Jenen Bands also, die einem zwar breiten, aber schwer zu umreißenden Anforderungskatalog zwischen Musikkennerschaft, Bekanntheitsgrad und erwartetem Konzert- und Gemeinschaftserlebnis entsprechen. Daran hat sich im Wesentlichen bis heute wenig geändert, außer natürlich, dass der Zugriff zu den nötigen Informationen prinzipiell drastisch vereinfacht wurde. Und, dass durch soziale Medien ein gänzlich neues Feedback-Tool zur Verfügung steht. Das wiederum dient nicht nur der gefühligen Fanbindungs-Effektivierung, sondern auch als mehr oder weniger knallhartes statistisches Datenmaterial, das gern abgegriffen wird, um die Glaskugel „Wie viel Publikum ist zu erwarten?“ entsprechend zu füttern. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Dienstleistern, die weltweit Social Media-Aktivitäten „monitoren“ und für Interessierte in leicht verständlicher Form aufbereiten. So kann also eine Metal-Band aus – sagen wir mal – Großbritannien erfahren, dass es sich überhaupt nicht mehr lohnt, mühsam durch Europa zu touren, weil es in Übersee jede Menge mehr Fans gäbe, die zwar wie wild alles illegal downloaden aber eben auch williges Konzertpublikum sein könnten. Natürlich ist das alles blanke Theorie, Stichwort Glaskugel, solange man es nicht ausprobiert. Womit wir wieder beim Tourbooking sind.

Derlei Unwägbarkeiten gleich ganz auszuschließen, ist die Behauptung von Addact, die damit auch gleich mal weit vorn sind beim Abräumen von Förderpreisen. Denn nur, wenn genügend Tickets geordert sind, wird bei ihnen ein Konzert überhaupt erst geplant. Im Startup-Slang: „Du … sicherst Dir ein Ticket, damit ein Konzert in Deiner Stadt stattfindet. Am Ende bist Du der Grund für ein einzigartiges Konzert in Deiner Stadt!“ Das klingt gut, nach Demokratie, nach Teilnahme, nach etwas ganz Besonderem halt. Faktisch ist es das Gegenteil davon. Es siegt, wer einfach mehr Kohle auf den Tisch legen kann. Das ist in vielerlei Hinsicht eklig, vor allem natürlich, weil hier Fan-Begeisterung noch in einem viel größeren Maß kaltschnäuzig „monetarisiert“ wird, als das in der „alten Musikindustrie“ jemals denkbar war. Es manifestiert aber auch den unseligen Trend, das Publikum in immer größere Vorleistung zu zwingen, sowohl finanziell als auch planerisch. Spontane Besuche von Festivals oder Konzerten aller Größenordnungen werden immer schwieriger, im Gegenzug können schnell mal ein paar Dutzend oder hundert Euro lange im Vorfeld getätigter Ticket-Investitionen den Bach runtergehen, weil man dann doch verhindert ist.

Nun gut, muss halt jeder selbst wissen, ob er dabei mitmischen will, ließe sich einwenden. So ist es aber nicht. Denn die Auswirkungen betreffen die gesamte Konzertlandschaft. Die Targetisierung des Musikfans als reine Zielgruppe begünstigt logischerweise eher den schon existierenden Mainstream gegenüber unbekannteren Acts, Metropolen noch mehr gegenüber der Provinz als eh schon üblich. Das klassische „“sich hochspielen“, künstlerisches Ausprobieren an sich wird immer schwieriger – was Musiker, die Publikum nach monetären Aspekten wählen, allerdings zum Gutteil selbst verschulden. Vor allem aber das als alles entschuldigende Monstranz dienende Versprechen des „Konzerterlebnisses“ wird langfristig nachhaltig beschädigt. Denn das besteht zu einem Gutteil aus dem Unkalkulierbaren, dem Widerspruch gegen das Erwartete, dem grandios gemeisterten Scheitern. Jeder ernsthafte Popmusik-Liebhaber kennt die Momente, wenn sich vor einer Handvoll Zuschauer eben jene magischen Momente zwischen Band und Publikum entwickeln, von denen ein Fan-Leben zehrt. Mit Geld lassen die sich nicht bezahlen. Schon gar nicht vorbestellen. 

18:12 07.08.2015
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