Gemeinde der Ohrengläubigen

Newsletter-Literatur Die Hamburger Szene-Institution Gereon Klug hat seine Newsletter des Hanseplatte-Shops zu einer Best-of-Sammlung kompiliert und in Buchform pressen lassen
Jörg Augsburg | Ausgabe 36/2014 2
Gemeinde der Ohrengläubigen
Die von Gereon Klug verfassten Newsletter des Plattenladens sind jetzt ganz offiziell Literatur
Foto: Robin Hinsch

„Von den Machern des Kapitalismus empfohlen!“ steht auf der CD zum Buch, und das ist neben aller offensichtlichen Haudrauflustigkeit schon wieder so hinterfotzig, wie man es von jemandem erwartet, der die Songidee zu Deichkinds Jetzt-schon-ein-Klassiker-Song Leider geil für sich reklamieren darf. Gereon Klug ist eine Hamburger Szene-Institution, verwurzelt im dort allgegenwärtigen Pudel-Club- und Studio-Braun-Imperium. Vor Jahren ist er aus der Provinz zugewandert, so wie nahezu jeder, den man heutzutage als Superhamburger einordnet. Ausgerechnet zu den Hochzeiten des Plattenladensterbens, 2006, wurde er Chef der damals neu gegründeten Hanseplatte, eines Shops, der sich auf Produkte aus Hamburg konzentriert. Die Krise ist seitdem eigentlich noch schlimmer geworden – dem Laden direkt gegenüber dem Millerntorstadion allerdings scheint es den Umständen entsprechend gut zu gehen. Viel schönen Plunder gibt es da, der jeden gediegen alternativ sozialisierten Schanzenviertel- und St.-Pauli-Touristen in Entzücken versetzt. Vor allem aber Musik aus Hamburg. Das war die Idee: Den Sound der Stadt zugänglich und vor allem bekannt zu machen. Gefördert mit Standortmarketingmitteln.

„Aber auch egal. Denn: Uns ging es um die Musik! Wir sind Ohrengläubige, wir hören sogar beim Plattenhören Musik.“ Das Format des Newsletters hat hierzulande eine gewisse Quertreibertradition im Musikbusiness. Es wird gern genutzt, um sich abseits des Tagesgeschäfts einmal Luft zu verschaffen. Berühmt sind etwa die wutschnaubenden Analysen des Berliner Konzertveranstalters Berthold Seliger. Oder die geschäftlich selbstmörderischen Rundumtiraden des früheren Musikers und Labelbetreibers Patrick Wagner, einem jener echten Musikirren, die immer wieder neu dafür sorgen, dass nicht alles den Bach runtergeht, bloß weil die Musikindustrie so urkapitalistisch gierig ist, dass sie sich gern auch mal selbst auffrisst. In Hamburg ist die Musikverrücktendichte traditionell besonders hoch, die Bande sind hier ein-fach enger als in den ein, zwei anderen deutschen Soundmetropolen, und man verliert sich nicht gleich aus den Augen, wenn mal jemanden mehr oder weniger unerwartet der Erfolg trifft. Die Hanseplatte passt da wunderbar hinein.

Die von Gereon Klug verfassten Newsletter des Plattenladens sind jetzt jedenfalls ganz offiziell Literatur. Low Fidelity heißt die Best-of-Sammlung, „Briefe gegen den Mainstream“ steht im Untertitel, und das trifft es ganz gut. Auch weil die Künstler, deren Werke hier beworben werden sollten, zum Großteil wirklich nur knallharten Musikfreaks bekannt sind. Vor allem aber, weil die schnöde Produktwerbung nicht Klugs Sache ist. Stattdessen ergibt sich bei der Lektüre der über Monate entstandenen Newsletter ein anarchisches Kaleidoskop an hochgradig referenzieller Themen-, Personal- und Wortverwurstung mit viel Liebe zum Detail und zur ausgefeilten Schludrigkeit. Leider gibt es zu wenige dieser Newsletter, um einen Abreißkalender zu füllen. Man bräuchte nie wieder einen anderen.

So muss das Buch zur entsprechend intelligenten Erfrischung dienen und das von Klug dazu kompilierte Album, auf dem viel Hamburger Pop-Aristokratie vertreten ist. Das hört und liest sich alles gut weg und lässt einen fast vergessen, was der beste Trick des Teufels ist: Uns glauben zu machen, dass es ihn nicht gibt. Ja, man nennt das Marketing. Auch egal, „jetze wird noch mal gesoffen“.

Low Fidelity. Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream Gereon Klug Haffmans Tolkemitt, 240 S., 19,95 €

06:00 09.09.2014
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